Den 17. August verbrachten wir ganz in Lourdes, nahmen an verschiedenen Messen, an einer Führung von freiwilligen Helfern durch das Sanktuarium und zu den Lebensstationen der heiligen Bernadette und an der abendlichen Lichterprozession teil. Im Cachót, dem ärmlichsten Wohnort der Bernadette, hörte ich das erste Mal das Ave Maria, das dort ein junger, bayrischer Freiwilliger für uns betete. Ein riesiger Rosario hing dort über dem Kamin. Uns wurde erzählt, dass die Familie ihn jeden Abend gebetet hatte. In Lourdes erhielten wir den ersten Stempel in unserem Credencial und verbrachten die erste Nacht in einer Pilger-Herberge, im Ave Maria in der Avenue du Paradís – was für Namen! Bei der gegrüßten Maria im Paradies! Im Ave Maria gibt es morgens sogar noch Frühstück, ein schöner Morgen! Am nächsten Morgen kauften wir uns Andenken – ich mir einen Rosario[1] -, dann füllten wir uns unsere Wasserflaschen mit dem heiligen, heilenden Wasser im Sanktuarium auf und machten uns auf unsere 1. Etappe auf dem Jakobsweg, dem Camino de Santiago. Wir hatten dafür im Infohäuschen des Sanctuariums Etappenbeschreibungen für den Voie de Piemont erhalten.
Wir wanderten die wunderschöne Vorpyrenäen-Etappe bis nach Asson: Frische Luft, sanfte Waldwege mit plätschernden Bächen, weite Bergpanoramen. Auf einer Lichtung spielt Santiago auf seiner Zampoña – wie ein Waldelf.
Was für eine schöne Welt! Ein tiefgrüner Gebirgsfluss, der Gave du Pau, begleitete uns lange. In Bétharram goutierten wir die wunderschöne Kirche mit einem Sternenzelt an der hohen Holzdecke. Direkt danach stiegen wir unseren ersten vollständigen Kreuzweg hinauf. Steil war es! An jeder Station, es waren jeweils kleine, weiße Kapellchen, hielten wir, schon weil ich kaum noch Luft kriegte, andächtig an. Wir hatten zwar nur unseren Rucksack auf dem Rücken und kein Kreuz, doch die Anstrengung des Kreuzweges haben wir hier auch erfahren! Die Sonne stach heiß. Ich merkte, dass ich mein neues Wanderbasekap gleich am ersten Morgen in Lourdes am Frühstückstisch liegen gelassen hatte – schade auch!
Am Wegesrand pflückte ich frische Minze. Die krümelte ich mir in meine Wasserflasche und hatte fortan Lourdeswasser mit Minzgeschmack. Direkt am Ortsschild von Asson fragte mich ein Autofahrer, wie ich erfuhr der Küster des Ortes, ob ich denn in Asson in der Herberge übernachten wollte, was ich ihm bejahte. Er bat mich, erst in einer halben Stunde dort vorbeizukommen, er hätte noch eine Besorgung zu machen. So wartete ich vor der Kirche. Santiago wollte nicht in Asson bleiben, denn die Strecke, 24 km, war ihm viel zu kurz. Ich konnte nicht mehr, mir taten meine Beine wirklich weh. Ich spürte die Knochen in meinem Oberschenkel, als wollten sie aus den Hüftpfannen springen. 300 Höhenmeter Aufstieg und 440 Abstieg hatte ich an diesem 1. Tag bezwungen. Ich war stolz darauf, was ich geschafft hatte, das war genug! Unsere Wege schienen sich schon an diesem ersten Tag zu trennen. Erst ließ Santiago mich tatsächlich nach dem Einkaufen in Asson zurück. Wir verabschiedeten uns. Dann überlegte er es sich anders, hatte mit mir Einsehen und kam zu mir zurück.
Die Herberge in Asson ist ganz klein, jedoch wunderschön: es gibt ein Zimmer mit einem Doppelstockbett, Kochgelegenheit, Esstisch und Badezimmer. Es war schon ein Pilger dort, den der Küster vorher wohl schnell an einem anderen Schlafplatz untergebracht hatte, wie wir hinterher merkten. Wir waren zahlende Pilger, er konnte nichts bezahlen. Wir haben gemütlich miteinander gekocht, gegessen und uns unsere Geschichten erzählt.
Olivier war in seinem Wohnort Albi[2] losgepilgert und ebenfalls über Lourdes gewandert. Sein Gepäck bestand aus einem kleinen Rucksack, einem Schlafsack, einer Isomatte und eine Schultertasche, in der er sein Schreibzeug mitführte. Er erzählte uns, dass er sehr wenig Geld hätte und er immer fragte, ob er kostenlos irgendwo schlafen könnte. Wenn er nichts fand, dann schlief er draußen, bei Regen suchte er sich ein überdachtes Plätzchen. Er war recht schnell bis Lourdes gelaufen, denn er wollte am 15. August dort bei den Feierlichkeiten zu Maria Himmelfahrt dabei sein, was wir leider verpasst hatten. Doch ab jetzt wollte er langsamer laufen, am Morgen war er in Betharram aufgebrochen. Er sagte über die Streckenwahl seinen Leitsatz: „Wenn dein Pferd einen langen Weg zurücklegen soll, dann geh gut mit ihm um.“
Und dieser Olivier entpuppte sich als ein Spezialist des Rosarios, er trug drei verschiedene mit sich. Er betete ihn jeden Morgen vor dem Aufstehen. Er erzählte uns von den 20 Mysterien, wie die einzelnen Stationen des Rosarios aussehen, d.h. was wo gebetet wird. Am Morgen kaufte ich einen Rosario, am Abend schickte mir Gott bereits den Lehrer dafür! Oder: Wenn der Schüler bereit ist, dann ist der Lehrer da! Da war es offensichtlich, dass gebetet werden sollte, oder?
Am nächsten Tag besuchten wir den Sonntagsgottesdienst in Asson, ein ganz familiärer Gottesdienst. Beim Wandern begann Santiago mir das Vaterunser und das Ave Maria auf Spanisch beizubringen, da ich den Rosario eben selbst beten lernen wollte. Das deutsche Vaterunser hätte ich noch zusammen bekommen, aber das Ave Maria kannte ich ja gar nicht, hatte es nur in Lourdes einmal gehört. Ich benutzte an diesem Tag das erste Mal meinen Teleskopwanderstock, Santiago schnitt sich am Wegesrand, als wir uns wegen Regen unterstellten, mit dem Taschenmesser einen Haselnussstock als Wanderstab ab. Wir haben sie immer wieder unterwegs gut brauchen können.
An diesem Tag wollte Santiago weiter wandern als am Tag zuvor, also waren wir um 20.00 Uhr immer noch auf der Straße, als wir in Buzy ankamen. Dort fing es an zu regnen und wir suchten nach einem Schlafplatz. Alles, was wir sahen und wo wir fragten, war für uns zu teuer, 35 Euro, 50 Euro. Santiago suchte für uns etwas zu Essen, während ich mich in einem Bushäuschen ausruhte. Er fand eine Pizzeria, wir hatten beide großen Hunger. Doch wohin, wo nun schlafen? In der Pizzeria fragten wir die Wirtin, ob sie einen preiswerten Schlafplatz für uns wüsste. Während des Essens – unsere letzte gemeinsame warme Mahlzeit in einem Restaurant bis Fátima, das wusste ich damals nur noch nicht! – wurde ich immer ängstlicher und begann zu beten, während ich das Kreuz meines Rosarios fest umklammert hielt: BITTE HILF UNS, WIR BRAUCHEN EINEN PLATZ, WO WIR IM TROCKNEN ÜBERNACHTEN KÖNNEN! Kurz bevor wir wegen Geschäftsschluss aufstehen mussten, kam ein Mann an unseren Tisch, der Küchenhelfer der Pizzeria. Er bot uns an, mit ihm in seinem Zelt zu übernachten. EIN TROCKENER ORT ZUM SCHLAFEN: Mein Gebet war erhört worden. Gott hatte uns einen rettenden Engel geschickt! Mein Herz sprang vor Freude und Erleichterung. Matte und Schlafsack hatten wir ja dabei! Dieser Mann hatte, wie er uns erzählte, selbst längere Zeit auf der Straße verbracht und wusste daher, wie man sich fühlt, wenn man am Ende des Tages ohne Schlafplatz dasteht. Der Mann hieß Christophe, ein Bote des Christus und des heiligen Christophorus, der der Schutzpatron der Reisenden und Pilger ist! Danke, Christ(oph(orus))!
Am nächsten Morgen sah ich, dass nachts eine dicke Nacktschnecke auf Santiagos Schulter geklettert war. Ich dachte mir, vielleicht oder hoffentlich flüstert sie ihm ins Ohr: „Renn mal nicht so schnell, langsamer kommt man auch an, erinnere dich an Oliviers Leitspruch.“ Hat er es vernommen? Eher nicht!
Auf dem Campingplatz konnten wir sogar warm duschen. Christophe brachte uns mit dem Auto zum Camino zurück. An diesem Tag wanderten wir weiter in Richtung Oloron Sainte-Marie. Unterwegs trafen wir Olivier auf einem Rastplatz wieder und teilten unsere Verpflegung mit ihm, er hatte in der regnerischen Nacht in einem Waschhäuschen übernachtet.
In der Nähe von Herrere ging mir das Wasser aus. Ich fragte eine Bäuerin, die in ihrem Garten arbeitete, ob sie mir meine Wasserflasche auffüllen könnte, was sie gerne tat. Und sogar noch mehr: Sie lud uns auf eine Tasse Kaffee ein!
Gegen Abend kamen wir in der Kathedrale von Oloron Sainte-Marie an, einer wunderhübschen, uralten, ehemaligen Bischofsstadt, wo wir den Abendgottesdienst besuchten. An einer großen Weltkarte konnten wir mit Nadeln unseren Herkunftsort markieren. Santiago steckte seine Nadel stolz nahe des Äquators in Quito ein, da war noch keiner hergekommen, aus Berlin schon mehrere. Ich war müde und wollte nicht mehr weiter und betete um Einsehen bei Santiago.
Nach dem Gottesdienst fragte er zum Glück den Küster, ob er wüsste, wo man hier übernachten könnte, die Herberge, an der wir vorbeigekommen waren, war sehr teuer gewesen. Die Übernachtungsmöglichkeiten im Zugriff des Küsters waren schon belegt. Doch er hieß uns warten und kurz darauf holte uns zu unserer Überraschung der Pfarrer einer anderen Kirche mit dem Auto ab und brachte uns im Salle de Catechesme (Katechismusraum) der Kirche St. Croix unter, wo wir auf dem Fußboden schlafen konnten. Herzlichen Dank dafür!
Und – dort trafen wir Olivier wieder! Zum Waschen konnten wir einen Toilettenraum mit Kaltwasser benutzen, die nötigste Wäsche wurde schnell gewaschen und im Hof unterm Dach aufgehängt. An diesem Abend vertieften wir unser Wissen über den Rosario, schrieben die 20 Mysterien auf einen Zettel, den Santiago ab diesem Tag in seiner Hosentasche trug. Santiago brachte Olivier das spanische Vaterunser und Ave Maria bei, weil Olivier ab nun auch in Spanisch weiterbeten wollte, es für das gemeinsame Rosario-Gebet in den Kirchen brauchte. So tauschten sie ihre Fähigkeiten aus. Der Küster von St. Croix versorgte uns währenddessen mit Gemüsesuppe, gekochten Eiern, Brot und Nüssen. Was für ein Festmahl, wir genossen die Barmherzigkeit der Kirche, ihrer Menschen! Die ganze Nacht goss es wie aus Eimern. Wir lagen im Trocknen, was schadet uns das! Am nächsten Morgen trafen wir Olivier, der vor uns aufgebrochen war, wieder in einer Klosterkirche zum Gottesdienst. Bei strömendem Regen brachen wir auf. Olivier haben wir seither nicht mehr gesehen, denn er wollte viel langsamer als wir pilgern, doch unterwegs haben wir immer wieder von ihm gesprochen. Olivier war unser Engel des Rosarios!
Beim Verlassen von Oloron verloren wir die Pfeile des „Voie de Piemont“, denn durch Oloron Sainte Marie läuft als Hauptweg der Voie d’Arles. Wir wanderten auf der Landstraße nach der Karte weiter. In einer Käserei kaufen wir frischen Landkäse und Baguette für unsere nächste Pause. Es regnete und regnete. Unsere Plastikponchos waren nicht wirklich in der Lage, diese Wassermassen von uns fernzuhalten. In Aramits, dem Ort, wo der Musketier Aramis herkommt (wir sind an seinem Schloss vorbeigelaufen), kehrten wir in der Casa de Nuestro Señor ein, im Hause unseres Herrn, in der Kirche. Wir warteten dort 2 – 3 Stunden den Regen ab, ruhten uns aus, aßen unser Brot und versuchten, trocken zu werden. Wenn wir als Pilger auf dem Weg zu Ihm kein Zuhause haben, dann muss doch Sein Haus für uns da sein, oder?
Wir waren sehr dankbar für die offene Tür. Als es aufhörte zu regnen, liefen wir weiter, denn wo wir auch fragten, es gab keinen Platz zum Schlafen. In Hotels fragten wir nicht. Weiter durch Lanné und Montory, bergauf und bergab in der feuchten Abenddämmerung. Am Ortseingang von Tardets, es war mittlerweile 21 Uhr und schon dunkel, schnaufte ich zu Santiago: „Da hast Du Deine Pension.“
Auf der anderen Straßenseite stand ein Bushäuschen aus Holz. Erst dachte ich, es genügt, wenn ich die Rettungsdecke und meinen Schlafsack über uns decke, doch Santiago breitete bald seine Isomatte auf dem Boden aus und legte sich in seinen Schlafsack zum Schlafen. Gegen Mitternacht war ich durchgefroren, von der Rettungsdecke nass und durfte dann zu Santiago in den Schlafsack kriechen, zum Glück! Zu Zweit pilgern hat viel Gutes, z.B. eine lebendiges Heizkissen!
Am Morgen liefen wir nach Tardets hinein, ein sehr schönes altes Städtchen. Ich trank am beschaulichen Marktplatz eine dampfende Tasse Café au Lait in der Sonne, das hatte ich mir nach der Nacht verdient. So kann man auch immer in Ruhe die Toilette im Café benutzen, immer eine große Erleichterung für den Pilger. Wir studierten unsere Karte, wie ging es nun weiter? Pfeile hatten wir nicht mehr. Wir entdeckten einen Weg nach St. Jean, doch konnten nicht erkennen, ob er schon in die Berge führt. Wir fragten im Tourismusbüro nach, wie hoch der Weg führt: 400 m Höhendifferenz soll er haben. Tardets liegt auf ca. 210 m. „Das schaffe ich!“ sagte ich mir. In einem Supermärktchen kauften wir Verpflegung ein und setzten uns in den Park zum Frühstück.
In einem Landhandel erstanden wir für je 6 Euro richtige Regenmäntel, denn unsere Plastikregenponchos bekamen schon Risse, mit so viel Regen hatten wir im Hochsommer nicht gerechnet. Die Mäntel sind grün und schwer, wohl für Jäger gemacht. Wir nennen sie unsere Elbenmäntel, denn sie hatten spitze Mützen und wir sahen damit aus wie Frodo und Sam. In der Natur sind wir darin kaum auszumachen.
Bei unserer nächsten kurzen Pause kam ein freundlicher, weißer, wuscheliger Hund zu mir und ließ sich von mir streicheln, war ganz anhänglich, kletterte mir auf den Schoß. Santiago hielt weiterhin Abstand. Der Hund sah – bis auf die Farbe – aus wie Schorsch, der verstorbene Pudelpointer meiner Ex-Schwiegereltern, der eine Weile auch bei mir gewohnt hatte. Schorsch sah aus wie ein laufender, weiß-brauner Flokati und er hatte die Gabe zu lächeln; jetzt also ein freundlicher reinweißer Flokati mit Ohren und Füßen und ebenfalls einem Lächeln.
Schon im nächsten Ort kam wieder ein weißer Hund auf uns zu, er sah aus wie der große Bruder des Ersten. Da ich fremde Hunde, die auf mich zukommen, immer freundlich anspreche, begrüßte ich ihn mit den Worten: „Na, musst Du hier mal ganz wichtig gucken?“ Beim Gucken blieb es wahrlich nicht. Der Hund hatte sich wohl entschieden, uns zu begleiten. Uns begegneten Mountainbiker, wir fragten sie nach der Strecke. Sie sagen: jetzt geht es für uns erstmal 10 km bergauf. Na ja, 400 m, das wird ja gehen. Doch 400 m, das war nur die erste große und steile Steigung. Man konnte den Streckenverlauf nicht erkennen, es ging um viele Biegungen. Viele Hügel und hohe Bäume verdecken den Weg. Der Abstand zwischen Santiago und mir wurde größer. Der Hund, wir hatten ihn inzwischen Blanco, „Weißer“, getauft, überbrückte regelmäßig die Distanz zwischen uns, mal lief er vor, mal zurück.
Nach einer Weile begann ich, vor Anstrengung zu zittern, es war wirklich sehr steil. Ich setze mich an den Straßenrand, aß noch eine Extraportion meiner L-Carnitin-/Magnesium- und Vitamin-Tabletten und Joghurt, B-Vitamine: das brauchte mein Körper. Blanco und Santiago warteten auf mich, bei beiden keine Spur von Erschöpfung. Weiter und weiter ging es bergauf. Blanco sprang in eine Viehtränke am Wegesrand und soff. Ich füllte meine Wasserflasche an einem Wasserhahn daneben auf. Irgendwann erreichten wir an eine Kuppe mit einem Schild: Col de Lecharria Altitude 832 m. Schon klar, exakt 400 m Höhendifferenz. Von wegen! Von dort aus stiegen wir ab in ein Tal mit vielen Findlingen. Nur um wieder bergauf steigen zu können. Uns fängt an, die Musik der Berge zu umklingen, das vielfache Läuten der Glocken der Weidetiere.
Die Vegetation änderte sich, die Bäume werden weniger, das Strauch- und Wiesenland begann. Wir begegneten sanftbraunen Kühen, Schafherden und freilaufenden Pferden. Bergauf, bergauf! Ahusquy, der Ort, den wir auf der Karte gesehen haben, liegt auf ca. 1100 m.
Beim Aufstieg nach Ahusquy zeigte sich mir eines, wenn man im Leben einen steilen Weg aufwärts, ein hohes Ziel hat. Die beste Blickperspektive ist auf direkt auf die Straße vor uns. Wenn wir immer nur auf das Ziel sehen, dann verstärkt sich der Gedanke “Oh, das ist anstrengend, noch so hoch, noch so weit!” Wir dürfen allerdings uns gern immer mal wieder umdrehen und zurückschauen und dann merken: “Oh, soviel habe ich schon geschafft! Prima!” Denn das gibt Kraft, allerdings kommt man dabei nicht weiter. Der Blick auf den Weg vor uns und auch mal nach rechts und links bringt uns vorwärts und lässt uns die Landschaft intensiv erfahren.
Nach Ahusquy stieg der Weg noch weiter an – bergauf in die Hochebene. Santiago setzte sich irgendwann wegen des frischen Windes eine Plastiktüte auf den Kopf: „El frio del paramo“ nannte er es – die Kälte der Hochebene, das kannte er aus seiner Heimat. Am Boden waren
nur noch Bodendecker und Flechten zu sehen, runde Bergkuppen umgaben uns, das Panorama war atemberaubend, wie für mich der Aufstieg. Santiago war hier ganz in seinem Element, er liebt die Berge, die weite Aussicht! Er ist in den Anden groß geworden, Quito liegt auf 2800 m, Bergsteigen gab es täglich – von Kindesbeinen an. Wahrscheinlich sind auch seine Lunge und sein Blut ganz anders ausgelegt als bei mir. Er war begeistert über die unerwartete Bergetappe, glücklich, zufrieden. Er erzählt mir von „Hazañas“, Prüfungen, Aufgaben, durch deren Bewältigung man persönlich wächst, Heldentaten! Der ganze Camino wird für uns eine Hazaña. Doch hier freute er sich über diese Hazaña. Da hat er „Schwein gehabt“! Ohne die kenntnisarme Dame im Tourismus-Büro hätte er mich nie jetzt schon so hoch in die Berge gekriegt. Doch auch ich gewann, und zwar das Selbstbewusstsein, dass ich das auch schaffen kann. Der höchste Punkt dieser Bergetappe lag bei 1300 m. Mehr als 1000 m Höhendifferenz!
Blanco blieb die ganze Zeit bei uns, immer freundlich, eben als ob er lächelte, legte sich zu uns, wenn wir Pause machten, nahm aber kein Fressen an, ließ sich auch nicht nach Hause schicken. Er war häufiger bei Santiago als bei mir, Santiago lernte mit Blanco wirklich die Güte, Freundlichkeit und Treue der Hunde kennen. Weiter ging es auf langen Geraden in den Abstieg nach Mendive. Hier hätte man den Weg erkennen können… Am späten Nachmittag begann es wieder zu regnen, Zeit für unsere neuen Elbenmäntel, Zeit für den Rucksackregenschutz. Auch hier fanden wir zunächst nichts zum Übernachten, wenn wir bei Gîtes[3] klingelten, war alles besetzt. Es wäre wahrscheinlich sowieso zu teuer gewesen. Wir liefen und liefen, ich konnte nicht mehr, egal, ich konnte ja nicht im Stehen einschlafen. Es wurde später und später, es wurde duster. Trotzdem setzten wir einen Fuß vor den anderen. Inzwischen hatten wir wieder die Landstraße erreicht. Und jetzt geschah etwas Erstaunliches: Als wir im Dunkeln und strömenden Regen die Straße entlang wanderten, da rannte Blanco, der leuchtend weiße Hund, immer in die Mitte der Straße, um die vorbeifahrenden Autos in ihrer Geschwindigkeit zu stoppen, damit uns in unseren dunklen Elbentarnmänteln nichts passierte und wir nicht noch nässer wurden. Er riskierte ständig sein Leben für uns. Zunächst hielten wir ihn für einen Hunde-Engel, aber sicher hatte hier der heilige Santiago diese Hundegestalt angenommen, um uns sicher zu geleiten.
Gegen 22 Uhr kamen wir in St.-Jean-le-Vieux an, ein hübscher Ort fünf Kilometer vor St.-Jean-Pied-de-Port, dem bekannten Pilgerort. Wir mussten ca. 50 km gelaufen sein, eine 14-stündige Pilgerschicht. Vor Ort fanden wir wieder ein Bus-Häuschen, eine Art Fachwerkhäuschen, diesmal schöner als in Tardets, wesentlich geschützter. Es hatte vier Wände und nur an einer Seite einen schmalen Eingang. Gegenüber war eine öffentliche Toilette, für alles war gesorgt. Wir legten unsere Isomatten aus, und Blanco legt sich in den Eingang, um uns die ganze Nacht zu bewachen.
Und genau so fanden wir ihn am nächsten Morgen auch. Blanco blieb an unserer Seite und lief mit uns die nächsten fünf Kilometer bis nach St.-Jean-Pied-de-Port hinein, was auf ca. 270 m ü. d. M liegt. Die Menschen schauten alle auf den Hund, er wartete auch vor dem Pilgerbüro auf uns. Dort suchten wir uns unsere Pilgermuschel aus, erhielten zwei essentielle Blätter, nämlich ein Herbergsverzeichnis und eine Übersicht der Etappen mit Höhenprofil für den Camino Francés, und einen kleinen Zettel mit einer Nummer für unser Bett für die Nacht in der Pilgerherberge. Wir konnten auch noch ein wenig das Internet nutzen und schickten erste Grüße an unsere Familien und Freunde. Der Camino Francés mit seinem geregelten Herbergssystem tat sich für uns auf. Und zum Unterschied zur Stille auf dem Voie de Piemont: Überall Pilger!
Nach der Kurzetappe von fünf Kilometern konnten wir den Rest des Tages ausruhen und St. Jean entdecken, ein beschauliches, mittelalterliches Städtchen mit schmalen Gassen, Zitadelle, Stadtmauer und verwunschenen Treppen, einem reißenden Fluss, der durch den vielen Regen gewaltig angeschwollen war und lautstark brausend St. Jean durchquerte. Blanco wartete überall auf uns, vor dem Café und der Herberge, wo wir unsere Rucksäcke gegen ein Uhr endlich abgeben konnten. Als wir die Kirche betraten, machte Santiago Blanco klar, dass er dort nicht mit hinein konnte. In diesem Moment hat uns Blanco verlassen, er hat uns sozusagen bis an die Kirchentür von St. Jean begleitet, bei Gott abgeliefert. Was für ein wundervolles Tier! Was für eine wunderbare tätige Sorge Gottes!
In der Kirche erlebten wir das erste Mal das gemeinsame Rosario-Gebet in der Kirche, bei dem ein Mädchen mit glockenheller Stimme ein Gesätz[4] lang das Ave-Maria mehr sang als betete:
„Je vous salue, Marie pleine de grâce,
le Seigneur est avec toi. Tu es bénie entre toutes les femmes
et Jésus, le fruit de tes entrailles, est béni.
Sainte Marie, Mère de Dieu,
prie pour nous, pauvres pécheurs,
maintenant et à l’heure de notre mort.”
Das Gebet packte mich tief im Herzen mit dieser Kinderstimme und hält mich noch heute in seinem Bann. Die Messe anschließend war weniger der erbaulich, der Pfarrer wirkte schlecht gelaunt, dann fehlte auch noch die große Oblate, die er in der Eucharistie symbolisch zu zerbrechen hatte und er begann Streit mit seinem Adlatus. In der Kirche entdeckten wir noch einen anderen Pilger mit einem hölzernen, altmodischen Pilgerstab, den wir unterwegs häufig wieder treffen sollten, nennen wir ihn jetzt mal zum Wiedererkennen den Kanadier. In der Herberge zurück fand ich auf dem mir zugeordneten Bett Rucksack und Klamotten eines anderen Pilgers. Es dauerte eine Weile, bis das alles geklärt war und ich mich ein wenig ausstrecken konnte. Wir wuschen – nach drei Pilgertagen war wieder alles dreckig, schweißig, matschig und klebrig – unsere Wäsche und trockneten unsere eingeregneten Klamotten und nassen Schuhe. An jedem Fenster, jedem Haken, jeder Stuhllehne, jedem Bett hingen in den mit Betten vollgestellten Herbergszimmern nasse Wäsche und Regenbekleidung und dampften vor sich hin.
Meine Füße waren schon mit ein paar Blasen bestückt, vor allem von der langen Bergetappe. Es gab eine Küche und wir bereiteten uns aus eingekauften Vorräten unser Abendessen. An langen Tischen saßen wir Pilger beisammen, die Sprachen tönten bunt durcheinander. Eine einzelne deutsche Pilgerin aus Hamburg setzte sich zu uns und erzählte, sie hätte die Etappe über die Berge Richtung Spanien in der Frühe schon begonnen, war aber wegen des Regens wieder umgekehrt und hatte sich einen Regenponcho gekauft. Santiago erfand einen Spitznamen für sie, der hier nicht verraten wird. Wir haben uns oft unterwegs gefragt, wo sie jetzt eigentlich wäre. Durch die Hazaña des vergangenen Tages wusste ich, ich würde am nächsten Tag nicht umkehren, ich wusste, ich schaffe das!
Hier geht es hier weiter mit dem Camino Francés!
[1] Rosario (spanisch) = Rosenkranz, Rosenkranzkette. Der Rosario ist das bekannteste Mariengebet der katholischen Kirche. Ich werde im Folgenden bei diesem spanischen Begriff bleiben. Im Anhang findet sich eine Gebetsanweisung in Deutsch und Spanisch.
[2] Ort in Südfrankreich
[3] Herberge
[4] Abschnitt von 10 Perlen auf dem Rosario
















