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[1]Und wenn man wie ein Blatt im Wind fliegt, nicht wissend, ob man auf dem Boden aufschlägt oder das Fliegen lernt, und keinen Schimmer von der Zukunft hat, dann ist dies der größte Moment der Gnade, die intensivste Einladung an Ihn, ins eigene Leben einzutreten.
Wie ein Blatt im Wind sein:
Mein Gefühl am Tag unserer Ankunft in Santiago de Compostela
Gnade = lat. Gratia, griech. Charis, Bedeutung: freie, freiwillige und unverdiente Zuwendung, Gaben
In Santiago de Compostela war für mich das Gefühl, wie ein Blatt im Wind zu sein, eben noch sehr schwer auszuhalten. In Fátima war endlich das Vertrauen vorhanden, da ich in Porto meine Lektion erhalten hatte. Da erst da war der rechte Moment, meine Pilgerreise zu beenden und in leeren Raum zurückzukehren.
Jeremia 17 (Neues Leben): 7 Aber Segen soll über den kommen, der seine ganze Hoffnung auf den Herrn setzt und ihm vollkommen vertraut. 8 Dieser Mann ist wie ein Baum, der am Ufer gepflanzt ist. Seine Wurzeln sind tief im Bachbett verankert: Selbst in glühender Hitze und monatelanger Trockenheit bleiben seine Blätter grün. Jahr für Jahr trägt er reichlich Frucht.
[1] Ab dieser Seite reflektieren alle Texte nur die Meinung von Gabriele Sych
Dios te salve Maria, llena eres de grácia[1]
Maria war durch Lourdes und Fátima die Klammer um unseren Camino. Ich wünschte, jeder könnte den Zustand der Gnade Gottes in aller Tiefe erfahren. Marienwallfahrtsorte sind ein erstaunlicher Ort dafür. Die Menschenmassen in Fátima und in Lourdes: ich habe es später auch in Tschenstochau erlebt. Die Menschen werden zu Kindern. Ihre Offenheit für Berührung und Staunen, Emotionalität, der nicht unterdrückbaree Fluß von Tränen, das Strahlen in den Augen, die tiefe Ergriffenheit, der schiere Druck, sich unbedingt der Gottesmutter zu nähern, koste es, was es wolle, vor sie zu treten, ganz vorn zu stehen, sich dort ganz klein zu machen, auf die Knie zu fallen, sich nicht darum zu kümmern, wie andere einen sehen könnten, was andere von einem denken könnten. Ist das alles Spinnerei, eine Gemeinschafts-Trance? Eine enorme lebendige Kraft war in den Menschen spürbar, ihr Ziel zu erreichen. Sie sind tief berührt: gestandene Männer, resolute Frauen, gewichtige Personen. Maria hilft den Menschen, weil sie Mutter ist, das Kindsein zu erreichen nach dem Wort:
Lukas 18 (Neue Genfer Übersetzung): 17: Ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht wie ein Kind annimmt, wird nicht hineinkommen.
Maria war in ihrer Lebenszeit ein Mensch, ausgestattet mit der der ganzen Fülle der Gnade. Dass sie noch heute für so viele Menschen so wichtig ist, bis in die heutige Zeit und für so viele präsent wirkt, deutet sich mir als Hinweis darauf, dass das ewige Leben eine Realität ist. Die Ewigkeit ist zeitlos, daher kann sie in jeder Zeit da sein.
Die größte Gnade Gottes, nämlich seinen Sohn in sich tragen zu dürfen, war Maria vorbehalten. Die ersten Zeilen des „Ave Maria“ entstammen der Bibel. Sie werden täglich millionenfach von Menschen im Rosario gebetet.
Lukas 1,28: Der Engel trat ein und sagte: Sei gegrüßt, Maria, voll der Gnaden, der Herr ist mit dir!
Lukas 1,42
Mit lauter Stimme rief sie (Elisabeth): Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.
Maria wird täglich millionenfach gesegnet.
Und Maria antwortete dem Engel:
Lukas 1 (Neue Genfer Übersetzung): 38 Maria antwortete: “Ich bin die Dienerin des Herrn und beuge mich seinem Willen. Möge alles, was du gesagt hast, wahr werden und mir geschehen.” Darauf verließ der Engel sie.
Auf Elisabeth antwortete sie mit einem Lobgesang, der heute Magnifikat genannt wird:
Lukas 1,46-55 (Einheitsübersetzung)
Da sagte Maria: Meine Seele preist die Größe des Herrn,
und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.
Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.
Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
Denn der Mächtige hat Großes an mir getan
und sein Name ist heilig.
Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.
Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten:
Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;
er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.
Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen,
das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.
Magnifikat ist das lateinische Anfangswort des Lobgesangs mit der Bedeutung „Er, sie, es macht groß“. Das Magnifikat ist heute ein wichtiges Gebet in der katholischen Kirche. Schon hier sind die Grundregeln von Gottes Reich enthalten.
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[1]Der spanische Beginn des Ave Maria: Gott grüßt Dich, Maria, voll der Gnaden!
Kaffeepause: Auf dem Voie de Piemont ging mir am frühen Nachmittag das Wasser in meiner Flasche aus, und ich sprach eine Bäuerin an, ob sie mir etwas Wasser nachfüllen konnte. Das tat sie, und lud uns dann ganz unverhofft in ihre Bauernstube zu Kaffee und Keksen ein. Es war so ein richtig traditioneller Bauernhof mit Kupferkesseln, Milchkannen, Spitzendeckchen, Holzfußboden, Kittelschürze und spätsommerlicher Staudenblumenstrauß, es sah aus wie vor 50 Jahren. Sie bat uns an ihren Küchentisch, ihr Mann kam auch dazu. Aus einem Kästchen wurde eine ganz neue Packung Kaffee geholt und auf alte Art frisch gebrüht. Und – ich liebe Kaffee, es war sooo schön! Sie öffnete ebenso ein Paket Waffelkekse und Santiago atmete die Kekse förmlich ein und wir fühlten uns sehr herzlich aufgenommen. Mit meinem stoppeligen Französisch erzählte ich von unserem Vorhaben, wo wir herkommen, wir plauderten über den Weg, das Wandern, die Schönheit der Pyrenäen-Landschaft. Wir zeigten dem Ehepaar Fotos von unseren Kindern und sprachen von unserem bisherigen Weg und Lourdes. Sie brachten Ruhe in unseren Tag und wir Leben in den ihren. Frisch gestärkt machten wir uns voller Dank wieder auf den Weg.
Willkommen in Wilsnack: Im Frühjahr 2009 liefen Santiago und ich gemeinsam den Wilsnackweg – diesmal ganz bis zum Ende. Nach einer viertägigen Wanderung in Bad Wilsnack angekommen suchten wir – wie immer – nach einer günstigen Übernachtungsmöglichkeit. Wir fragten am evangelischen Pfarramt neben der Wunderblutkirche . Während auf der Strecke mehrere Kirchen, z.B. in Flatow, Linum und Barenthin, Pilger in den Gemeinderäumen übernachten können, war man auf eine solche Anfrage von Pilgern eher weniger vorbereitet und man zuckte mit den Schultern. Wir fragten auch nach einem überdachten Platz im Freien. Nach langem Hin und Her bot man uns einen Unterstand im Pfarrgarten an. Da wir auf diesem Wege schon im Wald auf einem Tisch und in einem Bushäuschen geschlafen hatten, war das für uns eine machbare Lösung. Zusätzlich gestattete man uns, bis zum Ende der Chorprobe um ca. 21 Uhr zu bleiben, damit wir uns einen Tee kochen könnten und es bequem hätten. Vielen Dank dafür! Wir stellten unsere Rucksäcke im Pfarrgarten ab und Santiago ließ es sich nicht nehmen, mit dem Gartenschlauch zu duschen. Dann besuchten wir ausführlich die Wunderblutkirche, schrieben ins Gästebuch und machten anschließend die obligaten Fotos. Aus einem Haus gegenüber der Kirche trat ein Ehepaar, mit denen ich ins Gespräch kam. Sie sahen uns an, dass wir Pilger waren, anschließend liefen sie zum Gemeindehaus, um an der Chorprobe teilzunehmen. Nach Sonnenuntergang machten auch wir uns auf ins Gemeindehaus, kochten uns Tee und machten es uns in den großen Sesseln bequem, die im Raum neben der Chorprobe genau richtig für uns bereitstanden. Wir hatten vier Tage lang ordentliche Etappen zurückgelegt und waren auf das Angenehmste erschöpft, sanken tief in die Sessel und lauschten dem Gesang. Als die Chorprobe zu Ende war, fand uns das freundliche Ehepaar wieder. Sie wunderten sich, was wir da im Gemeindehaus machten. Wir erzählten von unserer Übernachtungsmöglichkeit im Pfarrgarten und der Aufenthaltserlaubnis im Gemeindehaus. Wir verabschiedeten uns und mit der Chorleite
rin gemeinsam verließen wir ganz zum Schluss das Haus. Auf dem Weg zum Pfarrgarten kam uns der Mann nochmals entgegen. Er hatte dort schon nach uns geschaut. Denn er und seine Frau hatten als zuvorkommende Christen entschlossen, dass für sie das gar nicht ginge, wie die Gemeinde mit uns als Pilger umging.
Wir waren ihnen willkommen! Sie luden uns ein zum Abendbrot und zum Übernachten ein in ihr Haus. In einem gemütlichen Gästezimmer unter dem Dach durften wir duschen und in einem bequemen Bett schlafen. Noch lange erzählten wir Ihnen an diesem Abend von unserer Pilgerreise nach Santiago. Am nächsten Morgen wurden wir mit einem wundervollen Frühstück verwöhnt, bevor wir uns am Himmelfahrtstag auf die Rückreise machten. Vielen herzlichen Dank für dieses ganz persönliche Engagement, die Großzügigkeit und Offentheit für Fremde.
Unerklärliche Geldbewegungen: Auf mein Privatkonto Konto wurden in 2007 größere Summen Geldes überwiesen, zweimal ungefähr 3.000 Euro, einmal 25.000 Euro, und zwar einmal, als ich in Barcelona war, das andere Mal zwei Monate vor dem Camino, als ich einfach mal zwei Wochen nicht auf mein Konto sah. Es waren Fehlüberweisungen durch Zahlendreher gewesen, die mir jedoch genau zeitgerecht halfen, eine Ebbe auf meinem Konto zu überbrücken und mir Rücklastschriftgebühren und Überziehungszinsen zu sparen. Wenn ich es bemerkte, dann googelte ich die Absender, und die freuten sich. Natürlich überwies ich den Betrag zurück, sobald ich es bemerkt hatte. Ich habe dann darum gebeten, mir kein Geld mehr zu schicken, was mir nicht gehört, damit hörte dies auf. In der Zeit, als ich auf dem Camino war, erreichten zwei unerwartete Steuerrückzahlungen mein Konto und Geld aus einem behördlichen Widerspruch, den ich zwei Jahre vorher eingereicht hatte – und gedanklich schon längst ad acta gelegt hatte.
Begrüßungsgeld: Als ich am Morgen nach meiner Ankunft in Berlin bei meinem Bruder aufbrach, da drückte er mir 20 Euro in die Hand: „Damit du erstmal was zum Essen hast, wenn du nicht gleich zur Bank kommst.“
Für mich ist es immer ein gnadenvoller Moment, wenn die Worte oder Bilder, die ich als innere Botschaften in mir wahrnehme, auch eintreffen. Hier einige Beispiele:
Das Bild: Als ich die erste Buchversion direkt nach der Rückkunft schrieb, wohnte ich bei einer Freundin, da ich damals keine eigene Wohnung hatte. Da ich all dies bald in die Welt tragen wollte, habe ich Jesus um ein Bild gebeten, dass ich für dieses Buch und mehr verwenden kann und er hat es mir zugesagt. Einen Abend später kommt meine Freundin und zeigt mir ein altes Bild, das sie von ihrer sehr gläubigen Tante Magdusch aus Ungarn geerbt hat, über deren Bett es immer hing. Was soll ich sagen: Es war ein wunderschönes Herz-Jesu-Bild in Schwarzweiß, der durch die Gebete ihrer Tante gehoben eine ungeheure Kraft und Liebe ausstrahlt. Sie wusste, dass sie ein Jesusbild hatte, sie wusste nicht, dass es eine Darstellung des Heiligen Herzens Jesu Christi hatte. Was mich sehr freute: Sie hat ihn mir in Sichtweite meines Bettes hingestellt und mir ein Foto von einer Fotografin davon anfertigen lassen und aus dieser Sichtverbindung stammt der Buchtitel. Während meiner Zeit bei Ihr war mein letzter Blick am Abend auf ihn gerichtet und mein erster Blick am Morgen. Zwischen Wunsch und Realität sind genau zwei Tage vergangen. Das Bild ist vorn auf dem Buchumschlag zu sehen. Danke dafür!
Raum in der Herberge zu Weihnachten: Weihnachten 2007 musste ich meinen schönen Platz am Friedrichshain verlassen, weil die Familie meiner Freundin zum Weihnachtsbesuch kam. Am 19. Dezember sollte ich die Wohnung verlassen und ich schrieb bis zum 18. Dezember die erste Version dieses Buches fertig und kümmerte mich nicht darum, wo ich wohnen würde. Beim Pilgern haben wir auch immer am gleichen Tag etwas gefunden, darauf verließ ich mich. Ich fragte morgens beim Frühgebet: Wie machen wir es denn? Ich höre: Du wirst eine Nachricht erhalten und da meldest du dich. Und tatsächlich, ich bekam eine Email von einer Freundin, von der ich lange nichts gehört habe. Sie schickte Weihnachtsgrüße und berichtete, dass sie über Weihnachten in Köln sein würde. Ich rief sie umgehend an und konnte über Weihnachten ihre Wohnung haben – auf der anderen Seite des Friedrichshains. Am nächsten Tag schon bekam ich die Schlüssel und kann einziehen, schräg gegenüber wohnte eine andere Freundin, mit der ich Weihnachten feierte… Danke dafür!
Siehe auch die Geschichte der Vision zur Zimmerfindung in Meine Heimkehr und das Gnadenjahr.
Ein festes Kreuz: Der Rosario (Rosenkranzkette), den ich in Lourdes gekauft hatte, begann nach einem Jahr häufigen Nutzens und Tragens immer häufiger in ihre Einzelteile zu zerfallen, da sich die Ösen zwischen den Perlen lösten oder ich mit dem Kruzifix hängen blieb und er abriss. Er war halt preiswert gewesen, doch er war mir sehr, sehr wertvoll, weil er uns auf dem ganzen Camino für viele, viele Gebete gedient hatte. Am „Praxis-Tag der offenen Tür“, an dem auch vor der Praxis ein Straßenfest stattfand, bei dem Santiago auftrat, da verlor ich meinen Kruzifix, der unten am Rosario dran war. Ich suchte überall, hängte Zettel auf, aber ich fand ihn nicht wieder. Ich erschreckte mich sehr darüber, doch dann hörte ich: „Mach dir keinen Kopf, Du bekommst einen Neuen.“ Und das passierte auch: vier Wochen später schenkte mir die Freundin, mit der ich Weihnachten gefeiert hatte, einen neuen Kruzifix aus rund geschnitztem Holz an einer festen Schnur! Er liegt wunderbar in der Hand. Dieses Kruzifix wird nicht mehr abfallen, wir sind fest verbunden. Inzwischen hat mir mein Sohn sogar aus Medjugorje einen quasi unkaputtbaren, riesigen Rosario mitgebracht. Danke dafür!
Etwas zum Lachen: Bei einer anderen Pilgertour ging es mal wieder auf den Abend zu und ich brauchte eine Übernachtung. Schon bei der Planung der Tagesetappe hatte ich vernommen, bis zu einem bestimmten Ort zu gehen – und etwas darüber hinaus. Ich wanderte also bis zu diesem Ort und fragte dann: „Und jetzt?“ Da hörte ich in mir: „Geh einfach weiter, wenn Du es siehst, wirst Du es wissen. Und – Du wirst Dich kaputtlachen!“ Ich ging also langsam weiter, der Weg zog sich, der Ort war mehr ein bewohntes Tal, das unter dem Namen einer Ortschaft lief. Irgendwann dachte ich, jetzt muss ich ja mal jemanden fragen, wo es hier was gibt. Ich kam an einem Gebäude mit einem Schild „Bürgerhaus“ vorbei und stieg die davorliegende Treppe hinauf, um dort Menschen zu finden. Hinter dem Bürgerhaus entdeckte ich: Das Gebäude der freiwilligen Feuerwehr. Die Tür stand offen und ich hörte Stimmen. Ohne Bedenken trat ich ein und fragte die Anwesenden, ob ich dort übernachten könnte, erzählte von meinen Erlebnissen in Portugal, ließ mich nicht abweisen. Sie schmunzelten, ließen mich dort übernachten. Ja, ich hatte in diesem Moment gewusst, dass ich richtig war, und ja, ich habe mich innerlich kaputtgelacht. Einer der „Bombeiros“ lud mich für nächsten Morgen noch zu einem reichhalten Frühstück in sein Haus ein. Danke dafür!
Das Fahrrad: Kurz nach Herbstanfang wurde mir mein Fahrrad geklaut. Ich hatte es schon viele Jahre gefahren und ich mochte es richtig gern, auch wenn die Gangschaltung häufiger mal Aussetzer hatte. Es war leicht und einfach zu fahren, auch in engen Kurven. Doch nun war es geklaut, einfach das Schloss – zapp! – durchgeknippst. Erst ärgerte ich mich sehr, warum musste mir das passieren! Da hörte ich in mir: “Du brauchst ein neues Fahrrad, du wirst ein neues Fahrrad bekommen!” Einen Monat vor Frühlingsanfang bekam ich von einer Klientin ein neues Fahrrad geschenkt, kaum benutzt, tiptop in Ordnung. Sie brauchte es nicht mehr und war froh, dass sie Platz schaffen konnte. Gott sorgt für mich! Das Fahrrad war inzwischen auch schon pilgern: bei der Europa Compostela Pilgerstaffel auf der Berlin-Etappe.
Beim Pilgern trifft man häufig Wege-Engel, die genau im richtigen Moment auftauchen, um einen den richtigen Weg zu weisen. In Spanien wird man als Pilger ja häufig erkannt und die Ortsansässigen sind es gewohnt, einem den Weg zu weisen, wenn man sich verlaufen hat.
Einen besonders zuvorkommenden Wege-Engel hatten wir bei unser Ankunft in Burgos nach der 50-km-Etappe. Ein deutscher Pilger, der am nächsten Tag von Burgos aus loslaufen wollte, sprach uns mitten in der Stadt auf der Plaza Mayor an, weil wir uns wohl etwas verloren umschauten. Auf die Frage, wo denn die Herberge sei, verriet er uns, dass die größere Herberge noch ca. 2 km vom Zentrum entfernt wäre. Als er mein entsetztes Gesicht sah, ich war schon wirklich erschöpft, begleitete er uns dorthin und trug dabei meinen Rucksack, damit ich es nicht so schwer hätte. Danke!
Als ich nach Bad Wilsnack pilgerte, war ich mir hinter Fehrbellin über ein Zeichen unklar. Es war an ein Straßenschild ein Wilsnack-Aufkleber dran, d.h. ich war noch auf dem richtigen Weg, aber ich wusste nicht, ob dies nun der Abzweig war. Ich lief die Straße weiter geradeaus. Da kamen mir drei Wanderer entgegen, die mich dann aufklärten: Geradaus ging es ins nächste Dorf, nach Protzen, wo sie übernachtet hatten, doch der schönere Weg ging über die Felder durch das Luch, und zwar dort, wo der Aufkleber dran war. Ich lief also mit ihnen zurück und wir bogen gemeinsam ab. Ich nahm noch meinen Kugelschreiber raus und kennzeichnete für alle weiteren Pilger auf dem Aufkleber die Richtungen, nach Protzen geradeaus, nach Garz nach links.
Mit einer der Frauen unterhielt ich mich noch ein Weilchen über den Wilsnack-Weg. Sie hatten die Reise lange geplant und schon im Voraus alle Etappen samt Übernachtung festgelegt und fest gebucht. Ich erzählte ihr vom Jakobsweg und meiner Form des Pilgerns, loslaufen und vertrauen, dass sich schon etwas findet, wo man bleiben kann und was ich bisher erlebt hatte, mein wunderbar geschütztes Strohlager und das Bett – gegen Donativo, wie in Spanien – in der katholischen Kirche in Fehrbellin. Sie war sehr erstaunt, und sagte: „Das hätte ich mich nicht getraut.“ Kurz darauf hielt die kleine Gruppe an, weil sie Fotos von dem leuchtend-gelben Rapsfeld machen wollte. Wir verloren uns schnell aus den Augen, ich habe sie ab diesem Punkt – auch aus der Entfernung heraus, nicht mehr gesehen – und sie mich wohl auch nicht. Ich bin mir sicher, diese Frau wird über kurz oder lang auch den Jakobsweg pilgern. Wir waren uns gegenseitig – Wege-Engel.
Wege-Engel gibt es auch im Alltag ständig, Menschen, die plötzlich vorbeikommen, eine Nachricht hinterlassen und dann wieder verschwinden. Bücher, die plötzlich in unsere Hände fallen, Liedertexte, die wir plötzlich hören. Wenn wir innerlich berührt werden, dann ist die Nachricht für uns. Ein Moment der Gnade.
Gebet nach Matthäus 8,8 vor der Eucharistie im Gottesdienst, dass viele Menschen besonders berührt:
“Herr, ich bin nicht würdig,
dass du eingehst unter mein Dach,
aber sprich nur ein Wort,
dann wird meine Seele gesund.“
In der Praxis veranstalteten wir einen Tag der offenen Tür, bei dem wir alle Behandlungen für eine Spende an die gemeinnützige Stiftung von Karl-Heinz Böhm für Kinder in Afrika anboten. Bei einer Behandlung, bei der der heilende Segen des allmächtigen Vaters im Himmel notwendig war, begann ich instinktiv inbrünstig das Vaterunser zu beten. Und immer wieder stockte das Gebet bei mir an derselben Stelle, immer bei „und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Und man glaube mir, ich kann es wirklich auswendig. Ich sprach den Behandelten, den ich vorher noch nie gesehen hatte an, ob er unter Schuldgefühlen litte und Probleme mit dem Vergeben hätte. Er sagte: „Das ist wohl mein größtes Problem. Ich mache mir so viele Vorwürfe, ich fühle mich so schuldig. Und ansonsten ist das bei uns in der Familie eine lange Kette. Ich kann meinen Eltern nicht vergeben, meine Kinder beschuldigen mich und das geht auf allen Ebenen weiter“. Wir konnten dann über Vergebung sprechen und sie einleiten und so einiges an Last und Leid mindern.
Und so erfuhr ich, dass ich auch die Gebete zur Diagnose verwenden kann, wenn ich sie während des Handauflegens intensiv bete. Durch die Gespräche erschließt sich mir die Bedeutung jeder Zeile des Vaterunsers und der anderen Gebete, die ich für die Wesenspersönlichkeiten der heiligen Dreifaltigkeit bete. Wenn ich dann die Zeile mit meinem Klienten anspreche, dann komme ich immer direkt auf den Punkt. Inzwischen hat sich im Praxisalltag herausgestellt, dass auch andere Gebete, z.B. das Heilig-Geist-Gebet des Augustinus, die 10 Gebote und die 7 Ich-Worte Jesu aus dem Johannes-Evangelium bei der Diagnose in ähnlicher Weise sehr hilfreich sind.
Ich habe meine Fähigkeit gegeben, um anderen und den Kindern in Afrika zu helfen. Und mein Lohn dafür war nicht von dieser Welt, er war ein Geschenk, mit dem ich meine Gabe zur Diagnostik der Seele erweitern konnte. Die Gnade, die durch Geben einfach geschieht – ein weiterer Moment der Gnade.
Nächster Artikel: In der Wüste sein und der Ausblick auf das Gelobte Land
Eines Tages, im Sommer nach dem Pilgern, da hatte ich gegen Morgen einen Traum. Ich sah mich in einer Wüste wandern, gelb, orange, ocker der Sand, unter wolkenlosem Himmel und in gleißender Sonne. Es war heiß und es ging bergauf, es war sehr anstrengend, ich schwitzte, die Füße schwer im abrutschenden Sand. Doch plötzlich wurde mein Blick angehoben, ich wurde über meinen Standpunkt in der Wüste gehoben und sah, dass zwar noch Aufstieg zu bewältigen ist, es aber gar nicht mehr so lange dauert, der Gipfel ist bald erreicht. Und hinter dem Bergkamm, da begann ein anderer Landstrich: die Wüste war zu Ende und es begann, grüner zu werden, Wiesen, später Bäume, ein gewundener Pfad, Blumen, Früchte, Wasser in Form eines Baches – das gelobte Land lag vor mir.
Als ich am Morgen aufwachte und meinen Traum Revue passieren ließ, da wurde mir klar, ja, meine Zeit ähnelt der einer Wüste. Die Wüste ist nicht grundsätzlich etwas Schlimmes, ich kenne einige Menschen, die für die Wüste absolut schwärmen. Ich hatte durch meine Praxis kein festes Einkommen, lebte von der Hand in den Mund, alles Geld, was hineinkam, reichte sozusagen bis zum nächsten Tag, alle Zahlungen, die ich zu leisten hatte, waren erst kurz vor dem Termin auf meinem Konto – und manchmal auch nicht – das wirklich Wichtige klappte. Irgendjemand rief immer an, und dann gab es wieder etwas zu tun. Als ich noch allein lebte, da hatte ich manchmal auch nur sehr wenig zu essen, 5 Euro für eine ganze Woche. Und – an einem Abend wurde ich unerwartet zum Essen eingeladen – indisch, bunt und gesund: Huhn mit Mango und Kokos-Lassi – da konnte ich mich dann richtig satt essen. Ich lernte im Alltag, mich darauf zu verlassen, dass es schon klappen würde, und wenn es nicht klappte, dann war es für einen neuen Glaubensschritt wichtig, es hatte jeweils einen Sinn.
Ich wurde in der Wüste ausgebildet: 2. Mose 16 (Lutherbibel 1984)
4 Da sprach der HERR zu Mose: Siehe, ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen, und das Volk soll hinausgehen und täglich sammeln, was es für den Tag bedarf, dass ich’s prüfe, ob es in meinem Gesetz wandle oder nicht. 5 Am sechsten Tage aber wird’s geschehen, wenn sie zubereiten, was sie einbringen, dass es doppelt so viel sein wird, wie sie sonst täglich sammeln…. 11 Und der HERR sprach zu Mose: 12 Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sage ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich, der HERR, euer Gott bin. 13 Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager. 14 Und als der Tau weg war, siehe, da lag’s in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde. 15 Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: Man hu1? Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat. 16 Das ist’s aber, was der HERR geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte. 17 Und die Israeliten taten’s und sammelten, einer viel, der andere wenig. 18 Aber als man’s nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte. 19 Und Mose sprach zu ihnen: Niemand lasse etwas davon übrig bis zum nächsten Morgen. 20 Aber sie gehorchten Mose nicht. Und etliche ließen davon übrig bis zum nächsten Morgen; da wurde es voller Würmer und stinkend. Und Mose wurde zornig auf sie. 21 Sie sammelten aber alle Morgen, soviel ein jeder zum Essen brauchte. Wenn aber die Sonne heiß schien, zerschmolz es. 22 Und am sechsten Tage sammelten sie doppelt so viel Brot, je zwei Krüge voll für einen. Und alle Vorsteher der Gemeinde kamen hin und verkündeten’s Mose. 23 Und er sprach zu ihnen: Das ist’s, was der HERR gesagt hat: Morgen ist Ruhetag, heiliger Sabbat für den HERRN. Was ihr backen wollt, das backt, und was ihr kochen wollt, das kocht; was aber übrig ist, das legt beiseite, dass es aufgehoben werde bis zum nächsten Morgen. 24 Und sie legten’s beiseite bis zum nächsten Morgen, wie Mose geboten hatte. Da wurde es nicht stinkend und war auch kein Wurm darin. 25 Da sprach Mose: Esst dies heute, denn heute ist der Sabbat des HERRN; ihr werdet heute nichts finden auf dem Felde. 26 Sechs Tage sollt ihr sammeln; aber der siebente Tag ist der Sabbat, an dem wird nichts da sein. 27 Aber am siebenten Tage gingen etliche vom Volk hinaus, um zu sammeln, und fanden nichts. 28 Da sprach der HERR zu Mose: Wie lange weigert ihr euch, meine Gebote und Weisungen zu halten? 29 Sehet, der HERR hat euch den Sabbat gegeben; darum gibt er euch am sechsten Tage für zwei Tage Brot. So bleibe nun ein jeder, wo er ist, und niemand verlasse seinen Wohnplatz am siebenten Tage. 30 Also ruhte das Volk am siebenten Tage. 31 Und das Haus Israel nannte es Manna. Und es war wie weißer Koriandersamen und hatte einen Geschmack wie Semmel mit Honig.
An diesem Tag beschloss ich für mich: Ich werde die Zeit in der Wüste auch genießen, soweit ich kann, soweit ich mein Bewusstsein und meine Dankbarkeit dafür immer wieder anheben, aufkommen lassen kann. Ich werde den Weg, die Herausforderung und die Lernaufgabe annehmen. Lernen, das zu nehmen, was jeden Tag „von oben“ kommt, nicht für morgen vorzusorgen.
Eben Matthäus 6 (Bibelübersetzung Neues Leben): 34 Deshalb sorgt euch nicht um morgen, denn jeder Tag bringt seine eigenen Belastungen. Die Sorgen von heute sind für heute genug.
Es ist anfangs kein Spaziergang, manchmal hatte ich Angst, manchmal schlug es mir auf den Magen, manchmal wünschte ich mir, dass es leichter sein möge. Doch es war, wie es war. Es ging um das Lernen, um das Erfahrung sammeln. Leichter geht es nicht. Ich lernte, mit dem auszukommen, was gerade jetzt da war, ich lernte, mir um den nächsten Tag weitestgehend keine Sorgen zu machen, und auch nicht um das, was in 30 Jahren sein könnte mit mir. Und im Kleinen: Wenn eine Überweisung zu leisten war, dann würde das Geld auch am rechten Tag da sein. Nie wusste ich, wann etwas kommen würde, wieviel kommen würde. Es kam einfach was. Ich lernte auch, mit nichts zu rechnen, selbst wenn Leute kamen, die sonst immer etwas gaben. Es war ja kein Lohn, sollte es auch nicht sein. Wüste – kein Baum, kein Strauch, wo ich einfach hingehen konnte, um etwas zu pflücken. Es hatte irgendwie ohne mein Zutun zu geschehen: Völlige Abhängigkeit von Gott.
Und ich gab nicht auf, ich kehrte nicht um, denn ich hatte ja gesehen: „Der Weg da raus ist der Weg da durch“. Es ist der Camino im Alltag – einfach weitergehen! Mein Traum schenkte mir Hoffnung und Zuversicht – und wieder viele Momente der Gnade.
Auf dem Weg des Weiterlernens im Alltag gab es immer wieder „spannende“ Zeiten, zum Beispiel in der Zeit, als ich alle meine anderen Aktivitäten und Einnahmequellen aufgab, um mich nur noch dem Handauflegen mittels Heilsegnen und diesem Buch zu widmen. Manchmal stellte ich mich ein wie ein Kind, das pfeifend durch den Wald geht, um die Angst zu überbrücken. Ich betete, wo ich ging und stand, um mich nicht von meiner Angst überwältigen zu lassen. Irgendwann ging es nicht mehr, sie kam durch, ich ließ sie zu.
Und in dem Moment hörte ich die Worte: „Na endlich!“ Es war wie ein „Mach hier nicht den dicken Herrmann, wenn du es nicht wirklich bist. Wir sind doch da, um dir zu helfen, wir sind da, um dir zu dienen, nicht umgekehrt. Wir unterstützen dich, wenn du dich nicht stark fühlst. Gerade dann können wir am besten für dich da sein. Lass dir helfen! Du bist für uns auch ok, wenn du vor Angst schlotterst. Im Gegenteil, es ist mutiger, zeugt von mehr Überzeugung, vor Angst schlotternd voranzugehen, als ohne Furcht voranzuschreiten.“ Ja, es ist einfacher, über ein Brett, das am Boden liegt zu gehen, als über ein Brett, was über dem Abgrund liegt, auch wenn beide gleich breit sind. Ich ließ also die Angst mich überfluten, ich schlotterte! In dem Moment, als das passiert war, als ich es zuließ, wurde mir leichter ums Herz. Ich hatte Angst und durfte Angst haben. Ich fühlte mich mickrig und durfte auch so sein. Und trotzdem vorangehen!
Das war ein großartiges Erlebnis – ich durfte auch nicht groß, stark und ok sein, und war trotzdem richtig, hey, was für ein Gefühl – ein Moment der Gnade, den man so gar nicht erwartet. Auch Jesus hatte einmal große Angst – während seines Gebetes im Garten Gethsemane, als er Blut und Wasser schwitzte. Und dann kam der Engel … Er wusste, was auf ihn zu kam, wir wissen es meist nicht…und haben Angst vor dem Ungewissen.
Markus 14 (Lutherbibel 1984): 32 Und sie kamen zu einem Garten mit Namen Gethsemane. Und er sprach zu seinen Jüngern: Setzt euch hierher, bis ich gebetet habe. 33 Und er nahm mit sich Petrus und Jakobus und Johannes und fing an zu zittern und zu zagen 34 und sprach zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet! 35 Und er ging ein wenig weiter, warf sich auf die Erde und betete, dass, wenn es möglich wäre, die Stunde an ihm vorüberginge, 36 und sprach: Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst.
Oder in Lukas 22 (Einheitsübersetzung): 39 Dann verließ Jesus die Stadt und ging, wie er es gewohnt war, zum Ölberg; seine Jünger folgten ihm. 40 Als er dort war, sagte er zu ihnen: Betet darum, dass ihr nicht in Versuchung geratet! 41 Dann entfernte er sich von ihnen ungefähr einen Steinwurf weit, kniete nieder und betete: 42 Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen. 43 Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und gab ihm (neue) Kraft. 44 Und er betete in seiner Angst noch inständiger und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte.
Und doch kann man sich vollständig anvertrauen, alles geben.
Das Scherflein der Witwe, Markus 12 (Lutherbibel 1984)
41 Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. 42 Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig. 43 Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. 44 Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.
Einem solchen Menschen begegnete ich, der 100 % gibt. Ich war bei einer Freundin in einem Café in Potsdam, da kam er herein. Stefan hatte vor 19 Jahren seine Firma verkauft und das Geld gespendet, hat kein Zuhause mehr und läuft seither für den Frieden durch Europa und hilft. Er sammelt und gibt gleich weiter, er geht zu allen Gelegenheiten zu Hilfe, die sich ihm auftun, ob es nun ein Kinderheim, die Flutkatastrophe oder der Hunger in der Welt ist, darüber zeigte er uns Zeitungsausschnitte. Er fragt Privatleute und Firmen nach Geld zum Spenden und für sich selbst nach Essen und Unterkunft. Er sagt, er lebt bereits seit 19 Jahren so. Er überlebt schon so lange in dieser Lebensform.
Da war ich platt, er hat mich überzeugt, dass es geht, ein wunderbares Beispiel, und er hat mir viel Angst vor diesem Weg genommen. Ich habe ihm sofort und spontan mein Portemonnaie geleert[1]. Er ist weiter unterwegs, halten Sie Ausschau! Ich traf ihn später nochmals in Berlin. Mögen alle, die ihm begegnen, ihn auf seinem barmherzigen Weg unterstützen!
Chapeau, Stefan, Gott segne Dich!
Nächster Artikel: Hindurchgehen und die Angst verlieren
[1] Und komischerweise bekam ich das Geld noch am selben Tag aus anderer Quelle wieder.
Viele Dinge verlieren ihren Schrecken, wenn man sie erlebt, durchlebt und überlebt, oft macht uns dies das Leben einfacher und sorgenfreier.
Es gelang mir über eine gewisse Zeit nicht, meinen Krankenkassenbeitrag zu bezahlen. Immer wieder streckte und dehnte ich mich – getreu auf dem Weg bleibend – zu überweisen, doch es reichte nicht. Sie wurde immer wieder angedroht und dann kam sie, die Kontopfändung durch das Hauptzollamt. Die Lastschrift für die Miete wurde nicht eingelöst und ich kam nicht mehr an mein Geld. Ich nahm mit dem Hauptzollamt Kontakt auf und reichte alles ein, was notwendig war, um meinen Finanzstatus zu dokumentieren. Da ich mit meinen Einnahmen unterhalb der Pfändungsgrenze lag, wurde die Kontopfändung aufgehoben und das war es. Punkt. Eine Woche Unannehmlichkeiten (das war die mit den 5 Euro) und wenig zu essen, mehr war nicht passiert. Jetzt weiß ich, dass ich geschützt bin. (Und – brauchte ich die Krankenkasse? In der ganzen Zeit nicht, wenn ich krank wurde, dann lege ich mir meine Hände auf, bat um Heilung und es geschah. Doch Krankenkasse ist halt gesetzliche Pflicht…und mein Sohn ist mitversichert…)
Sprüche 13 (Lutherbibel 1984): 8 Mit Reichtum muss mancher sein Leben erkaufen; aber ein Armer bekommt keine Drohung zu hören.
Es ist nun nicht mein aktiver Wunsch und Wille, zahlungsunfähig zu sein oder Schulden zu machen, es ist mir auch nicht einfach „Wurscht“, nein, ganz und gar nicht, im Gegenteil. Ich war nicht zahlungsunwillig, sondern zu einer Zeit zahlungsunfähig – genau dann. Das Durchleben dieser Situation machte es mir leichter, mit dem Leben „aus der Hand in den Mund“ klar zu kommen, mich nur auf Ihn zu verlassen, den gefundenen Weg nicht zu verlassen. Die Welt geht nicht unter. Und es hilft mir auch immer wieder der Gedanke an meine Eltern, die nach dem Krieg hier in Berlin als Vertriebene in aller Unsicherheit angefangen haben, und an meine Patentante, die in den Kriegsjahren für die Küche des Max-Bürger-Zentrums in Berlin zuständig gewesen war, die gerade in dieser Zeit auch ständig zusehen musste, dass sie für alle Patienten genug zu essen bekam. Wenn ich bei ihr zu Besuch war, dann gab es bergeweise zu essen, das war ihr eine große Freude. Sie sagte dann immer: „Komm und iss, Kind, es ist genug da!“, ein für sie wichtiges Zeichen, ihre Liebe auszudrücken.
Eines Abends habe ich die DVD vom „Herrn der Ringe“ gesehen, als Frodo und Sam bei der Trennung von ihren Gefährten aufbrechen. Frodo und Sam, das war so ein Bild von Santiago und mir, und die beiden haben sich auch nicht nach ihrer Krankenkasse gefragt, als ihnen klar war, was ihr Weg war.
Der Verlust von Existenzangst in einem Leben ohne menschlich gestützte Sicherheitsreißleinen und das Wissen um die einzig wahre Sicherheit in Gott – immense Momente der Gnade.
Der Tag der vollständigen Entscheidung für meinen Weg: In den ersten Monaten des Jahres 2008 baute ich meine Praxis wieder auf. Ich behandelte und gab Seminare – Reiki-Seminare. Während ich in der Behandlung immer mehr auf das Heilsegnen setzte, blieb ich, um neue Kunden zu finden und Geld zu verdienen, beim Reiki, denn nach Reiki wird im Internet gesucht, und so konnte ich leicht gefunden werden und wurde auch gefunden. Bei den Behandlungen habe ich dann Reiki und Heilsegnen alternativ angeboten und in der Regel haben sich die Menschen für das Heilsegnen entschieden – meist mit einem: „Sie wissen, was besser funktioniert, machen Sie einfach, was mir mehr hilft.“
Doch irgendetwas stimmte nicht. Es gab immer mehr Widerspruch, immer mehr Widerstand in mir, Reiki und seine Grundlagen zu erklären. Ich wusste doch inzwischen etwas ganz anderes, war doch schon längst auf einer neuen Spur. Doch meine Existenzängste ließen mich das Reiki noch nicht loslassen, da doch dadurch ein recht stetiger Kundenstrom mir zugeleitet wurde, Begegnungen mit Menschen, für die ich heute sehr dankbar bin. Ich veränderte mein Angebotsprofil zwar immer stärker, kam immer mehr aus mir heraus, stand immer mehr zu meinem neuen Weg.
Im Mai, in der Nacht zwischen den beiden Tagen meines letzten Reiki-Seminars kam dann die Entscheidung. Dies war das letzte Reiki-Seminar, und dann würde ich Reiki aus meinem Leben entlassen. Ich bedankte mich für den bisherigen Weg und verabschiedete mich. Nicht dass Reiki und Heilsegnen sich grundsätzlich widersprechen, doch ich wollte nicht mehr über christlich oder nicht christlich diskutieren, ich wollte es einfach zu 100 % machen, und ganz klar sein. Ein anderes, intensiveres Ausbildungskonzept, ein glaubensbasiertes Systeme, in dem man zu seinen religiösen Wurzeln stehen kann. Noch in der Nacht veränderte ich meinen Internet-Auftritt und legte dann Stück für Stück alles Alte lahm. Schon am nächsten Morgen hatte eine meiner ehemaligen Teilnehmerinnen die Veränderungen entdeckt und fragte nach, was denn passiert sei. Mehrere ehemalige Teilnehmer versuchten mich umzustimmen, bei der Stange zu halten, es war nicht mehr aufzuhalten. Man kann nicht gleichzeitig auf zwei Wegen gehen. Ich habe mich dem Einen hingegeben. Mein Weg war klar, ich hatte erkannt, was ist, was meine Realität, was mein Ziel ist. Und seit der Entscheidung begannen sich mir neue Türen und Wege zu öffnen.
Obwohl ich nicht wusste, wie es mit mir wirtschaftlich weitergehen würde, habe ich mich entschieden, meine bisher wichtigste Geldquelle freiwillig aufzugeben, um mich vollständig dem christlichen Weg zu widmen. Ich hatte keinen Freifahrschein, keine Garantie, ich hatte meinen Glauben als Stütze und die Worte Jesu: „Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht. Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben.“ Ich habe es in einem Moment gemacht, wo ich finanziell sehr verletzlich war, denn ich hatte gerade eine Wohnung angemietet und musste ja monatlich meine Miete bezahlen. Es gab Durststrecken, es gab Angst (siehe oben) doch bisher hat es funktioniert – inklusive diverser Glaubensprüfungen. Ich bin angekommen, ich bin ganz, ich bin, – nicht immer, aber immer öfter- die ich bin.
Über längere Zeit hatte ich häufig mein Herz durch Handauflegen behandelt. Wann immer mir etwas weh tat, wenn ich mich verletzt fühlte, dann legte ich mir die Hände auf, um mich zu heilen. Und auch zu vielen anderen Zeiten, mit Gebet und ohne, machte ich viele Übungen, die ich erhalten hatte, für mein Herz, für meine Fähigkeit zu lieben. Ich habe viele schöne Seiten der Welt kennen gelernt und ich liebe diese Welt. Doch eines Tages – bei der Behandlung - wachte ich auf. Ich begriff, wie sehr die Welt in Unordnung ist, wie dringend jede Hilfe nötig ist für die Armen dieser Welt, für die Gesundheit dieser Welt, wie nah wir am Abgrund stehen. Ich verstand, wie sinnlos die Zeit vor dem Fernseher, mit kommerziellen Zielen anderer Menschen, mit jedweden anderen Beschäftigungen verbracht ist. Ich sah auch das Leid der Menschen hier, die ihr Leben so von sich abgetrennt verleben, die so fern von sich selbst sind. Die sehen und hören und nicht sehen und hören, oder warum tun sie nichts? Die sich selbst, obwohl sie keine äußere Not haben, so viel Schmerz zufügen. Ich sah Jesus an, und ich hatte das Gefühl, dass er mir sagte: Ja, so schlimm ist es, du fühlst es jetzt in Deinem Herzen. So schlimm steht es um diese Welt,
Millionen Menschen verhungern, leiden, kämpfen hart um ihre Existenz und verlieren oder müssen zusehen, wie sie ihre Liebsten nicht retten können – täglich, stündlich, minütlich.
Unendlich viele Menschen kümmern sich nicht darum, kümmern sich um ihr eigenes Ding, um ihren eigenen Schmerz, ihr eigenes Unglück, ihre eigene Ziellosigkeit, oder ihre Ziele, sie drehen sich um ihre Welt, sie arbeiten für ihre Karriere, für mich, mir, mein, damit es ihrer Familie mehr als gut geht, für Umsatzziele, Erfolgsboni, ihre eigene und die Profitgier großer Firmen, für große Häuser, Autos, Urlaube, Luxus. Sie kümmern sich darum, den Exportüberschuss Deutschland zu erhöhen, das Ausnehmen anderer Länder, auch ärmerer Länder. Sie sehen sich und verzweifeln, doch sie sehen nicht die Not der Welt, die viel größer ist als ihre eigene. Doch jeder Tag, der sich nicht der Veränderung dieser Welt zur Linderung ihrer größten Not und zur Rettung unserer Umwelt widmet, ist ein verlorener Tag, verbrannte Stunden, ist ein Tag, der uns allen fehlt, ist ein Tag, der besser hätte genutzt werden können. Und ich verstehe darunter nicht nur Almosen für die Hungernden, sondern die Schaffung einer global gerechten, füreinander sorgenden Gemeinschaft.
Ich kann mir vorstellen, dass das jetzt keiner gerne lesen möchte, nur das macht es für mich nicht weniger eindringlich. Sollte ich es lieber verschweigen, um niemandem Schuldgefühle zu verursachen? Es heißt ja immer, man sollte die dem Anderen die Wahrheit umhängen wie ein wärmendes Mäntelchen, und nicht wie einen nassen Lappen ins Gesicht schlagen. Aber wie macht man das in diesem Falle?
Es tat richtig, richtig weh, als das durchkam. Meine Tränen begannen zu fließen und mein Bewusstsein veränderte sich schlagartig. Ja, da war ich – auch so eine, die sich so viel Zeit nur um sich selbst gedreht hat. An diesem Tag bin ich aufgewacht. Zuerst wollte ich alles Mögliche tun, nur schnell, schnell, schnell mich auch engagieren. Was, was konnte ich tun? Was werde ich tun? Mein Lebensweg zeigte mir zumindest, wo ein Teil meines Platzes ist. Ich habe einen Weg gefunden, wie man zum Herzen durchkommt, ich bin – wie es scheint – in der Lage, Herzen zu heilen, damit die Menschen sich dem Leben wieder zuwenden können. Es hat sich herausgestellt, dass ich das ausbilden kann, anderen die Angel in die Hand reichen und nicht nur den Fisch, Herzschaftler und Herzpraktiker, keine Wissenschaftler. Und ich habe die Worte. Ich trage den Namen eines Engels, des Erzengel Gabriels, der bedeutet: Gott ist mein Held bzw. Meine Stärke ist Gott bzw. Mein Mann ist Gott Ich werde mich in seine Aufgabe mit hineinstellen und verkünden, was mir widerfahren ist, was ich gelernt habe, mit diesem Buch und später, es wird kommen und ich werde mich nicht weigern. Ich wünsche mir von Herzen, dass ich andere Menschen durch meine Worte auch anrühren kann, sie aufwachen können und in die Nachfolge eintreten. – Ein Tag der Gnade!
Epheser 1, 18 Er öffne euch die Augen des Herzens, damit ihr erkennt, was für eine Hoffnung Gott euch gegeben hat, als er euch berief, was für ein reiches und wunderbares Erbe er für die bereithält, die zu seinem heiligen Volk gehören, 19 und mit was für einer überwältigend großen Kraft er unter uns, den Glaubenden, am Werk ist.
Das Gnadenjahr/Das Jubeljahr: 3. Mose 25 (Einheitsübersetzung)
8 Du sollst sieben Jahreswochen, siebenmal sieben Jahre, zählen; die Zeit von sieben Jahreswochen ergibt für dich neunundvierzig Jahre. 9 Im siebten Monat, am zehnten Tag des Monats, sollst du das Signalhorn ertönen lassen; am Versöhnungstag sollt ihr das Horn im ganzen Land ertönen lassen. 10 Erklärt dieses fünfzigste Jahr für heilig und ruft Freiheit für alle Bewohner des Landes aus! Es gelte euch als Jubeljahr. Jeder von euch soll zu seinem Grundbesitz zurückkehren, jeder soll zu seiner Sippe heimkehren. 11 Dieses fünfzigste Jahr gelte euch als Jubeljahr. Ihr sollt nicht säen, den Nachwuchs nicht abernten, die unbeschnittenen Weinstöcke nicht lesen. 12 Denn es ist ein Jubeljahr, es soll euch als heilig gelten. Vom Feld weg sollt ihr den Ertrag essen. 13 In diesem Jubeljahr soll jeder von euch zu seinem Besitz zurückkehren.
Am 16. Oktober 2007 kam ich spät abends in Berlin an. Mein Bruder holte mich vom Flughafen ab, und ich konnte eine Nacht in seinem Haus schlafen. Am nächsten Morgen brach ich bei ihm auf, um mir wieder eine neue Existenz zu schaffen. Zunächst holte ich bei meinen Freunden mein Auto ab und dann fuhr ich zu meinem Lager-Container, um mir die vorbereitete Tasche mit warmen Sachen, meine Erstausrüstung und meinen Computer zu holen. Ich wollte mir ein Zimmer in einer WG anmieten und von dort aus langsam Fuß fassen. Meine Handy-Telefonkarte hatte ich bei meiner Praxis-Vermieterin gelassen. Doch die erreichte ich nicht, sie war ja umgezogen, unbekannt verzogen. So rief ich wieder bei meinen Freunden an und fragte, ob ich dort übernachten konnte, es ging, auch noch für eine zweite Nacht. Sie hatten einen Computer mit Internet-Anschluss, so brachte ich erstmal wieder meinen Internet-Auftritt in Ordnung, so dass ich wieder für neue Anmeldungen für Seminare und Behandlungen auffindbar war und verschaffte mir einen Überblick über meine finanzielle Situation. Die sah überhaupt nicht gut aus, zugesagte Zahlungen in Höhe von 1000 Euro waren nicht angekommen, auch wenn ein paar kleinere und unerwartete Zahlungen eingetroffen waren. Es würde schwierig sein, ein Zimmer in einer WG anzumieten, da die meisten eine Kaution wollten. Das Geld war nicht da! Ich fand im Internet auch eine Herberge in Berlin, in der man für 10 Euro pro Nacht ein Zimmer bekam. Leider war gerade nichts frei…
Ich meldete mich bei meiner Schwester zurück. Sie wusste, dass meine Tante in Urlaub war und ihre Wohnung frei. Ich erreichte meine Tante. Ja wunderbar: ich konnte vier Tage in ihre Wohnung ziehen. Diese vier Tage nutzte ich vollständig dazu, unsere ganze Reise in Stichworten aufzuschreiben, Tag für Tag, unsere Strecke, unsere Ziele, Gedanken und Erlebnisse. So konnte ich alles festhalten, um später immer wieder mein Gedächtnis auffrischen zu können. Als ich mich nach den vier Tagen wieder an die Herberge wandte, war ein Zimmer frei. Ich zog ganz nah ans Wasser auf die Halbinsel Alt-Stralau. Ich konnte dort, wenn ich wollte, Tag für Tag die Miete bezahlen, eine Kaution wurde nicht erwartet, das kam mir sehr entgegen. Die Herberge in Alt-Stralau war sehr einfach, ein DDR-Plattenbau, klar, Küche und Bad auf dem Flur, sehr ähnlich den spanischen Herbergen, im Standard teilweise sogar darunter, dafür Einzelzimmer. Doch das war ich ja gewohnt, ich war froh über jeden Tag, den ich dort wohnen konnte.
Nun ging es darum, wieder finanziell auf die Beine zu kommen für meine Grundbedürfnisse Wohnen und Essen. Ich wandte mich nach Oben und bat um Führung, Hilfe und Beistand, was ich denn jetzt tun sollte, wie ich mich nach dem Camino neu ausrichten sollte, vom Omega zum Alpha zu kommen. Was ich in mir hörte, war: „Sei unbesorgt, was stattfinden soll, das wird stattfinden. Was nicht stattfinden soll, das wird nicht stattfinden.“ Und mir zeigte sich ein Bild eines Scheideweges: Ich könnte den materiellen Weg gehen, mir einen Job suchen, um erstmal eine sichere finanzielle Basis zu schaffen, dann meine Praxis neu aufbauen und damit meinen Platz in der materiellen Welt finden. Alternativ stand mir offen, eine Phase der Ruhe und der Besinnung einzugehen, den Weg der Angst ohne sichere finanzielle Basis zu gehen und mich daranzumachen, in Gottes Reich hier im Alltag leben zu lernen, dem Spirituellen in meinem Leben den 1. Platz einzuräumen und die Gabe, die ich auf dem Jakobsweg erhalten hatte, die Gabe, auf die ich ein ganzes Leben vorbereitet wurde, anzunehmen und zu nutzen. Ich entschied mich für die 2. Alternative, auch wenn sie wesentlich schwieriger aussah.
Als erste berufliche Aktivität nahm ich eine Woche nach meiner Rückkehr mein Bewegungstraining „Salsa Movimientos“ auf, das ich in einer Physiotherapiepraxis durchführte. Es waren einige Neueinsteiger dabei, so kam das erste Geld wieder in mein Portemonnaie. Ich war recht unbesorgt über mein weiteres Fortkommen, da ich am letzten Wochenende im Oktober schon ein Seminar abhielt, für das ich – noch in Spanien – eine Teilnehmeranmeldung erhalten hatte. Ein weiteres war für das Wochenende danach geplant, die Anmeldungen dafür lagen seit vor dem Camino vor, sozusagen mein Novembergehalt war gesichert. Für das 1. Seminar nahm ich zusätzlich eine Teilnehmerin kostenlos auf, weil sie Anfang des neuen Jahres zu einem Straßenkinderprojekt in Nepal aufbrechen wollte und daher kein Geld, aber großes Interesse an der Teilnahme hatte. Auch die Seminare wollte ich in der Physiotherapiepraxis durchführen, weil sich ja meine alten Praxisräume während meiner Pilgerzeit „in Luft aufgelöst“ hatten. So hatte ich zumindest erstmal einen Raum.
Und plötzlich, innerhalb von 3 Tagen, brach alles zusammen. Die Teilnehmerin aus dem Umland für das erste Seminar kam wegen des Bahnstreiks nicht durch, ich führte das Seminar nur für die nicht zahlende Teilnehmerin durch. Und am Tag darauf sagten innerhalb von zwei Stunden alle Teilnehmer ab, die sich für das zweite Seminar angemeldet hatten. Mein „Novembergehalt“, 850 Euro, war futsch! Was nun? Aha: Was stattfinden soll, das findet statt, was nicht stattfinden soll, das findet nicht statt! Autsch! Jedoch eindeutig, und das ist auch etwas sehr Angenehmes.
Wieder eine Vision. Ich hörte: Du brauchst bis Weihnachten ein Zimmer. Ich sah plötzlich das Gesicht einer meiner früheren Teilnehmerinnen vor mir. Bei ihr würde ich unterkommen können. Ich bräuchte aber nichts dazu tun. Genau so geschah es auch – am nächsten Tag erhielt ich eine Email von ihr, sie wollte mich dringend sprechen. Wir verabredeten uns für einen Tag später zum Frühstück bei ihr. Sie erzählte mir ihre Geschichte und ihr Anliegen und ich ihr meine. Wir konnten uns gegenseitig helfen. Nach dem Frühstück bot sie mir an, dass ich bis Weihnachten bei ihr am wunderschönen Friedrichshain wohnen am könnte. Im Dezember feierte ich bei ihr meinen 49. Geburtstag. Danke! Ein gewaltiges Geschenk, ein großer Moment der Gnade.
Bei ihr begann ich, die erste Version dieses Buches zu schreiben und erfuhr eine Menge über das Heilen, erhielt Lektion um Lektion „im Antlitz der Liebe“. Wir verstanden uns wunderbar! Sie las meine Texte und nahm daraus viel für sich selbst mit. Kurz vor Weihnachten war ich mit der Erstfassung fertig und verschickte sie als Weihnachtsgeschenk. Über Weihnachten kam ich dann an zwei weiteren Stationen unter, und nahm eine ehrenamtliche Unterstützung von Obdachlosen in der Herz-Jesu-Gemeinde auf.
Über Silvester ging ich mit Jesus in einer stillen Dachwohnung in einem Weddinger Hinterhof in Klausur, um mich mit ihm der Praxis des neuen Heilungssystems und dabei, als sinnvolles Übungsthema, der Aufarbeitung alter Geschichten – all meiner Männergeschichten – zu widmen. Das Ergebnis war umwerfend, ich habe mit allen Männern, die in meinem Leben waren, meinen Frieden geschlossen, ohne dass sie da waren. Ich konnte vergeben, loslassen und merkte, dass ich mir viele Einschläge im Selbstbewusstsein lediglich eingebildet hatte, sinnloses Leid: ich hatte nicht loslassen wollen, was nicht gut für mich war. Ich hatte den Grund in mir gesehen, was es einfach nicht war. Mir wurde für jede gescheiterte Beziehung ein guter Grund, ein Segen für das Scheitern klar. Es war einfach alles gut gewesen! Was für eine Zeit der Gnade!
Im Januar durfte ich wieder zurück an den Friedrichshain, wo ich bis Anfang März blieb. Ich machte mich dann an den Aufbau meiner Praxis. Eine Ärztin hatte mir einen Raum in ihrer Praxis angeboten – vermittelt durch eine meiner ehemaligen Teilnehmerinnen. Es gab nur wenig zu tun, einen Teppich, Gardinen, ich stellte meine Liege, meinen Tisch und drei Stühle auf, um anzufangen. Ich nahm alle meiner früheren Aktivitäten auf, um wieder in Tritt zu kommen. Parallel begann ich, für das Heilungssystem einen Ausbildungsplan aufzustellen, damit ich es irgendwann vermitteln könnte. Und ich behandelte und probierte das neue System aus. Es war exzeptionell anders als alles, was ich vorher gekannt hatte, was für mich ein Wunder und gleichzeitig kein Wunder war! Intensiver, wirkungsvoller, klarer, liebevoller. Beim Arbeiten erfuhr ich so viel mehr über die Anwendung, insbesondere über die Diagnostik, so dass ich sehr schnell bei meinen Klienten auf den Punkt kommen konnte. Eine neue Welt erschloss sich mir! So viel Gnade!
Anfang März hatte ich wieder eine eigene Wohnung – nahe Alexanderplatz -, die allerdings heftig zu renovieren war. Sie lag nur 8 Minuten von meinem bisherigen Platz am Friedrichshain weg, war günstig, warm und gut geschnitten. Über Ostern verbrachte ich ein paar Tage mit meinem Sohn, den ich nach einem Dreivierteljahr nun endlich wieder sah, in Barcelona – sponsored by family. Santiago tauchte wieder vermehrt in meinem Leben auf und renovierte die Wohnung, wir verbrachten Monate damit. Meine Praxis begann, wieder recht gut zu laufen. Keine Reichtümer, aber es kamen neue Leute dazu.
Anfang Mai nutzte ich das Himmelfahrtswochenende, um wieder zu pilgern, diesmal allein, und zwar die Strecke Berlin – Bad Wilsnack, ein wundervolles Frühlingswochenende unter blühenden Obstbäumen und frischbunte Felder und sprossende Wälder durch die brandenburgische Luchlandschaft. Ich kam nicht ganz bis hin, doch ich spürte wieder: einmal Pilgern, immer Pilgern – es ist eine Passion! Gestärkt durch diese Erfahrung stellte ich meine Praxis um, hörte mit allem auf, was nicht mehr zu meinem neuen System gehörte, wagte wieder den Schritt ins Unbekannte. Ich begann, Vorträge zu halten über das neue System und mit Santiago auch über unsere Pilgerreise. Finanziell machte ich mich sehr verletzlich, und es war definitiv kein Powerstart. Doch neue Menschen begannen sich zu interessieren, ich konnte die Ausbildung entwerfen und den ersten Kurs planen und dafür das erste Handbuch schreiben. Ich stand unter Seiner Führung – vollständig auf dem Weg, der durch den Jakobsweg entstanden war, wackelig noch, aber es gab diesen Weg plötzlich, weil ich ihn gegangen war.
Ende Juli kam mein Sohn wieder zurück nach Berlin, was für ein Glück! Auch Santiago zog mit in die Wohnung ein und den ganzen August über war auch sein Sohn mit bei uns, eine kinderfrohe gemeinsame Zeit.
Im September fand der 1. Kurs statt, eine ganz unerwartete Erfahrung. Es war ganz anders als die früheren Seminare, intensiver, doch viel entspannter, ich war vollständig in meiner Mitte, völlig sicher und ruhig wie nie. Ich fühlte mich nicht mehr als Dienstleister, der sich um Kundenzufriedenheit und Postsales und andere kommerzielle Ziele zu kümmern hatte, sondern nur um die Wahrheit und den Inhalt, Unbequemes inklusive. Die Teilnehmer gehen nun statt der Zahlung eines Teilnehmerbetrages – denn das Heilsegnen ist ein Geschenk an das Leben – eine Selbstverpflichtung ein. So habe ich es formuliert:
„Das Heilsegnen dient der Barmherzigkeit unter den Menschen und einer Stärkung der Gottesverbindung bei jedem Einzelnen. Es ist kein kommerzielles System und keines, was individuellen Zielen dient. Es gibt keine andere Motivation, Belohnung und kein anderes Ziel außer der Stärkung von Gottes Reich in dieser Welt und dem Wohlergehen der Menschen durch Heilung durch Gott.
Förderung und Verbreitung: Mit Förderung des Heilsegnens ist daher gemeint, sich auf ganz eigene Weise, mit den eigenen Fähigkeiten für diesen Weg einzusetzen, die Qualität, Wahrhaftigkeit, Anschaulichkeit und Tiefe des Heilsegnens zu stärken und sich in den Prozess der Weiterentwicklung und Dokumentation einzubringen. Mit Verbreitung ist gemeint, dass andere Menschen sich der Anwendung des Heilsegnens freiwillig und aus eigenem Antrieb annähern können nach dem Wort von Bernadette Soubirou aus Lourdes „Ich bin nicht beauftragt, sie zu überzeugen, ich bin beauftragt, es zu sagen.“ Auch hier gilt, nicht es allein zu tun, sondern mit Ihm gemeinsam.
Schaffung von Gottes Reich im Innern: Wer das Heilsegnen erlernt, der ist gehalten, zunächst sich selbst zu heilen. Er übernimmt die Selbstverpflichtung, das Heilsegnen auch auf seine eigenen Situationen, Bedürfnisse und Probleme[1] anzuwenden und kontinuierlich anzuwenden. Am leichtesten erreichen wir das aus Freude, Liebe und Sinn: Spaß daran zu haben, es von Herzen gern zu tun und zu verstehen, warum es gut ist. Glaube, Liebe und Hoffnung werden so zu den Grundpfeilern des Lebens, das Leben wird aus der Perspektive des Herzens betrachtet.
Schaffung von Gottes Reich im Außen: Jeder Teilnehmer versucht aus seinem innersten Sein heraus ein Feld für sich zu finden, in dem er seine Liebe zum Nächsten durch tätigen Dienst – freiwillig und kostenlos – erweist. Durch die Verfügbarkeit solcher Dienste können immer mehr Menschen Erfahrungen mit Gottes Reich machen und das Glück und die Gnade Gottes erleben. Gottes Gabenkatalog wird durch jeden von uns reichhaltiger. Je freudiger und aus eigenem Antrieb wir diesen Dienst übernehmen, eben weil wir ihn von Herzen gern tun, umso tiefer wirkt dieser Dienst nach; der Empfänger kann das spüren.“
Das ist mein Ziel: Ich will sein wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird und von da an Kreise zieht, die sich weiter ausbreiten. Diese Worte benutzte ich gegenüber einer Freundin, als ich ihr diesen meinen Weg erklärte. Am nächsten Tag war der Berliner Weihbischof zu einer Firmung in der Herz-Jesu-Kirche. Auch er benutzte in seiner Predigt die gleichen Worte für die Firmlinge: Seid wie die Steine, die ins Wasser geworfen werden und Kreise ziehen…
Lukas 12,31 (Lutherbibel 1984)
31 Trachtet vielmehr nach seinem Reich, so wird euch das alles zufallen. 32 Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn es hat eurem Vater wohlgefallen, euch das Reich zu geben. 33 Verkauft, was ihr habt, und gebt Almosen. Macht euch Geldbeutel, die nicht veralten, einen Schatz, der niemals abnimmt, im Himmel, wo kein Dieb hinkommt, und den keine Motten fressen. 34 Denn wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein.
Ab Oktober habe ich begonnen, für meine Behandlungen kein Geld mehr zu fordern. Ich habe von einigen Klienten immer wieder freiwillig welches bekommen, aber auch viele Menschen einfach kostenlos behandelt, auch wenn ich für meinen Raum Miete bezahlt habe. Nach einigen Monaten bekam ich einen sehr schönen Praxis-Raum von einem Freund im Glauben, einem Arzt, kostenlos angeboten. Damit war dieser neue Weg noch viel leichter. Vertrauen…
Es hat also funktioniert: mir ist alles zugefallen, ich habe den Weg auch im Alltag gefunden. Ein Gnadenjahr, das Jubeljahr, ein Jahr der Nachfolge, das damit ausklingt, dass ich dieses Buch weiter zu Ende schreibe.
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[1] Was nicht schulmedizinische Behandlung bei Krankheiten ausschließt, sondern diese ergänzt.














