Der nächste Morgen war turbulent, 100 fast gleichzeitig aufstehende Pilger. Ich war schnell fertig, da mein Rucksack durch sein extra Schlafsackfach schnell zu packen war. Santiago brauchte für das Packen den ganzen Camino lang immer viel Zeit, da er seinen Rucksack erst völlig ausleeren musste, um den Schlafsack unterzubringen und den kompletten Rest wieder dazu zu ordnen. Während er packte, nahm ich schon meinen Rucksack mit zum Eingang, denn ich hatte dort eine Waage mit einem Haken zum Rucksackwiegen entdeckt. Ich war richtig neugierig, wie schwer mein Rucksack war: 10 kg!! Ich stellte meinen Rucksack an den Eingang und meine Stiefel dazu, damit Santiago wusste, wo er mich treffen konnte. So hatte ich noch Zeit, im Aufenthaltsraum im Keller mein Handy aufzuladen und oben eine Tasse Kaffee zu trinken, die die Hospitaleros auf einem Tisch an der Kellertreppe anboten.

Als ich wieder aus dem Keller auftauchte und Santiago suchte, war er nicht mehr da, nicht an seinem Bett, seine Stiefel nicht, sein Rucksack nicht. Was war das denn? Ich lief zur Kirche, zum Restaurant, in den Keller, fragte die Hospitaleros und jeden Pilger, der mir in den Weg kam. Nach einer halben Stunde Suche gab ich auf. Er hatte es wohl wahr gemacht und war allein aufgebrochen, weil ich ihm zu langsam war!!

So machte auch ich mich im Frühdunst auf den Waldweg auf, den Pfeilen hinterher, Spanien würde für mich ab nun wohl allein sein. Egal, wie traurig das Ganze war, der Weg durch den frischen, grünen Morgenwald unter hohen Bäumen war eine Pracht. In Burguette, dem nächsten Ort fragte ich nochmals beim Bäcker beim Brotkaufen und auf der Straße, ob irgendjemand Santiago gesehen hätte. Nichts! Einmal dachte ich, ihn in der Entfernung zu sehen, doch – wieder nichts. Es begann zu regnen, es gab immer wieder kleine, steile Anstiege zwischendurch. An einem traf ich – schwer atmend – den Pilger aus der Kirche in St. Jean wieder. Hier erfuhr ich, dass er Kanadier war. Wir trafen uns an diesem Tag immer wieder, einmal half ich ihm, seinen Regenponcho über den Rucksack zu ziehen, mal läuft er an mir vorbei, als ich mir meine ausführliche Frühstückspause auf einer Bank kurz vor Viskarette gönne. In mir höre ich einen Satz aus dem I-Ging[1]. „Wenn dir dein Pferd wegläuft, dann laufe ihm nicht nach. Wenn es dein Pferd ist, wird es zu dir zurückkommen.“ Auf dem Alto de Erro passierte ich das erste Pilgergrab des Weges, ein Japaner, dem noch einige folgen würden. Menschen fallen um, sterben einfach auf dem Camino…

Das letzte Mal an diesem Tag traf ich den Kanadier auf dem Abstieg wenige 100 m vor Zubiri. Dort war die nächste Herberge. Wir überquerten gemeinsam die Brücke über den Fluss, sie heißt „Puente de la Rabia“, Brücke der (Toll-)Wut. In der Herberge direkt nach der Brücke war schon alles besetzt, doch es soll noch eine weitere in Zubiri geben. Der Kanadier und ich liefen weiter. Da sah ich plötzlich hinter einer Hausecke Santiago am Pilgerbrunnen stehen, er quatschte weiter mit zwei anderen Pilgern. Er lächelte mir freundlich zu, als ob nichts gewesen wäre! Haut ab und tut so, als ob er mich kaum kennt. Ich ging einfach weiter, an dem kleinen Platz vorbei, mal muss ja gut sein! Doch dann kam mir Santiago hinterher und fragte mich zornig, was das soll! Der Kanadier wollte eingreifen und mich vor Santiagos Wut beschützen, doch ich sage zu ihm „It’s ok!“, dankte ihm und wandte mich Santiago zu. „Wieso, du bist doch abgehauen und hast mich in Roncesvalles zurückgelassen. Ich habe Gott und die Welt gefragt, wo du bist. Eine halbe Stunde habe ich dich gesucht. Ja, denn mach doch deinen Kram alleine!“ Der Kanadier ging weiter, zur Herberge. Noch heute hält mir Santiago den Kanadier vor…

Santiago nahm mich fest in den Arm und entschuldigte sich, schilderte mir seinen Morgen. Er hatte gedacht, ich bin vor ihm aufgebrochen, weil ich mit meinem Rucksack so schnell zur Tür gelaufen war. Sehr schnell war er ebenfalls aufgebrochen und gelaufen, um mich wieder einzuholen, doch – ich war gar nicht vor ihm. Im Regen hatte er in Viskarette lange auf mich gewartet, dort hatte er von später eintreffenden Pilgern gehört, dass ich nach ihm gesucht hätte. Meinen Rucksack hatte er zwar wahrgenommen, doch irgendwie innerlich seine Anwesenheit nicht ausgewertet. Komisch: An dem Morgen hatte ich auch mal kurzfristig gedacht: „Was würde wohl passieren, wenn ich vor ihm loslaufen würde? Er ist ja doch schneller, vielleicht muss ich dann nicht so rennen.“ Die Antwort kam prompt. Tücke der Gedanken!

Allein ist man schneller, gemeinsam kommt man weiter...

Wir blieben natürlich an diesem Tag nicht in Zubiri, wäre ja auch zu einfach und bequem gewesen! Nein, wir überquerten wieder die Puente de la Rabia, die Wutbrücke, und liefen noch weitere 6 km bis nach Larrasoaña. Unsere Wut hatten wir inzwischen ja abgearbeitet.  Wir durchquerten ein riesiges Industriegelände einer Magnesitfabrik, das extra dem Camino einen Pfad freigegeben hatte, dann fanden wir wieder zurück auf buschumwachsene Naturwege und kleinen Dörfchen – Ausgleich! Auch nach Larrasoaña hinein führte wieder eine alte Brücke über den Arga, diesmal die Puente de los Bandidos, die Banditenbrücke. Es war wieder sonnig, eben Spanien!

In einer Dependance der städtischen Herberge kamen wir unter. Die sanitären Anlagen befanden sich in einem Container vor dem Haus, doch da wir hier zu den Ersten gehörten, war alles noch ok, sauber und appetitlich. Hier trafen wir eine französische Mutter mit ihren zwei Töchtern, von denen die Jüngere wegen Fußschmerzen buspilgerte. Wir begegneten ihnen noch mehrfach unterwegs. Was ich an ihnen bewunderte: sie schliefen nur mit einem Seidenschlafsack und Hemdchen, sie schienen nie zu frieren.  Im Ort gab es keinen Laden, sondern nur ein Restaurant mit Pilgermenü, doch im Haupthaus der Herberge kann man ein paar Lebensmittel kaufen. In Larrasoaña begann sich unser Standardessen des Caminos zu etablieren: Spagetti mit Tomaten-Thunfisch-Sauce. Santiago bestand von jetzt an darauf, dass ich ihm das Kochen überließ, den ganzen Weg lang. Beim Essen im Hinterhof der Herberge gesellte sich ein Spanier zu uns, Jesús aus Burgos, mit dem Santiago sich gut verstand. Abends sahen wir amüsiert vor dem Haupthaus, wie einige deutsche Pilger, Rotweinflasche in der Hand, anfingen, die allein pilgernden Frauen anzubaggern.

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[1] I-Ging Übersetzung von R. Wilhelm. Aus dem Zeichen 38 „Der Gegensatz“. Altes chinesisches Weisheits-Buch, das als Orakel, als Ratgeber benutzt wird. Das I-Ging geht davon aus, dass nur der stetige Wandel von Dauer ist.