5 Mose 4 (Lutherbibel 1984)

29 Wenn du aber dort den HERRN, deinen Gott, suchen wirst, so wirst du ihn finden, wenn du ihn von ganzem Herzen und von ganzer Seele suchen wirst. 30 Wenn du geängstet sein wirst und dich das alles treffen wird in künftigen Zeiten, so wirst du dich bekehren zu dem HERRN, deinem Gott, und seiner Stimme gehorchen.

Am 13. August 2007 gab ich die Schlüssel für meine gekündigte Wohnung der Hausverwaltung zurück, brachte die Reste meiner Habe zur Möbeleinlagerung in den angemieteten Container und fuhr zu Santiago. Am 14. August packte auch er seinen Rucksack und seine Zampoña[1] und wir brachen mittags auf, um unsere Reise nach Santiago de Compostela anzutreten. Wir wollten gleich ab Berlin die Kontrolle über unseren Weg aufgeben und sie Gott überlassen und haben – natürlich auch des Geldes wegen – uns entschlossen, nach Lourdes zu trampen, wo wir unseren Pilgerweg beginnen wollten. Auf dem Alexanderplatz gab es als letzte warme Mahlzeit gebratene chinesische Nudeln. Mit der S-Bahn fuhren wir nach Nikolasee zur Autobahnraststätte Grunewald an der Avus, einem bekannten Tramperplatz. Zunächst hielten wir direkt an der Autobahnauffahrt den Daumen und unser Schild „Köln – Frankfurt – Stuttgart“ raus, doch dann liefen wir zur Tankstelle und begannen, Autofahrer anzusprechen, weil wir sahen, dass andere damit erfolgreich waren. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Santiago spielte noch immer mit dem Gedanken, wieder nach Hause umzukehren…

Ein Autofahrer, den ich wegen der Mitfahrgelegenheit ansprach, fragte mich: „Was sind sie denn von Beruf?“ „Ich bin Heilpraktikerin und mein Freund ist Musiker und Altenpflegehelfer.“ Das war offensichtlich unsere Fahrkarte! Mit den Worten „Solche Leute sollte man unterstützen!“ öffnete er uns sein Auto und nahm uns mit – nicht weit – bis zur Autobahnraststätte Michendorf auf dem Berliner Ring. Auch dort sprachen wir wieder Autofahrer an und einer, ein bekennender Christ namens Jochen (hebräisch: Gott richtet auf), räumte sein Auto schnell für uns auf und nahm uns mit bis nach Hannover. Damit war also die Richtung entschieden, unser Weg würde über das Ruhrgebiet und Richtung Paris führen. Unser Fahrer  war von Beruf Marketingtrainer. Auf dem Weg hielt er uns einen Schnellkurs in „Lokales Marketing“. Nach meiner Rückkehr nach Berlin fand ich das Seminar-Skript, das zwischenzeitlich im Briefkasten meiner ehemaligen Praxisräume gelandet war. Was ich mir bis heute gemerkt habe: Finde und lebe Deine spezielle Nische. Danke dafür!

Auf dem Rastplatz kurz vor Hannover sprach uns sogar schon ein Pärchen mit einem Hund an, ob wir mitfahren wollen. Sie nahmen uns mit nach Dortmund. Santiago ist wahrlich kein Freund von Hunden, da er als Kind mehrfach gebissen wurde, doch dieser Hund legte sich auf seinen Schoß und blieb dort bis Dortmund. Es war Santiagos erste Hundebegegnung des Camino. Unterwegs schrieb ich eine SMS an meine Schwester, die in Essen wohnt, ob wir bei ihr übernachten könnten. „Ja klar“, schrieb sie, „wann kommt ihr an?“

Freundlicherweise wurden wir in Dortmund bis an die S-Bahn gebracht und von dort aus waren es nur ein paar Stationen bis Essen, wo meine Schwester am Bahnhof wartet. Sie ist ganz bestimmt ein Engel! Bei ihr konnten wir die Nacht in einem richtigen Bett schlafen und wurden reich bewirtet. Mit einem großen Fresspaket  versehen brachte sie uns am nächsten Tag wieder zur Autobahn.

Schon nach 5 Minuten waren wir wieder unterwegs, ein Ägypter aus Brüssel, Händler für Wasserpfeifen auf Musikfestivals, nahm uns in einem verbeulten Ford-Transporter – Santiago musste hinten auf dem Fußboden sitzen – mit nach Liége in Belgien. Auf einer Tankstelle bei Liége warteten wir viele Stunden, fragten viele Leute – doch nichts. Irgendwann sahen wir ein anderes Tramper-Pärchen, das mit einem Schild vom Tankstellenbereich zur Ausfahrt lief und dann schnell mitgenommen wurde. Das machten wir nach. Ein deutscher Brummifahrer namens Wolfgang aus Suhl nahm uns mit. Wolfgang fuhr mit zwei anderen Brummifahrern im Konvoi und es wurde über Funk viel gescherzt, weil die Kollegen Santiago wegen seiner langen Haare auch für eine Frau gehalten hatten und nun natürlich neugierig waren, wie das mit den Frauen so wäre. In der gemeinsamen Rastpause spielte Santiago auf dem Parkplatz auf seiner Zampoña für alle „La Lambada“. Auf dem letzten Parkplatz in Belgien in der Nähe von Mons kurz vor der französischen Grenze war erstmal Schluss für Wolfgang. Da es der Feiertag Maria Himmelfahrt war, war die französische Grenze bis 22.00 Uhr abends für Lastwagen geschlossen. Der Konvoi musste pausieren, die turnusgemäße Ruhepause war zudem erreicht.

„Paris“ stand jetzt auf unserem Pappschild. Auf dem Rasthof bot uns ein Lastwagenfahrer, Sergio, die Mitfahrt an: Nicht nur bis Paris sondern sogar bis kurz vor Bordeaux! Das passierte so: Wir sprachen immer wieder Autofahrer und Lastwagenfahrer an, doch keiner sagte Ja. Plötzlich sprang an einer der Tanksäulen der voll gepackte Wagen einer kinderreichen, französischen Familie nicht an und wir boten sofort unsere Hilfe an und schoben mit an. Direkt danach wurde Santiago von Sergio angesprochen, Lohn einer kleinen, guten Tat. Wieder waren wir über Nacht versorgt! Einer von uns konnte komfortabel in der Couchette des sehr gepflegten, neuen Mercedes-Lasters schlafen, der andere auf dem Beifahrersitz. Gegen Mitternacht passierten wir Paris. Mit den kärglichen Überresten meines Schulfranzösisch tauschten wir uns über unser Woher? Wohin? aus. Sergio war ein eindrucksvoller Mann mit einer markanten Kopfform, dunkel, lange, kräftige Haare, fast ein wenig animalisch. Er stammte deutlich von den australischen Ureinwohnern ab, seine Heimat war Neu-Kaledonien[2].  Als wir am nächsten Morgen uns auf dem Parkplatz nahe Chagnas von Sergio verabschiedeten, lasen wir, dass oben auf der Frontscheibe des Lasters mit Riesenlettern das Wort „Angellines“ = Engellinie angebracht war. Gott hatte uns seine Engel als Begleiter und Führer für unsere Reise geschickt! Wow! Das prickelte, war eine gewaltige Gänsehaut wert!

Auf dem Parkplatz suchten wir uns eine neue Pappe und malten in Riesenlettern „Bayonne“ und „Lourdes“ drauf.  Es war ein wunderschöner, warmer Sommertag in Südfrankreich, Santiago stellte sich an die Auffahrt und ich legte mich auf meiner Isomatte in die Sonne. Schon nach kurzer Zeit hielt ein portugiesischer Lastwagenfahrer namens Miguel an, also sogar ein Erzengel, der uns auf der Fahrt – von unseren Pilgerplänen erfahrend – begeistert auf Spanisch von Fátima erzählte, wohin er gepilgert war. Auch in seinem Laster durfte ich wieder eine Weile in der Couchette schlafen. Miguel setzte uns in Bayonne, kurz vor der Spanischen Grenze ab.

Von dort nahm uns ein Gabriel, ein weiterer Erzengel, in seinem Auto mit zur Raststätte von Artiz. Er bat uns, die „La Vierge“, die Jungfrau, in Lourdes von ihm zu grüßen und dort für ihn zu beten. Auch in Artiz dauerte es nur Minuten, denn von dort nahm uns ein aus Deutschland stammender David (hebr. der Geliebte) nach Tabres mit. Er setzte uns an einem Kreisverkehr direkt an der Landstraße nach Lourdes ab. Dort hielt – fast wie bestellt – eine Adelina an, die uns die letzten 20 km direkt nach Lourdes hineinbrachte und dort auf der Hauptstraße absetzte, wo wir gegen 21.00 Uhr ankamen.

Wir hatten innerhalb von 55 Stunden von Berlin aus Lourdes (2000 km!) erreicht, hatten beide Nächte warm, trocken, bequem schlafend und gut verpflegt verbracht. Wir hatten jeder 6,30 Euro für die Fahrt ausgegeben, jeweils für 2 S-Bahn-Tickets, der Rest war uns von Engeln und Heiligen und einfach wunderbaren Menschen geschenkt worden. Für uns war bestens gesorgt worden: Danke dafür!

Nach einer warmen Mahlzeit gingen wir als erstes ins Sanktuarium und zur Grotte der Vierge Maria, la Santa Maria Virgen[3]. Als es schloss, entschieden wir, die Nacht draußen zu schlafen. Es war schon sehr spät, eine Pilgerherberge hätten wir nicht mehr gefunden. Wir suchten eine Weile im Dunkeln und fanden dann einen Weg in einem Parkgelände, ein wenig den Berg hinauf, der in einer ruhigen und dunklen Sackgasse endete, direkt an einem Felsen. Dort legten wir uns mit Isomatte und Schlafsack in einer Wegbiegung, geschützt unter Bäumen, an den Wegesrand. Was wir nicht wussten und erst am Morgen entdeckten, war, dass wir nur wenige Meter unterhalb der Kalvarie auf dem Chemin de Croix, dem Kreuzweg von Lourdes, geschlafen haben. Es war ein stiller und abgeschiedener Ort unmittelbar am Berg. Es war für uns im Dunkeln gar nicht erkennbar, dass wir auf dem Kreuzweg waren. Wir haben so dicht wie möglich bei Jesus, zu seinen Füßen geschlafen und ganz sicher in seinem Schutze. Er hat uns zu sich geholt. So sorgte Gott für uns. Unser Camino begann mit einem Paukenschlag. Man möge es uns in Lourdes nachsehen.

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[1] Südamerikanische doppelreihige Panflöte

[2] Zu Frankreich gehörige Inselgruppe im Nordosten Australiens

[3] La Vierge (franz.) = die Jungfrau, Santa Maria Virgen (spanisch) = heilige Jungfrau Maria