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Gegenüber von der Pilgerherberge trafen wir viele Mitpilger zu einem gemütlichen Frühstückskaffee mit Blick auf den Hafen. Wir saßen draußen und begnügten uns mit unserem eigenen Brot. Heute gönnten wir uns eine Busfahrt, denn die Strecke nach Santiago wollten wir nicht wieder zurücklaufen. Wir entdeckten an der Bushaltestelle, dass um 11.45 Uhr ein Bus fuhr, wir hatten noch Zeit für einen beschaulichen Sonntagvormittag am Meer.

Beim Bäcker trafen wir einen Österreicher, der sich uns als Don Giovanni vorstellte. Er schien schon längere Zeit in Finisterra zu wohnen, die Bäckereiverkäuferin deutete uns lächelnd an, dass er wohl ein wenig mit Vorsicht zu genießen sei. Don Giovanni wollte gern Santiago beim Zampoña-Spielen aufnehmen, also verabredeten uns für 11 Uhr an der Bushaltestelle. Noch einmal kehren wir zum Strand zurück, klettern dabei über die Felsen und schafften uns damit noch eine Hazaña, eine Anstrengung, denn die Zeit wurde uns knapp, ich kam ganz schön ins Pusten.


Kurz nach 11 Uhr erreichten wir wieder die Busstation und trafen Don Giovanni, der Santiago mit der Webcam seines Computers beim Spielen filmte und Fotos von uns machte, uns handbemalte Wäsche­klammern und mit eigenen Bildern beklebte Streichholzschachteln mit seinem Namen und seiner Webadresse schenkte.

Ein letzter Blick auf Finisterra

Dann kam der Bus. Im Bus – ganz vorn auf der ersten Bank mit einer wunderbaren Aussicht – genossen wir die Fahrt am Meer entlang ca. 80 km bis nach Noia, von wo aus wir weiterlaufen wollen nach Padrón, der 1. Station des Camino Portugués. Von Noia nach Padrón war es ungefähr genauso weit wie von Santiago nach Padrón, da konnten wir uns 4 Euro Fahrgeld sparen und trotzdem genauso viel laufen – so dachten wir jedenfalls.

Auf der Fahrt sah Santiago den Kanadier das letzte Mal vom Bus aus, der nun die Küstenstraße entlang lief. In Noia, dem letzten Küstenort vor Santiago, fragten wir uns bei einem Kiosk und Passanten durch, wie es jetzt weiterginge. Es gab zwei Alternativen für uns: eine schmale Straße durch kleine Dörfer und die Landstraße nach Padrón. Wir entschieden uns für die Tour über die Dörfer. Und dann begann der Aufstieg, Kilometer um Kilometer, von Meereshöhe bis auf 600 m. Es gab keinen Laden, keine Wasserstelle am Berg. Einmal sind wir einfach in einen Garten mit offener Tür hineingegangen und haben uns am Gartenschlauch bedient, zum Trinken, Auffüllen unserer Wasserflaschen und zum Durchnässen unserer Haare, damit wir den Aufstieg in der Sonntagshitze besser bewältigen konnten.

Diesen Aufstieg hatten wir allerdings nicht geahnt und aus dem Kartenmaterial, das wir hatten, auch nicht erahnen  können. Von Noia konnte man auch nicht  auf das Ausmaß des Berges schließen, immer sah es nur nach noch „ein wenig mehr“ aus, nach jeder Kurve jedoch zeigte sich eine neue Höhe der Aussicht. Über 17 Kilometer ging es nur bergauf! Ich taufte diesen Weg nach einer Weile „Montaña de Engaños“, Berg der Täuschung, weil: Immer denkt man, man hätte es geschafft mit dem Aufstieg, doch: getäuscht! Weiter bergauf!

Nach dem Montaña de Engaños, den oben eine Stein-Säule mit einer kleinen Jesusstatue beschloss, führte uns der Weg in der beginnenden Dämmerung 10 km lang in engen Kurven nach Padrón, dem Ort, wo das Schiff mit den sterblichen Überresten des Apostel Santiago in Spanien angelegt hatte. Der Ort musste vor 2000 Jahren noch einen Zugang zum Meer gehabt haben. Padrón ist übrigens auch der Ort, nach dem die „Pementos de Padrón“ benannt sind, winzige grüne Paprikaschoten, die man in Spanien in den Supermärkten kaufen kann und die, komplett in Olivenöl gebraten und gesalzen, ein typisch Galizisches Gericht darstellen.

Wo in Padrón die Herberge war und wie wir sie fänden, wussten wir nicht, da wir ja von einem unbepfeilten Weg kamen. Es war schon dunkel. Wir fragten ein Pärchen beim Abendspaziergang. Sie wiesen uns an, einfach nur bis zur nächsten Kreuzung geradeaus zu gehen, dann würden wir sie, rechts auf einer Anhöhe, schon sehen. Es war wirklich nicht mehr weit, wir waren automatisch auf den richtigen Weg gekommen. Die Herberge war in einem ehemaligen Kloster untergebracht, dem Convento del Carmen. Ein Hospitalero war nicht mehr da, auch die am Tresen ausgehängte Telefonnumer war nicht mehr zu erreichen. Wir fanden noch zwei freie Betten in dem großen Schlafsaal. Eine Dose Ravioli, die ich seit Negreira mit mir trug, war neben dem Brot, was wir in einem kleinen Ladencafé oberhalb von Padrón gekauft hatten, unser luxuriöses Abendbrot. Eine tschechische Dame, die sich den Camino Portugués mit einer größeren Reisegruppe mit Gepäcktransport ab Valença erlief, freute sich über uns, weil wir Santiago de Compostela schon kannten. Sie fragte uns ein Loch in den Bauch über alles Mögliche: die Herberge, den Pilgergottesdienst, den Parador, was man machen und nicht verpassen sollte. Sie war aufgeregt, hatte am nächsten Tag den Einzug in Santiago vor sich. Ich empfahl ihr die Pilgermesse abends in der Kathedrale.

Erst lag Santiago im Schlafsaal ganz weit weg von mir, doch dann beanspruchte ein anderer Mann das Bett, in dem er lag, sagte, dass das Bett ihm schon lange zugeteilt war. Santiago war nicht auf Streit aus und suchte weiter und fand sein neues Bett dann sogar neben meinem! Danke dafür! Wie sehr dieser Tag und auch sein Ende ein Bild für unser Ankommen im folgenden Jahr sein würde, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst.

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Am nächsten Morgen besuchten wir die Santiago-Kirche und nahmen an der morgendlichen Messe teil. Anschließend erschienen dienstbare Damen, die die Kirche aufräumten und die Blumen erneuerten. Ein paar andere Pilger fragten sie nach einem Stein, den sie in ihrem Pilgerbüchlein entdeckt hatten. So konnten wir den Original-Stein, den Pedrón, an dem das Schiff mit den sterblichen Überresten Santiagos angelegt hatte, unterm Altar besichtigen. Der Reiseführer Zufall hatte uns eine neue Seite aufgeschlagen. In der Innenstadt von Padrón fanden wir viele neuzeitlichere Kollegen dieses Steines wieder.

Jetzt kam die neue Aufgabe auf uns zu, den Camino gegen den Strich zu finden. Zum anderen war die nächste Herberge erst in Pontevedra, also eine ca. 40 km lange Etappe lag vor uns. Bisher waren wir ja mit den Pfeilen gelaufen, am gestrigen Tag durch Nachfragen geleitet. Nun würden die gelben Pfeile ja wieder nach Santiago de Compostela zeigen, wir hätten aber genau in der Gegenrichtung zu laufen, d.h. aus der Positionierung des Vorwärtspfeiles auf die Rückwärtsroute zu schließen. Ganz schnell zeigte sich, dass dies eine anspruchsvolle Aufgabe war. Im Pilgerbüro von Santiago hatten wir eine Liste der Orte erhalten, durch die wir zu laufen hätten, mehr nicht. Schnell verliefen wir uns und dann traf es uns doch, was wir immer zu vermeiden gesucht hatten: wir mussten umkehren. Zunächst hatten wir einige Pfeile gefunden, die uns am Wasser entlang führten und so auf eine Halbinsel geraten. Am Ende des Weges lag ein sehr schöner Picknickplatz, eine wundervolle und romantische Aussicht am Wasser, doch es ging nicht weiter. Umkehren! Wir trafen auf einen Radfahrer, der uns den Weg beschrieb, wir fanden Pfeile und verloren sie wieder. Insgesamt verbrachten wir mehr Zeit auf der Landstraße als auf dem Camino. An einer Brücke sahen wir Pfeile, die uns über die Brücke halfen, dann verpassten wir sie wieder. Auf der Landstraße donnerten die Lastwagen an uns vorbei. Das Landstraßengetippel war anstrengend und ermüdend.

In Caldas de Reis, es war schon Nachmittag, kamen wir an der Kirche vorbei und rasteten auf den Bänken unter Bäumen, Santiago spielte für mich auf seiner Zampoña, ich breitete meine Rolle aus, um mich etwas hinzulegen. Da begann es zu nieseln und schon bald artete es in Regen aus, erst suchten wir Schutz in der Kirche, doch da war nur ein kleiner Vorraum offen. Alsdann gönnten wir uns einen Cafébesuch, um den Regen abzuwarten und unsere verdiente Ruhepause zu genießen.

Weiter ging es auf der Landstraße. Plötzlich sah ich ein kleines Hinweisschild auf eine Herberge. Wir hatten laut unseren Unterlagen erst eine Herberge in Pontevedra erwartet. Gern nahmen wir das Angebot an und fanden innerhalb von Viñeros eine schöne, moderne, fast leere Herberge. Außer uns waren nur noch zwei Spanierinnen aus Barcelona dort. Wir teilten uns die Räume auf, sie nahmen den Mädels­schlaf­raum, wir breiteten uns im Männerschlafsaal aus. Es war kein Hospitalero da, so trugen wir uns selbst ein. Am Empfangstisch fanden wir einen Pilgerführer der galizischen Jakobus-Gesellschaft „Xunta Xacobea“ für die Strecke des portugiesischen Weges in Galizien, wie wunderbar, danke! Jetzt würde es für uns bestimmt etwas leichter, den Camino weiter zu finden.

Santiago war erledigt für heute, die Montañas de Engaños gestern hatte ihn geschafft. Sofort legte er sich in der Herberge hin und schlief ein. Ich lief los, um etwas zum Essen für uns zu finden, mal anders herum! In einem Hinterhof von Portas, einem langezogenen Straßendorf,  fand ich einen kleinen Landhandel, und natürlich gab es das mangels anderer  Optionen das Übliche: Spagetti mit Tomaten-Thunfischsauce und Schinken, Käse und Brot für den nächsten Tag. Inzwischen kauften wir uns abends immer häufiger gezuckerte Getränke, Cola oder Orangensprudel oder ähnliches. Tagsüber tranken wir zwar meist noch Wasser, aber irgendwann mag man das auch nicht mehr runterbringen, sehnt sich nach etwas Geschmack, und der staubige Schleim im Rachen verschwindet auch besser durch das Gebitzel der Kohlensäure. Auf dem Rückweg stiebitzte ich uns noch ein paar dunkle Weintrauben zum Nachtisch. Ich kochte mit dem spärlichen Geschirr, was wir in der ansonsten superschick ausgestatteten Küche fanden, dann weckte ich Santiago für unser Abendessen. Er war tief in seinem eigenen seelischen Prozess eingetaucht. Ich bot ihm erneut eine Behandlung seiner Beine an, die er gern annahm und während der er wieder umgehend einschlief und durchschlief bis zum nächsten Morgen.

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In der Morgendämmerung brachen wir in Portas auf und liefen in der frischen Morgenluft durch die Viñeros, der Camino hatte uns wieder – leider immer nur kurzzeitig. Wir verloren den Weg immer wieder und Santiago machte es auch nicht so viel aus, auf der Landstraße zu laufen. Die Landstraße war neben der Autobahn die zweite große Verbindung von Santiago über Vigo zur portugiesischen Grenze und entsprechend heftig war auch der Verkehr. Der Standstreifen war kein sehr sicherer Ort und wir riefen den Erzengel Michael herbei, um den Weg für uns zu sichern und uns vor schlingernden Lastwagenanhängern mit Tempo 100 zu schützen. Es ist segensreich, sich in diesen Situationen beim Laufen in den Rosario zu flüchten. Man nimmt die Landstraße nicht mehr so sehr wahr. An diesem Tag lief ich für Santiago auch nicht schnell genug, er wurde ärgerlich und lief weit voraus, bis ich ihn nicht mehr sah. Doch der Weg war ja nicht zu verfehlen, die Landstraße schmiegte sich zunächst eng an den Berghang hinauf durch ein enges Tal. Ich hätte hier gern den Camino gefunden, denn die Landschaft sah wundervoll aus: Gärten, Vineros, Wäldchen. Das Teilstück, das wir zwischenzeitlich entdeckt und erlaufen hatten, war viel versprechend gewesen. An diesem Vormittag rief Santiagos Mutter an und begeistert telefonierte er, so dass ich ihn wieder ein wenig einholen konnte. Es hatte ihm gut getan.

Die Landstraße führte direkt nach Pontevedra hinein. Da ich inzwischen schon eine Weile allein lief, besorgte ich mir erstmal beim Bäcker frisches Ciabatta und eine fett gezuckerte Schnecke, denn mein Körper zitterte mal wieder und ich war sehr hungrig. An der großen Brücke über den Rio Lérez wartete Santiago auf mich – allerdings sauer, dass er so lange hatte warten müssen. Ich war auch nicht viel besser gelaunt, ich fand das nicht so toll, immerhin waren wir vor 12.00 Uhr schon 20 km gelaufen.

Die Puente von Pontevedra

Die Innenstadt von Pontevedra war ein Schmuckkästchen. Über eine massive, geschwungene Steintreppe stiegen wir zur Basilika Santa Maria A Grande auf und kamen rechtzeitig zur Mittagsmesse an. Was für ein prachtvolles, dreifschiffiges Haus: eine mit riesigen Blütenmustern und Bögen gefasste Gewölbedecke, ein raumgreifender, reichbebildeter Hochaltar, viele Capillas am Rande, eine Virgen, welche eine besänf­tigende Stimmung ausstrahlte. Trotzdem setzten wir uns an unterschiedliche Stellen im Kirchenschiff, um die Messe zu erleben. Erst nach dem Gottesdienst, beim weiteren Besichtigen der Basilika, kamen wir zum Paz Christi zusammen und vertrugen uns wieder. Maria bringt vieles in Ordnung, ebenso der Paz Christi, auch wenn uns die Landstraße und der jeweils Andere aggressiv gestimmt hatten.

Schönes Pontevedra

In Pontevedra gönnten wir uns unterhalb des großen Francisco-Klosters einen Kaffee, dann schauten wir uns noch die kleine Kapelle Virgen de la Peregrina an, ein rundes, kleines Kirchlein mit einer Maria in dunkelblauer Pilgerkluft. Rote Templerkreuze zierten die Wände. Eine kleine Verschnaufpause im Kühlen noch, bevor es weiterging. Vor der Kirche gab es einen großen Brunnen in der Form einer Jakobsmuschel, Pontevedra muss schon eine Weile Pilgerstadt gewesen sein, früher war der portugiesische Weg sicherlich stärker frequentiert.

Wir fanden Pfeile, der Weg hatte uns wieder. Jetzt ging es durchs Grüne, durch Felder und Wälder, wie schön! Irgendwo musste es eine Umleitung des Caminos gegeben haben, denn plötzlich hörte der Weg an einem Bach einfach auf, die Brücke war eingestürzt, der Weg mit Plastikbändern versperrt. Egal, wir stiegen an einer flachen Stelle über Steine durch den Bach, kletterten an der anderen Seite wieder hinauf und dann hatte uns der Camino wieder, der an dieser Stelle tatsächlich schon wieder ein wenig zugewachsen war. In Ponte Sampaio fanden wir im Ort noch die Camino-Steinsäulen, und schon waren sie wieder weg. Über die neue Brücke überquerten wir den Río Verdugo, in der Entfernung konnten wir die ehrwürdig-schöne, alte, römische Brücke bewundern, die dem Ort den Namen gegeben hatte. In Arcade, direkt nach der Brücke, wurden wir auf wunderbare Weise gestärkt und verwöhnt. In einer kleinen Nebenstraße entdeckte uns eine Familie, die gerade von der Weinlese gekommen sein musste. Der Kofferraum ihres Autos war voller Körbe mit Weintrauben. Sie befragten uns nach unserem Woher und Wohin und beschenkten uns mit einer ganzen Tüte Weintrauben, weiße und rote. Aromatischere Trauben hatten wir beide nie gegessen, sie hatten einen intensiven Muskatellergeschmack. Den ganzen Nachmittag futterten wir die Trauben, endlich Vitamine und natürliche Ballaststoffe, was für ein Fest! Herzlichen Dank dafür!

Hinter Arcade wurde der Camino zunächst kurzzeitig an der Landstraße entlang geführt, dann ging er wieder in den Wald. Und egal, dass es jetzt steil bergauf ging: lieber Camino mit Subida (Aufstieg) als Landstraße. Und es WAR steil, das kann ich wohl sagen. Oben auf dem Berg entdeckten wir die wild überwachsenen Ruinen einer alten Poststation, dann führte uns der Weg über am Berg gelegene Wohnstraßen nach Redondela hinein. Die Herberge lag ganz in der Innenstadt, diesmal in einem historischen Gebäude aus dem 16. Jahrhundert namens „Casa da torre“, das Turmhaus. Spät kamen wir nach der langen Etappe an, doch es gab noch Betten und superheiße Duschen! Das Duschen war fast wie Blanchiertwerden, krebsrote Haut, es ließ sich leider nicht anders einstellen, aber nicht meckern, besser als kalte! Wir fanden noch etwas zum Kochen: Santiago kochte für uns Suppe, wunderbar, Abendessen gesichert.

Die Herberge war diesmal gut besucht. Wir trafen im Speisesaal – ja, das gab es da – zum einen Miguel aus Madeira, einen kernigen portugiesischen Pilger mit einer sehr rustikalen Ausrüstung. Er war schon in Portugal losgelaufen und konnte uns gute Tipps für den Caminho in Portugal geben, vor allem den Hinweis, dass wir bei den Bombeiros Volontarios[1] nach einem Schlafplatz fragen konnten, und wo wir in Fátima übernachten könnten, nämlich im Pão da Vida. Miguel kreuzte auf unserem Zettel an, in welcher Stadt es Herbergen oder Bombeiros gab. Er hatte allerdings einige Abstecher in Portugal unternommen, zum Beispiel zum Bom Jesus nach Braga. Miguel hatte noch einen weiten Weg vor sich, denn er wollte von Santiago de Compostela den Camino Francés rückwärts laufen und von dort aus weiter nach Rom. Wir trafen ihn Ende September, ob er wohl in den Wintermonaten den weiten Weg, auch über die Alpen, geschafft hat? Auch er war ein eifriger Rosariobeter – das sah man auch seinem Rosario an – auf der Strecke, wenn er die Mühsal der Landstraße, die er lange gelaufen war, hinter sich lassen wollte. Gleichgesinnte!

Zum anderen trafen wir einen deutschen Pilger, der in Deutschland eine Webseite über Jakobswege betreibt und einiges von uns wissen wollte. Weil er aber insgesamt sehr penetrant, aufschneidend und unangenehm wirkte, hielten wir uns lieber an Miguel, der uns auch gern von seiner Flasche Rum abgegeben hätte, wenn wir denn trinken würden… Ein kleiner Abendspaziergang noch durch die Altstadt von Redondela, dann war es gut für diesen Tag.

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[1] Freiwillige Feuerwehr


Vor dem Frühstück wollten wir uns in Redondela die Santiago-Kirche ansehen, doch wir fanden sie leider verschlossen vor. Schade, sie sollte sehr sehenswert sein! So blieb uns denn noch ein Frühstückchen in einem Café in Redondela, dann verließen wir das Städtchen an dem alten Kloster vorbei. Heute fanden wir den Weg ganz gut und wir lernten ein Wort auf Galizisch gut kennen, das auf Portugiesisch genauso heißen musste: „Encima“ oder „por encima“, weil wir es so oft hörten, „den Berg hinauf“, das schallte uns aus einem Garten entgegen, als wir nach dem Weg nur umsahen.

Oben auf dem Plateau Chan das Pipas verfransten wir uns wieder. Ein Jogger half uns zurück in die richtige Spur. An diesem Tag trafen wir schon früh immer wieder entgegenkommende Pilger, die nächste Herberge durfte gar nicht so weit sein. Encima: da liefen wir durch Gärten und wieder sprach uns eine Frau an, die gerade ihre Weintrauben vom grünen Blätterdach ihres Gartens erntete. Auch sie schenkte uns ebenfalls eine ganze Tüte Weintrauben – Uvas -, und wieder waren es die aromatischen Muskatellertrauben. Der portugiesische Weg, das merkte man ganz klar, war nicht so überlaufen wie der französische Weg, hier mochte man noch von ganzem Herzen den Pilger als Stellvertreter Jesu beschenken, ohne an der schieren Masse zugrunde zu gehen. Schön war das! Muchas grácias! Und siehe da, im nächsten Örtchen namens Mos gab es schon eine Herberge. Doch es war ja gerade mal Vormittag…noch nichts für uns.

Ich traute mich, Santiago erstmals zu fragen: „Warum rennst Du eigentlich so? Warum hast Du es immer so eilig?“ Er wusste spontan keine Antwort darauf, aber dachte zumindest heute darüber nach, was mir für diesen Tag eine kurze Etappe bescherte. Nach Berg und Feld verlief auch der Camino wieder an der Landstraße entlang. Wir kamen in O Porriño an und fanden eine wunderhübsche, kleine Kapelle, St. Stefano,  in der wir unseren Rosario beten. Die Kapelle war mit vielen Blumen geschmückt, die Jesus-Statue stand noch auf einen Tragegestell. Am Tag vorher muss es eine Prozession gegeben haben. Auch in der Innenstadt waren noch ein paar Jahrmarktsbuden aufgebaut.

Wir beschlossen zu bleiben und suchen die Herberge. Was für ein modern-feudaler Bau für die Pilger, großer Aufenthaltsraum, schicke Küche, spiegelblanke Sanitärräume, wahrlich nichts zu meckern! Es gab mehrere große Schlafsäle mit schweren Eisentüren davor. Die Herberge stand uns völlig allein zur Verfügung – dachten wir! Wir besuchten den Supermarkt und ich fand endlich, was ich schon lange zu einem akzeptablen Preis suchte: Tintenfischringe. An diesem Tag kochten wir uns ein wahrhaft feudales Mahl aus einem Nudel-Gemüse-Salat mit den Tintenfischringen und einer Knoblauchmayonaise. Es war unser Abschiedsabend von Spanien, morgen würden wir die Grenze nach Portugal überqueren. Wir kochten mehr, als wir essen konnten, so blieb in der Küche noch Nudelsalat übrig für das Frühstück. Den Rest unserer Vorräte verstauten wir in einer Plastiktüte neben unserem Bett. Nach dem Essen gönnten wir uns eine Siesta, dann wollten wir uns „in das Nachtleben“ von O Porriño stürzen.

Wir fanden nun auch die parroquiale Kirche und erlebten einen wunderschönen Gottesdienst. Der weißhaarige, beseelte Pfarrer hielt  eine tief berührende, von Freundlichkeit und Liebe, von tiefen Glauben geprägte Predigt, welche Gnade, welche Liebe die Auferstehung Jesu für uns bedeutete, was sie mit uns machte, ein echter Seelsorger, wahre Seelsorge.

Johannes 11 (Lutherbibel 1984): 25 Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; 26 und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das? 27 Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.

Mein Herz wurde ungemein ruhig und gesättigt durch das Gefühl und die unendliche Hoffnung, die Jesu Auferstehung uns an die Hand gibt. Wie gut, dass ich mal wieder gut das Spanisch verstand, danke, Heiliger Geist für Deine Gaben! In dieser Kirche freute mich auch eine der für mich schönsten Marienstatuen am Weg.

Nach dem Gottesdienst schlenderten wir noch ein wenig die Geschäftsstraße entlang. Und da kam mir vor einem Sportgeschäft eine Idee. Als kurze Hose hatte ich mir vor der Reise eine alte lange Hose, die ich sonst nicht mehr tragen mochte, einfach abgeschnitten, und diese Hose war inzwischen sehr weit und überhaupt nicht mehr ansehnlich, ein wahrer Sack. Ich hatte auf dem Weg mächtig abgenommen und diesen Gewichtsverlust feierte ich mit einer neuen kurzen Hose, ich fand eine blaue, eng anliegende Sport-Shorts von Adidas, die für mich gut bezahlbar war. Und – vor dem Spiegel freute ich mich über meine neue Figur! Diese Hose konnte ich morgens immer unter meiner langen Hose anziehen und musste nun, wenn es warm war, nur noch die lange Hose ablegen, aber nicht mehr die Hosen wechseln. Sehr schön, sehr praktisch. Die Morgende wurden jetzt auch immer kühler, das passte alles sehr gut! Noch in der Herberge entsorgte ich erleichtert die alte Sack-Hose!

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Die Fieberbrücke

Erleichtert hatten uns inzwischen auch andere Bewohner der Herberge: Als wir morgens aufwachten, fanden wir unsere Vorräte angefressen, da mussten eine Menge Mäuse in der Herberge sein. Unsere nigelnagelneue Kekspackung, unser Brot, unser Obst, überall waren sie mit Nagerspuren übersät. Gesehen und gehört hatten wir nichts in der Nacht. Wir ließen uns den restlichen Nudelsalat zum Frühstück schmecken, wuschen ab und hinterließen an der unbesetzten Rezeption der Herberge einen Zettel, auf dem wir auf die kleinen Untermieter der Herberge aufmerksam machten.

Und wieder trugen unsere Stiefel uns weiter. Nach O Porriño verlief der Camino durch ein großes Industriegebiet, danach verschwand er wieder im Wald. Inzwischen waren wir im Finden der Pfeile schon viel geschickter geworden, so dass wir immer häufiger auf dem Camino liefen. Wir überquerten die Fieberbrücke, an der der aus Santiago zurückkehrende Pilger San Telmo an Fieber erkrankte und kurz darauf noch auf dem Camino verstarb. Doch das ist schon lange her, 13. Jahrhundert.

Beim Eingang nach Tui trafen wir zwei deutsche Frauen an einer Kapelle, die uns mit den Flechas weiterhalfen. Nach eigener Auskunft waren sie an diesem Tag trödelig drauf, sie kamen aus der örtlichen Herberge und nach O Porriño war es nicht weit. Sie schüttelten den Kopf, als sie von unseren typischen Tagesdistanzen hören. So hatte ich es mir auch einmal vorgestellt, jaja!

Kathedrale von Tui, beieindruckende Verschlossenheit

Beide waren von Porto aus losgelaufen und erzählten uns einiges: Frische Credenciale gibt es in der Kathedrale von Porto, das war wichtig für uns, denn nur noch wenige Stempelkästchen waren in unserem 2. Credencial frei. Und dass allgemein empfohlen wird, sich die ersten zwölf Kilometer aus Porto heraus nach Maia zu knicken und mit demBus zu fahren, weil es nur durch Vorort und Industriegebiet geht.

Wir laufen weiter nach Tui hinein und kauften für unser Mittagessen ein. An der Kathedrale, die leider verschlossen war, fanden wir ein Bänkchen direkt neben dem Finanzamt. Leider öffnete die Kathedrale auch nicht vor vier Uhr, wie wir zwischenzeitlich erfuhren, so musste diese Kathedrale eben auf uns verzichten wie wir auf sie. Auf dem Weg aus Tui heraus sprach uns eine Frau an. Wir schwatzen ein wenig, sie hatte auch einige Jahre in Deutschland gelebt. Zum Abschied segnete sie uns: „Dios vos bendiga!“

Peregrinos - im Hintergrund die Kathedrale von Tui

Wie schön, danke! Hat er gemacht! Kurz vor der Brücke über den mächtigen Río Minho, den wir hier – nach Portomarin – wiedertrafen, steht ein Pilgerdenkmal mit einem Muschelbrunnen. Natürlich wurden wieder Fotos gemacht, man konnte sich so schön neben ihn setzen, dekorativ die Kathedrale im Hintergrund.

Adios España - y muchas grácias!

Musico auf der Festung von Valença - im Hintergrund die Brücke über den Minho

Und dann war es so weit: Portugal, wir kommen! Wir verließen Spanien und überquerten die alte Brücke des Minho nach Portugal. Direkt nach der Brücke erreichten wir Valença, eine alte Festungsstadt. Im Oficina de Tourismo erhielten wir unseren Führer für den Caminho[1] Portugués, eine Karte von Valença und den Hinweis, dass die Albergue erst um 18.00 Uhr öffnet. Also stiegen wir mit unseren Rücksäcken zur Festung hinauf. Uns erwartete ein geruhsamer Nachmittag in der Festung mit Kirchenbesuch – ich entdeckte wieder eine sehr schöne „Sagrado Corazón“ Statue – und Rosario und Kaffeetrinken. Auf der Festungsmauer, mit den Beinen baumelnd und mit Blick auf Tui und die so verschlossene Kathedrale machen wir Rast in der Nachmittagssonne und: Maniküre und Pediküre. Mal ganz in Ruhe Körperpflege, muss ja auch mal sein. Als Santiago wieder schick war, griff er zu seiner Zampoña und gab für Portugal sein Einstiegskonzert! Und für mich persönlich!

Bom Dia Portugal - Wir sind da!

Wir schlendern zurück durch die Altstadt. Uns fiel auf, dass es unheimlich viele Wäschegeschäfte gab. Es wurde nun bald sechs Uhr, also machen uns auf zur zur Albergue St. Teotonio, die – schon längst OFFEN WAR. Ein deutsches Pärchen öffnete uns. Sie wollten von Valença den portugiesischen Weg nach Santiago zurückpilgern. In Santiago hat man ihnen versichert, dass man den Weg sonst nicht findet. Wie gut, dass wir ihren Ratgebern nicht begegnet waren. Auf der Busfahrt hatte die Frau allerdings ihre Stiefel vergessen, darauf warteten sie gerade. In der Herberge begegneten wir einem dicken Spanier, der gerade den Hospitalero vertrat. Er erzählte uns, dass er den Camino Portugués schon 12 x gelaufen habe. Nicht, dass er so aussieht! In der Herberge von Valença – Portugal scheint da wesentlich strikter zu sein als Spanien, wo Frauen und Männer immer bunt gemischt in den Räumen übernachteten – gab es einen Frauen- und einen Männerschlafsaal, das bedeutete, in dieser Nacht mussten wir uns trennen.

Santiago kochte für uns Suppe mit Nudeln; der Spanier bekochte später mit einem Riesenbuhei die halbe Herberge mit Fisch. Bei uns stand heute noch ein Rosario aus, wir fanden einen stillen Ort im Krankenzimmer der Herberge.

Unsere nächtliche Trennung hatte für mich sehr unangenehme Folgen: Es war eine eiskalte Nacht und meine lebendige Heizdecke fehlte mir sehr. Ich schloss das offene Fenster, weil der Windzug direkt auf mein Bett stand. Da beschwerte sich die Deutsche, die neben dem Fenster lag. Sie wäre so erkältet und bräuchte dringend frische Luft, sie könnte so nicht atmen. Da sie das nun schon die halbe Nacht hatte, beschloss ich, trotzdem das Fenster zu schließen, damit ich auch mal zum Schlafen kam. Das war nun ihr egal, sie öffnete es wieder. Selbst das Kopfkissen vom Nebenbett, das ich in meinen Schlafsack zum Zudecken hineinstopfe, machte mich nicht wärmer. Ich war stinkesauer und konnte nicht richtig schlafen. Ich kann eben einfach nicht schlafen, wenn ich zu kalt bin, das war schon immer so…

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[1] Ab jetzt werde ich die Camino mit h, also Caminho schreiben, weil es in Portugal so geschrieben wird.

Ein früher und ob der nächtlichen Kälte übellauniger Aufbruch führte uns aus der Stadt. Am Ortsausgang an der Tankstelle fanden wir ein Café und wir kaufen uns feiste Chocolatinas zum Frühstück, die halfen nach und nach darüber hinweg. Jetzt galt es zu entscheiden: wie laufen wir weiter? Es gibt eine Route über Viana do Castelo an der Küste entlang und eine über Ponte de Lima, etwas mehr landeinwärts. Vor 15 Jahren war ich einmal mit dem Auto in Nordportugal gewesen, ich kannte beide Städte, hatte in Viana do Castelo damals sogar einen farbenprächtigen Umzug miterlebt, fand aber Ponte de Lima schöner, vor allem erinnerte ich mich an den dortigen fantastischen Vinho Verde. Wir fragten auch nochmals bei einem Einheimischen nach, und er empfahl uns den Weg über Ponte de Lima, auch wenn er steiler wäre. Also gut! Wir fanden den Camino wieder und entschieden uns für die Route nach Ponte de Lima. Und dann kam sie, eine steile und lange Subida, aber das war ja angesagt, der Weg war wunderbar, eine total schöne Etappe durch den Wald. Mehrere Pilgerbrunnen standen am Weg, für uns war gesorgt.

In  S. Bento trafen wir an der Kirche auf vier deutsche Altherrenpilger. Wir tauschten uns aus über das Woher und das Wohin. Sie kamen aus Porto, an diesem Tage aus Rubiaes. 14 Tage hatten sie sich für die 240 km bis Santiago vorgenommen. Als sie von unserem Weg hörten, bezeichneten sie uns als „Harte Hunde“. Sie beschrieben uns den weiteren Weg des heutigen Tages, den wir auch wirklich gut fanden. Die ersten 20 km hatten wir schnell hinter uns.

Gärten und Viñeros des Vinho Verde auf dem Weg nach Ponte de Lima

In unserer Mittagspause in Rubiaes am Wegesrand passierten uns spanische Radpilger, auch sie gaben uns wieder Weghinweise. Es würde etwas feucht werden, sie hatten häufiger tragen müssen, oft wäre der Weg eng. Und wieder eine heftige Subida in der heißen Sonne! Auf dem Gipfel kamen uns einige deutsche Pilger entgegen, die in Ponte de Lima aufgebrochen waren und an diesem Tag erst jetzt hier angekommen waren, uuuiiiihhh, das würde ja noch einen ordentlichen Weg bedeuten! Und dann legte sich uns ein langer Abstieg vor die Stiefel, zunächst durch den Wald über Stock und Stein und mit unglaublich vielen Flechas, an jedem dritten Stein war einer! Santiago meinte: Wenn man all diese Pfeile besser über den gesamten Weg verteilt hätte, dann hätten wir es viel leichter gehabt. Nach dem Wald folgte ein beschaulicher Kopfsteinpflasterweg in Serpentinen abwärts durch Viñero-Hänge mit vielen, vielen Weintrauben, von denen so einige in Santiagos Hände „fielen“. Santiago trug heute meinen Omi-Hut gegen die Sonne, sein schwarzes Tuch machte ihm heute Kopfschmerzen. Weiter nach Ponte de Lima, ein Weg, der an diesem Tag gar nicht enden mochte: unter der Autobahn durch und einmal über eine fiese Behelfsbrücke über ein tiefes Wasserloch, die nur aus zwei Stahlträgern bestand, die über die Felsen gelegt waren. Hätte das Wasser, über das sie führten, nicht so im Schatten liegen, wir hätten gebadet. In einem stillen Waldstück hielten wir erschöpft ein Schläfchen.

Por fin - Ponte de Lima

Ganz plötzlich lag nach ca. 40 km Weg die Ponte de Lima vor uns und wir überquerten die alte, römische Brücke mit ihren 24 Bögen, verloren dafür aber sofort an ihrem Ende unsere Flechas. An diesem Abend machte uns unsere Übernachtungssuche zu schaffen, wir endeten über mehrere Stationen schließlich unter der Autobahnbrücke. Mehr über diesen Abend in “Sinn von Armut und Fülle”.

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Am Fluss Lima entlang ging es am nächsten Morgen weiter, wir entdeckten unsere Flechas. Am Weg durch die Gärten sahen wir überall Tüten mit Brötchen an den Hauseingängen, die vom Bäcker wohl dort abgeliefert wurden. Einige Häuser hatten sogar neben dem Briefkasten einen eigenen Einwurf für „Pan“, Brot. In einem kleinen Café hielten wir für die Toilette an, wir entdecken daneben einen winzigen Dorfladen. Für unser Frühstück lagen dort die letzten 4 Brötchen bereit, die es gab, und wir freuen uns darüber wie die Schneekönige, dazu zwei saftige Pfirsiche und eine Flasche Ananas-Saft, alles zusammen für 1,63 Euro.

Über viele Dörfer verlässt der Caminho Ponte de Lima. In Facha fanden wir ein recht modernes Café und konnten noch mehr Brot für den Tag kaufen. Hier erfuhren wir, dass der Milchkaffee in Portugal Galão heißt und ab diesem Moment bestellten wir uns diesen immer wieder. Wunderbar, die heiße, süße Milch im Kaffee. Irgendwann begann es zu nieseln und dann immer stärker an zu regnen und so blieb es auch bis Barcelos. Wir wurden pitschenass samt Hosen und Stiefeln, die blauen Plastik-Ponchos, die wir in León vor 20 Tagen im Chino-Basar gekauft hatten, kamen nun zum Einsatz. Das bedeutete übrigens, dass wir in ganz Galicien keinen wirklichen Regen hatten!! Stell dir vor, Pilar! In einem Bushäuschen stellten wir uns eine Weile unter, aber länger bleiben hat ja keinen Sinn.

Wir fanden unseren Caminho immer wieder und auf Fragen hieß es fast immer „Encima“, nach oben. Auch in Nordportugal ist die Landschaft in Wellen geschaffen. In den Tälern zerschneiden die großen Flüsse Minho, Lima, Cávado, Douro, Mondego das Land in Ost-/West-Richtung. Und nach jedem Fluss geht es wieder den Berg rauf, eben „Encima!“ Die blauen Flechas, die nach Fátima weisen, sind tlw. sehr irreführend. Vor einem Haus trafen wir eine Frau, die schon nach Fátima gepilgert war, in 5 Tagen. Von hier aus? So nah sind wir schon dran? Wir sollten noch sehen, wie die Portugiesen pilgern.

In Lijó, es ist schon wieder die Zeit des Abstieges, machen wir durchnässt Pause in einem Café, wärmten uns auf. Und wieder tröstete uns eine Chocolatina und weckte unsere Lebensgeister. Von hier aus sollte es nicht mehr so weit sein, und wir bekamen vom Café sogar einen Carimbo, so heißt in Portugal der Stempel. Der Regen ließ nach, als wir nach Barcelos hineinlaufen. In der Innenstadt suchten wir das Tourismus-Büro auf. Eine ganz liebe Deutsch-Portugiesin, die in Hamburg aufgewachsen war, verriet uns, dass es in Barcelos keine Pilgerherberge gibt und riet aufgrund unserer Finanzlage, es doch bei den Bombeiros Volontarios zumindest zu versuchen.  Sie erklärte uns den Weg, es war gar nicht weit. Sie hätten zwar nicht viele Betten, aber wenn wir Glück hätten, dann wären sie noch frei. Von der Feuerwehr hatten wir schon in Redondela von Miguel aus Madeira gehört. Und hier möchte ich mal einen Riesendank an die portugiesische freiwillige Feuerwehr aussprechen, die uns als Pilger unheimlich gut unterstützt hat. Danke dafür!

Denn tatsächlich, der Wachhabende der Feuerwehr führte uns in ein großes Zimmer, in dem drei Betten standen und zeigte uns in der Nähe noch eine Toilette. Großartig! Wir konnten die Mannschaftsdusche im Keller benutzen, und das tat ich auch. Jetzt mussten nur noch alle Sachen trocknen. Wieder 40 km geschafft, schon 80 in Portugal an zwei Tagen!!

Barcelos City - Gallo Portugués - Frango Asado

Barcelos ist die Stadt des Gallo Portugués, der Legende des portugiesischen Hahns. Es ist eine ähnliche Geschichte wie Santo Domingo de la Calzada, wo auch ein schon toter, gebratener Broiler wieder anfing zu krähen und damit das Leben Unschuldiger rettete. Wir gingen der Tradion auf den Grund und kauften uns auch ein Frango Assado, ein gebratenes Huhn und futterten es im Stile der Neandertaler aus der Hand in den Mund auf der Treppe einer Einkaufspassage hintereinander weg und auf der Stelle auf. So hungrig waren wir. Im Supermarkt Pingo Doce, zu dem uns die Hamburgerin geraten hatte, ging es dann zum Einkauf und auf dem Rückweg besorgten wir uns in einem Kiosk alte Zeitungen, damit über Nacht die Stiefel trocknen konnten. Wir waren fix und fertig! Es wurde eine ganz frühe Nacht bei den Bombeiros – und wir hörten es die ganze Nacht durch in Strömen regnen. Da wäre mit draußen Übernachten gar nichts gewesen.

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Sonntagsgottesdienst in der runden Igreja Senhor da Cruz in Barcelos - public domain Foto aus Wikipedia

Am nächsten Morgen – wieder ein Sonntag – gingen wir im strömenden Regen in die Igreja Bom Jesús da Cruz zum Gottesdienst, die Kirche war „gerappelt“ voll, was sich in Portugal als das Typische herausstellen sollte. Die Portugiesen sind ein sehr gläubiges Volk. Der örtliche Kirchen-Chor sang und eine der Vorsängerinnen, die sich sichtlich massiv persönlich im Chor einbrachte, sang konsequent neben der Spur – wunderbare Menschlichkeit. Wir tauchten ein in die portugiesische Sprache. Nach dem harten, manchmal geradezu knatternden Spanisch klingt das Portugiesische weich, gesungen, mit vielen S-Stimmlauten, teilweise wie genuschelt, auch schön!

Pai nosso que estais no céu,
santificado seja o vosso nome,
venha a nós o vosso reino,
seja feita a vossa vontade,
assim na terra como no céu.
O pão nosso de cada dia nos dai hoje;
perdoai-nos as nossas ofensas,
assim como nós perdoamos a quem nos tem ofendido,
e não nos deixeis cair em tentação,
mas livrai-nos do mal.
Porque teu é o reino, e o poder, e a glória,
para sempre.
Amen!

Im Gottesdienst sah Santiago plötzlich durch ein Fenster die Sonnenstrahlen hineinblinken. Der Tag war gerettet! Die Sonne zog tatsächlich ein und wir konnten unseren Weg nach St. Pedro de Rates bei trockenem Wetter fortsetzen. Gottesdienst besuchen hilft. Danke dafür!

Noch ein portugiesischer Hahn in Barcelos

Beim Verlassen der Stadt trafen wir noch auf viele der großen, bunten Hähne, die überall in Barcelos aufgestellt sind und schauten uns die große Kirche über dem Fluss an. Dann überquerten wir den Cávado und durchquerten Barcelinhos, das „kleine Barcelos“ auf der gegenüberliegenden Fluss-Seite. Plötzlich sprang mir ein Ortsname ins Auge, der mir sehr bekannt vorkam: Carvalhal! Das ist der Ort, in dem Eragon aus dem gleichnamigen Fantasy-Buch aufgewachsen ist, das ich mit meinem Sohn mit großer Begeisterung gelesen und im Kino gesehen hatte. Ich fotografierte das Ortswappen am Bushäuschen, um ihm später zeigen zu können, dass es einen solchen Ort tatsächlich gab.

Ortswappen Carvalhal - Eragon läßt grüßen

Dies war auch wieder so ein Tag, an dem es nicht so recht voranging. Kilometer zogen sich, auch wenn wir die Pfeile heute gut fanden. Der Camino führte heute wieder durch viele Viñeros, die jedoch oft stark gespritzt waren mit einer bläulichen Chemie. Wir waren nicht sehr schnell und nach den zwei Monsteretappen recht müde. Mein rechter Fuß tat mir nun schon seit ein paar Tagen richtig weh, auch wenn ich ihn täglich ausführlich behandelte.

In einem kleinen Ort liefen wir an einem Haus vorbei und ich sah eine blaugelbe Jakobsmuschel und schaute nochmals hin. So fanden wir quasi im Vorbeigehen die sehr gut ausgerüstete Albergue – der Ort war São Pedro de Rates – durch einen großen Zufall. Schnell kauften wir uns im Laden der Hospitalera, gegenüber der Herberge,  etwas zum Essen ein, es war ja Sonntag. Wen würde es jetzt überraschen, wenn es wieder Nudeln mit Tomatensoße und Thunfisch gab! An diesem Tag allerdings gab es zusätzlich als Beigabe dazu gregorianische Gesänge, in der Herberge gab es – welch ein Luxus – eine Stereoanlage und sogar ein paar CDs. Der Aufenthaltsraum war mit Sesseln und Sofas wohnzimmermäßig gemütlich.

Webseite der Albergue von São Pedro de Rates

Es gab einen Wäscheraum und viel Platz auf der Wäscheleine im Innenhof, eine exzellente Chance, um wieder einmal alles durchzuwaschen. Im Hinterhof befand sich sogar ein kleines Museum mit alten Landgerätschaften. Im Seitenteil des alten Gebäudes lagen die Duschen. Kleine schwarze Viecher flogen in Scharen durch die Gänge: Fledermäuse! Was wir nicht alles zu sehen bekamen!

Da wir heute früh ein gekehrt waren, schauten wir uns noch São Pedro de Rates an. Es gab einen kleinen, ausgeschilderten Rundweg zu Rates historischen Stätten. Wir fanden einen alten Brunnen, Bilder vom Leben der Kinder vor langer Zeit und eine kleine Kapelle, in der eine Virgen zu sehen ist, deren Herz mit 7 Schwertern durchbohrt ist. Das sah wirklich grausam aus. Sie muss schlimme Schmerzen leiden. Warum wird sie so dargestellt? Eine ältere Dame beaufsichtigte die Kapelle und wir konnten spüren, wie wichtig ihr diese Virgen war. Teilte sie ihren Schmerz? Erst lange danach erfahre ich von den typischen Leiden eines barmherzigen Menschen.

Die alte romanische Kirche in Rates

Weiter geht es in eine alte, trutzige, romanische Kirche. Wir entdeckten, dass es eine Templerkirche ist, ihr Hauptgiebel ist von einem Templerkreuz gekrönt. Wir fotografierten und es dauerte eine Weile, bis auf dem Bild sowohl unten Santiagos Füße und das Templerkreuz oben drauf waren. Innen konnte man die mächtigen weißen und grauen Steinblöcke erkennen, aus denen sie gebaut war. Von drinnen wirkt sie auch höher, als man von außen vermutet. Dunkle Holzbänke füllten den Innenraum. Die starken Pfeiler waren mit alten Skulpturen verziert, die Skulptur eines Bischofs trug dicke, rote Handschuhe und der Duft der Lilien auf dem Altar durchströmte die ganze Kirche. Doch ganz klar: Portugal ist Virgen-Country. Auch sie ist an prominentem Ort zu finden, Rosen zu ihren Füßen. Bald kam schlüssel­klappernd der Küster, um die Kirche zu schließen, schade. An der Rückseite sahen wir, dass die drei runden Apsiden gerade von außen beeindruckend, vor allem auch beeindruckend schön waren. Dahinter trafen wir auf acht Steinsärge, die im Bogen aufgestellt waren. Was mochte das sein?

Sieben Ominöse Steinsärge hinter der Kirche von Sao Pedro de Rates

Als es dunkel wurde, besuchten wir auf dem Rückweg noch ein Internet-Café und buchten uns für eine Stunde ein. Ich erhielt Post von meiner Praxis-Hauptmieterin, sie hatte ihre und damit auch meine Räume aufgrund ihrer persönlichen Situation von jetzt auf gleich aufgegeben. Wenn ich zurückkäme, hätte ich für meinen Neu-Anfang also erstmal keinen Raum. Eiiiiiiiieiiiiiiieiiiiii! Und dann noch die zweite Entdeckung: Meine Praxis-Internet-Seite war nicht mehr erreichbar! Ich hatte sie noch vor der Reise auf ein neues Programm umgestellt und zu einem neuen Provider umgezogen und nun verwies die Adresse nur noch auf eine Hinweisseite, Baustelle, nicht jedoch auf mein Angebot. Ich hatte meine Handykarte, auf der alle Anrufe für meine Praxis einliefen, bei meiner Vermieterin gelassen, damit sie Anrufe entgegen nehmen könnte von zukünftigen Klienten. Was sollte denn nun passieren, wenn ich zurück kam? Ich hatte doch auf neue Klienten gehofft für die Zeit nach meiner Pilgerreise. Und nun war alles ins Leere gelaufen und hatte mich richtig viel Geld gekostet. Wie sollte ich nach der Reise wieder meinen Lebensunterhalt verdienen? Doch ich konnte es nun drehen und wenden, wie ich wollte: Innerhalb von einer Stunde war das alles nicht lösbar.

Da mir schon seit Tagen mein rechter Fuß mächtig weh tat und trotz aller Behandlungen damit nicht aufhörte, entschloss ich mich, auch aufgrund der Aussagen der Pilgerinnen in Tui über die Vorstadt von Porto, mit dem Bus dorthin zu fahren, um alles Notwendige am nächsten Tag von dort aus zu regeln und vor allem meinen Heimflug zu buchen und währenddessen meine Fuß zu kurieren. Was soll denn nun aus mir werden? Nun war ja gar nichts mehr da außer meinem Auto und meiner eingelagerten Habe. Da war mehr offen, als ich erwartet hatte. Das Gefühl, wie ein Blatt im Winde zu sein, verstärkte sich noch einmal gewaltig. Was würde wohl nach dem Camino geschehen?

Santiago wollte die 37 km am nächsten Tag laufen, Buspilgern d.h. Schummelpilgern, das kam für ihn natürlich definitiv nicht in Frage. Am Abend fanden wir in der Herberge zwei Stadtpläne von Porto und den Busfahrplan, wir verabredeten uns an der Kathedrale für den nächsten Tag um vier Uhr nachmittags.

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Schräg gegenüber von der Herberge in São Pedro de Rates Rates lag die Bushaltestelle. Der Bus kam pünktlich um 7.45 Uhr und ich winkte Santiago nach, der die Straße Richtung Kirche hinunterlief, immer kleiner werdend. Der Bus war voller Schulkinder, die nach Póvoa de Varzim wollten. Sie wirkten genauso wie die Schulkinder bei uns in Stil und Klamotten und Gehabe. Mit einem Affenzahn schaukelte der Fahrer den alten Bus durch die Kurven, die anderen Mitfahrer ließ das ungerührt. Das war wohl tägliche Praxis, um pünktlich in der Schule anzukommen. In Póvoa de Varzim wechselte ich in den Bus nach Porto, in einen wesentlich bequemeren Überlandbus. Alles in allem kostete mich die lange Fahrt 3 Euro, Wahnsinn!

Die Trinitätskirche in Porto

Die ganze Busfahrt über behandelte ich meinen rechten Fuß und den ganzen Tag über immer wieder. Heute wollte ich die Dinge an der Heimatfront in Ordnung bringen. In Porto besuchte ich zunächst die Kirche, um für den Tag um gutes Gelingen, für die Lösung meiner Probleme und um die Heilung meines Fußes zu bitten. Ich fand als erstes die grau-grandiose Trinitätskirche und kam gerade rechtzeitig zum Gottesdienst. Anschließend setzte ich mich zur dortigen Statue des Sagrado Corazón de Jesús, um mit ihm zu reden. Es wurde sehr intensiv, es wurde lebensverändernd, was er mir zu verstehen gab.

Zunächst ging es um meinen Fuß. Dazu verstand ich: Der Körper ist immer heil und unversehrt. Doch zusätzlich ist dort der Schmerz. Und wenn wir den Schmerz heilen wollen, dann müssen wir den Schmerz liebevoll annehmen, ihm danken und ihn dann fragen: Wofür stehst Du? Was willst Du mir sagen? Die Antwort, die ich von meinem Fuß erhielt, war: Gehe einen besseren Weg! Entweder du verlässt dich auf Gott und bist unbesorgt oder du klärst das, was Dir Sorgen macht. Beides gleichzeitig geht nicht. Sonst gehst Du auf dem Weg nicht voran. Man kann nur einen Weg gehen. Der Schmerz an meinem Fuß wurde an diesem Tag besser, aber ganz ging er noch nicht weg, denn ganz hatte ich das Prinzip ja auch noch nicht bewältigt, das sollte erst in den nächsten Wochen kommen – durch die Inhalte dieses Buches.

Die zweite Aussage war: Lass dein Leben sich entfalten! Versuche nicht immer zu ergründen und zu wissen, was passiert, das ist für dich nicht kontrollierbar und es ist dir auch schlicht nicht möglich. Andere spielen in dem Spiel auch eine Rolle und das kannst Du nicht provo­zie­ren, nicht beschleunigen, nicht verlangsamen und nicht verhindern, es passiert einfach, jeder macht seine eigenen Züge. Lass das Leben sich entfalten und lebe es Tag für Tag und kläre jeden Tag genau das, was du jeden Tag klären musst, mehr nicht.

So entschloss ich mich, lediglich meine Internet-Präsenz abzustellen und mit der Reparatur und allen weiteren Aktivitäten für meine Zukunft und mein Auskom­men bis Berlin zu warten. Im Haus der Stadtver­wal­tung, schräg gegenüber der Trinitätskirche, bekam ich eine ganze Stunde Internet geschenkt. Ich stellte also meine Internet-Seite ab, schickte Emails, schaute nach Flügen von Lissabon oder Madrid nach Berlin und begann, mir ganz in Ruhe das schöne Porto gefallen zu lassen. Jetzt pilgerte ich, genau dies war gerade dran, das war das Einzige, was ich jetzt erleben konnte und sollte. Und: sollte sich das Leben doch um sich selber kümmern! Ich kaufte neue Credenciale in der Kathedrale, denn unser zweites war nun auch schon voller Stempel – oder wie sie in Portugal heißen: Carimbos, genehmigte mir noch einen Galão in der verwinkelten Altstadt unterhalb der Kathedrale. Ab halb vier wartete ich wieder vor der Kathedrale auf Santiago.

Bombeiros von Porto

Er kam erst gegen fünf Uhr, denn er hatte sich verlaufen und insgesamt einen harten Tag hinter sich. Wir waren wirklich froh, einander wieder zu haben. Wir übernachteten wieder – großes Glück – bei den Bombeiros und leisteten uns als warme Mahlzeit Große Pommes bei McDonalds. Wir schliefen in unterschiedlichen Räumen, da es jeweils nur einen Schlafraum für Männer und für Frauen gab. Ich zeigte ihm noch die schöne Igreja Trinidade, wo gerade ein Gottesdienst endete. Hier holten wir uns noch unseren Carimbo in der Sakristei, dann schloss die Kirche.

Gegenüber der Kirche war das Locutorio, ein Telefon- und Internetcafé, in dem ich an diesem Tag ebenfalls einige Zeit verbracht und auch meinen Flug von Madrid nach Berlin gebucht hatte. Dorthin gingen wir, und Santiago freute sich von Herzen über sein Telefonat mit seinem Sohn in der Heimat. Die Lichter Portos genossen wir bei einem langen Abendspaziergang und kehrten dann zur Feuerwehr zurück. Santiago schlief im Mannschaftsraum der Männer, ich in dem der Frauen.

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Santiago lernte über Nacht bei den Bombeiros Karl-Heinz kennen, sie redeten noch lange in die Nacht hinein. Karl-Heinz war von Lissabon den Camino Portugués gelaufen, hatte Fátima und Tomar besucht, wovon er sehr schwärmte. Er hatte unterwegs lange keine anderen Pilger getroffen, hatte auch vor Porto für eine Strecke den Bus genommen und freute sich nun über unsere Gesellschaft. Ein ganzes Jahr lang hatte er frei und war nach Todesfällen in der Familie einfach auf den Camino gegangen, um für sich Trost und eine neue Perspektive zu finden. So lud er uns, als wir auf unsere Carimbos der Feuerwehr warteten, zum Kaffee ein und wir redeten noch lange. Zum Abschied sang er für uns an der Ampel vor der Trinitätskirche ein mehrstrophiges, berührendes Lied über die Wanderschaft, über ihr Wohl und Wehe, das Süße und das Bittere. Danke, Karl-Heinz und viel Glück für Dich!

Porto - Brücke über den Douro, dahinter die Portweinkellereien

Wir stiegen wieder an zur Kathedrale und überquerten die große Brücke über den Douro. Jetzt lag noch einmal die ganze Schönheit Portos vor uns. Auf der einen Seite die mächtige Sé (Kathedrale) mit dem Bischofssitz, daneben die als Unesco-Kulturerbe geschützte Altstadt mit ihren engen, verwinkelten, oft steilen Gässchen, in denen ich gestern etwas herumgeklettert war. Unten am Fluss die Anlegestellen der traditionellen Portwein-Boote, die großen Kontore und die Restaurants am Ufer des breiten Douro und auf der anderen Seite die ganzen Portweinkellereien in Vila Nova da Gaia, bekannte Namen waren da auf den großen Schildern zu sehen: Sandeman, Ferreira, Taylor’s , Fonseca, Graham, wie viele man davon kennt! Fantastisch! Der Pilger ist jedoch kein Tourist, also ging es weiter. Unsere Pfeile verloren wir im Nu. In Vila Nova liefen wir die Hauptstraße entlang, es gab hier sogar einen Schlecker, ich kaufte mir neues Duschgel und Shampoo, nun machte es mir nichts mehr aus, auch normal große Flaschen zu tragen. Mein Rucksack war mir so weitgehend an den Rücken gewachsen, oft merkte ich ihn nicht mehr, wie die Kilos, die so manche von uns an Bauch, Beinen und Po tragen.

Porto - Blick auf die Altstadt Ribeira (Weltkulturerbe)

Santiago kaufte uns Brot und einen Kokos-Kuchen mit viel, viel Puderzucker drauf, wir staubten damit fröhlich beim Laufen vor uns hin, das Süße tat uns sehr, sehr gut. Wir fragten unterwegs ein paar Frauen nach dem Weg und sie wiesen uns den Weg – zur nächsten Bushaltestelle. Als wir ihnen klarmachten, dass wir zu Fuß weiter wollten, pilgerten, da stiegen ihnen die Tränen in die Augen. Fátima! Ein Zauberwort in Portugal! Die eine nannte uns ihren Namen, Claudia, fiel uns um den Hals und bat, dass wir in Fátima für sie beten. Claudia, das haben wir gemacht!

Die N1, das war heute unsere Laufstrecke. Und die N1 war Baustelle, die ganze Zeit lang, das lasen wir auf den Schildern an der Straße. Im Prinzip kann man sagen, dass inzwischen das ganze Gebiet an der Nord-Küste bebaut ist, zwischen den Städten vielleicht mal 100, 200 m mit Bäumen dazwischen, ansonsten steht an der Landstraße Haus an Haus. Das war Anfang der 90er Jahre noch nicht so gewesen. Als ich damals in Portugal war, da kam mir Portugal unheimlich aufgeräumt vor, so wie Oberbayern, vor allem gegenüber Spanien, das eine einzige Baustelle zu sein schien. Kaum hatten wir damals die Grenze überschritten, schien uns Portugal wie ein Paradies, ein Land, vor dem die Zeit ein wenig Halt gemacht hatte. Nur ein paar EU-geförderte neue Straßen hatten wir gesehen, der Rest wirkte so ursprünglich – und eben sehr ordentlich, müllfrei, als ob gerade eben noch gefegt worden wäre. Und davon hatte ich Santiago auch vorher vorgeschwärmt, der ein großer Fan von Sauberkeit ist. So war es inzwischen nicht mehr, die Landstraße war genauso schmuddelig wie jede andere Landstraße. Und – inzwischen hatte sich Spanien konsolidiert, man hatte sich Mühe gegeben, Altes und Neues neben­einander gut aussehen zu lassen. Portugal hatte sich verändert und die N1 war kein wirklich schöner Ort. Genervt, ich war genervt!

Mit meinem Fuß war es an diesem Tag wesentlich besser, es gab Phasen, da hab ich ihn gar nicht mehr gespürt. Auch an diesem Tag trafen wir einen Pilger, der ebenfalls schon lange ohne Kontakt zu anderen Pilgern war, ebenfalls ein Deutscher, der lange in Südafrika gelebt hatte und nun in Spanien in Sichtweite zur portugiesischen Grenze wohnte. Er war in Lissabon losgelaufen und war in den im Pilgerführer aufgeführten Herbergen und Pensionen gewesen, jedoch anderen Pilgern dort nicht begegnet. Er war auch in Fátima gewesen, hatte es aber schrecklich gefunden, ein Fußballfeld und jede Menge Andenkenläden, von Wallfahrtsort hätte er kaum etwas gemerkt. Er hätte sich gern auf einen längeren Plausch eingelassen, doch Santiago wollte weiter und verabschiedete sich auf seine geschickte Art sehr schnell.

Landstraße, Baustelle, immer wieder Seitenwechsel oder Marsch auf dem Seitenstreifen, Pausen am Wegesrand – mittendrin und ohne Punkt und Komma, Supermärkte, Industriegebiete, Landstraßengastronomie. Wie unser Gemüt verdunkelte sich auch der Himmel. Ich war schon lustlos und hatte noch weniger Lust auf Regenwetter. Auf der anderen Straßenseite sah ich plötzlich einen McDonalds und daneben – die Bombeiros! Vorsichtig fragte ich Santiago, ob wir da mal nachfragen wollten, wir hatten ja ungefähr erst 25 km geschafft, dabei war es schon vier Uhr nachmittags. Er ging mit mir über die Straße, es geschahen doch noch Zeichen und Wunder!

Wir fragten, der Commandante wurde gerufen, er fragte Santiago nach seiner Herkunft: Ecuador! Jawohl, wir konnten bleiben und bekamen unser Zimmer gezeigt, ein unbenutztes Casino, in dem an der einen Seite viele Matratzen übereinander gestapelt lagen. Noch während wir die Treppe hinaufgingen, kam der Kommandante hinter uns her, fragte uns, ob wir etwas zu Essen haben wollten. Wie freundlich, ja natürlich! Er nahm uns kurz mit über den Hof zur Kantine, die auch gleichzeitig ein öffentliches Restaurant ist. Und just in diesem Moment ging er los: der Wolkenbruch. Es goss wie aus Eimern, zwei Minuten nach unserer Ankunft! Hätten wir die Feuerwehr rechts liegen gelassen, dann wären wir jetzt innerhalb von Sekunden triefend nass geworden. Wenn es auf unserem Camino einen rechten Zeitpunkt gegeben hätte, dann diesen! Wahr und wahrhaftig! Danke, gütiger Gott!

Der Commandante stellte uns Elia, dem Koch vor, der sagte uns, wir sollten in ungefähr einer Stunde wiederkommen. Pünktlich und hungrig fanden wir uns nach einer heißen Dusche und dem Bettenbau wieder ein. Jetzt war nur noch die Frau des Koches da, Fátima, eine rundliche, freundliche Seele von Mensch, so richtig jemand zum Liebhaben, von dem man sich gern mal ausgiebig bemuttern lässt. Sie stellte uns zunächst einen Teller mit Bollos, Klößen hin. Es gab zwei Sorten, die eine mit Bacalhau, dem portugiesischen Stockfisch aus Kabeljau, und die andere mit Fleisch. Insbesondere die Bacalhau-Bollos waren exzellent. Wir fragten Fátima nach dem Rezept, dass sie uns ausführlich erklärte. Man nehme Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch, Kräuter und Bacalhau und mische sie zu einem festen Teig. Mit Löffeln werden die Bollos geformt und dann in Fett ausgebacken. Wir futterten sie alle auf und bekamen: einen zweiten Teller davon! Santiago schaffte es immer, gefragt zu solchen Zeiten ohne Bedenken Ja und Danke zu sagen, was mir schwer fiele. Und die Feuerwehr stiftete uns eine ganze Flasche Saft dazu. Das einzige Unangenehme war, dass Santiago von dem Fisch Pusteln bekam, aber das kannte er schon, sie gingen wie sie kamen. Danke Fátima, danke Bombeiros, das war Nahrung für Körper UND Seele! Als Hauptgericht gab es Kohlsuppe, und wie man ein solches Gericht genießen kann! Und: es gab satt zu essen, mehr als einen Teller voll, von Fátima und Elia mit viel Liebe gekocht.

In unserem Casino machten wir es uns gemütlich. Dort gab es sogar einen Fernseher – und – es war Mittwoch, Champions-League-Mittwoch. Der Fußballfan Santiago schaute im Liegen beglückt und begeistert alle Spiele des Abends und ich machte es mir neben ihm bequem, ebenfalls begeistert über unser Glück, genoss seine Nähe. Draußen regnete und regnete es, bis ungefähr fünf Uhr morgens, wir hörten es die ganze Nacht auf der Terrasse vor dem Casino laut plätschern.

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Morgens brachen wir dankbar bei den Bombeiros auf, der Regen hatte aufgehört und es blieb den Tag über weitestgehend trocken. Wieder ging es auf die N1. Nach 10 km versuchen wir, in St. Joao de Madeira wieder auf den Camino zu kommen. Wir frühstücken in einem Park vor der Kirchenverwaltung und fragen den Gärtner, ob er den Camino kennen würde. Er empfahl uns, auf die N1 zurückzukehren und auf dieser bis kurz vor Fátima zu bleiben. Das machen hier alle Pilger so. Auch im Tourismus-Büro wusste die junge Dame gar nicht, dass der Camino durch ihren Ort geht, dafür konnte sie uns eine gute Karte der Umgebung überlassen. Sie schenkte uns einige Postkarten von St. Joao.

Auf dem großen Platz in St. Joao, Santiago war gerade nicht an meiner Seite, sprach mich ein junger Mann an, mal gar nicht politisch korrekt aber dafür verständlich gesprochen: ein Zigeunerjunge. Er möchte Geld von mir, um sich etwas zu essen zu kaufen. Ich gab ihm komplett mein ganzes restliches Kleingeld, so ca. 50 Cent, doch er sah, dass ich noch einen 5-Euro-Schein habe, den will er haben. Er jammerte und weinte fast, doch in mir kam meine Sparsamkeit durch, davon wollte ich heute leben. Mein Geld war inzwischen ziemlich knapp. Der Tag war ja noch jung, er kann ja noch viele andere Menschen fragen, beruhigte ich mich.

Schon lange wusste ich auch nicht mehr, wie es auf meinem Konto aussah, denn meine Kontokennnummer hatte sich auf dem Zettel, auf den ich sie geschrieben hatte, durch den Schweiß aufgelöst, ich wusste nicht, ob ich überhaupt noch Guthaben hatte… Ich behielt meine 5 Euro, doch richtig wohl war mir nicht mit meiner Entscheidung, den ganzen Tag über kam es immer wieder zu mir zurück. Hätte ich ihm das Geld nicht besser gegeben in dem Vertrauen, schon genug zu bekommen?

Wir fanden und verloren unsere Flechas. In dem Ort Santiago de Riba suchten wir wieder weiter, es schien uns selbstverständlich, dass der Caminho durch diesen Ort geht. An einem Haus sprachen wir eine ältere Frau an. Als sie hörte, dass wir auf dem Weg nach Fátima sind, weinte sie heftig und rief immer wieder die Virgen an. Auch sie bat uns, für sie in Fátima zu beten, und nannte uns dafür ihren Namen:  Madalena. Wir versprachen auch ihr, für sie zu beten. Madalena, wir haben unser Versprechen eingehalten und mehrfach unterwegs und in Fátima für Dich gebetet.

Um halb drei kamen wir in Oliveira de Azemeis an und fanden wieder Flechas! An der Iglesia S. Miguel wollten wir pausieren und wir warteten, bis sie öffnete und beteten mit vielen Frauen, die dort einkehren, einen Rosario mit und wieder umfing uns das einschmeichelnde, singende Portugiesisch:

Avé Maria, cheia de graça,
o Senhor é convosco.
Bendita sois vós entre as mulheres;
bendito é o fruto do vosso ventre, Jesus.
Santa Maria, mãe de Deus,
rogai por nós, pecadores,
agora e na hora da nossa morte.
Amen

Wir beteten weiterhin auf Spanisch. Hinter uns kniete ein Mann, der uns interessiert zuhörte. Besonders in dieser Kirche fiel mir auf, was ich ab dann immer wieder beobachten konnte: In der Kirche war vorn rechts vom Altar eine Marienstatue und links vom Altar eine Jesus-Statue in der Ausgestaltung als Sagrado Corazón. Doch die meisten Menschen gingen beim Betreten der Kirche zur Virgen, in inniger Versenkung sie begrüßend. Ich war – wie immer – zunächst bei Jesus gelandet, hatte – wie immer – mein Gespräch mit ihm wieder aufgenommen. Doch irgendwas musste da dran sein Ich war evangelisch erzogen worden, Maria kam Weihnachten mal kurz vor, sonst nicht. Es musste etwas dran sein an Maria. Ich beschloss, mich aufgrund dieser Beobachtungen, aber auch, weil ich zwischen zwei Marienwallfahrtsorten unterwegs war, mehr auf Maria einzulassen, mich ihr bewusster zuzuwenden.

Nach dem Gottesdienst entschlossen wir uns zu bleiben und kamen bei den Bombeiros in einem sehr schönen, gemeinsamen Zimmer unter. Wir hatten Zeit für eine Stadtbegehung und suchten als erstes das Tourismus-Büro auf, wo wir eine schöne Karte bekamen, die nun ganz bis Fátima reichte. Santiago riss so lange daran herum, bis er nur noch unseren Weg zurückbehielt, damit er die Karte in seiner Hosentasche unterbringen konnte.

Im Supermarkt Pingo Doce gab es frischen Frango Asado und sogar fertigen Gemüsereis, was wir in der Küche der Bombeiros sehr zufrieden verspeisten. Die in Portugal so präsenten Grillhähnchen gaben uns sehr viel Kraft in diesen Tagen, unseren anstrengenden Weg fortzusetzen, hielten uns Leib und Seele zusammen. Wir hatten bestimmt schon genug Nudeln mit Thunfisch gegessen.

Gegen Abend besuchten wir die Misa in der Igreja Matriz  St. Miguel. Der Mann hinter uns beim Rosario-Gebet war der örtliche Pfarrer gewesen! Nach dem Gottesdienst baten wir ihn um einen Carimbo. Der war im Pfarrbüro ein paar Häuser weiter. Durch den strömenden Regen rannten wir mit ihm dorthin, auch dieser Stempel sollte uns noch etwas nützen.

Im Casino der Bombeiros gab es wieder Champions League für Santiago, ich blieb im wärmenden Bett und las das Heftchen über Fátima, das wir im Pfarrbüro in Arzúa gefunden hatten, von den drei Hirtenkindern Jacinta, Francisco und Lucía, die Botschaft, wie Lucía sie gesprochen hatte. Sie erzählte von den Erscheinungen des Engels, der die Kinder beten gelehrt hatte und den Erscheinungen der Virgen, ihre Bitten an die Kinder und dem Wunder.

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Wir hatten diesmal verdunkelte Fenster in dem Raum und schliefen lange aus bei den Bombeiros. Erst weit nach 8 Uhr verließen wir die Bombeiros durch die Fahrzeug-Halle. Man gewöhnt sich eigentlich schnell dran, täglich zwischen all den Feuerwehrautos durchzulaufen. Wir fanden unsere Flechas und verließen Oliveira. Ich wollte unbedingt auf dem Caminho bleiben, auch wenn uns alle immer wieder auf die N1 schicken, es ist für mich „der Weg des Herrn“, der Weg zu Gott und durch Gottes Natur.

Auf dem Caminho ist's schöner

Als der Weg in Pinheiro wieder in den Wald übergehen will, rief uns eine Frau zurück und fragte uns, was wir da wollten, weil es dicht am Nachbarhaus vorbeigeht. Auch sie wollte uns wieder zurückschicken. Doch auch direkt an ihrer Gartenmauer ist ein gelber Pfeil angebracht, den wir ihr zeigten und erklärten: Der Caminho de Santiago führt direkt an ihrem Haus vorbei und wenn sie den gelben Pfeilen folgen würde, würde sie direkt in Santiago de Compostela ankommen. Sie erzählte uns, dass sie tatsächlich schon häufiger Radfahrer und Wanderer in der Gegenrichtung gesehen hätte und sich immer gewundert hätte, wo die denn alle herkämen. Allerdings wäre ein anderer Wallfahrtsort in dem Wald und sie hatte diesen als Ausgangsort der Fremden vermutet. Ob sie inzwischen wohl ein Stück des Weges oder den ganzen Weg probiert hat?

Nun ging es tief durch den Wald, es war noch feucht, aber angenehm. Nach all der Landstraße ist es wirklich eine Wohltat, wieder in der klaren, duftigen Waldluft zu laufen, der Weg ist weich und fußschonend. SO ist der Weg für mich richtig. Wir hatten Glück und fanden unsere Pfeile regelmäßig.

Irgendwann sahen wir eine riesige weiße Marienstatue. Als wir näher kommen, entdeckten wir den kleinen Wallfahrtsort „Nossa Senhora do Socorro“[1], mitten im Wald. Vor der Statue standen viele Votiv-Kerzen, alle nur ein wenig abgebrannt aber verlöscht, weil der heftige Regen der letzten Nacht spätestens alle Kerzenflammen in Wasser ertränkt hatte. Wir nahmen uns die Zeit und gossen das Wasser aus allen Kerzen aus, trockneten sie ab und entzündeten sie neu, damit die Wünsche und Gebete der Menschen, die sie aufgestellt hatten, wieder neue Kraft, neues spirituelles Feuer bekamen. Einige verlöschten gleich wieder, waren die Wünsche schon erfüllt? Waren es Wünsche gewesen, die Seinem Willen nicht entsprachen? Die meisten aber, so ungefähr 20 der 30 Kerzen, brannten weiter zu Füßen der Senhora Immaculada.

Wir stiegen auf zum Sanctuario. Dort fanden wir eine Kirche, verschlossen. Vor einem winzigen, geöffneten Fenster stand ein Mann, mit kummervollem Gesicht, so empfand ich es, und betete seinen Rosario. Er blieb für sich, war in sein Gebet vertieft, wir ließen ihn in Ruhe und setzten uns in dem schönen Garten zu einer Pause hin.

Nun ging es abwärts durch den Wald, und leider – verließen uns die Pfeile wieder. In einem Dorf kamen wir aus dem Wald heraus. Wir fragten einen Mann mit einer großen Ladung Holz auf dem Rücken, wo wir den wären und wie wir denn nach Albergaria-a-velha, zur alten Herberge kämen. Er zeigte auf eine Straße, die sich ca. 100 m über uns an den Berg schmiegte. Toll! Encima! Hatten wir ja lange nicht. Wir kletterten die Straße hinauf und kamen nach 2-3 km nach Albergaria-a-Velha. Schnell fanden wir auch ein Schild, das uns zu den Bombeiros führte.

Doch zu früh gefreut. Wir könnten zwar bei den Bombeiros duschen, jedoch nicht übernachten. Das ginge eventuell im Gemeindehaus. Sie wiesen auf das Haus des Pfarrers und wir gingen hin und klingelten. Keiner da! Auch in der Kirche St. Cruz  schräg gegenüber nicht. Doch in der Kirche konnte man schön warten, und wir erledigten einen Teil unseres Betpensums, auch eine sehr ansprechende Herz-Jesu-Figur war da. Und hier geschah es zum ersten Male, dass sich auch wie sonst Jesus die Statue der Maria, einer – wie ich später entdecken sollte – Fátima-Maria, bewegte, als ich versuchte, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Die Annährung begann und gelang… Was ich von ihr erfuhr, das war: Jeder Kilometer, den wir pilgern, hilft. Jeder Akt, jedes Gebet, jede gute Tat, jeder km, der für Gott gelaufen wird, hilft, um uns selbst und unsere Welt zu verbessern. Das hatte ich noch nicht so gewusst. Penitencia ist der spanische Begriff, im Deutschen meist mit Buße übersetzt. Wir redeten eine Weile, sie vermittelte mir privat viel Neues.

Nach einer Stunde versuchten wir es noch einmal am Pfarrhaus, und ein älterer Herr öffnete, der so ähnlich aussah wie ein Bruder der Schulzes aus Tim und Struppi. Der Pfarrer schloss uns das Gemeindehaus aus und zeigte uns einen Kinder-Katechismusraum mit vielen Kinderstühlen im Keller, in dem wir auf dem Fußboden schlafen konnten. Die Toilette samt Bidet lag zwei Stockwerke höher. Er drückte uns den Schlüssel in die Hand mit der Bitte, in am nächsten Morgen durch den Briefschlitz zu werfen. Wunderbar! Wir bauten unsere Schlafstätte und machten uns auf unseren Stadtrundgang und die Suche nach einem Supermarkt. Leider kein Pingo Doce, leider kein Frango, sondern für jeden von uns eine Dose kalte Hühnersuppe und das obligatorische Brot, besser als nichts.

Bald trafen im Gemeindehaus auch zwei Österreicher ein, die ungefähr denselben Weg genommen hatten wie wir. Sie waren zwei Tage vor uns in St. Jean losgelaufen, allerdings hatten sie nicht nur Finisterra, sondern auch Muxia an der Westküste Spaniens besucht, wo der Apostel Santiago von der Virgen zum Fortsetzen seiner Mission ermutigt worden war.

Sie erzählten uns, dass auch sie in Lourosa bei den Bombeiros geschlafen hätten, einen Tag nach uns. In der Kantine hätten sie allerdings ihr Essen bezahlen müssen. Sie liefen hauptsächlich Landstraße, da ihnen die Pfeilsuche zu mühselig war. Nach unserem Austausch des Woher/Wohin gingen sie aus, um in einem Restaurant zu Abend zu essen. Wir blieben mit unseren Dosen zurück.

Die Abendmesse war wieder unsere, anschließend setzten wir uns ins Café Latino, das dem Gemeindehaus gegenüber lag, wo wir uns eine Cola teilten. Dort gab es einen Fernseher und Santiago genoss weiterhin seine Champions League. Ich war müde und einfach nur froh, neben ihm zu sitzen und nichts zu machen.

Beim Einschlafen diskutierten wir, wo wir weiterlaufen würden. Santiago war nach dem Gespräch mit den Österreichern für die Landstraße, ich wollte auf jeden Fall den Caminho laufen, egal, was irgendjemand sagt, egal, wie schwierig es ist. Das ganze artete in ein sehr unangenehmes Gespräch aus mit dem Ergebnis, dass wir am nächsten Tag getrennt laufen und uns am Abend dann bei den Bombeiros in Anadia wieder treffen wollten.

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[1] Unsere liebe Frau der Hilfe

Am  nächsten Morgen kam Santiago doch mit auf den Camino und wir fanden ihn an diesem Tag erstmal sehr gut. Wir hielten unsere Frühstückspause auf einer Bank in einem kleinen Ort auf einer Bank und beobachteten die Leute, wie sie an einem mobilen Supermarktlaster einkauften. So kommt man als kleine Dorfgemeinschaft auch zusammen! Als wir aufbrachen und uns nach unseren Pfeilen umschauten, da sprach uns ein Mann darauf an, was wir suchten. Als er von unserem Vorhaben hörte, wurde er sehr bestimmt: „Er lebe jetzt zwar in Amerika, aber er stamme von hier. Hier gäbe es keinen Camino, keine Pfeile, der Weg nach Fátima führt über die N1 und das wäre da lang.“ Der Weg, den er uns wies, führte uns total in eine Sackgasse und auf einen Schrottplatz, wir mußten umkehren. Wir drehten um, und liefen zur letzten Straße zurück.

Santiago hatte keine Lust mehr, die Pfeile zu suchen und ich wollte unbedingt auf dem Camino bleiben, weil ich keine Lust mehr auf Autos, Autos, Autos, Lärm und schlechte Luft hatte. Schon am Abend vorher in Albergaria-a-Velha hatte es ja die Diskussion gegeben, weil wir uns auf dem Weg dahin verlaufen hatten.

Santiago war es nun leid, er wollte auf die N1, wozu ich nicht bereit war. Und ich wollte den Camino weiterlaufen. Der Camino war für mich der Weg Gottes in der Alltags­welt, ihn wollte ich verfolgen, auch wenn es schwierig war, oder ich suchen musste, denn er war einfach schöner, natürlicher, angenehmer, und zwar deutlich! Und dann geschah es: Wir trennten uns, was ich nie geglaubt hätte. Der Camino war mir in diesem Moment wichtiger, als mit Santiago zusammen den Tag weiter zu pilgern. Etwas anderes war mir wichtiger als Santiago! Eine Revolution in mir! Herzklopfen, Schreck, und trotzdem Entschlossenheit und das Gefühl, das Richtige getan zu haben.

Da ging Santiago zurück auf die Landstraße, wir verabredeten uns bei den Bombeiros Volontarios in Anadia, unserem nächsten Etappenende. Und ich fing wieder an, Pfeile zu suchen, fand sie, verlor sie wieder, fand sie wieder und betete einen Rosario, damit ich sie in Zukunft besser finden würde. Und so geschah es auch.

Ich hatte beim Frühstück ein Hinweisschild zu einem Bahnhof gesehen. In dieser Straße zum Bahnhof hin hätten unsere Pfeile auch sein können. Und nun sah ich vor mir Bahnschienen. Ich lief entlang der Bahnschiene in die Richtung, wo ich die Straße und den Bahnhof vermutete, und es dauerte gar nicht lang, bis ich den Bahnhof erreichte. Und siehe da, an der Straße fand ich Pfeile. An einer Kreuzung fragte ich einen jungen Mann auf einem Fahrrad, ob in der Straße, aus der er gerade kam, sich gelbe Pfeile befinden würden, wobei ich ihm einen zeigte, der sich an der Kreuzung befand. Von der Anbringung des Pfeiles her müsste der Weg aus der Straße herkommen. Er hatte nie einen gesehen, obwohl er hier wohnte. Oje, ich probierte die Straße trotzdem, weil es einfach wahrscheinlich war. Und, natürlich waren da meine Pfeile! So ist es also: die Menschen haben die Pfeile täglich vor der Nase und sehen sie nicht. Und ein Fremder kann kommen und sie einfach finden, weil er zu sehen und zu deuten gelernt hat. Trotzdem ging ich wohlgemut meines Weges, denn ich war auf dem Caminho. Und wieder  eine Wegentscheidung: ein Trampelpfad an der Bahnschiene und ein anderer Weg. Auf dem Trampelpfad sah ich in der Entfernung Hunde. Ok, also nahm ich den Trampelpfad: Er stellte sich im Rückblick wieder als Caminho heraus. Santiago und die Hunde! Das ist nicht von ungefähr!

Nach zwei Stunden sah ich plötzlich vor mir auf der Straße – auf seiner Zampoña spielend – Santiago sitzen. Der Camino hatte die Landstraße wieder gekreuzt, er hatte die Pfeile gesehen und dort auf mich gewartet. Er begrüßte mich als seine „Superheldin“ und ab nun pilgerten wir gemeinsam weiter! Es scheint so zu sein, dass man auf dem Weg zu Gott, für Gott auch bereit sein muss, das Liebste hinter sich zu lassen, loszulassen. Es heißt ja nicht, dass man es so für immer verliert, im Gegenteil, ich bekam Santiago neu zurück. Ich war überglücklich.

Frühstück an der Azulejokirche Lamas do Vouga

Zwei weiße Tauben für uns !

Nahe des Flusses Vouga machten wir an einer mit Azulejos[1] verkleideten Klosterkirche mit fantastischem Ausblick Frühstückspause, die Kirche lag auf einem Hügel. Auf den Schornstein des Hauses neben der Kirche setzten sich: zwei weiße Tauben, zusammen. Das war mir ein Zeichen. In Fromista hatte ich eine weiße Taube gesehen, nun waren es Zwei, ein Pärchen. Ja, wir waren wieder zu Zweit. Zwei weiße Tauben, wie auf einer Hochzeitstorte… Wir pilgerten weiter und sahen bald in der Ferne die portugiesischen Pilger mit ihren Neonwesten und Turnschuhen auf der Landstraße N1 weiterlaufen, während wir auf schönsten Wegen unseren Camino fortsetzen. Wir erreichten Agueda und suchten mal wieder das Tourismus-Büro. Ein Russe sprach uns an, ob er uns helfen könnte. Ja klar, er begleitete uns quer durch die Stadt bis zur alten Brücke, wo in einem kleinen Glashäuschen das Büro war. Die Frau dort erklärte uns, dass der Camino tatsächlich einer alten römischen Straße folgte. Sie gab uns noch ein paar Tipps und nach einer kurzen Pause ging es weiter, wir überquerten die alte römische Brücke in Richtung Anadia. Der Weg stieg wieder hinauf und wir durchquerten ein lang gezogenes Industriegebiet.

Mein rechter Fuß tat es wieder recht gut, da trat eine neue, gesundheitliche Malesse auf. Hatte ich nun Santiago wieder, so hatte sich bei mir eine Blasenentzündung eingeschlichen. Wir hatten inzwischen den 5. Oktober, so richtig schwer warm war es nicht mehr, wenn wir uns unterwegs hinsetzten. Mein Sitzkissen hatte ich ja kurz vor Belorado verloren. Ich tat, was ich immer tat, wenn mich so etwas traf: viel trinken! Ich kaufte in einer Kneipe eine große Wasserflasche und trank sie kurzfristig aus. Unterwegs fragten wir auch wieder nach Wasser und ein Mann füllte unsere Flaschen mit dem Gartenschlauch auf. Mitten in einem Wohngebiet trafen wir wieder auf Pilger in der Gegenrichtung. Eine Gruppe von 8 spanischen Radpilgern rief uns – im Vorbeifahren winkend – „Buen Camino“ zu, wie schön, das endlich mal wieder! Wir wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass diese Radfahrer uns bei einem der wichtigsten Erlebnisse unseres Caminos weiterhelfen sollten.

Jesus - sogar im Vorgarten

Der Camino führte wieder durch viele schöne Viñeros und Gartenstädte und war sehr entspannend, allerdings lang: 35 km. Als wir endlich in Anadia ankamen, waren die Pfeile so missverständlich, dass wir einmal einen ganzen Berg umrunden, um auf der anderen Seite des Berges bei den Bombeiros Volontarios anzukommen. Ich hätte keinen Schritt mehr weitergehen können, so erschöpft war ich. Bei den Bombeiros konnten wir diesmal nicht übernachten, dafür brachte uns der Feuerwehrmann Mario mit einem weißen Behindertentransportbus zum Kloster Nossa Senhora d’ Assunção, wo er sich ganz lieb darum kümmerte, dass wir bleiben konnten. Er fuhr erst weg, als er sah, dass wir aufgenommen wurden. Als wir ihm dankten, zeigte er auf sein Feuerwehr-Abzeichen „Vida por Vida“ (Leben für Leben) und sagte: Das ist meine Aufgabe, dafür lebe ich!

Im Kloster übernahm uns eine Nonne. Sie kontrollierte unsere Credenciale, sah wohl die unterschiedlichen Namen und Adressen. Sie sah uns an und fragte uns: Wollen Sie beide heiraten? Santiago antwortete ohne Nachzudenken mit Ja, ich nickte eifrig, bejahte ebenfalls! Ein unerwartetes Heiratsversprechen, das hatte ich mir schon lange gewünscht! So durften wir im selben Raum schlafen – im Nebengebäude in Räumen neben dem zum Kloster gehörigen Kindergarten – und es gab Matrazen und sogar Bettwäsche – deutlich besser als auf der eigenen Isomatte. In dem Raum fanden wir darüber hinaus einen Stadtplan für Coimbra, das war doch wirklich hilfreich.  Danke Mario, und danke für den Schlafplatz im Kloster, danke für das ganz Besondere an diesem Ort! Später kamen auch noch zwei portugiesische Pilger mit Neonwesten an, sie schliefen im zweiten Pilgerraum.

Untergebracht, geduscht und ausgeruht brauchten wir nur noch etwas zum Essen. Wir fanden keinen Supermercado mehr, daher kaufen wir uns gemeinsam eine sehr teure, dafür aber brotdicke Pizza beim Bäcker, von der es am nächsten Morgen sogar noch Reste zum Frühstück gab. Gut, dass die Duschen sehr, sehr heiß waren, ich machte mir aus einer Plastikflasche eine Wärmflasche zum Einschlafen für meine Blasenentzündung. Trotzdem unternahm ich in der Nacht viele Besuche zur Kindertoilette.

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[1] Azulejos: meist blaue, bemalte Kacheln, entweder in Mustern oder in Bilder zusammengesetzt.

Gegen 8 Uhr brachen wir im Kloster auf, es war so richtig frisch am Morgen, so genau das Richtige für meine Blasenentzündung. Da die Zeit im Jahr spürbar vorrückte, wurde es jetzt erst richtig hell. Es war Samstag und natürlich waren an diesem Tag keine Kinder im Kindergarten, alles war still und ruhig. Die portugiesischen Pilger waren schon um 6 Uhr aufgebrochen, wir ließen die Tür – wie uns aufgegeben – einfach ins Schloss fallen, und weiter ging es.

Wir liefen in Richtung Mealhada, das klang uns so arabisch. Wir fanden nur die Landstraße, keine Pfeile. Ein Bild war auf dem Weg nach Mealhada auf Plakaten und Hauswänden allgegenwärtig: ein gegrilltes Schweinchen, das von hinten auf einen Spieß aufgesteckt war und als Leitão bezeichnet wurde. Daraus entwickelte sich bei uns eine Art Running Gag, der aus einer charakteristischen Handbewegung, nämlich dem Versenken des Spießes in den Hintern des kleinen Schweinchens und den Worten: „Komm Puerco/Puerquito[1]!“ bestand, Humor als eine Form, mit einem so erbärmlichen Bild klarzukommen. Wir hörten später, das das Leitão, das gegrillte Milchferkel, die landesweit bekannte Spezialität von Mealhada war und die Portugiesen busweise in Mealhada einfielen, um diese armen, kleinen Schweinchen in großen Mengen zu vertilgen. „Pobres puercos[2]!“

Auf dem Weg vor Mealhada waren die Pfeile wieder aufgetaucht. Wir trafen einen einzelnen portugiesischen Pilger, einen gemütlichen Mann in Turnschuhen und mit einem T-Shirt in den Schweizer Landesfarben. Wir sprachen mit ihm Spanisch, er antwortete auf Portugiesisch, das funktionierte hier überall ganz gut. Er erzählte uns, er stamme aus Guimarães im Norden Portugals, einer Stadt, die für Textilien sehr bekannt ist und wollte auch nach Fátima. Er fragte uns und wir erklärten ihm das Geheimnis der blauen Pfeile, dass sie einen der Landstraße weit überlegenen Weg kennzeichnen. Eine Weile lief er vor uns her. Ob er die Flechas genutzt hat? Wir sahen ihn in Mealhada ganz zielstrebig in ein Leitão-Restaurant abbiegen und dann nicht mehr.

Auch heute gab es wieder einige Einheimische, die uns auf die Landstraße zurückschicken wollen, doch ohne uns, und gut so! Der Caminho führte uns zunächst westlich an Coimbra vorbei, wir sehen die Vorstadt auf dem Berg neben uns anschwellen, während wir durch Felder und nahe dem Fluss im Grünen und Stillen pilgern. Auch wenn der Tag frisch begann, so war es doch ab Mittags heiß und brütend, der Weg zog sich mächtig hin, es war mal wieder eine 40-km-Etappe. Für unsere Pause fanden wir Schatten und Sitzplatz in einem Bushäuschen. Ich war geschafft, kämpfte mit meiner Blasenentzündung und betete inständig mindestens einen ganzen Rosario lang, mal zwei Tage an einem Ort bleiben zu können, mich ein wenig ausruhen, auskurieren zu können.

Santiagokirche in Coimbra mit gelbem Camino-Pfeil

Über eine große Brücke in Coimbra angekommen suchten wir die Bombeiros Volontarios, doch leider, dort, wo sie sonst Pilger unterbrachten, war ein riesiges Loch in der Wand – Baustelle, diesmal keine Bombeiros! Sie schickten uns weiter zu einem Ärztehaus, doch da es Samstag war, öffnete niemand. Weiter also zum Oficina de Tourismo. Auch dem Herrn dort war es unbekannt, dass der Caminho Portugués de Santiago durch Coimbra führt, obwohl wir anschließend 30 m weiter schon Flechas sahen. Einen Caminho Portugués gäbe es erst ab Porto…. Eine Übernachtungsmöglichkeit, die zu unserem Geldbeutel passte, wusste er leider nicht. Der Mann erzählte uns, dass viele der portugiesischen Pilger den ganzen Tag fast ohne jegliche Ausrüstung und Wechselwäsche laufen würden, sich abends einfach da auf den Boden, einen Platz oder einen Park, legen würden, wo sie ankamen, schlafen und dann früh morgens weiterlaufen würden. Wir waren ja schon hart im Nehmen…aber das? Respekt!

St. Cruz in Coimbra - Foto von syvwlch aus Wikicommons

Auf dem Platz gegenüber der Brücke setzten wir uns, mit rotem Kopf und schwitzend, erstmal auf die Bank. Ein Mann sprach uns an, ob wir ein Zimmer suchten. Natürlich, ja, doch er hatte uns nur etwas ab 25 Euro anzubieten, das wäre das Geld für ca. 5 Tage nach unserem aktuellen Maß. Wir probierten es bei der Polizei, leider auch Fehlanzeige. Da half nur Beten. Wir gingen in die wunderschöne weiße Kirche St. Cruz, direkt am Eingang zur Altstadt, zur rechten Zeit zum Gottesdienst. Das uns nun schon so bekannte Ritual der Misa entspannte uns, die Last wurde spürbar weniger: Saludo, Confiteor, Kyrie eleison, Gloria, Oración, Lectura, Credo, Plegaria, Hoseanna, Padre Nuestro, La Paz, Eucaristía & Communió, Saludo, Bendición. Nach dem Gottesdienst suchten wir die Sakristei auf, um einen Carimbo für unseren Credencial zu erhalten. Dort fragten wir auch eine Nonne, ob sie eine Unterkunft für Pilger wüssten. Sie meinte, ein lokaler Pfarrer könnte uns bestimmt helfen, den fand sie für uns auch. Der Padre studierte intensiv unsere Credenciale, schaute uns prüfend an, dann setzte er sich an einen Schreibtisch und schrieb uns ein Empfehlungsschreiben! Dies drückte er einem älteren Herrn in die Hand, der mit uns auf die Straße trat und uns zu einem Haus im Hinterhof neben einer anderen Kirche führte. Im Durchgang stand auf einem Schild: Casa Abrigo Padre Americo. Der Mann klingelte, wir wurden eingelassen und stiegen gleich eine Treppe hoch und standen in einem langen Gang. Der Mann übergab den Brief und verabschiedete sich freundlich lächelnd von uns, wir dankten ihm. Vor uns öffnete sich ein Aufenthaltsraum mit einigen Menschen, die uns neugierig ansahen. Eine Frau führte uns in ein Arbeitszimmer. Ein Mann mittleren Alters las das Empfehlungsschreiben und begann zu lächeln. Er fragte uns, wie lange wir denn bleiben wollten.

Hatte ich gebetet oder hatte ich gebetet? Gibt es Gott oder gibt es Gott? WIR WURDEN GEFRAGT, WIE LANGE WIR BLEIBEN WOLLTEN!! ZWEI NÄCHTE NATÜRLICH! Der Mann erklärte uns die Regeln für unseren Aufenthalt: Wir könnten hier kostenlos für zwei Tage bleiben, allerdings in getrennten Zimmern, da es hier Männer- und Frauenzimmer gäbe. Abends zwischen sechs und sieben hätten wir uns zu duschen, das wäre Pflicht. Morgens gab es Frühstück und mittags und abends jeweils eine warme Mahlzeit und nachmittags Kaffee. Unsere Wäsche konnten wir in eine Waschküche legen und gewaschen und getrocknet wieder zurückerhalten. Tagsüber sollten wir rausgehen und um 22.30 Uhr abends spätestens wieder da sein. Wir waren im Pilgerparadies gelandet!

Azulejo der Casa Abrigo Padre Americo - Schutzhaus in Coimbra, ein Paradies mit Duschpflicht für 2 Tage

Casa de Abrigo heißt Schutzhaus, wir waren sozusagen im Armenhaus von Coimbra untergebracht. Es ist gemacht für Menschen, die aus ihrer Lebensbahn geworfen sind, für Obdachlose, Abhängige, psychisch Angeschlagene, Frauen, die vor häuslicher Gewalt geschützt werden müssen, werdende junge Mütter ohne familiäre Unterstützung, Immigranten – und uns. Links neben mir schlief eine junge Frau namens Fátima, die offensichtlich depressiv war und die, außer während der Mahlzeiten, den ganzen Tag im Bett lag, wenn man sie ließ. Auf der rechten Seite schlief eine junge Frau, bei der ich das Gefühl hatte, dass sie gerade ein Kind geboren und zur Adoption freigegeben hatte.

Zu unserem ersten Abendessen gab es Suppe und Reis mit Bacalhau. Santiago kriegte wieder Pusteln, doch egal, wir hatten frisch gekochtes, warmes Essen, einen richtigen Tisch. Wir wurden umfassend versorgt, es war einfach wunderbar, genial!

Am Abend unternahmen wir noch einen Spaziergang in die nahe gelegene Innenstadt und fanden gegenüber der Kirche St. Cruz ein städtisches Internet-Café, in dem man täglich kostenlos eine halbe Stunde ins Internet konnte. Wie schön alles für uns bereitet wurde! Da alles besetzt war, meldeten wir uns für 21.00 Uhr an und durften dann sogar eine ganze Stunde rein, weil um 22.00 Uhr geschlossen war und keiner mehr einen Platz suchte.

Innenhof der Universität von Coimbra

Am nächsten Morgen, Sonntag, war alles anders als sonst: kein Rucksack packen, sondern einfach halbwegs ausschlafen und sich gemütlich an den gedeckten Frühstückstisch setzen.  Nach dem Frühstück besuchten wir die Sonntagsmesse in St. Cruz. Und dann ging es den Berg hinauf in die Altstadt, wir besichtigen die alte Kathedrale und die Universität, jedenfalls da, wo man sie kostenlos anschauen darf. Die Universität von Coimbra ist die Älteste Portugals und eine der Ältesten in Europa, gegründet im Jahr 1250. Von dort oben hatten wir eine herrliche Fernsicht über den Rio Mondego und Coimbra. Auf der anderen Flussseite sahen wir ein riesiges Kloster. Dort würde uns am nächsten Tag unser Weg entlangführen. Nach der alten Kathedrale „Sé“ wollten wir auch die neue sehen, doch wir fanden sie nicht, nur ein Gefängnis. Beim Abstieg verliefen wir uns im Garten des Bischofspalasts und beeilten uns dann, zu unserem warmen Mittagessen, Bohnensuppe, Rindfleisch mit Kartoffeln und Gelatina (Wackelpudding), zu kommen. Und dann kam etwas ganz ungewöhnliches für den Pilger: ein sonntägliches Mittagsschläfchen im Bett, Gold für meine Blase, wieder mit Wärmflasche!

Den Nachmittag verbrachten wir bei sommerlichen Temperaturen und in romantischer Stimmung am Fluss zwischen vielen, vielen Familien. Auf dem Rückweg zur Casa Abrigo trafen wir auf dem Platz neben dem Tourismus-Büro in einem Straßencafé die beiden Österreicher aus Albergaria-a-Velha wieder. Sie hatten in Coimbra auch die Feuerwehr probiert, waren dann aber in eine Pension gegangen. Sie konnten sich es leisten, wir konnten uns selbst nicht mehr helfen, daher wurde uns geholfen – auf wunderbarste Weise!

Abends schaute Santiago im Kreise der Heimbewohner Fußball im Gemeinschaftsraum, ich setzte mich nur ganz dicht neben ihn und genoss es, einfach einen ruhigen Abend, wunschlos glücklich, in seiner Nähe zu verbringen. Zum Tagesabschluss war noch ein reservierter Ausflug ins Internet dran. So war wieder Zeit für Emails zu unseren Lieben und daher hier Originalton aus Coimbra aus den Emails:

„Gestern sind wir in Coimbra angekommen und dann hatten wir statt dem ueblichen Sonntagsblues endlich wirklich mal Sonntag! Nicht morgens aufstehen, packen und weiterziehen, nein, wir durften bleiben, kriegen warmes Essen vorgesetzt und koennen uns ausruhen. Heute frueh haben wir die Stadt besichtigt und heute Nachmittag habe ich MITTAGSSCHLAF gemacht, was fuer ein Luxus!!! Wir sind in einem Heim fuer “gestrandete Existenzen” untergekommen, das heisst hier Casa de Abrigo, Schutzheim. Hier wohnen Menschen fuer bis zu 6 Monate, die kein Geld, keine Wohnung haben, die einfach nicht weiter wissen, ein wenig psychisch Kranke, Menschen mit Alkoholproblem oder Leute, bei denen einfach mal alles anhaelt. Alle sagen immer eins: na ja, so ist das Leben. Und einer sagte: Life sucks and then it goes on (Das Leben geht den Bach runter und dann geht es einfach weiter…). Aber das kennen wir ja auch.

Eine ganz ungewoehnliche Erfahrung, aber es tut gut, sich einmal wieder ganz versorgen zu lassen. Hier gibt es abends um 6 Duschpflicht, dann gibt es warmes Abendessen und das ist wunderbar nach all der Zeit der unregelmaessigen und meist kalten Ernaehrung.

Auch mein Sohn erhielt Nachricht:

„Lieber Arno, jetzt sind wir mittlerweile in Coimbra, inzwischen haben wir schon vier mal bei verschiedenen Feuerwehren geschlafen. Seit gestern sind wir in Coimbra (schau Dir das mal in Google Earth an). Hier gibt es auch eine schoene Altstadt und eine uralte Universitaet. Wir sind hier fuer zwei Tage in einer Casa de Abrigo (Schutzheim) untergekommen und kriegen hier sogar mehrfach am Tag zu essen. Es ist schoen, mal wieder warmes Essen zu kriegen. Heute Abend gab es Tintenfisch mit Bohnen und Reis. Heute hatten wir das erste Mal seit 7 Wochen Sonntag mit Nichtwandern, sonst geht es ja jeden, wirklich jeden Morgen weiter, Rucksack packen,

Stiefel an und weiter. Doch heute haben wir Stadtbesichtigung gemacht, dann richtiges Mittagsschlaefchen und nachmittags faule Stunden in der Kirche und im Park. Das hat uns sehr gut getan.“

Wir lernten in der Casa de Abrigo einige Leute kennen: Manuel Lopez, der uns immer weiterhalf, und einen Ex-Drogenabhängigen, der wegen seiner Drogenprobleme aus den USA ausgewiesen worden war. Alle sagen: So ist das Leben, deutlicher eben der Ex-Drogi mit seinem: Life sucks and then it goes on.

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[1] Schwein/Schweinchen

[2] Arme Schweine!

Todo tiene su final![1] Auch unser gnadenvoller Aufenthalt in Coimbra ging vorbei, wir packten unsere frisch gewaschene Wäsche ein, schulterten den Rucksack, dankten allen und wünschten unseren neuen Bekannten alles Gute, versprachen, in Fátima für sie zu beten.

Über die Mondego-Brücke verließen wir Coimbra mitten im Berufsverkehr. Gleich nach der Brücke ging es – den blauen Pfeilen auf der Straße folgend – steil bergauf und so blieb es auch für eine Stunde. Wir liefen lange hinter drei jungen portugiesischen Pilgerinnen mit winzigen Rucksäcken und Turnschuhen her, doch irgendwann war unsere Kondition im Aufstieg doch größer und wir zogen in schweren Stiefeln und Tourenrucksack vorbei. Bald finden wir auch die gewohnten Flechas wieder und mit ihnen einen sehr angenehmen Weg durch ruhige, kleine Bauerndörfer.

Römische Ausgrabungsstätte in Conimbriga - Foto von Andreas Trepte, www.photo-natur.de, aus Wikicommons

Wir pausierten nach einem Supermarktbesuch in Condeixa-a-Nova und erreichen Conimbriga, eine alte römische Ausgrabungsstätte, die besterhaltene in Portugal. Conimbriga ist ein Ort, der schon zu Christi Geburt existiert hat. Ein Museum und – sauber eingezäunt – Säulenhallen, Mosaikfußböden, kunstvoll gemauerte Bögen,  Fundamente, Thermen und Bäder, dazwischen Buchsheckchen, Schwertlilien und Iris gepflanzt.

Die Flechas waren allerdings schnell verloren, wir suchten und suchten, laufen dreimal durch die Ausgrabungsstätte, erst nach rechts, Richtung Kirche, hier vernichteten wir in Rekordzeit  eine ganze Packung Kekse, dann nach links, durch das Dorf in Richtung Amphitheater. Doch wir fanden weder Amphitheater noch den Weg. Hinter dem örtlichen Waschhaus war hier einfach Schluss, der Weg wurde schmaler und schmaler. Also wieder umdrehen und bis zum letzten, bekannten Flecha zurück. Und dann – fanden wir ihn tatsächlich. Ein kleiner, unscheinbarer, abschüssiger Sandweg hinter dem Museum, noch vor den Ausgrabungen, da war der nächste Pfeil. Direkt in den Wald hinein. Und ab nun ging es nur noch durch die pure Natur. Es gab Verzweigungen des Weges und hier war kein Mensch mitten im Wald, den man fragen kann. Doch Santiago entdeckte mehrere Fahrradspuren auf einem der Wege. Das musste er sein, die 8 Radfahrer von vor drei Tagen hatten ihre Spuren hinterlassen. Gott sei Dank! Und er war es…

Dieser Weg, diese Stunden waren der stille Höhepunkt unseres Jakobsweges.

Hinter der engen Pforte - im Reiche Gottes

Der Camino führte uns durch die unberührte Natur und über uralte Brücken, hier waren keine Zivilisationsspuren zu erkennen, keine Häuser, keine Straßen, nichts. Natur pur. Rechts von diesem Tal lief die Autobahn und die N1/IC2, rechts vom Tal die IC3 und mittendrin – so war es für uns – hatten wir Gottes unberührtes Reich[2] gefunden. Als das Tal flacher wurde, durchquerten wir ein altes Dorf, in dem nichts, aber auch gar nichts darauf hinwies, dass wir uns im 21. Jahrhundert befanden.

Ziegen wurden durch das Dorf getrieben, die Menschen waren freundlich, hielten für uns an und hatten Zeit. Sie kannten den Caminho, den alten heiligen Weg, und konnten ihn uns weisen. Hunde begleiteten uns schwanzwedelnd. Das Land war extensiv bewirtschaftet, ein paar Olivenbäume, ein paar Reihen Weinreben, Felder, Grasland, jeweils links und rechts baumbestandene Hügel. Stille, nicht ein einziges Autogeräusch, Stille, nur der Atem der Natur, der Wind in den Bäumen, die Glocken der Ziegen, ihr zufriedenes Meckern, Hundegebell. Der Weg war nun ein weiches Grasbett, ein sanfter Erdrücken für unsere Füße.

Das Gleichnis von Gottes Reich - Ein unberührtes, ursprüngliches Tal in der Mitte zwischen Landstraße und Autobahn

Wir wussten nun, warum wir so intensiv gesucht hatten, hatten suchen müssen, warum Gott die Sehnsucht in mir geweckt hatte, auf dem Camino zu bleiben. Wir wussten auch, dass wir den Weg nur gefunden hatten, weil es uns wichtig war, und weil wir zu Zweit waren. Ich hätte – wäre ich allein gelaufen – schon viel früher aufgehört, hätte mir die Strecke nicht zugetraut, hätte mich vielleicht nicht allein auf diesen einsamen Weg getraut. Santiago wäre auf der Landstraße geblieben, hätte Strecke gemacht. Weil wir beide zusammen gelaufen waren, waren wir in diesem Tal angekommen – in Gottes Reich. Und es stimmt, es ist mitten unter uns. Unser Herz ging ganz weit auf, es war pures Glück.

Ja, es war der Höhepunkt.

Gloria al Padre, al Hijo y al Espírito Santo!

Como era en el principio, ahora y siempre

por los siglos de los siglos! Amen![3]

In diesem Fahrrad-Pilgerblog gibt es noch mehr Bilder dieses Wegabschnittes. Auch diese Radfahrer beschreiben diesen Streckenabschnitt als den besten, märchenhaftesten ihres Weges.

Wir liefen den Camino weiter und er führte uns in ein etwas moderneres Dorf auf einer Kuppe, nach Zambujal. Unser Hunger führte uns in einen kleinen Laden. Wir hätten gern frisches Brot, doch es gab zunächst nur Pan Rico. Wollten wir eigentlich nicht! Wir zögerten. Doch dann flüsterte die Familie miteinander und jemand holte von irgendwo frische Brötchen. Jo! Herrlich! Als wir den Laden verließen, da schwang sich der Sohn der Familie auf sein Mofa und fuhr weg. Ich gehe mal davon aus, dass wir die privaten Brötchen der Familie bekommen hatten und der Sohn nun vom nächsten Bäcker eine neue Ration für die Familie holte. Unter alten Bäumen und mit Blick in die weite Ebene vesperten wir. Eine tiefe Ruhe war in uns und – FRIEDE !

Lukas 2: 14 Gloria a Dios en las alturas, y en la tierra paz a los que gozan de su buena voluntad.[4]

Psalm 145 (Lutherbibel 1984): 15 Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. 16 Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, nach deinem Wohlgefallen.17 Der HERR ist gerecht in allen seinen Wegen und gnädig in allen seinen Werken. 18 Der HERR ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn ernstlich anrufen. 19 Er tut, was die Gottesfürchtigen begehren, und hört ihr Schreien und hilft ihnen. 20 Der HERR behütet alle, die ihn lieben.

Auf einer Straße liefen wir weiter und kamen nach Rabaçal. Es wurde langsam Einkehrzeit, doch wo? Rabaçal ist zu klein für eine Feuerwehr. Da fiel mir ein Schild vor einem Haus ins Auge: Centro Social stand drauf. Sozial, das könnte ja auch für uns gelten! Drinnen war eine kleine Bar aufgebaut und eine junge Portugiesin bediente. Ich fragte sie auf Spanisch, ob sie hier im Zentrum auch Pilger aufnähmen. Es klang positiv, was sie sagt, doch ich verstand sie schlecht. Sie musste ihre Antwort viermal wieder­holen, bis es bei mir schnackelt. Sie könnte es nicht allein entscheiden und wir müssten auf ihren Chef warten, der in ca. einer Stunde käme. OK! So warteten wir in dem kleinen Sozialcafé und ruhten uns weiter aus. Über die Stunde hinaus warteten wir, dann kam der Mann. Alles wurde gut, er brachte uns im gegenüberliegenden Gemeindezentrum unter. Und das ist einfach Wahnsinn! Die Menschen kannten uns nicht und vertrauten uns den Schlüssel zum Gemeindehaus an, den wir am nächsten Morgen im Zentrum abgeben sollten. Das war bewiesene Achtung vor dem Pilger als lauterem Menschen.

Wir bauten unser Bett auf dem Fußboden und kauften in einem kleinen Laden den obligatorischen Thunfisch mit Brot zum Abendessen. Es gab zwar keine Dusche, aber eine vernünftige Toilette, wo man sich auch waschen konnte. In einer Ecke fand ich einen Stapel alter Zeitungen und schnitt mit meiner Nagelschere dort die Sudoku-Felder aus, weil Santiago gern rätselte. In Coimbra hatte er auch alle herumliegenden Zeitungen durchsucht und sich damit entspannt. Und an diesem Abend wussten wir: Dies war wirklich unsere letzte Übernachtung auf dem Fußboden, weil uns wirklich alles weh tat nach der langen Reise und einer langen Tagesetappe. Man wusste gar nicht mehr, wie man die Beine hinlegen sollte, damit sie nicht schmerzten. Mehrfach geisterte ich ob meiner Blase nachts durchs Gemeindehaus. Meine Hände wechselten die ganze Nacht ihre Positionen auf meinem Körper.

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[1] Alles hat (s)ein Ende!

[2] Mehr dazu finden Sie im Kapitel “Leben in Gottes Reich

[3] Ehre sei dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geiste, wie im Anfang so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit! Amen!

[4] “Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen ein Wohlgefallen.” Worte des Engels zu den Hirten bei Jesu Geburt

La última flecha amarilla del Camino de Santiago

Am nächsten Morgen rollten wir wieder unsere Matten ein, räumten den Gemeinderaum auf und stellten alle Stühle an ihren Platz.  Im Centro gönnten wir uns ein Frühstück, Galão und Bollo für 1,70 € pro Person, das IST sozial. Wir geben mit einem herzlichen „Obrigado“ / „Obrigada“ den Schlüssel zurück und machten uns zufrieden auf den Weg. Die Kirche am Ortsausgang von Rabaçal war geöffnet, Raum und Zeit für intensiven Dank, für den ersten Rosario des Tages. Und wir machen uns auf die Suche nach unseren Flechas. Da der Caminho nicht durch Fátima läuft, mussten wir uns irgendwann verabschieden. Und nach unserem gestrigen Erlebnis war nun der Tag gekommen. Am letzten Flecha Amarilla machen wir Erinnerungsfotos und trennen uns offiziell mit einem Herz voller Dank von diesem gotterfahrbaren Weg. Unser nächstes Ziel heißt Ansião. Auf Spanisch heißt dieses Wort „Ich ersehne“. Jetzt trafen wir immer wieder auf Flechas, und liefen auch noch mal ein schönes Stück Caminho durch den Wald – unser Bonus Track. Auch in Ansião gingen wir in die Kirche zum Rosario-Beten, ein wunderschönes Marienbild schmückte den Altar. Für unser Mittagessen suchten wir uns einen Supermarkt zum Einkaufen, der sogar über eine sehr schicke und saubere Kundentoilette verfügte. Im Oficina de Tourismo gab uns eine Frau namens Claudia viele Tipps. Sie hatte unsere Jakobsmuscheln erkannt und selbst schon seit einer Weile vor, den Caminho zu laufen. Wir zeigten ihr unsere Karte und sie drückte uns ein Empfehlungsschreiben für den Commandante Bruno bei den  Bombeiros in Alvaiázere in die Hand.

Am Ortsausgang von Ansião in einem Park gab es Mittagbrot. Noch während wir aßen, liefen drei Fátima-Pilger ohne Rucksack an uns vorbei. Ein Kleinlaster mit Wohnwagen fuhr langsam hinter ihnen her. Am Rückfenster des Wohnwagens war ein riesiges Schild angebracht, dass hier Pilger begleitet werden. Etwas Ähnliches hatten wir auch schon auf dem Weg nach Mealhada gesehen. Der Wohnwagen fuhr vor und wartete immer wieder. Alle paar Kilometer trafen sie sich, tranken am Wagen Kaffee, rauchten eine. So geht’s auch.

Acht Kilometer bis Almoster ging es – zwar an der Straße entlang, doch sie ist wenig befahren – gut und im Grünen voran, dann bogen wir in Almoster ab nach Alvaiázere. Mitten auf dem Weg nach Alvaiázere bemerkten wir nach weiteren sechs Kilometern, dass wir uns damit auf einen irren Umweg eingelassen hatten, weil wir den Ort auf der Karte nicht richtig lokalisieren konnten. Ein riesiger Aufstieg auf 900 m entstand uns. Der Weg schraubte sich, Kurve um Kurve, nach oben, vorbei an Felsen und kahlen Kuppen, weiter oben wieder durch den Wald. Da wir es – wie bei den Montañas de Engaño – nicht absehen konnten, kehrten wir nicht um. Dieser unerwartete Aufstieg samt Umweg sorgte bei mir für sehr schlechte Stimmung. Diese Claudia hätte doch wissen müssen, uns doch sagen können, dass es zum einen ein Umweg auf dem Weg nach Fátima  ist, zum anderen, dass wir da mächtig klettern müssten! Nur mit einer großen Kraftanstrengung kamen wir in Alvaiázere an.

Als wir endlich – wir stiegen schon wieder ab – Alvaiázere erreichten, sahen wir am Ortseingang zum Glück gleich die Bombeiros. Das Empfehlungsschreiben von Claudia an Commandante Bruno half uns schnell weiter, wir wurden sehr zuvorkommend behandelt. Wir bezogen eine ganze Wohnung nur für uns. Bruno schenkt uns darüber hinaus einen  Wimpel, den wir bis Fátima neben der Muschel an unserem Rucksack getragen haben, und einen Schlüsselanhänger in Form eines Feuerwehrautos als Andenken, den ich noch heute an meinem Schlüsselbund trage. Wir konnten unsere Beine auf richtigen Matratzen ausruhen, was für ein Segen! Das kann man sich sonst wahrscheinlich gar nicht vorstellen! In dieser Nacht ist meine Blasenentzündung schmerzlich auf ihrem Höhepunkt angekommen, ich trank und rannte die ganze Nacht. Wie gut, dass ich hier einen so privaten Zugang zur Toilette hatte. Vielleicht war der Aufstieg diesmal dafür gut, weil wir nicht mehr auf dem Fußboden schlafen wollten!

Auf dem Weg nach Ourém am nächsten Tag kam Claudia uns noch einmal im Auto entgegen und hielt auf einen kurzen Schwatz an. Danke, Claudia, danke Bruno!

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Die letzte lange Tagesetappe begann, die vorletzte insgesamt. Der Morgen war sehr frisch, wir waren fast 1000 m hoch in den Bergen. Alvaiázere ist ein langezogener Ort,  den wir nun erst einmal durchquerten, das allein waren schon fast 2 km. Wir lerrnten: Bomba heißt hier Tankstelle, daran vorbei ging es entlang. Die ganzen 900 Höhenmeter, die wir uns gestern erklettert hatten, waren bergab unsere heutige Hazaña. Wir fanden lange kein Café, so stoppten wir für unser Frühstück in einem kleinen Ort an einer Art Gänseteich zum Frühstück. Mein Sitzkissen vermisste ich hier sehr!

Auf dem Weg von Alvaiázere nach Ourém

Der Tag wurde immer heißer, Schicht um Schicht entledigten wir uns der Kleidung, die wir morgens in der Frische so dringend gebraucht hatten. Das langärmelige Funktionsshirt aus Santiago hatte mir für den Herbstbeginn wirklich gute Dienste geleistet. Je tiefer wir in die Ebene zurückkamen, umso heißer wurde es. Auf kleinen Straßen durchquerten wir Dorf um Dorf. Immer wieder sahen wir auch Pfeile, dann verschwanden sie wieder und tauchten wieder auf. In einem kleinen Café-Supermarkt besuchte ich die Toilette. Dort durchfuhr mich ein riesiger Schmerz, dann war der schlimmste Teil meiner Blasenentzündung vorbei, wahrscheinlich war irgendetwas Verfestigtes mit abgegangen. Blasenentzündung psychosomatisch: schmerzliches Loslassen. Das war wohl die Aufgabe.

Schokolädchen Santiagos Kraftquelle auf dem Camino - täglich ca. 1 Liter

In Ourém standen wir nach dieser langen, der vorletzten Tagesetappe, bei den Bombeiros vor der Tür. Hier war es ganz anders als am Tage vorher. Ein Bombeiro führte uns auf Anweisung des Chefs in den Keller unter der Halle mit den Fahrzeugen. Dort zeigte er in einer Ecke auf dem gekachelten Fußboden und meinte, dort könnten wir schlafen. Der Raum war nach draußen offen, und die Abgase der laufenden Fahrzeuge zogen in den Keller. Er war vollgekramt mit Tischen, Stühlen, Kisten, Material für die verschiedenen Feste im Feuerwehrjahr. Oh, das war uns noch nicht passiert! Das Wasser in den Duschen wurde auch nicht warm und wir mussten kalt duschen. Für mich war es fast so wie „Versteckte Kamera“. Wie lange würden wir das mitmachen? Ich entschied mich: der Pilger muss sich bescheiden können, nehmen was da ist. Wir bastelten uns aus alten Sesseln und Kisten, die dort herum standen, ein Behelfsbett, legten unsere Matten drauf  und schliefen trotzdem gut. Wir nahmen, was kam und nutzten unsere Kreativität. Die innere Einstellung entscheidet über das Empfinden. Danke trotzdem!

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Nach 1500 km GESCHAFFT!!! - Ortseingang von Fátima

Am 11. Ok tober kamen wir in Fátima nach schon 11 km an. Am Weg fanden wir einen toten Hund, dessen Bedeutung sollte ich erst später erfahren. Danke Apostel Santiago für diesen langen, wunderschönen, gemeinsamen  Weg, all das Glück, dass Du uns gebracht hast, die Veränderungen, alle die Erkenntnisse, die wunderschönen Wege, Straßen und Städte, all die freundlichen Menschen, die sich von Ort zu Ort an den Händen fassten, um uns zu helfen. Danke für all die Gottesdienste, die wir besuchen konnten, danke für das neue Leben, das Alpha nach dem Omega! Danke, dass uns klar wurde, was wir brauchen und was wir loslassen können. Danke für die Treue und das sich selbst treu sein lernen. Danke für Gottes Reich. Danke für all die gelben Flechas und die Muscheln, auch die am Strand von Finisterra!

In Fátima kamen wir an und nach den obligatorischen Fotos am Ortseingangsschild besuchten wir erstmal die Igreja Matriz, die örtliche Kirche. Gerade begann ein französischer Gottesdienst mit einer fast vollständig schwarzen Pilgergemeinde aus Afrika, Elfenbeinküste. Sie zogen zu Beginn des Gottesdienstes in einer polonaiseartigen Prozession durch die Kirche. Ein weißer Padre begleitete sie. Wir sollten ihn die nächsten Tage noch häufiger sehen, er grüßte jedes Mal freundlich. Wir beteten intensiv dankend für das gute Ende unserer Pilgerreise und für unsere kommenden Tage in Fátima. Über dem  Altar breitete ein hölzerner „Sagrado Corazón de Jesus“ weit seine Arme für uns aus.

Igreja Matriz de Fátima - örtliche Pfarrkirche in Fátima

Auf dem Weg zum Sanctuario fanden wir ein chinesisches Restaurant mit erschwinglichen Preisen namens „Boa Sorte“, zu Deutsch „Guter Ausgang“ oder „Gutes Schicksal“. Hier haben wir das erste Mal wieder gemeinsam eine warme Mahlzeit seit Buzy in Frankreich in einem Restaurant zu uns genommen. Und auch hier schloss sich wieder ein Kreis. Bei unserer Abfahrt haben wir als letztes am Alexanderplatz Chinesisch gegessen. Auf dem weiteren Weg zum Sanctuario kamen wir an einer Straße voller Souvenirläden vorbei – wie in Lourdes. Im Tourismusbüro erhielten wir eine Fátimakarte und die Wegbeschreibung zur Unterkunft in der Herberge Pão da Vida – Brot des Lebens -, wo wir drei Tage bleiben konnten, so wie es uns Miguel in Redondela geraten hatte. Wir wurden in getrennten Trakten untergebracht. Der Hospitalero zeigte uns die Pilgerküche im Pão da Vida, sie war eine schlichte Katastrophe, war eher ein zum Hof hin offener Verschlag. Unter dem Beton-Waschtrog mit lediglich kaltem Wasser befanden sich eine große Plastik-Schüssel mit dem stinkigen Abwasser. Beim Gasherd fehlten bei zwei Feuerstellen die Abdeckplatten, das Geschirr war schmierig, weil man es nicht richtig abwaschen kann. Auf dem Tisch lagen alte, verschlissene Plastiktischdecken. Davor standen rissige Holzbänke. Pilgerbescheidenheit in allen Ehren – doch so etwas würde in Deutschland aus gesundheitlichen Gründen geschlossen werden.

Irgendwann entdeckte ich in dem Haus, in dem ich wohnte, eine riesige, vollständig ausgestattete Einbauküche mit warmem Wasser, Abfluss, Herd, einfach allem, blitzsauber. Nun musste mal gut sein! Diese Küche konnte auch für uns sein, wir waren definitiv keine Pilger 2. Klasse.

Wir trafen die zwei Österreicher wieder. Auch sie hatten in Conimbriga nach den Pfeilen gesucht, auch sie hatten in Conimbriga den Weg in Richtung Amphitheater versucht, doch sie hatten den Weg nicht gefunden und waren die N1 über Lleiria gepilgert. Was wir als realisierte Vision von Gottes Reich durchquert hatten, das Tal hinter Conimbriga, das war ihnen verborgen geblieben.

Fátima Calvario auf dem Kreuzweg in Ajustrel

Am Nachmittag besuchten wir die Via Sacra und die Engelshöhe, dort, wo der Engel den Kindern Lucia, Jacinta und Francisco erschienen war. Ein riesiger, freistehender Feigenbaum spendete uns reife Früchte. Wir fanden zum einen wieder einen Pingo Doce Supermarkt und so waren warme Mahlzeiten mit Frango Asado uns für die Fátima-Tage sicher, zum anderen ein Internet-Café.

In der Abenddämmerung durchquerten wir das Sanctuario. Hier wurde uns wieder das Anderssein des portugiesischen Pilgerns deutlich. Im ganzen Sanctuario lagerten die Pilger unter Plastikplanen oder auch so einfach nur auf dem Fußboden, manche nur mit einer Decke. Sie nutzten einfach alles, um unterzukommen. Auch auf dem großen Parkplatz hinter dem Sanctuario standen viele Zelte, Wohnwagen und Wohnmobile, wie ein Campingplatz, auch auf den Straßen waren viele kleine Zelte errichtet. Alles war mehr ein Familien- oder Gruppenerlebnis, es gab große Toilettenhäuser und dort auch einige Duschen. Der übliche Santiagopilger wirkt gegenüber dem üblichen Fátimapilger wie ein gut ausgestatteter, ernsthafter Sportenthusiast mit HighTech-Ausrüsung gegenüber einem Freizeitsportler in weiten Jogginghosen, doch während unserem Gefühl nach der Jakobsweg vom Glaubensweg immer mehr zum modischen Visionquest-Urlaub, Globetrotter-Muss  und Selbstfindungstrip a la „Ich bin denn mal weg“ mutiert, steht hier in Fátima der Glaube und die Ausrichtung auf Gott ohne jegliche Religions-Scham im Vordergrund. Die ganze Atmosphäre war heiter, familiär, einfach – Kinder des Glaubens, Gotteskindschaft unter den weichen Händen der Gottesmutter:

Santa Maria, madre de gracia,

madre de misericordia,
en la vida y en la muerte

ampáranos, Madre Nuestra![1]

Nach dem abendlichen Rosario ging es ins Bett. Die Wolldecke, die ich über meinem Schlafsack noch brauchte, roch heftig nach Mottenmittel, aber ich brauchte es immer noch warm, nahm immer noch eine Wärmflasche mit ins Bett. In meinem Zimmer wohnten mit mir noch 4 Portugiesinnen, eine Großmutter mit ihrer Enkelin, deren Gepäck in einem „Hackenmercedes“[2] verstaut war. Die Großmutter lag neben mir und schnarchte und schnarchte die Nächte durch, ohrenbetäubend laut. Die anderen Portugiesinnen waren zwei sehr lebhafte, ältere Damen, immer geschäftig, immer mit Maria auf den Lippen, das war sehr rührend, wenn auch manchmal recht „unruhig“. Sie standen teilweise zwei-, dreimal in der Nacht auf und machten das Deckenlicht an, um auf die Uhr sehen zu können, damit sie nichts für sie Wichtiges verpassten.

Sanctuario de Fátima - Basilica de Nossa Senhora del Rosario

Unseren nächsten Tag begannen wir im Sanctuario mit einem Gottesdienst in der Basilica den „Nossa Senhora del Rosario“, den eine große Gruppe von Rad-Pilgern von der Algarve mitgestaltet. An der Capelinha de las Apariciones, dem Kapellchen, dem Herzen des Sanctuarios mit der kleinen, zierlich-feinen Fátima-Statue, dem ersten Bau des Sanctuarios, trafen wir auf eine ganz besondere Glaubensgeste. Auf den Knien legten die Pilger einen ca. 500 m langen Stein-Weg zur Capelinha zurück, umrundeten sie ein bis dreimal auf den Knien, während sie ihren Rosario zu beten. Manche wurden von anderen dabei an der Hand gehalten, geführt. Das haben wir nicht gemacht, das lag nicht in unserer Natur. Wir sind dafür 1500 km gepilgert

In der Mitte des Platzes steht auf einer hohen Säule ein vergoldeter „Sagrado Corazón de Jesus“. Wie schön, auch hier! Umgeben ist die Statue von mehreren Trinkbrunnen. Ein schönes Bild für Johannes 4,14 (Neues Leben):  Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, der wird niemals mehr Durst haben. Das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zu einer nie versiegenden Quelle, die unaufhörlich bis ins ewige Leben fließt.

Am Nachmittag begann im Sanctuario die große Prozession für die Weihe der Trinitätskirche mit dem neuen Oratorium von Fátima. Das Sanctuario war brechend voll! Hunderttausende Menschen, alle im Glauben versammelt! Von der Capelinha aus geht die gewaltige Prozession zum Altar vor der Basilika, die Virgen wird auf einem Bett aus Rosen getragen, ihr folgen ca. 200 Padres in elfenbeinfarbenen Gewändern, gefolgt von den Hohen und Wichtigen Portugals. Noch höherer Besuch war da, Tercisio Bertone, der Legat des Papstes, der die Feierlichkeiten führte und die neue Kirche weihte. Die Vírgen wurde dazu auch in die Kirche getragen und stand  auf dem Ehrenplatz vorn am Altar. In die Kirche kamen wir natürlich nicht mehr hinein, obwohl sie 9000 Menschen fasst. Der Weihegottesdienst und das Oratorium wurden auf Großleinwänden nach draußen für alle in das Sanctuarium übertragen.

Offizielles Video des Weihegottesdienstes der Igreja Trinidade des Sanctuario de Fátima

Wunderschön, ein Genuß, wir sitzen im warmen Oktoberwetter unter den Bäumen und lauschen dem Oratorium. Wir sind angekommen, auf unseren Füßen und im Herzen. An diesem Tag haben wir einen kompletten Rosario-Zyklus für meinen verstorbenen Vater gebetet. Im Sanctuario bekamen wir am Nachmittag rote Rosen geschenkt von einer amerikanischen Gruppe von Pilgern, die für jede der ca. 2300 Rosen, die sie mitgebracht haben und dort verschenkten, einen öffentlichen Rosario gebetet hatten. Wir haben unterwegs keine 2.300 Rosarios gebetet, doch ca. 150 werden es gewesen sein. Unschöner Zwischenfall dabei: Sie machten mehrere Fotos von der Aktion, davon einige mit einem kleinen portugiesischen Mädchen, das da gerade stand, dem sie einen Blumenstrauß in die Hand drückten. Nach dem Foto nahmen sie ihr den Blumenstrauß einfach kommentarlos wieder aus den Händen. Die Kleine weinte sehr, denn sie war davon ausgegangen, man hätte ihr die Blumen geschenkt. Nein, man hatte sie einfach nur als „Dekoelement“ benutzt. Was wirft ein solches Handeln auf die ganze Aktion, die ganzen Rosenkränze? Nach diesem Erleben legten wir uns ein wenig hin, um für den Rest des Abends voll aufnahmefähig zu sein.

Als Santiago mich zum Einkaufen abholte, bekam er Streit mit der Hospitalera. Er hatte „einfach“ unser Haus betreten und war dort auf die Toilette gegangen, welch eine Freveltat. Als Latino hat Santiago auch ein südamerikanisches Temperament mitbekommen, so artete der Zwischenfall etwas aus.

Für unser Abendbrot setzten wir uns in die Innenküche des „Pão da Vida“. Plötzlich erschien der Hospitalero und schmiss Santiago mit harten Worten und voller Entschiedenheit aus der Küche, daher verblieb uns für ein gemeinsames Mahl nur der Küchenverschlag außen.

Atemberaubend - Fátima Lichtergottesdienst am 12.10.2007 - Bild vom offiziellen Server des Sanctuario de Fátima

Am Abend waren wir in dem 2 ½-stündigen Lichtergottesdienst,  hunderttausende von Menschen mit Kerzen auf dem großen Sanctuario.  Das ganze Gelände ist voller Lichter, größer als ein Fußballfeld beeindruckender als das Endspiel der WM 2006, das ich im Olympiastadion miterlebte, und dicht gedrängt mit Menschen. Es ist nicht nur  romantisch, sondern ergreifend, gigantisch, feierlich, rührend, nahe gehend, gotterfüllt – DIOS ES GRANDE – GOTT IST GROSS -  und wir waren mittendrin, Teil der Gemeinschaft der Gläubigen. Der Gesang des Chores erfüllte den riesigen Platz, wir alle sangen das Fátimalied „Avé, avé, avé Maria, avé, avé, avé Maria!“[3], als die zierliche Marienstatue von der Capelinha zum großen Altar getragen wird. Wir fielen kurz nach Mitternacht erschöpft aber glücklich ins Bett.

Offizielles Video der Veranstaltung vom Server des Sanctuario de Fátima

Gegen fünf Uhr morgen rührten sich schon meine portugiesischen Damen, machten in aller Herrgottsfrühe einen heiligen Lärm. Sie wollten – die Arme voller  Kerzen, die so lang waren wie sie selber groß – ins Sanctuario, um sie dort – gewidmet ihren großen Familien – dem Feuer zu überantworten. Die eine drückt mir einen zerknitterten Zettel in die Hand, den ihr eine Frau in mehreren Exemplaren zugesteckt hat. Er war ihr sehr heilig und bedeutend und so ist er auch für mich ein bedeutendes Geschenk, das ich in Ehren halte. Er enthält die letzten Worte der Lúcia und ein Bild der Vírgen. Wir verabschiedeten uns herzlich, sie drückten mich, und da drückte ich sie auch zurück.

Pelo Santo Padre!…

Nossa Senhora!…Nossa Senhora!…

Anjinhos!

Coração de Jesus!… Coração de Jesus!

Vamos, vamos…

- Para onde? Preguntou-lhe a Prioresa.

Para o Céu…

- Com quem?

Com Nosso Senhor…Com Nossa Senhora…e os Pastorinhos…![4]

Anders als in Lourdes, wo man Kerzen kaufen kann, um sie anzuzünden, aufzustellen und brennen zu lassen, wirft man hier die Kerzen einfach in ein riesiges Feuer, auch bündelweise, auch Kerzen von 1,50 m Länge, wo sie gleich vollständig schmelzen. Das hatte ich noch nirgendwo gesehen! Und es gab nicht nur Kerzen, man konnte aus Wachs auch Augen, Arme, Beine usw. erstehen, wenn man für seine Gesundheit oder die Genesung Anderer eine Fürbitte unterstützen will.

Am nächsten Tag zur Frühstückszeit traf ich den Hospitalero und sprach ihn auf die Küchen­situation an, bat ihn, ob wir wegen meiner Blasenentzündung wohl beide drinnen bleiben könnten. Er lenkte nicht ein, obwohl ihm in unserem Gespräch die Argumente ausgingen, er blieb irgendwann beim unbegründeten Nein. Er war nicht bereit, Santiago in das Haus, in die Küche zu lassen und schlug mir vor, doch selbst drinnen zu essen und Santiago draußen essen zu lassen. Ich sagte zu ihm: “Ich pilgere doch nicht 1500 km mit einem Menschen, mit Santiago, um ihn dann alleine draußen sitzen und essen zu lassen. Was glauben Sie eigentlich, was für ein Mensch in bin?” So bereitete ich unser Frühstück in der Innenküche, wir frühstückten im Verschlag und ich wusch anschließend wieder in der Innenküche ab. Für eine spätere Entscheidung meines Lebens sollte dieser Vorgang zum Thema „Pão da Vida – Brot des Lebens“ noch einmal ein wichtiges Gleichnis werden.

Große Abschiedsmesse in Fátima am 13.10.2007 - Und wir mittendrin! Foto vom offiziellen Server des Sanctuario de Fátima

Zu 10.00 Uhr eilten wir wieder ins Sanctuario, denn dort erwartete uns der Abschieds­gottesdienst. Die Oktober­sonne glänzte vom Himmel und wieder erlebten wir eine Eucharistiefeier mit zig Pastoren, die die Hostien unter den Gläubigen ver­teilten, eine unglaubliche Organisation. Eins wurde uns klar: Unsere Freunde und Helfer, die Bombeiros kommen in Portugal gleich nach dem Herrn. In den Prozessionen standen sie immer in der ersten Reihe der Weltlichen.

Die Bombeiros dürfen die Virgen tragen - Foto vom offiziellen Server des Sanctuario de Fátima

Ich hörte ein Gespräch mit, eine Frau möchte auf die andere Seite des Geländes, was aber wegen der Prozession abgesperrt ist. Der Ordner sagt zu ihr: „Für Wunder ist hier „Nossa Senhora“ (unsere Frau, d.h. Santa Maria Virgen) zuständig.“ Recht hat er! Am Ende des Gottesdienstes zogen alle Menschen weiße Taschentücher heraus und winkten der Virgen von Fátima zu, die nun von den Bombeiros vom Altar vor der Basilika wieder zu ihrem Platz an der Capellinha zurückgetragen wurde.

Offizielles Video dieses Abschiedsgottesdienste vom 13.10.2007

Mir kam es aber auch so vor, als ob dies – natürlich nicht nur, aber auch – uns zum Abschied für unsere Pilgerei geschenkt wurde. Schaut her, sagte Er zu uns, soviel Menschen kann ich aufbieten, um euch einen gebührenden Abschied vom Camino zu feiern, sie winken auch  für Euch! Ganz großer Bahnhof! Mir kamen gerührt die Tränen, so schön, so intensiv hatte ich es mir nicht vorgestellt! Ein gebührender Ersatz dafür, dass wir in Santiago de Compostela den großen Botofumeiro nicht in Aktion sehen konnten, dass Santiago nicht das erwartete, erhebende Erlebnis gewesen war. Aber unser Pilgerende war ja erst hier in Fátima. Danke für dieses große Fest, danke für diesen Abschied! Wir fühlten uns wahrlich angehoben.

Santiago nach der Abschiedsmesse - wir waren wirklich dabei!

Heute war der Tag, an dem auch der Rest der Welt die neue Kirche ausführlich besichtigen durfte, auch das Oratorium wurde für die breite Öffentlichkeit wiederholt. Wir genossen das wunderbare Konzert. Die Portugiesen waren – wie es schien – nicht ganz so begeistert, viele besichtigten nur die Kirche, setzten sich, hörten kurz zu und standen dann wieder auf, um weiter herumzulaufen. So setzten wir uns weit nach vorn, sahen die Hirtenkinder, den Engel und die Virgen. In dem Programmheft war auch eine deutsche Übersetzung des Textes des Oratoriums. Die Botschaft von Fátima war hier als „Beten und Busse“ gedruckt. Ich schmunzelte: das mit den vielen Bussen, das war sehr präsent hier in Fátima. Anders als in Santiago, wo der einzelne Pilger im Pilgergottesdienst erwähnt wird, wird hier ein starker Schwerpunkt auf die Pilgergruppen gelegt, die in den in Fátima allgegenwärtigen Bussen anreisen, hier waren sie dran. Im Pilgerbüro holten wir uns unseren „Carimbo“ vom Sanctuario de Fátima, der durfte nicht fehlen.

Ein wenig Zeit blieb uns noch, um Souvenirs einzukaufen. Rosarios – das ist DAS Fátima-Souvenir, ganz klar, ein Geschäft nach dem anderen. Santiago kaufte Rosarios für seine ganze Familie, ich besorgte einen schwarzen Rosario für meinen Sohn. Santiago und ich erstanden uns Kruzifixe, denn wir wollen uns selbst einen Rosario basteln.

Für mich war der Abschiedsgottesdienst der letzte religiöse Akt hier in Fátima, das ist, was als Abschluss mir in Erinnerung bleiben sollte und ich mochte, von den vielfältigen Eindrücken gesättigt, früh ins Bett. Santiago machte sich noch zum Abend-Rosario ins Sanctuario auf, er war offensichtlich noch nicht durch mit seinem Programm. Anschließend – wieder im Pão da Vida – entschuldigte er sich beim Hospitalero, die Vírgen hatte ihm beim Rosario den Respekt gegenüber Frauen ans Herz gelegt.

Schlafen konnte ich nicht gleich, denn in meinem Zimmer wohnte inzwischen eine Polin und wir unterhielten uns lange auf Englisch; sie lebte seit einiger Zeit in London. Ich berichtete von unserer Pilgerei und sie erzählte mir von polnischen Pilgerzielen, die sie schon besucht hatte, von Tschenstochau. Sie beneidete mich um meinen Pilgerpartner, sie würde auch gern mit einem Mann zusammen einen solchen Weg beschreiten. Ich wurde mir so auch nochmals bewusst, was für ein Glück, was für eine Gnade mir geschehen war, dass ich den Camino mit Santiago pilgern durfte, es wäre allein – siehe das Tal hinter Conimbriga – nicht dasselbe gewesen.

Die zierliche Virgen María de Fátima

Mit dieser Reise habe ich nicht nur meinen Kontakt zu Jesus vertieft, sondern bin auch endlich bei der Santa Maria Virgen von tiefstem Herzen angekommen. So viele Frauen in Portugal fangen einfach schon an zu weinen, wenn sie nur den Namen hören. Das Bedürfnis nach einer guten Mutter und nach einer weiblichen Ansprechpartnerin und Fürsprecherin im Himmel ist groß, auch in mir! Das habe ich hier kennen gelernt und gefühlt. Danke dafür!

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[1] Heilige Maria, Du Mutter der Gnade, Du Mutter der Barmherzigkeit, im Leben wie im Tode beschütze uns, Du unsere Mutter.

[2] Einkaufswagen mit Rädern

[3] Auf dem Server des Sanctuariums von Fátima kann man sich Videos dieses Abends und des folgenden Morgens herunterladen,, die ich oben eingebunden habe. Auch einige Bild auf dieser Seite ist von diesem Server: www.santuario-fatima.pt

[4] Heiliger Vater! Unsere Herrin, unsere Herrin! Engelchen! Das Herz Jesu, das Herz Jesu! Lasst uns gehen, lasst uns gehen! Wohin? fragt die Äbtissin. In den Himmel… Mit wem? Mit unserem Herrn, mit unserer Herrin, mit den Hirtenkindern…

Nach dem Frühstück in der Innenküche, was an diesem Tag ohne weitere Störungen verlief, brachen wir vom Pão da Vida auf und waren kurz vor 9 Uhr an der Autobahnauffahrt. Von Fátima aus wollten wir nach Madrid trampen. Wir malten uns ein Trampschild

Lissabon

IC 6

Madrid

und hielten den Daumen raus und warteten,

und warteten und beteten Rosario…

……………und warteten und beteten Rosario…

…………………………und warteten und beteten Rosario.

Meine Trauer über unsere baldige Trennung setzte wieder ein. Santiago trennte sich hier von seinem Pilgerstab, er gab ihn der Natur zurück. Nachmittags um halb drei höre ich eine Stimme von oben: „Kehr um!“ Ich entschloss mich, zum Busbahnhof zurückzulaufen, im Notfall die Trennung hier geschehen zu lassen und allein nach Madrid zu fahren, denn mein Flugzeug ging in 48 Stunden, ich würde ein 2. Flugticket nicht kaufen können.

Santiago wollte mich zum Busbahnhof noch begleiten. Auf dem Weg war es mir wichtig, noch bei Pingo Doce Wasser zu kaufen, denn mein Wasser war in der Wartezeit draufgegangen. Am Ticketschalter erfuhren wir: Der Bus sollte sofort losgehen! Santiago bat mich spontan, zwei Tickets zu kaufen, er wollte mitfahren. Und kaum waren wir in den Bus eingestiegen, da schloss sich die Tür und der Bus fuhr los. Wir fanden zwei Plätze nebeneinander und schauten in die Landschaft. Ca 125 km war die Strecke, für die wir mit dem Bus 9 Euro pro Person zahlten. Im Kopf wurde sofort umgerechnet, das wären gepilgert ca. 4 Tage noch gewesen. Doch nach Lissabon hinein wäre es kein Vergnügen gewesen, so riesig ist die Stadt inzwischen geworden. Lange, lange fuhr der Bus durch die Vorstadt.

Gegen ½ 6 kamen wir in Lissabon am Busbahnhof an. Am internationalen Schalter fragten wir nach der Weiterfahrt. Der Nachtbus nach Madrid war schon ausgebucht. Na ja, da wird es ja wohl auch noch Züge geben. Mit der Metro fuhren wir zum Bahnhof am Expo-Gelände, um uns nach Zügen zu erkundigen. Der internationale Schalter dort war gerade für eine Stunde Pause geschlossen. Wir besuchten das Einkaufszentrum gegenüber, fanden einen McDonalds für ein preiswertes, warmes Abendessen. Auf der der Terrasse gab es noch ein Plätzchen für uns. Und dort konnten wir ein Live-Open-Air-Konzert auf dem Expo-Gelände genießen. Unverhofft kommt oft! Lissabon schenkte uns ein wenig seiner Kultur!

Als wir am Schalter wieder erreichten, erfuhren wir, dass es nur einen Zug pro Tag von Lissabon nach Madrid gibt, um 22.00 Uhr. Und der war auch ausgebucht. Ich hatte gedacht, dass da alle paar Stunden welche fahren, so wie Berlin – Hamburg oder so, das hätte ich nicht gedacht, dass die zwei Länder so wenig Kontakt haben! Wir sprangen wieder in die Metro und fuhren zum Busbahnhof zurück, um mein Ticket für den nächsten Tag zu kaufen.

Santiago, der eigentlich hatte versuchen wollen, von Lissabon aus zu trampen, entschloss sich unterwegs, mit mir im Bus nach Madrid zu kommen. Am Busbahnhof erfuhren wir, dass wir warten und uns auf die Standby-Liste des ausgebuchten Abendbusses um 21.00 Uhr eintragen konnten. So standen wir an 2. Stelle auf der Liste und wartend und inständig betend in der Halle. Wir hatten ja für Lissabon noch keine Übernachtungsmöglichkeit und es war schon spät! Wenn wir doch nur im Bus schlafen könnten! Und wie gut, dass wir am Expo-Gelände die Pause hatten, schon gegessen hatten und sogar noch etwas Schönes von Lissabon mitbekommen hatten! Für uns wurde doch immer wieder gesorgt, wenn wir die Gelegenheiten einfach nutzten. Eineinhalb Stunden mussten wir warten, dann bekamen wir grünes Licht und zwei Tickets und sogar zwei Plätze nebeneinander!  Der Bus war fast nur von Schwarzen bevölkert, es war mir mehr als recht, dass Santiago bei mir war, denn schon bei der Abfahrt gab es heftige, lautstarke Argumente zwischen ihnen im Bus, doch mit ihm fühlte ich mich gut beschützt. Meinen Schlafsack hatte ich mit in den Bus genommen, so konnten wir ganz gut schlafen, wenn es auch etwas eng war. Ich genoss die geschenkten Stunden neben Santiago im Bus und war froh, dass wir so die Nacht trocken und warm und ohne zusätzlichen Kostenaufwand verbringen konnte. Seine Gnade und bestimmt unsere vielen Rosariogebete des Tages hatten uns dieses Geschenk erwiesen gemacht. Danke dafür!

Kuppel der Basilica de San Francisco El Grande in Madrid - public domain Foto aus wikicommons

Am 15. Oktober kamen wir am frühen Morgen in Madrid an – noch im Dunkeln – und begannen, diese wunderschöne Stadt zu entdecken. Wir entschieden uns, vom Busbahnhof aus zu Fuß in die Stadt zu laufen. Wir fanden ein offenes Café und mit Café con Leche y Bollo starteten wir warm und süß in den Morgen. Als erstes besuchten wir einen Gottesdienst in der Basílica del San Francisco El Grande, in der riesige, eindrucksvolle Bilder der Apostel an den Wänden sind. Ein alter Mann spielte das Spinett und sang mit brechender Stimme dazu, der Padre schaute von Zeit zu Zeit – verzweifelt, wie es schien – zu ihm hin. Nach dem Gottesdienst holten wir uns unseren Stempel für unser Credencial und fragten den Padre, wo wir als Pilger denn in Madrid bleiben könnten. Er empfahl uns, in einer kirchlichen Biblio­thek in der Nähe oder in der neuen Kathedrale nachzufragen. In der Bibliothek schüttelten sie den Kopf.

Die mächtige neue Kathedrale de la Almudena von Madrid - Foto public domain in wikicommons

Wir überquerten eine Brücke, dann ragte sie vor uns auf: die neue Kathedrale, die neben dem Königspalast liegt, ein riesiger Bau! In der Sakristei wurde unser Credencial ein letztes Mal gestempelt, ein würdiger Abschluss! Vor dort aus schickte uns eine Nonne zur Klärung unserer Übernachtungsfrage zur Pilgerabteilung in den Bischofspalast. Dort empfahl man uns das Kloster St. Maria am Fuße der Kathedrale. Lange suchten wir, fanden stattdessen und besichtigten die Krypta der Kathedrale, stiegen durch einen Park richtig weit steil abwärts, doch wir fanden nichts außer einem winzigen Steinkirchlein. Wir kletterten den Berg wieder hinauf und kehrten in die Kathedrale zurück und fragen die Nonne nach dem Kloster. Sie griff zum Telefon und siehe da: sie sicherte uns den Schlafplatz im Kloster, wir sollten uns um ½ 8 wieder bei ihr in der Kathedrale melden, dann würde sie uns den Weg weisen. Wunderbar, unsere letzte Nacht war nun auch geregelt.

Und wieder begann ein Gottesdienst, an dem wir teilnahmen. In der Kathedrale fand ich auch wieder einen wunderbaren Sagrado Corazón de Jesús.

El Sagrado Corazón de Jesús in der Kathedrale von Madrid

Hier begann die Geschichte dieses Buches. Er nahm sehr deutlich Kontakt zu mir auf, forderte mich auf, mich hinzusetzen und begann, mir vom Heilsystem zu erzählen, das ich in der Folgezeit aufgeschrieben habe. Das, um was ich vor dem Camino gebeten hatte, hat sich hier erfüllt: Die Gabe wurde am Ende des Weges überreicht, bis hierhin wurde ich geführt, um meine Unterweisungen zu erhalten. Genau hier entstanden die ersten Erklärungen, wie was funktioniert, die ersten Übungen, lange saß ich und lauschte, während Santiago weiter die Kathedrale besichtigte. Aus diesen Erklärungen ist bis Weihnachten 2007 ein ganzes Heilbuch entstanden. Das Heilbuch nutze ich für meine Arbeit. Unser Weg, die Erkenntnisse des Weges, das Umsetzen unseres Weges im Alltag und das Wissen darüber, was Krankheit und was Heilung ist, das ist in diesem Buch gelandet. Danke dafür von Herzen! Möge dies der Welt von Nutzen sein…

1. Petrus 4 (Bibelübersetzung Neues Leben): 10 Gott hat jedem von euch Gaben geschenkt, mit denen ihr einander dienen sollt. Setzt sie gut ein, damit sichtbar wird, wie vielfältig Gottes Gnade ist.

Plaza de España mit Don Quijote und Sancho Panza

Gegen Mittag begann so der weltliche Teil unserer Madrider Zeit. Wir sahen Hinweisschilder zur Plaza Mayor und folgten ihnen. Dieser geschichtsträchtige Platz ist rechteckig von dreistöckigen Häusern mit vielen Balkons, Türmchen und Kolonnaden umgeben. Es wurden gerade die Zelte einer Veranstaltung abgebaut, doch das konnte die Großartigkeit dieses Ortes – Spanien en eccelencia -  nicht verdecken. Hier sollen früher sogar die Opfer der Inquisition hingerichtet worden sein, Stierkämpfe stattgefunden haben. An dem Platz war das Tourismusbüro, wo wir einen Stadtplan und eine Internet-Viertelstunde bekamen. Ich fragte auch nach einem Geldautomaten einer deutschen Bank, denn das Geld ging mir aus. Wir fanden unseren Weg ins Latino- und Chinesenviertel und dort einen günstigen Chinesen für unser Mittagessen. Wir erliefen uns Madrid, so wie wir uns schon 1000 weiter Kilometer Spaniens erlaufen hatten, und ruhten uns an der Plaza de España auf einer Parkbank im Schatten der Bäume aus. Hohe, schon ältere Wolkenkratzer mit New Yorker Charme der 50er Jahre grenzen den Platz ein. In der Mitte stand eine Skulptur von Don Quijote und Sancho Panza. Die Touristen nutzen das Duo für die merkwürdigsten Erinnerungsfotos, auch wir ließen uns davon anstecken.

Madrid ist wirklich sehenswert, bald ging es weiter zur Plaza del Oriente am Palacio Real, dem Königspalast. Wir waren sentimentaler Stimmung und brauchen eigentlich nur noch Ruhe, um unseren Abschied vorzubereiten. Wir kauften noch schnell etwas zum Abendessen ein, um dann pünktlich um 8 an der Kathedrale zu sein.

Wegen unserer Muschel am Rucksack sprach uns auf der Straße eine Spanierin an und erzählte von ihrer eigenen Verbundenheit zum Camino. Wir kamen ins Plaudern und sie berichtete uns von der Via Francígena, dem französischen Weg nach Rom. Das war uns wie ein Fingerzeig von oben, der nächste gelbe Pfeil. Er zeigt also nach Rom. Wir beide nahmen uns vor, auch diesen Weg demnächst zu beschreiten. Wieder ein vom Omega zum Alpha. Bis bald auf dem Weg nach und in Rom!

Als wir die Kathedrale betraten, kam uns die Nonne schon entgegen und zeigte uns nun genau den Weg dorthin. Wir hätten nur noch einmal mehr um die Ecke gehen müssen! Im Kloster kamen wir  unter. In einem ebenerdigen großen Raum standen blaue Holzpritschen, lagen Decken und die Habseligkeiten einiger Leute. Wir lernten einen Flüchtling aus El Salvador kennen, der uns etwas einwies und mit dem sich Santiago lange unterhielt, und einige Obdachlose. Wir suchen uns zwei Holzpritschen nebeneinander, doch schon bald gab es Ärger wegen der Betten. Andere erhoben den Anspruch darauf, sich auf älteres Recht berufend. Der Ton war etwas rauh, aber wenn man schon fast gar nichts hat, so möchte man wohl wenigstens einen Schlafplatz als Eigenes haben. Wir erklärten vorsichtig unsere Situation, dass es unsere letzte Nacht wäre und wir nur einen warmen Schlafsack haben und irgendwann lenkte ein Mann ein und zog auf eine einzelne stehende Pritsche um. So hatten wir doch noch eine Nacht nebeneinander. Die Pritschen waren hart, wir legten unsere Matten drauf, doch es war nicht sonderlich bequem – dafür kostenlos und da wollen wir weiterhin nicht meckern. Nach und nach füllte sich der Raum, zwei ältere Männer, ein Frauenpärchen, eine wohl ganz frisch Obdachlose, die sich sofort hinlegte und seufzend einschlief. Dieses Kloster muss so etwas wie eine Notunterkunft sein für Menschen, die nicht mehr weiter wissen und nichts haben.

Unsere gemeinsamen Tage klangen aus, nur noch wenige Stunden trennten uns vom Abschied. Noch im Dunkeln verließen wir das Kloster und frühstückten in einer Bar, in der zunächst die Espressomaschine streikte. Die Bar war neu, der Betreiber kannte sich noch nicht so gut aus, es gab wieder Café con Bollo. In Madrid gibt es noch eine alte Kathedrale, inzwischen heißt sie Basílica de San Isidro. San Isidro ist der Stadtpatron von Madrid. In einer kleinen Seitenkapelle nahmen wir am Morgengottesdienst teil, um unseren letzten Tag auch Gott zu überantworten. Vorn vor dem Hauptaltar stand eine Sagrado Corazón Statue, noch ein Gespräch, Trost, Abschied. Wir liefen weiter durch die Stadt und erreichten den Parque del Buen Retiro. Ich packte meinen Rucksack um und warf allen restlichen Ballast ab. Am See, dem Estaque de Retiro verbrachten wir den Vormittag. Ein Akkordeon­­spieler begleitete unsere melancholische Stimmung mit „La vie en rose“, „My way“, „Strangers in the night und ganz besonders: „Let it be!“ Wir weinten immer wieder, weil uns der Abschied sehr schwer fiel, schmerzte.

Das letzte Bild der Reise auf der Plaza Colón - Kolumbus, der große Weltentdecker

Irgendwann verließen wir den Park und erreichen die Plaza Colón. Von dort aus suchten wir wieder den Chinesen von gestern, denn er war gut und günstig, und nahmen unsere gemeinsame Henkersmahlzeit zu uns. Und so ging es in Richtung der Bahnstation, wo die Metro zum Flughafen abfährt. Unterwegs halten wir nochmals in einem Park für 1 ½ Stunden an, setzen uns in die madrilener Oktobersonne. Es gab nicht mehr viele Worte, wir lehnten uns nur noch aneinander an. Um kurz nach 5 brachen wir dann auf zur Metro und waren kurz nach sechs auf dem Flughafen. Ich checkte ein und dann brachen unsere letzen Minuten an, unser Abschied voneinander. Wieder weinen wir noch eine Weile zusammen, die letzten wichtigen Worte und dann ging es unter Tränen und mit weißem Taschentuch winken als Referenz an Fátima los, bis der letzte Blick uns trennte, damit ich den Flieger nicht verpasste. Santiago stand tränenüberströmt am Geländer, das war das letzte was ich von ihm nach unserem langen gemeinsamen Weg in Spanien sah.

Let it be auf Youtube

Let it be

When I find myself in times of troubleMother Mary comes to me speaking words of wisdom, let it be.
And in my hour of darkness
She is standing right in front of me
Speaking words of wisdom, let it be.
Let it be, let it be.
Whisper words of wisdom, let it be.

And when the broken hearted peopleLiving in the world agree,There will be an answer, let it be.For though they may be parted there isStill a chance that they will see
There will be an answer, let it be.
Let it be, let it be. Yeah
There will be an answer, let it be.

And when the night is cloudy,
There is still a light that shines on me,
Shine on until tomorrow, let it be.
I wake up to the sound of mus
Mother Mary comes to me
Speaking words of wisdom, let it be.
Let it be, let it be.
There will be an answer, let it be.
Let it be, let it be,
Whisper words of wisdom, let it be

Let it be

Wenn ich mich in Schwierigkeiten befinde, dann kommt Mutter Maria zu mir und spricht ihre Worte der Weisheit: “Lass Dein Leben sich entfalten”[1]. Und in meinen Stunden der Dunkelheit steht sie direkt vor mir und spricht: Lass Dein Leben sich entfalten.
Sie flüstert die Worte der Weisheit:
Lass Dein Leben sich entfalten.

Und wenn die Menschen mit gebrochenen Herzen in der Welt zustimmen, dann wird es eine Antwort geben: „Lass Dein Leben sich entfalten.“ Auch wenn sie getrennt sein mögen, mag es immer noch eine Chance geben,
die sie erkennen können. Es wird eine Antwort geben! Lass das Leben sich entfalten.

Und wenn die Nacht auch bewölkt ist, dort ist immer noch ein Licht, das mich erleuchtet,
so lange leuchtet, bis es Morgen ist:
„Lass Dein Leben sich entfalten.“
Ich wache zum Klang von Musik auf, Mutter Maria kommt zu mir und spricht die Worte der Weisheit: Lass Dein Leben sich entfalten!
Es wird eine Antwort geben,
lass Dein Leben sich entfalten.
Sie flüstert die Worte der Weisheit:
LASS DEIN LEBEN SICH ENTFALTEN!



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[1] „Let it be“ kann man auch mit „Lass es sein“ oder „Lass es geschehen“ im Sinne von „Lass es SO sein/werden wie es ist“ übersetzen. Die gewählte Form schien mir hier geeigneter, das von mir Erlebte/Empfangene auf den Punkt zu bringen. Englischer Text von Paul McCartney, Beatles

Yo camino con Santiago -

Danke Santiago, dass ich mit Dir von Lourdes über Santiago de Compostela nach Fátima laufen konnte, ohne Dich hätte ich es nicht geschafft, nur mit Dir konnte ich in Gottes Reich und ins Paradies eintreten, dank Deiner haben wir es gefunden. Danke für Deine Liebe und Partnerschaft, Deine Zärtlichkeit, danke für Deine Kraft, Deine Nähe und Wärme und das Teilen Deines Schlafsacks in kalten Nächten, die Wärme Deiner Augen, Deine Gedanken, Deine klugen Worte, die Tiefe Deines Gefühls, Deine Geduld, Dein Zurückkommen, Deine Beharrlichkeit, Deine Ermutigung, Deine Natürlichkeit, Dein geschickter Umgang mit Geld, Deine Unterstützung, Deinen  Willen, Dein Lachen, Deine Schönheit, Deine Musik, Dein Kochen, Deine Ideen, Deine gute Laune und auch für die andere, wir wissen inzwischen ja, wofür sie gut war. Danke für Dich, danke, dass Du mich gefunden hast! Danke für diese so bedeutsame Zeit unseres gemeinsamen Lebens!

Ich liebe Dich von Herzen!

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