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Eines Tages, gegen Ende des Schreibens, wurde ich spontan zu einer Fahrt nach Tschenstochau eingeladen. Von diesem Ort hatte mir am letzten Abend in Fátima eine junge Polin erzählt. Seit ich dann in einer Pilgersonderausgabe einer Zeitschrift mehr über die schwarzen Madonnen, auch die in Montserrat bei Barcelona, gelesen hatte und gesehen hatte, dass Tschenstochau am nächsten lag, hatte ich mir einen Besuch in Tschenstochau gewünscht, bei der Ikone der schwarzen Madonna im Paulinenkloster auf Jasna Gora, dem hellen Berg. Ich möchte von diesem Pilgererleben – diesmal im Auto – und seinen Erkenntnissen berichten. Mit einer neuen Bekannten, einer katholischen Theologin, war ich unterwegs.
Vorspeise
Die Zeit vor dem Besuch in Tschenstochau war zwischen uns voller aktiver Diskussion gewesen um das Thema Priesterzölibat. Der folgende Text stammt aus einem Email ca. eine Woche vor der Reise.
“In mir steigt immer mehr diese Erkenntnis hoch: Ein Kardinalfehler der katholischen Kirche ist tatsächlich das Zölibat und hinzu kommt: Die Katholische Kirche wird gelenkt von einer KASTE, die sich aktiv und bewusst dem Tod zuwendet, indem sie das Leben für sich selbst ab-lehnt, sich – mit Gott gemeinsam – fortzupflanzen, Leben zu schaffen.
Und ich meine damit nicht die, die keine Kinder haben, weil sie keine kriegen oder weil ihr Leben nun mal diese Wendung nimmt, sondern die, die bewusst diesen Weg nicht gehen.
Und diese gelten als die besonders Heiligen, die Priester und die Ordensleute. Sie denken, sich besonders mit Gott zu verbinden, weil sie sich nur für ihn entscheiden. Doch man kann sich nicht für Gott entscheiden, wenn man sich nicht gleichzeitig für das vollständige Menschsein entscheidet. Das Kreuz hat gleichzeitig die Verbindung Gott -Mensch (senkrecht) und Mensch – Mensch (waagerecht). Wer die Waagerechte ablehnt, der geht gleich ins Grab. Und wer begräbt ihn? Die Kinder anderer! Wer das größte Geschenk Gottes so bewusst und aktiv vor die Tür stellt, die Ko-Kreation, wir schaffen mit Gott gemeinsam neu, der liebt ihn nicht, der lehnt ihn ab. Enger kann man ihm nicht kommen, in keinem Gebet, in keiner Liebe, in keinem gewidmenten Leben,in nichts. Dies ist die Welt der sinnlichen, körperlichen Erfahrung, der Materialisierung, der Polarität von Mann und Frau. Gott hat Mann und Frau bewusst geschaffen, von Anfang an. Gott zu lieben heißt seine Kreation zu lieben.
Petrus war verheiratet und hat mit seiner Frau gelebt. Er war der 1., der Prototyp des Kirchenführers, ein Mann, der durch Erfahrung gewachsen war, nicht durch intellektuelle Durchdringung. Der alles probiert hat, auch das Wandeln auf dem Wasser.
Paulus hat bewusst den Tod von Menschen billigend in Kauf genommen, als er die Urchristen verfolgte, natürlich war er so auch einer, der dem Tod zugewandt war, einer, der mit diesem Schicksal wahrscheinlich gesühnt hat. Trotzdem hat der den Bischof und den Diakon als verheirateten Mann bestimmt.
Es geht um die Heiligung aller, nicht die Heiligung einer KASTE. Jeder Mensch ist heilig und kann daher Seelsorger, Verkünder, Abendmahlsspender sein. Die Kirche hat nicht die Kraft gewonnen, weil man bestimmte Dinge nur für einige statt für alle bestimmte, statt die im normalen Leben Bewährten mit der Aufgabe der Seelsorge zu betrauen. Durch die Erziehung von Kindern, die man als Eltern liebt, lernt man eine ganze Menge über Demut in der Erziehung, in der Führung, in der Leitung. Sie sind das wahre Übungsfeld für den Seelsorger für viele. Wer wie Gott erstmal wie Vater/Mutter liebt, der kann am ehesten nachvollziehen, wie Gott uns liebt.
Die kirchliche Lehre wendet sich gleich gegen das Leben, sie betreibt Verhinderung von Leben auf höchster Ebene. Que triste!
Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn ihrer ist das Reich Gottes!
Die heilige Familie, die Heiligung der Familie.
Lass einfach die anderen machen, wat sie wollen. Zieh Dein Ding durch und zeige durch Dein Leben, dass es einen besseren Weg gibt:
2 Römer 12 (Lutherbibel) 17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« 20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). 21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Guten
Selbst Paulus, der anscheinend selbst die Ehe für sich nicht schätzte, hat den Gemeindeleiter ganz anders beschrieben. Dazu steht im 1. Timotherbrief 3 (Gute Nachricht Bibel):
1 Das ist wahr: Wer eine Gemeinde leiten will, der ist bereit, eine schöne und große Aufgabe zu übernehmen. 2 Allerdings muss ein solcher Mann ein vorbildliches Leben führen; das heißt, er soll nur eine Frau haben, nüchtern und besonnen sein und keinen Anstoß erregen. Ihn muss Gastfreundschaft auszeichnen, und er soll andere gut im Glauben unterweisen können. 3 Außerdem darf er weder ein Trinker sein noch gewalttätig oder streitsüchtig; vielmehr soll er gütig und friedfertig seine Arbeit tun und nicht am Geld hängen. 4 Sein Familienleben soll geordnet sein, die Kinder sollen ihn achten und auf ihn hören. 5 Denn wie kann jemand, dem schon seine eigene Familie über den Kopf wächst, die Gemeinde Gottes leiten? 6 Er soll nicht erst vor kurzem Christ geworden sein; er könnte sonst schnell überheblich werden, und so hätte der Teufel ihn dahingebracht, dass Gott sein Urteil über ihn sprechen muss. 7 Ein Gemeindeleiter soll auch bei Nichtchristen in einem guten Ruf stehen, damit er nicht ins Gerede kommt und der Teufel ihn so zu Fall bringen kann.
Wer Diakon werden kann
8 Auch die Diakone in der Gemeinde sollen geachtete Leute sein, ehrlich und glaubwürdig in ihrem Reden; sie sollen nicht zu viel Wein trinken und sich nicht auf Kosten anderer bereichern. 9 Denn das Geheimnis, das ihnen mit dem Glauben anvertraut wurde, können sie nur in einem reinen Gewissen bewahren. 10 Auch die Diakone müssen sich zuerst bewähren. Nur wenn an ihnen nichts auszusetzen ist, darf man sie zum Dienst zulassen. 11 Ebenso sollen die Diakoninnen vorbildlich leben, keine Klatschmäuler sein, sondern besonnen und in allen Dingen zuverlässig. 12 Auch Diakone sollen nur mit einer Frau verheiratet sein und müssen ein vorbildliches Familienleben führen. 13 Wer sich aber in seinem Dienst als Diakon bewährt, den wird die Gemeinde achten, und er selbst wird die Zuversicht und Freude ausstrahlen, wie sie der Glaube an Jesus Christus schenkt.Im nächsten Kapitel brandmarkt er sogar diejenigen, die von der Ehe abraten. Wer hat denn da die Bibel nicht gelesen?
1. Timother 4 (Lutherbibel 1984) 1 Der Geist aber sagt deutlich, dass in den letzten Zeiten einige von dem Glauben abfallen werden und verführerischen Geistern und teuflischen Lehren anhängen, 2 verleitet durch Heuchelei der Lügenredner, die ein Brandmal in ihrem Gewissen haben. 3 Sie gebieten, nicht zu heiraten und Speisen zu meiden, die Gott geschaffen hat, dass sie mit Danksagung empfangen werden von den Gläubigen und denen, die die Wahrheit erkennen.
Ganz besonders ist ja der folgende Vers, im Kontext dieses ganzen Buches, vollendet wahr:
4 Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; 5 denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.
d.h. auch Sexualität ist von Gott geschaffen, der alle höheren Wesen als Mann und Frau geschaffen hat. Kein Mensch wird durch Sexualität schmutzig, wertlos, befleckt, unfähig zu heiligen Handlungen usw. Und würden wir die Frauen der Welt fragen, ist eines sicher: Sexuell befriedigte Männer sind wesentlich freundlicher und sanftmütiger als die sexuell Unterversorgten. Sexueller Mangel führt häufig zu Aggressivität, Unausgeglichenheit und Reizbarkeit.
Jesus äußert sich zum Thema Ehelosigkeit in Matthäus 19 (Gute Nachricht Bibel):
12 Es gibt verschiedene Gründe, warum jemand nicht heiratet. Manche Menschen sind von Geburt an eheunfähig, manche – wie die Eunuchen – sind es durch einen späteren Eingriff geworden. Noch andere verzichten von sich aus auf die Ehe, weil sie ganz davon in Anspruch genommen sind, dass Gott jetzt seine Herrschaft aufrichtet. Das sage ich für die, die es verstehen können.«
Jesus redet von Menschen, die etwas tun. Er sagt aber nicht: “Und darum ist es für euch alle am besten, wenn ihr ehelos lebt.” Wenn das wichtig gewesen wäre, hätte er doch nicht verheiratete Apostel berufen, ich kann hier kein Gesetz lesen. Und außerdem: wenn das alle machten, um heilig zu sein, dann wären heute schon alle tot. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Aussterben der Menschheit bzw. der Christenheit der Wille Gottes ist.
Ganz wichtig: Es geht mir im Folgenden nicht darum, Priester und Ordensleute herabzuwürdigen, ich will ihnen jedoch ebensowenig ein Podest gegenüber den anderen Menschen zugestehen. Ich möchte klarstellen, dass sie nicht die Heiligeren sind als alle anderen, sondern dass sie eben auf gleicher Stufe stehen wie wir alle. Auf Augenhöhe.
Es war für mich ein Thema, weil ich deutlich an mir und anderen Menschen merkte, dass katholische Priester oft wirklich einfach keine Ahnung habe, was es wirklich bedeutet, in einer Familie, in einer Beziehung zu leben, Kinder zu haben. Kein anderer Mensch kommt einem so nahe wie der Partner und die eigenen Kinder, keine andere Beziehung ist eine so intensive Schule der Liebe, mit keinem Menschen teilt man so sehr wie mit seiner Familie, keiner kann einen so tief berühren, d.h. sowohl beglücken wie auch herausfordern, nerven und verletzen. Kein Freund, keine Freundin, kein Kumpel, kein Nachbar, kein Kollege, kein Chef, kein Klient, keiner, für den man beruflich zuständig ist. Bei denen kann man nämlich irgendwann sagen: „So, Feierabend, ich geh jetzt nach Hause.”
Die Blauäugigkeit, die mir da begegnete, diese Ahnungslosigkeit, diese Härte und Buchstabengläubigkeit, das Kirchenrecht rigoros über die Liebe, das Gesetz Gottes, zu setzen, manchmal sogar auch wirre, familiär unumsetzbare oder unzumutbare Ideen. Und so jemand soll kompetenter Seelsorger für Menschen sein, die in völlig anderen Familienverhältnissen leben wie sie und völlig andere Probleme haben. Sie haben keine Geldsorgen, keine Angst vor Arbeitslosigkeit (außer sie möchten doch irgendwann eine Familie haben). Kein Wunder, dass für Familien in der Zeit unseres aktuell so fundamentalen Wandels mit ihren schwierigen Problemen ganz andere beratende, begleitende und heilende Unterstützungsstrukturen geschaffen werden mussten. Ein Psychotherapeut zum Beispiel muss während seiner Ausbildung eine Lehrtherapie durchlaufen.
Wer „mit Jesus verheiratet“ ist, hat es da einfacher, denn Jesus ist in jeder Hinsicht perfekt, liebevoll, verständnisvoll; kommt nicht rein, wenn man gerade was anderes zu tun hat, sondern wartet ab, bis wir ihm uns zuwenden. Jesus ist mit uns nicht stinkig, projiziert nicht auf uns, meckert nicht rum, schreit uns nicht an, schlägt niemanden, missbraucht nicht, weckt uns nicht schreiend jede Nacht, riecht nicht, hat nicht ständig Hunger und sagt auch nicht, dass ihm das Essen nicht schmeckt. Er hat keine Geldsorgen, ist kein Spieler, kein Alkoholiker, wird nicht krank, macht uns keine Sorgen, er lässt keine Socken rumliegen, produziert kein dreckiges Geschirr, hat keine Kopfschmerzen, wenn man Sex will oder will keinen Sex, wenn man Kopfschmerzen hat, hinterlässt keine Streifen im Klo und lässt auch nicht die Zahnpastatube offen. Er hat keine schlechte Laune, keine PMS, ist nie betrunken, man verdächtigt ihn nicht des Ehebruchs. Die Schwiegermutter ist dann Maria, die einem auch nicht rechthaberisch, klagend oder manipulativ „reinquatscht“. Jesus ist ein genialer Partner. Geduldig, klar und mit klaren Ansagen, sagt, was er meint, und meint, was er sagt, weise, pflegeleicht. Und seine Ausstrahlung, einfach ein Traum!
Und auch das Klosterleben fängt ganz gemächlich an: Da ist erstmal die Kandidatur (1/2 – 2 Jahre), dann das Noviziat (1 – 2 Jahre), dann kommt eine mehrjährige, zeitlich begrenzte Profess, bevor man sich ewig bindet. Ebenso ist es in der Priesterlaufbahn mit den Stufen Seminarist, Diakon und Priester. Eigentlich nicht schlecht, ein solcher Weg, das kommt mir für eine Ehe manchmal auch als eine gar nicht so schlechte Idee vor. Erstmal ausprobieren, ob das auch klappt, ob man gemeinsam dafür geeignet ist, ob der andere wirklich lebenslang für einen ist. In der Ehe muss man sich aber vor allem Ausprobieren für den anderen entscheiden.
Meine persönlicher Meinung zum Priestermangel ist es, das Augenscheinliche zu tun. Nämlich verheiratete Priester beiderlei Geschlechts einzusetzen, die sich als Christen in Familie und Beruf bewährt hatten und so mit reichlich Gottes-Erfahrung im Alltag, aber auch mit der Demut, die einfach aus Erfahrung entsteht., ausgestattet wären. Die Wirtschaft sucht die jungen Menschen und schon die Generation 40+ ist dort nicht mehr beliebt, geschweige denn 50+. Und viele dieser Menschen können sich auch nicht mehr mit der Härte des heutigen Geschäftslebens identifizieren. Hier gibt es ausreichend freies Potential an Menschen, die eine Gemeinde geschickt, erfahren und sensibel leiten könnten. Ich weiß, ich bin mal wieder ein Häretiker, doch auch Jesus freute sich ja über einen ganz anderen Ansatz damals, er war ja froh, keine Studierten, keine Schriftgelehrten als Jünger und später als Apostel zu haben, damit sie sich auf den Heiligen Geist und nicht auf das, was auf ihrem eigenen Mist oder reinem Bücherwissen gewachsen war, verlassen.
Hauptgericht
Wir hatten einen Tag Zeit für Jasna Gora. Nach dem Frühstück brachen wir zum Kloster auf und näherten uns langsam an. In einem Schreibwarengeschäft kaufte ich mir noch schnell einen Stift und ein Heft, ich hatte irgendwie das Gefühl, es wäre wichtig.
Jasna Gora war beeindruckend, vor allem die Menschen. Es war brechend voll in der Gnadenkapelle, obwohl am selben Tag der Papst nur wenige hundert Kilometer entfernt zu Besuch war. Der innere Drang und Druck der Menschen zu dem heiligen Bild Mariens hin war greifbar, spürbar, jede Contenance, Gemessenheit oder Höflichkeit fehlte, man presste, drückte, drängelte, aber nicht in Aggressivität oder Rechthaberei, sondern getragen von Sehnsucht, Liebe und Hingabe. Die Menschen wurden innerlich zu Kindern, erhoben mit glänzenden Augen ihr Gesicht und Hände, um einfach vor Maria dazustehen, knieten sich hin. Volksfrömmigkeit ungeschminkt, unintellektuell, unbeschämt, von ganzem Herzen. Sie kamen in großen Familienverbänden, mit Kind und Oma.
Ich hatte auf diesen Tag hin eine Novene gebetet, und zwar mit einem neuen Rosario, dem Rosario des Heilens. Dieser war kurz vorher als Anregung von oben zu mir gekommen mit fünf Heilungsgeheimnissen Jesu. In jedem dieser Geheimnisse konnte ich die große Heilkraft, die von Jesus ausgeht, intensiv spüren. Ich war gut vorbereitet und eingestellt. Nachdem ich einen Gottesdienst von außen beobachtet und an einem zweiten mittendrin teilgenommen hatte, blieb ich nach dem fanfarenbegleiteten Verdecken der Ikone noch in der Gnadenkapelle, schon weil ich gar nicht hinauskam. Neben der Eingangstür fand ich einen Sitzplatz und betete dort den letzten Rosario meiner Novene, bis die Fanfaren wieder erklangen, das Bild enthüllt war und der nächste Gottesdienst begann. Schon wieder kam ich wegen des großen Andrangs nicht mehr hinaus, so blieb ich denn einfach sitzen. Das Schöne an den katholischen Gottesdiensten ist ja, dass man auch dann, wenn man die Sprache nicht kennt, weiß, welche Stelle im Gottesdienst gerade dran ist.
Ich genoss diese intensive Glaubensdimension und die gemeinsame Getragenheit, war innerlich angehoben und bis zur Hutkrempe erfüllt und verließ die Gnadenkapelle, da war es schon Nachmittag. Nun war der Rest von Jasna Gora dran. Ich besichtigte die mächtige Festungsmauer und überblickte den großen Rasen-Vorplatz. Er war mit Stühlen angefüllt, es würde heute hier noch einen großen Open-Air-Gottesdienst geben. Um den Vorplatz herum gab es viele Steinskulpturen. Zunächst dachte ich, es wäre ein Kreuzgang, doch dann erkannte ich darin die 20 Geheimnisse des Rosarios, die ich alle fotografierte, um später einmal damit eine Anleitung zum Rosenkranzbeten zu illustrieren. Eine Skulptur gefiel mir besonders, die des Abendmahls. Es war ein ganz normaler Tisch, wie man es von zuhause kennt.
Ich traf meine Bekannte wieder und wir unterhielten uns über unsere Eindrücke.
Inzwischen füllte sich der Vorplatz immer mehr, jedoch vor allem mit jungen Menschen. Es würde also eine Jugendmesse geben. Interessant! Ich setzte mich eine Weile in die Sonne, bis der Gottesdienst begann. Doch dies war kein normaler Gottesdienst, sondern geprägt von einer Menge von Reden und Vorträgen. An der Festungsmauer war ein riesiges Plakat angebracht auf dem in großen Lettern stand: Wierność Chrystusa – wierność Kapłana. Ich vermutete, es ging um die Losung für das aktuelle Kirchenjahr, in der es um die Berufung zum Priester geht, wahrscheinlich ging es auch in diesem Gottesdienst darum, weil sehr viele junge Priester auf dem Riesenaltarpodest an der Festungsmauer mit saßen. Ja, da tauchte es wieder auf, unser aktuelles Thema, das Zölibat, das für viele Priesterberufungen einfach eine große Behinderung darstellt. Als die Sonne den Vorplatz verließ, ging auch ich. Stundenlang nur polnisch zu hören, was ich nicht verstand, das musste ich nicht haben, Gottesdienst hatte ich heute ja schon dreimal gehabt. Ich wollte noch mehr vom Kloster sehen. Auf dem Plan hatte ich noch eine Herz-Jesu-Kapelle entdeckt, die wollte ich noch besuchen.
Auf dem Weg in die Festung zurück hörte ich die Worte in mir: “Ich habe das so nicht gewollt. Die Familie ist für mich der heiligste Ort, so habe ich den Menschen geschaffen. Alle Art von Glaubenspraxis, die nicht primär auf die Familie ausgelegt ist, ist eben nicht mein heiligster Ort, egal, wie viel Glaubenspraxis dort passiert. Es geht nie nur um das Leben mit Gott, sondern das Leben mit Gott dient dem Leben mit den Menschen, mit den geliebten Menschen. Kommt zu mir, damit ihr das, was ihr von mir bekommt, mit den Menschen, die ihr liebt, umsetzen könnt. Gewinnt Praxis in der Liebe, indem ihr im Alltag handelt, es dort anwendet, wo es gebraucht wird! In der Familie wird die Grundlage für die Entwicklung der Menschen geschaffen. Ist die Familie gesund und heilig, so wächst auch das Kind gesund und heil heran. So entsteht die Heiligkeit, die die ganze Welt überziehen wird. Die Familie ist die primäre Keimzelle der Heiligkeit. All diese Ordensleute und Priester sind in gewisser Weise Todesengel. Doch sie gelten als die Heiligeren unter Euch. Aber wer ist heiliger als eine Frau und Mutter, die ihr Leben ihrem Mann und ihren Kindern widmet, ohne Lohn ganztägig für sie da ist? Wer ist heiliger als ein Mann, der sich für Frau und Kinder einsetzt, mit ihnen alles teilt, was er hat? Hier wird mein Geist umgesetzt! So viele Frauen, so viele Männer sind unerkannt Heilige – in der Familie, für die Familie, weil sie aus Liebe alles gegeben, geteilt haben. Und niemand hat sie heilig oder selig gesprochen. Jedes Haus soll zum Gotteshaus werden, nicht nur die Kirche. Wenn jedes Haus ein Gotteshaus ist, dann ist Gottes Reich verwirklicht.”
Im Sinne der Offenbarung kann das auch stimmen (Offenbarung des Johannes, 21, Hoffnung für alle):
22 Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Gott, der Herrscher der ganzen Welt, ist selbst ihr Tempel, und das Lamm mit ihm.
Da fiel mir auch auf: Stimmt, Gott-Vater hat Jesus auch in einer Familie aufwachsen lassen. Das hielt er für den richtigen Weg. Und – was ist das eigentlich für ein Quatsch, den Wochentagsgottesdienst abends um 19.00 Uhr in der Kirche einzurichten. Wer hat denn da Zeit? Singles! Rentner! Genau: maximal die sind da. Ich nicht! Da bin ich zuhause in meiner Familie. Um 19.00 Uhr ist in jeder Familie Hochbetrieb. Da treffen sich alle zuhause zum ABENDMAHL. Und da erhielt ich die Vision: dieser Anlass ist die wahre Zeit und Gelegenheit war, Gottesdienst, das Abendmahl zu feiern. Die wahren Priester sind: Vater und Mutter! TUT DIES ZU MEINEM GEDÄCHTNIS! Und ich sah die Familie, so wie ich die Geschichte von der Familie der Bernadette Soubirou erinnerte, die abends regelmäßig gemeinsam als Familie den Rosenkranz beteten. Kein einfaches Tischgebet, sondern ein ganzer Rosenkranz.
Beim Eingang zum Kloster kam mir ein schwarzgekleideter Priester entgegen. Genau, dachte ich, du bist auch einer von diesen Todesengeln, der sich vom Leben, von der Familie abgewendet hat. Aus GEHORSAMKEIT? Gehorsamkeit gilt primär gegenüber Gott. Und der hat gleich zum Anfang gesagt: Seid fruchtbar und mehret Euch. Und – Abraham war Familienvater, David war Familienvater, Salomo war Familienvater. Waren sie dadurch weniger Gott zugewandt, hatten sie zuwenig Zeit für ihn? Wo bleibt da der Respekt für unsere Geschaffenheit? Gott hat auch jeden Priester mit einem Penis, Hoden mit Samen und mit einem Sexualtrieb ausgestattet. In mir sprudelte das Glück über diese Erkenntnis. Sind wir ja doch alle richtig!
Ich ging weiter hinein und kam zu einem mit Zeltplanen überdachten Raum, an dem um Stille gebeten wurde. Ich schaute näher hin und fand eine Beichthalle. An jeder Seite waren mehrere Beichtstühle aufgestellt, davor warteten lange Schlangen von Menschen – alle eher mit etwas bedrücktem Gesicht. Wüsste ich jetzt etwas zu beichten?
Nee, im Moment nicht, ich hätte eher jemanden gebraucht, mit dem ich meine Vision, meine große Freude hätte teilen, besprechen können. Und dann kam mir folgende Idee: Warum gibt es eigentlich kein Freudensakrament, keine Freudenstühle? Wo macht den der Christ in der Kirche seinen Mund auf, um seine Freude und seine Gotteserkenntnisse mitzuteilen? Dafür gibt es kein Forum, keinen Ort, wieso das eigentlich nicht? In die Kirche tragen wir unsere Reue, unsere Zerknirschung, unsere Fehler, das, womit wir uns schlecht fühlen! Das will man dort von uns hören Kein Wunder, wenn die Freude zu kurz kommt, wenn man individuell nur auf unsere Fehler wert legt… Es gibt das Singen, es gibt den Lobpreis, aber keine Gelegenheit, mit den anderen unsere Wunder, unser Liebesglück mit Gott zu teilen, es den anderen mitzuteilen, sie dessen teilhaftig werden zu lassen. Ansonsten konsumieren wir von der Priesterkaste: das Abendmahl, die Lesung und die Predigt, und die besteht so häufig aus Ermahnungen, so selten von den Glückserlebnissen.
Hier wurde meine Frage beantwortet, warum die frohe Botschaft irgendwie nicht so richtig rüber kommt. Die Frohbotschaft hat kein Forum, keinen Ort, keine Zeit, keinen Zuhörer! Als ich vom Jakobsweg kam, da war ich so froh, so erfüllt, aber in der Kirche hat mir keiner davon zugehört, ich hatte dafür keinen Raum, das mitzuteilen. Und als ich mit dem Priester ins Gespräch kam, da wollte er nichts, aber auch gar NICHTS davon wissen, sondern erkundete und hielt mir erstmal all das vor, wo ich fehlerhaft war. Tolle Begrüßung, oder? Was man sich so wünscht… In der Kindererziehung ein völlig ungeeignetes Vorgehen, damit macht man Kinder nicht groß, sondern klein. Und auch in der modernen Managementmethodik sind Lob und Erfolgsstories der Beteiligten eine große Kraftquelle für alle, ein Ansporn, selbst etwas solches erzählen zu können. Gehen Sie mal zu einer Versammlung der Tupperware-Beraterinnen. Dort werden die Erfolgreichsten namentlich aufs Podium gerufen und belobt und beklatscht. Danach schwärmen die alle motiviert aus, um neue Tupperware-Parties zu veranstalten, denn sie wollen auch gerne mal da vorne genannt und gelobt werden.
Ich wurde immer voller und voller Erkenntnis. Es war, als ob sich ein riesiges Puzzle vor meinen Augen zusammensetzen würde. Die Erkenntnisse poppten aus der Luft wie ein Bild auf und schoben sich ineinander. Die Kraft der heiligen Jungfrau, ihr Familiensinn und ihre Erziehungsklugheit brachen sich Bahn.
Zum Schluss fand ich die Herz-Jesu-Kapelle. Wow, was für ein wundervoller Ort, ein krönender Abschluss. Sie war fast leer, ich setzte mich ganz nach vorn, damit ich Jesus in die Augen sehen konnte. Die Statue begann wieder, sich zu bewegen, wie es mir so oft passierte, wenn ich mich auf Jesus einließ. Jesus bestätigte mir meine vorangegangenen Visionen, darum war ich nach Tschenstochau gekommen. Es ging um das Abendmahl in der Familie, wie man es täglich in jeder Familie feiern kann, um sie zu heilen und zu heiligen. Jesus machte mir klar, dass jeder Vater und jede Mutter auch das Brot brechen konnte, ich würde es in der Bibel finden können. In die Familie gehört täglich die gemeinsame Besinnung auf Gott, an der alle beteiligt sind, damit sie den Kindern in Fleisch und Blut übergeht. Jetzt kam mein Heft zum Einsatz. Und ich schrieb einen Ablauf einer familiären Abendmahlsfeier auf, zusammen ein Ergebnis meiner Glaubenserlebnisse auf dem Jakobsweg, meines anschließenden Glaubensweges im Alltag und des Tages in Tschenstochau. Es war wie ein Extrakt dieses Buches.
Wir kommen zusammen im Namen Jesu Christi an unserem Esstisch.
- Jeder erzählt, was er an dem Tag Gutes erlebt hat – die persönliche Frohbotschaft, wie Gott sich im eigenen Leben gezeigt hat.
- Wir lesen die tägliche Bibelstelle aus dem Messbuch. Kostenlos finden Sie die Texte hier: http://erzabtei-beuron.de/liturgie/index.php
- Wir beten ein Gesätz des Rosenkranzes inkl. Auf- und Abweg zum Kreuz hin. Vor dem Gesätz können Gebetsanliegen geäußert werden. Während des Gesätzes imaginiert jeder die tägliche Bibelstelle, um so selbst in der Situation zu stehen und die Bibel durch göttliche Intuition verstehen zu lernen (Kinder sind sehr begabt für diesen Zugang). Danach hat jeder die Möglichkeit zu danken und jeder, der mag, berichtet, wie er die Bibelstelle gesehen bzw. verstanden hat.
- Wir reichen uns die Hand zum Friedensgruß.
- Wir feiern eine kurze familiäre Eucharistiefeier mit beiden Gestalten. Entweder brechen die Eltern brechen das Brot und schenken den Wein ein oder es gibt eine geistige Kommunion. Gesprochen wird dazu der originale Eucharistietext aus den Evangelien.
- Abendbrot
Mit diesem Erleben platzte ich förmlich und ich wurde auch flugs entlassen, denn die Herz-Jesu-Kapelle wurde geschlossen. Ich dankte Jesus nochmals mit und von ganzem Herzen. Dann – war Jasna Gora für mich vorbei. Draußen traf ich meine Bekannte. Der Gottesdienst lief immer noch. Ich berichtete ihr von dem, was in mir abgegangen war, sie ist meine Zeitzeugen. Mit meiner Vision würden auf einmal Millionen von Priestern berufen werden können, alle christlichen Mütter und Väter, alle christlichen Männer und Frauen. Das, worum die vielen Menschen bei dem Open-Air-Gottesdienst vor Jasna Gora gebetet hatten.
Nachspeise
Auf dem Rückweg nach Berlin am nächsten Tag entschlossen wir uns kurzfristig, in Breslau nochmals einzukehren und wir fanden einen schönen Platz unter Bäumen in einem Café am Theater. Auf dem Rückweg zum Auto betraten wir noch eine – einzige – sehr schöne Kirche, die diesem Platz gegenüber stand. Die Kirche heißt, wie ich heute weiß, Corpus Christi-Kirche: Der Leib Christi, das Brot des Abendmahls. Das Altarbild war ein Abendmahl! Das war wie ein Ausrufungszeichen: Vergiss das Abendmahl nicht!
In der Bibel fand ich folgenden Vers in der Apostelgeschichte 2,46 (Gute Nachricht Bibel):
Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens.
Das bedeutet für mich, dass in ganz normal in den Häusern der Familien das Brot gemeinsam gebrochen wurde, die Eucharistiefeier, das „Tut dies zu meinem Gedächtnis“. Ganz normale Menschen brachen das Brot, zuhause. Es steht nichts, gar nichts davon da, dass nur ein Priester das konnte!
Zuhause angekommen brauchte ich erst einmal ein paar Tage, um mir alles heraus zu suchen und alles, was ich brauchte, zu finden. Dann begann ich, mit meinem Sohn diese Form des Abendmahls zu praktizieren. Sehr schnell funktionierte bei ihm das Imaginieren der Bibelstellen während des Rosarions und er hatte erstaunliche eigene Erkenntnisse dazu. Ein altes goldenes Weinglas mit einer roten Weinrebe aus einzeln geschliffenem Trauben aus meinem Elternhaus diente uns als Kelch. Zuerst fand ich keine Oblaten und wir nahmen normales Brot. Ich lernte Brot zu brechen und wir tranken kleine Schlucke Traubensaft oder Wein. Unsere familiäre Situation wurde Tag für Tag angenehmer. Dann schlief diese neue Tradition wieder ein, als mein Sohn in die Ferien fuhr, wir nahmen sie eine Zeitlang wegen „dies und das“ nicht wieder auf. Es ging wieder bergab. Doch dann starteten wir einen neuen Versuch…dann kommt wieder ein wenig die Pubertät dazwischen, Auf und Ab, doch wir sind auf dem Weg – wie immer! Ich bleibe dran.
Und wenn das alles, was ich gerade in diesem Epilog schreibe, wie gröbste Häresie klingt, so ist es doch wahr, was mir passiert ist.
El Señor esté con vosotros!




