Der grüne Gebirgsfluss Gave nahe Lourdes

Als wir auf unserer allerersten Etappe in Lourdes losliefen, bot sich uns eine liebliche Vorgebirgslandschaft am Fuße der Pyrenäen und spülte tiefes Glück in mein Herz. In Lourdes hatte man uns immer ganz deutlich erklärt, in welchem Elend die heilige Bernadette dort gelebt hatte. Doch als ich die Landschaft sah, gab es dort einfach das Paradies. Die ganze Landschaft, die Feldblumen am Weg, die duftenden Kräuter, die friedlichen Tiere, die lauschigen Bäume, die plätschernden Bäche und grünen Bergflüsse, die runden Bergrücken in der Nähe und die erhabenen Berge in der Entfernung.

Ziegenkäse und Tomaten

Wir kauften frischen Ziegenkäse „à la ferme“ und fragten gleich noch die Bäuerin nach ein paar süßen Sonnen-Tomaten aus ihrem Garten dazu, die sie uns verblüfft in die Hand drückte. Mit diesem Schatz genossen wir das einfache Leben im Gras am Wegesrand. Jeder Kilometer, den wir liefen, schenkte uns neue, herzerwärmende Ausblicke. Gut, wir Menschen verstehen schon, viel kaputtzu­machen, wie man inzwischen an vielen anderen Landstrichen sehen kann. Doch: Warum beten wir eigentlich immer: Dein Reich komme! Es ist doch schon da! Wenn jemand im Raumschiff an allen Planeten und am Mond vorbei flöge und auf der Erde landete: Ich bin sicher, dass er das hier für das Paradies hält. Leben wir hier nicht in der Schönsten aller Welten, die zumindest hier in der Nähe ist? Die Erde ist kein Jammertal, sie ist wunderschön! Ich denke: Das Einzige, was uns diese Erde zum Jammertal oder zur Hölle macht, sind unsere Gedanken und unsere daraus resultierenden Handlungen und deren Resultate.

Die Wasser Lourdes und der Segen der heiligen Jungfrau hatten ihre Wirkung getan!

Als Vorbemerkung: Natürlich ist die ganze Welt, das ganze Universum von Gott geschaffen, es gibt keine Trennung. Ich benutze hier den Begriff „Gottes Welt bzw. Reich“ als die Realität im Unterschied zu „erdachten Welten, unmaterialisiert oder materialisiert“ von Menschen, die sie für die Realität halten, was sie aber nicht sind. Diese Welten werden aus unseren eigenen Annahmen darüber, wie die Welt ist, geboren. Je länger wir in einer „erdachten Welt“ leben, umso mehr werden wir die Diskrepanz zwischen ihr und der Realität feststellen und sprichwörtlich „die Welt nicht mehr verstehen“ und evtl. sogar mit der Realität hadern oder darunter leiden, weil wir sie und das Gute daran nicht verstehen.

Um uns Gottes Reich anzunähern, sind Jesu Worte ein wichtiger Hinweis:

Nochmals Matthäus 6 (Bibelübersetzung Neues Leben)

31 Hört auf, euch Sorgen zu machen um euer Essen und Trinken oder um eure Kleidung.  32 Warum wollt ihr leben wie die Menschen, die Gott nicht kennen und diese Dinge so wichtig nehmen? Euer himmlischer Vater kennt eure Bedürfnisse. 33 Wenn ihr für ihn lebt und das Reich Gottes zu eurem wichtigsten Anliegen macht, wird er euch jeden Tag geben, was ihr braucht. 34 Deshalb sorgt euch nicht um morgen, denn jeder Tag bringt seine eigenen Belastungen. Die Sorgen von heute sind für heute genug.

Das Reich Gottes ist ein Reich ohne Angst und Sorgen. Er kümmert sich um unsere Bedürfnisse, wenn wir uns um Seine Bedürfnisse kümmern und uns hier ganz real an die Schaffung und Erhaltung seines Reiches machen, unseren Beitrag dazu leisten, so, wie unser von Ihm geschaffenes und genau so gewolltes Wesen es kann.

Lukas 17 (Lutherbibel 1984)

Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann; 21 man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es! oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. Und eine frühere Übersetzung heißt: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden … sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch.

Allerdings ist beides wahr, denn es gilt ja auch “wie innen, so außen”. Beginnen wir einfach, in uns mit der Schaffung von Gottes Reich anzufangen und dann ist es im Äußeren besser erfahrbar, wahrnehmbar.

Die Alltagswelt und alle anderen Welten sind die, die die Menschheit aus den eigenen Gedanken erschafft, sie existieren miteinander, sie haben Schnittstellen, überlappen sich, sind alle auf einmal. Diese erdachten Welten stimmen aber nicht unbedingt mit den Bedingungen von Gottes Reich überein, sondern eben mit ihren selbsterdachten oder gemeinschaftlich kreierten Bedingungen. Alle, die die jeweils erdachte Welt für die reale Welt halten, halten sich an diese Bedingungen, denken im Kontext dieser Bedingungen, agieren konform zu diesen Bedingungen, erleben, was diese Bedingungen für Konse­quen­zen haben. Wenn man jedoch diese Bedingungen geistig hinter sich lässt und sich vollständig auf  „Gottes Reich“ einstellt, kann man jederzeit dort einkehren.

Ich habe vor der und für die Reise fast alles aufgegeben, was ich hatte. Und ich habe unterwegs erfahren, dass das Leben trägt. Auf dem Camino Frances haben wir uns eingewöhnt und sind in einem straffen Tempo ohne Buch nur den gelben Pfeilen gefolgt, wir hatten nur zwei Zettel: einer, auf dem stand, wo es was für Herbergen gibt und einer mit dem Streckenprofil. Nach der Ankunft in Santiago de Compostela und dem üblichen Abstecher nach Finisterra sind wir dann den portugiesischem Weg rückwärts in Richtung Fátima gelaufen. Wir mussten unsere gelben Pfeile sozusagen gegen den Strich suchen. In Spanien war noch alles gut organisiert, doch in Portugal war alles anders.

Auch in Coimbra gab es gelbe Pfeile! Santiago mit der Santiagokirche in Coimbra

Unterwegs in Portugal sagten uns viele Menschen auf unserer Frage, wo denn der Camino de Santiago verlaufe, “Sie müssen die Landstraße N1 laufen, die geht von hier aus bis Fátima, hier gibt es keinen Camino!” (selbst wenn in ihrer Stadt gelbe Pfeile waren). In Coimbra sagte dies sogar der Mann im Tourismusbüro: „Den Camino de Santiago gibt es in Portugal erst ab Porto“. Doch schon wenige Meter weiter fanden wir dann die gelben Pfeile, z. B. auf dem Bild sieht man Santiago mit der Santiagokirche in Coimbra und zu seinen Füßen den gelben Pfeil. Das war ein deutliches Gleichnis für die Realität.

Doch wir haben uns, nachdem wir tatsächlich kurzzeitig die Landstraße probiert hatten, für den Camino de Santiago durch die wunderschöne Natur entschieden und haben dafür die Suche nach den Wegweisern auf uns genommen. Wir haben ihn gefunden und ihn dabei immer besser finden gelernt und um Hinweise von oben bitten und sie verstehen gelernt.

Eines werden wohl alle erleben, die sich hier in unserem Alltag konsequent auf Gottes Weg begeben. Alle anderen werden sagen: „Da, da ist sie doch, gehe die normale Straße lang. Das Andere gibt es nicht.“ Und so pilgern die portugiesischen Fátima-Pilger mit ihren Neon-Westen und Turnschuhen in der Regel auf der Landstraße, auf dem Camino haben wir (fast?) keine entdeckt. Doch, wir können heute sagen, es gibt diesen Weg, es gibt diese Welt, dieses Reich.

Auf der Etappe von Coimbra aus kamen wir in den Ausgrabungsort Conimbriga. Dort suchten wir über eine Stunde nach den Pfeilen, bis wir sie fanden. In Fátima erzählten uns die zwei Österreicher, die wir ein paar Tage vorher in Albergaria-a-Velha kennen gelernt hatten, dass auch sie an genau derselben Stelle gesucht haben, jedoch den Weg nicht gefunden haben und dann wieder auf die Landstraße N1 zurückgekehrt sind. Ihr Weg war fast derselbe gewesen wie unserer, doch er unterschied sich definitiv in Einem: sie konnten sich durch ihren Reichtum besser selbst helfen konnten, weil sie nicht – wie wir – auf Gott und die Barmherzigkeit der Menschen angewiesen waren: Beide waren auch in Lourosa bei der Feuerwehr eingekehrt, doch wir wurden vom Commandante zum Essen eingeladen und Fátima, die Köchin, tischte uns ihre unvergleichlichen „Bolos de Bacalhau“ auf. In Coimbra wohnten die Österreicher  in einer Pension, diese Option stand uns ja finanziell nicht mehr offen. Wir waren darauf angewiesen, intensiver zu suchen, zu fragen und zu bitten. Durch das Empfehlungsschreiben des Pfarrers in der Kirche Igreja de Santa Cruz erhielten wir dann die gnadenvolle Aufnahme in der Casa Abrigo Padre Amerigo.

Wir fanden in Conimbriga durch intensive Suche in ein wundervolles, natürliches Tal hinein, von der Zivilisation fast unberührt. Es gab zunächst nur den Camino und Berge, Wald und Wiesen. Und auch weiter unten fanden wir nur naturbelassene Weingärten, Olivenhaine und extensiv bewirtschaftetes Land, alte Häuser, freundliche, hilfsbereite Menschen mit Zeit, Ziegen, Hunde; keine Straßen, wie ein Platz, den die heutige Welt vergessen hat. Hier kannten die Menschen den Camino genau und konnten ihn uns zeigen. Eben das Erstaunliche an diesem Ort ist: direkt im einen Nachbartal nach rechts verlaufen die Autobahn und die Landstraße N1/IC2, im anderen nach links die IC3.

Eine Ahnung von Gottes Reich - nach der engen Pforte

Für uns war dies ein Wunder bzw. ein Gleichnis, eben so, wie Gottes Welt ist und wie sie sich in ihrer naturbelassenen Schönheit von der materiellen Welt unterscheidet. Zwischen Autobahn und Landstraße, ist die „enge Pforte“, durch die wir zu Fuß in Gottes Reich eintreten können, ein Raum der Ursprüng­lichkeit, des Friedens und der Reinheit, ein Raum der Freundlichkeit, Herzlichkeit und Naturverbundenheit. Wir waren sehr glücklich, diesen Ort gefunden und durchquert zu haben und werden uns immer daran erinnern. Und auch eins haben wir uns an diesem Ort gesagt: Nur, weil wir zusammen und in Liebe gewandert sind, haben wir dieses Tal entdeckt, sind wir so weit gekommen. Allein hätte uns wahrscheinlich der Mut und die Ausdauer gefehlt, zusammen haben wir es geschafft. Das Paradies konnten wir und kann man nur zu zweit betreten. Und das kann – im übertragenen Sinne – an jedem Ort der Welt geschehen.

Nochmals Lukas 13 (Rev. Elberfelder)

24 Ringt danach, durch die enge Pforte hineinzugehen! Denn viele, sage ich euch, werden hineinzugehen suchen und es nicht können.

Wieder in Berlin zurück ging ich wieder „gegen den Strich“, erst für mich als Wohnungs­lose, dann für mich allein wohnend und nun gemeinsam in meiner familiären Umgebung. Die Landstraße, das ist für mich, den Weg ohne kontinuierliche Begleitung Gottes zu gehen, nicht daran zu glauben, dass mit Ihm alles möglich ist, zu sammeln und zu horten, das Leben der Versicherungen. Die Landstraße ist für mich die Alltagswelt, in der Gott maximal in der Kirche zuhause ist, ein Lebensweg außerhalb der Nachfolge zu leben. Die Autobahn ist für mich die Leistungsgesellschaft: Das schneller, höher, weiter, mehr! (Mehr, mehr, mehr…schrie der kleine Häwelmann…) Das, was unsere Welt unter anderem auch aktuell in die Finanzkrise geführt hat.

So viele Menschen sagen mir: Such Dir einen Halbtagsjob und den Rest der Zeit mach, was Dir vorschwebt. Das geschah gleich nach der Rückkehr vom Camino und das passiert auch noch heute manchmal[1]. All diese Menschen meinen es bestimmt sehr, sehr gut mit mir, genau so wie die Menschen, die uns in Portugal auf die Landstraße schickten. Denn sie denken, dass ich dort sicher ans Ziel komme bzw. in materieller Sicherheit bin, was sie für absolut notwendig halten.

Vom Ernst der Nachfolge: Lukas 9, 61 (Lutherbibel 1984): Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. 62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Es begann wieder nach ein paar Monaten eine Woche der beständigen Zurede zur Jobsuche, in dieser Zeit las ich auch, dass der Apostel Paulus neben seiner Missions­tätigkeit noch einen weiteren Beruf als Sattler ausübte, um sich materiell über Wasser zu halten und dass es vielleicht ja doch eine gute Idee sei. Am darauf folgenden Sonntag war die Lesung im Gottesdienst diese:

Jesus wandelt auf dem Wasser: Matthäus 14 (Lutherbibel 1984)

25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. 26 Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht.27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht! 28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. 29 Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. 30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! 31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubige(r), warum hast du gezweifelt?

Es ist so: Jede Lesung, jeden Sonntag, gibt mir immer die Antwort, die ich gerade brauche: Also ist mein Glauben gehalten zu wachsen und konsequent da weiterzugehen, wo es nach normaler Alltagsvernunft nicht trägt. Ich bete: „Ich glaube in meiner tiefsten Essenz, dass mit Dir, mein Gott, alle Dinge möglich sind.“

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[1] Inzwischen heißt es auch manchmal: “Na ja, du kannst es vielleicht, aber für mich wird das nicht funktionieren.” Ach was, Gott ist für alle da!