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Die Gedankenkrankheit - ein Cartoon von Johanna Fritz

Das Maß an Gedankenaktivität, die ich bei jedem wahrnehme, dessen Kopf ich beim Handauflegen berühre, ist erschreckend. Und das fängt schon bei so jungen Menschen an, viele Köpfe fühlen sich an wie ein Bienenkorb, manchmal senden die Köpfe richtige harte Wellen aus, manche glühen, manche sirren, mancher Gedankenkranz hat sich wie ein Panzer um den Kopf gelegt. Aus meinem eigenen Kopf kenne ich das natürlich auch und ich habe viele Jahre gebraucht, um zu einem freieren Kopf zu gelangen. Ich nenne das „Gedankenkrankheit“ und halte sie für den Auslöser von Krankheiten und Süchten. Ich bin mir sicher: die meisten Menschen reden nicht über diese Belastung durch die eigenen Gedanken, die für sie die größte Qual im Leben ist.

Der Kopf einer meiner Klientinnen, sie hatte Multiple Sklerose im Anfangsstadium, fühlte sich geradezu elektrisch an. Ich fühlte deutlich ein Sirren bei ihr wie das, was wir um eine Hochspannungsleitung wahrnehmen. Bei der Behandlung hatte ich die Vision einer Drahtseilwinde, die so hart gespannt wurde, dass einzelne Drahtseelen rissen.

Und was ist Multiple Sklerose? Die Nervenbahnen des ZNS werden nach und nach zerstört. Kranke so genannte T-Zellen des Immunsystems überwinden die Blut-Gehirn-Schranke, was sie im gesunden Zustand nicht könnten, und greifen dort die Schutzschicht der Nerven an und zerstören sie, was dann irgendwann natürlich auch die Nerven selbst schädigt. Nervenimpulse werden so langsamer bis überhaupt nicht mehr weitergeleitet. Das führt zu Sehstörungen, Fehlern bei der Ausführung von Bewegungen, Gleichgewichststörungen, gestörte Nervenempfindungen z.B. Taubheit oder permanenter Blasendrang.

Zumindest bei dieser Klientin lag die psychosomatische Ursache der Erkrankung in einem übermäßigen Gedankendruck, der durch schon seit der Kindheit bestehendem Leistungsdruck und dem Willen zu bedingungslosem Funktionieren ausgelöst war.

Das ist das Gesunde am einfachen Leben, in dem man sich auf etwas konzentrieren kann und dafür einfach einen freien Kopf hat. Man ist ganz da, wo man gerade ist. Auf (zu) vielen Hochzeiten tanzen, innerlich abwesend sein, quasi immer im Hintergrund und/oder real einen Zettel machen zu müssen, was alles noch ansteht und was wann zu erledigen ist, ist an sich unnötig und lediglich Ursache von Lebensentwürfen, die das Sein zersplittern. Das Reduzieren der Hüte, die man sich aufsetzt, Entschleunigung,  oder der Aufruf des „Simplify your life“ zeigen einen realen Weg zur Heilung von der Gedankenkrankheit auf. Ganz einfach zeigt es sich hierin, wozu es führt, wenn man mehr als eine große Sache verfolgt:

Matthäus 6 (Lutherbibel 1984)

24 Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Das Denken ist die Beschäftigung der Menschen, die uns davon abhält, die Welt, wie sie ist, wahrzunehmen und das Notwendige zu sehen und zu erledigen. Das Denken beschäftigt und hält unsere Aufmerksamkeit im Bann, damit nicht klar wird, was sich uns gerade direkt vor unseren Augen offenbart. Sonst müssten wir uns in vielen Situationen sofort damit beschäftigen, notwendige Veränderungen einzuleiten. Um dies zu vermeiden, um unbewusst zu bleiben, läuft das Denken in langen, weiten Schleifen, teilweise angenehm und schön, oft auch anstrengend, schwächend und nervtötend.

Dass Denken, Bildung und Kopflastigkeit nicht unbedingt zu Gott führt, darauf hat uns auch Jesus in Matthäus 11 (Hoffnung für alle) hingewiesen

25 Jesus betete: “Mein Vater, Herr über Himmel und Erde! Ich danke dir, dass du die Wahrheit vor den Klugen und Gebildeten verbirgst und sie den Unwissenden enthüllst. Ja, Vater, so entspricht es deinem Willen.“

Im Geist Gottes ist Ruhe und Gegenwärtigkeit. Die Wahrheit ist kein Produkt des Denkens, des Abwägens, sondern eine Enthüllung, ein Impuls, eine Gabe Gottes, die wir wahrnehmen können. Offenheit, Wahrnehmungs­fähigkeit, Aufmerksamkeit erschließt sie uns – NICHT DENKEN.

Oft ist auch die Flucht in geistige Beschäftigung z.B. Folge unserer Furcht vor dem Ausgesetztsein der inneren Stimme, Seiner Stimme, die uns wirklich fragt: Ist das richtig und sinnvoll, was da gerade passiert?  Es kann die Furcht sein vor dem Aufsteigen unangenehmer Erinnerungen, die wir lieber vergessen oder verdrängen würden: Gedanken an Schuld, Scham, unangenehme Situationen, Gefahr, Schmerz, Pein. Gedanken an die Liebe und wie sie sein könnte und was wir daraus machen oder gemacht haben.

All diese Gefühle will keiner wieder erleben und durch sie hindurchgehen, sie bearbeiten. Also wird der Geist beschäftigt. Daher empfinden wir oft Arbeit als so angenehm. Der Geist kann sich an etwas festhalten. Er kehrt nicht mehr zum Kern des Unwohlseins zurück. Wir brauchen uns nicht mit uns zu beschäftigen, weil etwas außerhalb von uns unsere Aufmerksamkeit fordert. Sogar etwas, das alle für sinnvoll, vernünftig, praktisch und lobenswert gehalten haben, nämlich eine vernünftige Arbeit mit einem vernünftigen Gehalt.

Ich habe mich um Dinge kümmern können, die ich als Arbeitsauftrag erhielt, konnte meine Fähigkeiten und meine Gestaltungskraft darauf verwenden, diesen Arbeitsauftrag ordentlich, sinnvoll und aussagekräftig zu gestalten. Danach habe ich mich dann auch selbst sinnvoll gefühlt, war dankbar und im positiven Sinne geschafft, nämlich die Herrin eines Werkes, das ich stolz weitergeben konnte. Ähnlich verhielt es sich beim Schreiben einer globalen Vertriebsmethodologie für ein großes Unternehmen. Auch dort konnte ich mich in dieser Welt verlieren und habe die aktuelle Welt nicht wahr­genommen, war völlig im Fluss in einer Welt, die nicht meine war bzw. es nicht mehr war. Ich setzte mich morgens um 8 Uhr an meinen Schreibtisch und kam um 14.00 Uhr das erste Mal wieder zu mir, wenn der Magen knurrte. Meine eigene Lebenssituation zu diesem Zeitpunkt: schlicht eine Katastrophe.

Selbstvergessenheit – das ist ein zweischneidiges Schwert. Sie wird allgemein gelobt, wenn wir uns einer höheren Sache, der Gemeinschaft, den Bedürftigen widmen. Doch wir sind immer Teil der Situation, wir gehören immer dazu. Die eigene Beteiligung erst gibt dem Werk, das wir erstellen, Farbe und Leben. Wenn wir das Leben um uns herum wahrnehmen, dann erfahren wir nebenbei so viel Beiwerk durch die kleinen Dinge, die uns am Wegesrand begegnen können. Wichtiges Wissen, sinnvolle Impulse können uns so wie von selbst zufallen. Immer wieder habe ich das Gefühl, Nachdenken ist überhaupt die dümmste Idee, eine Frage zu lösen.

Sprüche 26 (Hoffnung für alle): 12 Kennst du jemanden, der sich selbst für weise hält? Ich sage dir: Für einen Dummkopf gibt es mehr Hoffnung als für ihn!

Das Nachdenken hat ein großes Manko. In den Gedanken befindet man sich nicht in einer realen Welt, vor allem nicht, wenn man sich mit Situationen rumschlägt, die durch Nachdenken gar nicht gelöst werden können. Es ist, als ob man mit einem Handtuch schneiden wollte, mit einem Hammer Schrauben rausdrehen. Was sagt uns denn, was uns gut gehen lässt? Unsere Wahrnehmung, unsere Sinne, unsere Intuition, unsere Emotion! Etwas, was wir nicht steuern und kontrollieren können, was einfach kommt.

Gedanken können schön klingen, sie können faszinieren, ja sogar kurzfristig berauschen, flashen, geistige Orgasmen. Doch überprüfbar, ob das Gedachte in der Praxis hält, funktioniert erst, wenn wir uns in die Situation hineinversetzen und ausprobieren, wie es sich anfühlt. Wie wir darin leben können. Uns die Situation farbig ausmalen und sie detaillieren, das Träumen. All die anderen Entscheidungs­mechanismen, die auf logischen oder mathematischen Modellen basieren, funktionieren einfach nicht, also Pro- und Kontra-Listen und Bewertungs­modelle. Nachdenken bei schwierigen Situationen ist eine nicht adäquate Verhaltensweise. Nachdenken hilft maximal dabei, die Grundsituation zu analysieren und die Fragestellungen, anhand derer man vorgeht, die das Grundgebäude der Situation darstellen. Was denke ich eigentlich? Was erzähle ich mir denn da gerade? Gehe ich überhaupt von den richtigen Voraussetzungen aus? Stimmen meine Grund­annahmen? Kann ich das wissen? Entsprechen sie der menschlichen Natur? Führen sie uns in Richtung Barmherzigkeit?

Gefühle können nicht logisch gelöst werden, sie wollen ihren natürlichen Ausdruck finden. „Ich denke, ich fühle mich jetzt mal wohl, ich denke, ich bin jetzt mal nicht traurig!“ ist kein Weg, um zum Wohlfühlen zu kommen oder Traurigkeit zu beenden. Gefühle können nicht durch Vernunft kompensiert oder gelenkt werden, sondern nur ausgedrückt werden. „Es ist jetzt nicht vernünftig, traurig zu sein!“ beendet unsere Traurigkeit ebenso wenig. Das ist nicht Vernunft, dass ist einfach nur sinnfrei.

Achtung Unterscheidung! Es gibt Gefühle, die entstehen aus unserem aktuellen Erleben, aus unseren Sinnen, unserer Wahrnehmung. Wir sehen z.B. ein kleines Kind oder einen Sonnenuntergang oder das Leid eines Menschen und sind zu Tränen gerührt. Ein Traumapatient kann einen Flashback erleben. Wir erleben tiefe Freude. Diese Gefühle können nicht gelenkt, gestoppt werden, sondern nur ausgedrückt werden. Und es gibt Gefühle, die basieren auf unseren Gedanken, unseren eigenerfundenen Geschichten, z.B. denken wir, jemand anderes hat uns verletzt mit dem, was er neulich gesagt hat. Und das macht uns traurig. Diese Gedanken können durch einen Gedankenstopp umgehend beendet werden und dann ist auch das zugehörige Gefühl obsolet. Genau hier funktioniert der Stopp, weil sie keine Wahrheit besitzen.

Wenn erstere Gefühle unser Überlebensprogramm sind, dann ist die gedankliche Anfachung oder Lenkung der Gefühle ein Virus in diesem Programm. Das funktioniert einfach nicht, dabei läuft man früher oder später auf einen Fehler. Wenn unangenehme Gefühle aus aktuellem Erleben immer wieder auftauchen, wenn wir immer wieder das Gleiche erleben, dann ist Heilung der Lebensumstände der Weg, dann haben wir uns unerträgliche Lebensumstände geschaffen, egal, wie „vernünftig“ sie sein mögen.

Hinter unseren Gedanken liegt der Schlüssel zum Reich Gottes und die Antwort. Denn es ist ständig da, doch häufig nehmen wir es nicht wahr, weil wir uns mit Denken vom wahren Leben ablenken.

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Wer sich den ganzen Tag von seiner inneren Stimme, seinen Sinneseindrücken, seinen inneren Impulsen und der Wahrnehmung seiner Gefühle abtrennt, verstopft die „Poren“ seiner Sinne. Diese „Poren“ sorgen dafür, dass wir eine Situation gänzlich wahrnehmen können. Sie sorgen dafür, dass uns alle Nuancen auffallen können, sie können uns diese Informationen zur Verfügung stellen. Man kann dies nennen: jedem Moment mehr Tiefe geben, jeden Moment mehr auskosten. Das ist jedoch nur möglich, wenn wir für unsere Sinneswahrnehmungen offen sind.

Eine Beschreibung des Zustandes in Matthäus 13/Jesaja 6 (Lutherbibel 1984)

14 Und an ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die da sagt (Jesaja 6,9-10): »Mit den Ohren werdet ihr hören und werdet es nicht verstehen; und mit sehenden Augen werdet ihr sehen und werdet es nicht erkennen. 15 Denn das Herz dieses Volkes ist verstockt: Ihre Ohren hören schwer und ihre Augen sind geschlossen, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, und ich ihnen helfe.«

Je häufiger wir jedoch unseren Sinneswahrnehmungen im Alltag kein Gehör schenken, umso mehr sind unsere Sinne in unserem Geistkörper umspült von Emotionen und Ausdrucksnotwendigkeiten, die eben nicht in ihrer ursprünglichen Situation nach außen getreten sind. Unsere Sinne nehmen die Informationen wohl auf, können sie aber nicht an das Bewusstsein weitergeben, weil dies durch andere Aktivitäten belegt ist, eben häufig Denken, Denken, Denken. Der Körper reagiert jedoch trotzdem auf die Reize mit Wohl- oder Unwohlsein und möchte dieses Wohl- oder Unwohlsein gern ausagieren und an unser Bewusstsein weitergeben. Dies kann Atem, Bewegungen, Emotionen, Worte oder Laute sein, oder einfach die Gelegenheit, sich diesem Sinneseindruck hinzugeben, ihn durch und durch zu fühlen, um zu einer Erkenntnis zu kommen. D.h. oft stehen vor unserem Bewusstsein unheimliche Schlangen an Eindrücken, die wahrgenommen werden wollen. Passiert dies nicht, dann werden unsere Sinneskanäle langsam aber sicher verstopft bzw. verkümmert, weil sie nicht „ausgelesen“ werden, etwa ein schmollendes sich Abwenden „ich kann ja sagen, was ich will, mich hört ja doch keiner“. Dies kann man sich wie ein Sieb vorstellen, bei dem sich Stück für Stück die Löcher zusetzen.

Oder wie trockene Erde, in die Wasser nicht vordringen kann. In feuchter Erde befinden sich Unmengen kleiner Kanäle, Kapillaren, in denen das Wasser aufgenommen und gespeichert wird. In trockener Erde sind diese Kapillaren nicht  mehr vorhanden, sie haben sich zusammengezogen. Erst, wenn die Erde über längere Zeit wieder mit Wasser bedeckt ist, bilden sich die Kapillaren wieder neu. Genauso ist das auch mit dem Körper. Wenn ich über lange Zeit zuwenig Wasser getrunken habe, dann bilden sich auch die Kapillaren in meinem ganzen Körper zurück. Und wenn ich dann wieder anfange, mehr zu trinken, dann muss ich einfach viel häufiger auf die Toilette, weil der Körper anfangs das Wasser noch gar nicht wieder speichern kann. Erst nach längerem verstärkten Wassertrinken, d.h. Wochen und Monate, bilden sich die Kapillaren wieder verstärkt aus und das Wasser wird im Körper gespeichert, bis es wieder gebraucht wird.

Die Erfahrung kennen wir vielleicht auf einer anderen Körperebene, wenn uns irgendwelche Glieder „eingeschlafen“ sind. Wir haben Nerven durch unsere Haltung eingeklemmt, die Glieder fühlen sich irgendwann taub an. Die Nerven geben keine korrekte Information mehr an das Hirn weiter. Wenn dann der Nerv wieder durchgängig wird, dann treten Schmerzen auf. Dies ist meist nicht nur unangenehm, das tut oft richtig weh, und zwar so lange, bis der Stau beseitigt und die Informationen wieder richtig ausgewertet werden können.

So ist dies auch auf der Gefühlsebene. Wenn das Maß der ausgewerteten Sinneseindrücke und damit die Wahrnehmung der damit verbundenen Emotionen sich wieder erhöht und alles bewusst wird, dann bemerken wir in der Regel erst einmal, wie unerträglich es ist, dies alles zu spüren. Denn wenn es nicht so unerträglich wäre, warum hätten wir uns ansonsten von diesen Gefühlen abgewandt oder abgespalten? In der Regel haben wir uns in einem Leben eingerichtet, das uns nicht wirklich zuträglich ist.

Es ist uns nicht zuträglich, dass wir uns von unserem Erleben abwenden, es ist wichtig, uns dem zuzuwenden, was wir fühlen. Unsere Gefühle sind für uns ein ganz wichtiger Gradmesser, sie sorgen dafür, dass unser Leben lebenswert wird. Sie achten auf uns, sind unser Überlebensmechanismus. Sie möchten unserem Bewusstsein gern immer mitteilen, wenn eine Situation für uns nicht angebracht ist. Ihre Funktion tritt lange vorher ein, bevor wir einen Schaden intellektuell bemerken. Sie warnen uns vor körperlich und seelisch unzuträglichen Situationen. Dies ist auch eine klare Erkenntnis der Hirnforscher wie z.B. des Neurologen Antonio Damasio:[1] „Alle Emotionen haben eine regulatorische Funktion und führen in der einen oder anderen Weise zur Entstehung von Umständen, die vorteilhaft für den Organismus sind, der das Phänomen zeigt. Emotionen haben mit dem Leben eines Organismus zu tun, seines Körpers, um genau zu sein, und ihre Aufgabe besteht darin, dem Organismus zu helfen, am Leben zu bleiben.“

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[1] Antonio Damasio: Ich fühle, also bin ich, List Verlag, Seite 68

Wenn wir dann auf leichte Signale einfach nicht mehr reagieren, dann werden die Signale stärker. Dies können intensivere Gefühlszustände sein wie Gereiztheit, Ärger, unver­meid­bare Tränenausbrüche, Einsamkeit, Verzweiflung, Gehetztheit, jedoch auch Körper­wahrnehmungen: Schmerzen (Kopfschmerzen, Magenschmerzen, Schulter- und Nacken­schmerzen, Rückenschmerzen), An- und Verspannung, Erschöpfung, Müdigkeit, irgendwann chronische Schmerzen. Wenn wir auch darauf nicht reagieren, dann dauert es ein wenig und die Signale werden noch stärker. Werden auch diese überhört und das signalauslösende Verhalten wird fortgesetzt, dann wird die Sinnesleitung abgeschaltet.

Die Wiederanschaltung ist dann nicht einfach, sie dauert entweder sehr lange – wie etwa bei einem Sieb, bei dem wir die verstopften Löcher entweder einzeln durchstechen müssen, d.h. mit jedem bisher verdrängten, ignorierten Teilaspekt auseinandersetzen müssen. Oder dies kann mit großen Schmerzen, starken Gefühlen oft insbesondere Ängsten verbunden sein, wie etwa, wenn wir unser Sieb eine Weile in Wasser legen, d.h. uns mit Gefühlen ausagieren, fluten, bis sich das verfestigte Material wieder löst.

Was in den Organismus rein kommt, das muss auch wieder raus, die Energie der Erlebnisse bleibt jedenfalls so lange im oder beim Körper erhalten, bis eine Bewusst­werdung und die zugehörige Reaktion stattgefunden hat. Irgendwann muss man sich stellen. Mir ist es in psychotherapeutischen Sitzungen häufiger so gegangen, dass bei der Bewältigung von Problemen plötzlich an irgendeiner Stelle am Körper sich etwas wie ein unsichtbares Gewicht wie in Luft auflöste und mich erleichtert zurück ließ.

Was wir jedoch alternativ gern tun: wir verschieben unsere Aufmerksamkeit dahin, dass wir uns so sehr mit anderen Dingen beschäftigen, damit wir die Signale ignorieren können. Was bedeutet, dass wir uns ständig und dauerhaft beschäftigen müssen, damit die Nachrichten nicht durchkommen. Das führt natürlich zu zusätzlichem Stress, Anstrengung, der Anhäufung von Aktivitäten, der  Suche nach intensiven Glücks­gefühlen, Kaufrausch, zu Überbrückungsaktivitäten in jeglichen Ruhephasen: z.B. das Lesen von Zeitungen, Arbeitsmaterialien, Fachbüchern oder alternativ möglichst spannender Literatur, damit keine Freiräume entstehen und zwar beim Essen, in der U-Bahn, in den Pausen, vor dem Einschlafen, auf dem Klo, an der Kasse im Supermarkt, im Wartezimmer. Ich habe jedoch schon mangels sinnvoller Literatur Inhaltsangaben von Putzmitteln gelesen, damit ich überhaupt etwas zu lesen hatte.

Ja, richtig, dies klingt so: es hat Suchtcharakter. Ich begebe mich in eine andere Welt, weil meine eigene Welt für mich nicht aushaltbar, interessant, gefühlvoll, angemessen, geborgen, sicher, überhaupt mir entsprechend genug ist. Und: weil ich die Tür zuhalten will, damit dieses Übermaß an Eindrücken nicht zu mir durchdringt. Auch andere alternative Aktivitäten können Suchtcharakter zum Zwecke des Nichtspürens und Zeitüberbrückens annehmen: Fernsehen, Radio bzw. Musikhören, Internet-Surfen, Computerspiele (vor allem virtuelle Daueraufenthaltsorte wie Second Life, World of Warcraft etc. und das Mitleben fremder Leben wie z.B. Twitter, Facebook) Telefonieren, Essen, Naschen, Orakeln, Übungen/sportliche Aktivitäten, Zwangshandlungen. Und schließlich tatsächlich: Verdrängung durch Suchtstoffe wie Alkohol, Tabletten, Drogen, Chemikalien. Wir mögen uns überall aufhalten, nur nicht in unserem Leben.

Wenn man diese Verhaltensweise einmal aufgegeben hat, dann ist es eine riesige Erleichterung, z.B. nicht mehr lesen zu müssen. Und wenn man dann wirklich etwas lesen sollte, fällt es einem manchmal schwer, sich wieder für ein Buch zu interessieren, weil das, was gerade in der Realität passiert oder die Sinne einem vermitteln, so viel interessanter und spannender ist.

Als Beispiel:

Betrachten wir einmal den Unterschied, ob ich in einem Ferrari mit 300 km/h von Berlin nach Rom rase oder mit dem Fahrrad fahre oder sogar zu Fuß pilgere. Alle die Ein­drücke, die ich sammeln kann, sind beim Pilgern so viel intensiver, sprechen so viel mehr Sinne an. Wenn ich dann nach der Pilgerwanderung – von vielen Tagen und Wochen – in Rom dann ankomme, bin ich an Leib und Seele erfrischt, habe den Weg wahrhaft er­fahren, habe tausenderlei erlebt, viele Menschen kennen gelernt, viele unterschiedliche Speisen erlebt, Wetter wahrgenommen, Landschaften durchquert und genossen, hatte einen Wechsel zwischen Aktivität und Passivität. Ich habe den Duft von Blumen und Bäumen gerochen, habe Tiere und Landschaften gesehen, habe süße Früchte am Weg gesammelt, hatte sicher unzählige Erlebnisse, habe viel dabei erfahren und gelernt, habe eine unvergessliche Zeit hinter mir.

„Ja, aber soviel Zeit habe ich ja gar nicht, um nach Rom zu laufen!“ Wenn der Vergleich zum Ferrari steht: Die Zeit, die ich brauche, um mir den „Ferrari“ zu verdienen, die Spritkosten, die Versicherung usw. kann ich auch für das Laufen, für die direkte Erfahrung, die vertiefte, alle Sinne integrierende und auswertende Erfahrung nutzen. Und die Zeit, die ich brauche, um mir den „Ferrari“ zu verdienen, wie ist die für mich?

  • Genieße ich sie oder nutze ich sie zur Verdrängung?
  • Fühle ich mich dabei wohl oder muss ich mich hinterher davon erholen?
  • Fühlt sie sich wie Strafe oder Last an und muss ich mich hinterher dafür belohnen, dass ich sie durchgehalten habe?
  • Tue ich etwas, was ich wirklich will und für sinnvoll halte oder benutze ich diese Tätigkeit als Mittel zum Zweck? Wofür?

Wenn ich leichte Reize im Alltag dauerhaft ignoriere, dann brauche ich irgendwann starke Reize, um mich überhaupt zu spüren. Dann reicht oft ein positiver feiner Reiz nicht aus, um mich glücklich und zufrieden zu machen. Ich brauche mindestens drei Wochen Urlaub, um meine übers Jahr angesammelten Defizite wieder aufzufüllen. Dann muss es eine Urlaubsreise nach Bali oder in die Karibik sein, Aktivitäten wie Fallschirmspringen, Heli-Skiing und Yachting, da genügt eine Radtour zum nächsten See für einen gemüt­lichen und fröhlichen Nachmittag nicht aus, dann muss es ein Sportwagen, die Manolos, der Designeranzug, der Riesenfernseher etc. sein.

In meiner ganz schlimmen Phase mit 60-Stunden-Woche hatte ich ein Abonnement für die Phil­harmonie in Berlin. In diesen zwei Stunden hat keiner etwas von mir gewollt, sogar ich selbst nicht, ich konnte einfach nur da sitzen. Da habe ich mich dann auf hohem Niveau entspannen können, der Klangteppich hat sich meiner Seele angenommen, und erst nach einer halben Stunde wich dieses summende Spannungsgefühl, was mich ständig umgab, und ich konnte die Musik hören. Merken konnte ich sie mir nie…

Alternativ kann die Begründung auch heißen: „Nee, im Urlaub, da will ich mich ausruhen, da will ich nicht auch noch laufen oder Fahrrad fahren, da bin ich viel zu „platt“ dafür. Da will ich mich einfach nur noch an den Strand legen, nichts tun und maximal noch abends Party machen.“ Warum wohl? Warum macht mich das Leben so platt?

  • Weil ich nicht auf die Signale höre, die sagen: jetzt ist es genug! Pause!
  • Weil ich mich nicht gut um mich kümmere, für mich sorge (nahrhaftes Essen, Ausgleich durch Bewegung, Freude, Balance zwischen Aktivität und Ruhe, „nährende“ Beziehungen)
  • Weil ich meine Zeit so weit verkauft habe, dass ich über mein Leben nicht mehr genug Entscheidungsfreiheit habe, als dass ich selbst entscheiden könnte, wann ich aufhöre.
  • Weil meine Ängste, Vorstellungen und Ziele mich dazu treiben, mich und meine Kräfte zu überdehnen, um
  • meine Erwartungen und Vorstellungen oder die anderer an mich/von mir nicht zu enttäuschen, bzw.
  • Misserfolge oder Kritik zu vermeiden oder
  • mir mein Wunsch-Image nicht anzuknacksen, vielleicht weil ich souverän, zuverlässig, professionell, stark, verantwortlich, reif für Was-auch-immer scheinen will,
  • die Aufgaben zu erfüllen, die ich versprochen habe, auch wenn ich dazu nicht in der Lage bin.
  • Weil ich auf verschiedenen Ebenen auf Kredit lebe und meine Kreditraten jetzt und in Zukunft sicherstellen muss.
  • Weil ich an meine Altersversorgung denke, die ich jetzt ja einzahlen muss.
  • Weil ich meine sichere Stelle nicht verlieren will.
  • Weil: Ich muss! (Zumindest denke ich das!)

Das letzte Postulat ist ein sicheres Zeichen, dass ich gegen mein Gefühl arbeite.

Mensch, lass Dich von Deinen Gefühlen retten! Nimm sie wahr!

All die Zeit, die wir uns heute gegen unser Gefühl stellen, werden wir irgendwann brauchen, um uns nach dem Zeitpunkt, an dem wegen dieser Ignoranz in unserem Körper oder unserer Seele etwas reißt oder wie ein Gummiband überdehnt wird, wieder neu zu justieren und uns neu in Schwung zu setzen. Und dies kann Wochen, Monate und sogar Jahre dauern. Wenn es denn geht… Woher ich das weiß? Aus Erfahrung – nicht nur meiner! Siehe auch 2.1.4.10 Kredite auf das Leben. Wir können anhalten und uns wieder sensibilisieren für unsere Gefühle und um das alltägliche Glück zu erkennen. Dies ist das wahre Glück, denn es ist ständig da und in der Regel preiswert bis kostenlos: ein gleißend-roter Sonnenuntergang, ein Blick auf ein schlafendes oder ins Spiel vertiefte Kind, mildes Wetter im Oktober, ein Herbstspaziergang in bunten Blättern, tanzende Lichter auf einem See, das Schnurren eines Katers, ein tiefer Blick in die Augen des geliebten Menschen, frisch gefallener Schnee, ein Lächeln, ein Moment geruhsamer Stille, ein freier Kopf, die ersten Schneeglöckchen, der erste Frühlingshauch, duftende Baumblüte im sanften Frühlingswind, ein frisches Brötchen, ein reifer Apfel gemeinsam in Muße genossen. Wer schon mal gefastet hat, der weiß, wie gut ein Apfel schmecken kann.

Kleiner heilpraktischer Exkurs:

Urlaub, Erholung, das heißt für viele Sonne, Strand und Meer. Warum ist das so erholsam?

  • Die Sonne ist unser Kraft- und Energiespender und Vitaminquelle. Licht ist ein natürliches Antidepressivum. Und: In der heißen Sonne ist Denken oft nicht mehr möglich! Also endlich Kopf-PAUSE!
  • Zum anderen der Kontakt zur Erde, barfuss laufen und auf der Erde liegen, Erdung. Hier können überschüssige Energien an die Erde abgegeben werden. Die Erde entlastet uns von Nervosität, Ungeduld und Hast. Schon mal versucht? Bei Gartenarbeit kann man sich nicht beeilen!
  • Und das Wasser, in der Elementelehre das Gefühl, das Aufweichen und Abwaschen aller Verschmutzungen. Besonders wirksam ist dabei auf der köperlichen und seelischen Ebene das salzige Meerwasser wie auch die mit Meerwasser angereicherte Meeresbrise. Das wirkt wie das homöopathische Mittel „Natrium Chloratum bzw. Muriaticum“ (Kochsalz), was verordnet wird für den „unterdrückten Seelenschmerz“. Es ist der in den modernen Industrie­gesellschaften am weitesten verbreitete homöopathische Konstitutionstyp[1]. Natrium Chloratum wird genutzt für all die zurückgehaltenen Emotionen, bei Traurigkeit, Nervosität und Ruhelosigkeit, Kopf- und Rückenschmerz, Müdigkeit und Mattigkeit. Das Meerwasser und die Salzluft sind die Medizin, die wir für unsere verstopften „Sinnesporen“ brauchen, damit wir uns wieder besser wahrnehmen können. Salzige Tränen sind oft eine sinnvolle Abbauform für den unterdrückten Seelenschmerz. Natrium Chloratum reguliert den Körperflüssig­keitshaushalt, kann dafür sorgen, dass alles wieder ins Fließen kommt.

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[1] Psychologische Homöopathie, Philip Bailey, Knaur Verlag. Der Autor hält 1/3 der Bevölkerung in Nordamerika, England und Australien für diesem Konstitutionstyp zugehörig.

In unserer Welt ist oft die Stärke modern und Schwäche wird verachtet. Viele nennen das: Leistungsgesellschaft. Wir versuchen, unsere Stärken zu verstärken und unsere Schwächen auszumerzen. Und doch haben wir zu allen Lebenszeiten gottgegeben Perioden der Stärke und der Schwäche und das mit Sinn. Das ist ein Wunder, die Gnade des Lebens. Wir haben die Zeit der Kindheit, in denen wir schwach sind und auf die Stärke anderer angewiesen sind und wir haben die Zeit des Alters, wo wir uns mit den Einschränkungen abfinden müssen, die wir oft nach einer langen Zeit der Stärke als ein ungute Entwicklung empfinden, die jedoch eine neue Zeitqualität einläuten.

Schwangere Frauen und allein erziehende Eltern sind in einer Position der Schwäche, sie sind auf die Hilfe anderer angewiesen. Auch Krankheit ist eine Zeit von Schwäche, in der wir das Geschenk und die Gabe des Nehmens erlernen können. Alle diese Zustände sind gute Zustände, sind Zustände in denen wir Liebe und Zuwendung erfahren können, sind Zustände, in denen andere ihre Fähigkeit zu Liebe, Zuwendung und Stärke entdecken und ausüben können, sich daran freuen können. Und so können wir sowohl Stärke wie auch Schwäche erfahren und genießen.

Stärke und Schwäche dienen nicht der Abgrenzung voneinander, ich bin stark und du bist schwach, daher bin ich besser als du. Oder ich habe eine starke Zeit, daher ist es eine gute Zeit und ich habe eine schwache Zeit, daher ist es eine schlechte Zeit. Sondern wir gewinnen Stärke und Schwäche, um intensiver miteinander uns zu verbinden. Lieben wir unsere Schwäche wie unsere Stärke, denn so geben wir in diesem Moment unserem Nächsten den Raum, stark zu sein, für uns stark zu sein, wo wir selbst schwach sind. Und wir können wieder auf anderen Gebieten unsere Stärke einbringen.

Für seine eigene Stärke kann man sich einsetzen, insbesondere dann, wenn man noch nicht daran glaubt, die Erfahrung noch nicht gemacht hat. Vielen Menschen wird schon frühzeitig beigebracht: „Lass mal, ich mache das, du kannst das nicht/schaffst das nicht!“ anstatt „Mach einfach und lerne dabei!“ oder „Jetzt ein guter Zeitpunkt, dass du es lernst!“ und „Wenn es nicht so richtig gut ist, dann übe und lerne weiter, bis es so ist“. Gleiches gilt für: „Dafür bist du zu …!“, „Lass mal, wenn du es machst, dann muss ich es eh noch mal machen!“ Urteile über Menschen, die – vom Empfänger als Realität angenommen – verheerende Folgen auf Selbstbewusstsein und Leistungsfähigkeit haben. Positive Selbstwahrnehmung, gesteigerte Fähigkeit zur Selbstregulierung und Selbsteinschätzung werden möglich. Auch Menschen, die so ausgestattet sind, dass sie für sich selbst sorgen können, und es nicht tun, die sollten sich für ihre eigene Stärke einsetzen.

Dass Perioden der Stärke Sinn machen, das leuchtet sicherlich allen ein. Jedoch auch Zeiten der Schwäche haben absolut ihren Sinn. Die Schwäche gibt uns die Chance, die Erfahrung des Nichthandelns zu machen, durch die Angst hindurch zu gehen: Was passiert denn, wenn ich nicht handle? Viele Menschen sind so in ihr Leben eingebunden, ständig so im Stress, dass sie nicht anhalten, nicht anhalten können aus Angst oder Panik, weil sie dann das Gefühl hätten, alles würde zusammen brechen ohne sie. Welch ein Druck, welch ein Leid! Wird jemand anderes mir helfen? Wird mir jemand zur Seite springen? Wie viel „Tod“ liegt im „geschehen lassen“, wie viel „Tod“ liegt in der Aufgabe der Kontrolle, wie viel „Tod“ liegt im Vertrauen?

Alle Zeiten von Schwäche, Krankheit und Krise sind Zeiten, in denen wir uns zum einen auf uns selbst und andere intensiver beSINNEn können, in denen wir uns aber natürlich gerade auch intensiver auf Gott besinnen können und ihn uns helfen lassen können. Diese Zeiten entstehen immer wieder, wenn wir Gott zu vergessen und alles aus unserer eigenen Kraft heraus zu erreichen in der Lage scheinen. Gott will uns dienen, er will sich als Starker unter die Schwachen stellen und für uns da sein. Er will mit uns zusammen die Werke gestalten, jedes Werk, er will Gemeinschaft und Gemeinsamkeit mit uns erreichen, er will uns die Hand reichen und hofft und erwartet, dass wir unsere Hand nach ihm ausstrecken.

Ich hatte einmal eine wahre Zeit der Schwäche. Ich hatte gerade eine Lungenentzündung überwunden und japste noch immer nach Luft, mein Vater verstarb, ich hatte ein internationales Beratungsprojekt „am Hals“ mit fixen Terminen und damit verbundenen Poenalien, ich musste umziehen, renovieren und mein Haus verkaufen, da flogen mir die Rechnungen nur so um die Ohren, und nebenbei hatte ich natürlich noch mein Leben als allein erziehende Mutter zu bewältigen. Ich hatte nicht gelernt, mich nach außen um Hilfe zu wenden. Wenn es mir schlecht ging, dann konnte man es daran merken, dass ich immer stiller wurde, immer mehr meiner Aktivitäten einstellte und mich auf das Notwendigste beschränkte. Wie ein Roboter agierte – und das von Tag zu Tag. Bei der Krankenkasse stellte ich einen Kurantrag, der wurde abgelehnt, weil mein Zustand so gravierend war, dass ich einen neuen Antrag beim Rententräger zu stellen hatte. Dafür war ich zu kraftlos, ich ließ diese Idee einfach fallen. Ich fragte später eine Freundin, ob sie denn nicht gemerkt hätte, dass ich dringend Hilfe gebraucht hätte. Sie sagte: „Nein, du warst zwar still, aber man hatte nicht das Gefühl, dass du Hilfe brauchtest.“ Ich fragte sie: „Was hätte ich denn tun müssen, dass du das gemerkt hättest?“ „Na wenn es jemandem schlecht geht, dann jammert er, weint und wird laut: Ich kann nicht mehr! Er sagt, dass er Hilfe braucht.“[1] Nun, dafür war ich damals ebenfalls schon zu kraftlos…

Jede Krise heißt eigentlich: „Komm, Liebchen, mach es dir nicht so schwer, gib mir deine Last, lass dir tragen helfen, teile es mit mir.“ Jeder Verlust heißt: „Es gibt etwas Besseres für dich.“ Das Gute kommt auf dich zu und was nicht zu dir gehört, geht von dir weg.

Wahre Stärke beruht auf dem Wissen, es nicht allein zu können und als erstes Gott in sein Tun mit einzuladen, sich selbst zunächst von ihm getragen fühlen, um dann in den eigenen Werken andere unterstützen zu können, dadurch auch größere Aufgaben angehen zu können. Und natürlich auch andere in das Boot mit einzubeziehen, nicht alleine handeln, sondern zu gemeinsamen Handeln kommen, zur Gemeinschafts­produktion, zum gemeinsamen Werk, was auch Gemeinschaftsgefühl, heute gern Teamgeist genannt, fördert.

Innere Stärke fördern macht immer Sinn, wenn man immer wieder das Gefühl, teilweise das „Geplapper im Kopf“  hat: „das kann ich ja eh nicht … das schaffe ich nicht … was kann ich schon…das geht ja eh schief“,  wenn man häufig zu früh aufgibt oder sich gar nicht erst an etwas heranwagt. Wenn man die Verantwortung und die Versorgung für sich selbst anderen überlässt, auch wenn man es selbst könnte.

Innere Schwäche fördern macht immer dann Sinn, wenn man trotz eindeutiger Hinweise nicht aufgeben kann, nicht um Hilfe bitten kann, rücksichtslos gegen sich selbst ist, seine eigenen Signale bis zum Zusammenbruch nicht wahrnimmt, sich nicht schont, permanent über die eigenen Kräfte geht. Wenn man andere in seiner Umgebung nicht stark sein lässt und ihnen alles abnimmt, was sie selber könnten, immer der Stärkere sein muss.

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[1] Es gibt Menschen, z.B. Vernachlässigte, Geschlagene, Missbrauchte, Gewaltopfer, die in ihrem Leben Zeiten hatten, in denen ihnen nicht geholfen wurde, in denen es sinn- und zwecklos war, zu jammern, zu weinen oder zu klagen, wo es im Gegenteil sogar kontraproduktiv war, dies auszudrücken, weil es die Situation noch verschlimmert hätte. Je weniger man sich wehrte, je stiller man wurde, umso schneller war das jeweilige Martyrium vorbei. Diese Menschen zeigen also solche Gefühle und Verhaltensweisen nicht, weil sie nie die Erfahrung gemacht haben, dass solches Verhalten erfolgreich sein könnte. Eine solche Erfahrung drückt sich auch in dem Lied “Luka” von Susan Vega aus.

Wachstumsphasen - Clipart aus Microsoft Powerpoint

Die verschiedenen Lebensphasen bieten uns unterschiedliche Chancen für die Erfahrung von Stärke und Schwäche, für die Erfahrung des Guten und des höchsten Gesetzes. Ich will es hier am Gleichnis des Apfelbaumes beschreiben für die Achtung, Wertschätzung und Liebe einer jeden Lebensphase als Kontrapunkt zur aktuellen Überbetonung des Jungseins. Als Sonne und Regen beschreibe ich dabei das schicksalhafte Erleben von Situationen von Wärme, Liebe aber auch Trockenheit, wie auch Nässe, Kälte und stürmischer Emotionalität. Wir brauchen beides zum Leben. Und wenn wir den Regenbogen betrachten, dann brauchen wir für das Erscheinen der großen Himmels­brücke sogar beides gleichzeitig: die Sonne und den regen, das Warme und das Feuchte, das Süße und das Saure.

Knospen

Der Apfelbaum bekommt mit den ersten Sonnenstrahlen im Frühling die Fähigkeit, Knospen zu bilden. Diese wachsen zunächst, sie sind noch ganz zart und klein, sie werden von Knospenblättern vor Wind und Wetter geschützt und gehalten. Stück für Stück entzieht der Apfelbaum dann den Knospen den Schutz und exponiert sie dem Leben, die Blätter werden gelockert, die Knospen kommen an die Luft, werden Sonne und Regen ausgesetzt, sie erhalten eine immer breitere Sichtbarkeit und „Perspektive“ auf die Welt.

Die Kindheit ist eine Zeit des geschützten Wachstums. Die Eltern schützen und unterstützen das Kind, das noch nicht allein in der Welt bestehen kann. Sie geben dem Kind durch sicheren Halt, vor allem durch ihre Liebe, das Vertrauen in die Welt, so dass sich die Kinder entfalten können. Stück für Stück erhalten Kinder dann mehr Raum, um selbst die Welt zu entdecken und zu erfahren, bis sie dann den Knospenblättern immer mehr entwachsen. Sie sind gehalten, immer mehr ihre eigene Farbe ans Tageslicht zu bringen und Stärke zu entdecken und zu entfalten. Die Eltern sind gehalten, sich immer mehr zurückzuziehen, um sie irgendwann freizugeben.

In dieser Zeit kommen wir in Kontakt mit der allgegenwärtigen Gewohnheit des Beurteilens. Wir werden beurteilt und wir lernen von unserer Umgebung zu beurteilen. Gleichzeitig haben wir die Chance zu lernen, uns selbst zu regulieren und zu Hoffnung, zum Glauben und zum Guten zu kommen. Während wir zunächst noch bei jeder Gelegenheit Trost brauchen, lernen wir mit der Zeit, uns selbst zu trösten. Während das Baby überhaupt keinen Zeitbegriff hat und in jeder Hungersituation nicht weiß, ob es je wieder etwas zu essen bekommen wird, Todesangst hat, so macht es irgendwann – hoffentlich – die Erfahrung, dass schon irgendwann jemand kommen wird, weil ja bisher immer jemand gekommen ist. Dann kann es sich nach und nach durch Hoffnung und Glauben selbst beruhigen, sich sagen: Wird schon! Ist ja bisher immer gut gegangen. Und: was sind meine wirksamsten Signale, dass ich etwas bekomme?

Mit wachsenden Fähigkeiten lernt das Kind auch, sich selbst zu versorgen und in sich und in der Gemeinschaft die Erfüllung seiner Bedürfnisse zu finden, aktiv auf andere zuzugehen, sich auszutauschen. Und auch hier können diese Erfahrungen entstehen: Mir wird geholfen, wenn ich schwach bin, was ich nicht kann. Ich kann lernen, es zu können. Ich kann helfen, wo ich stark bin, wo ich was kann. Ein Überbehüten lässt die Knospe sich nicht zur Blüte entfalten.

Apfelblüte in der Apfelallee hinter Flatow auf dem Wilsnackweg, Mai 2008

Blüten

In der Blütezeit stehen die befruchtenden Kontakte mit den Insekten im Vordergrund. Der Baum strahlt vor Schönheit. Attraktivität und Anziehungskraft sind ein wichtiger Faktor im Geschehen der Befruchtungserlebnisse. Der Apfelbaum strotzt nur so vor Lebendigkeit und Lebenskraft, steht voll im Saft, an allen Ecken und Enden treibt es aus ihm heraus. Am Ende der Blüte fallen dann die Blütenblätter wie ein weißer Schleier herab, die Knospenblätter vertrocknen und trennen sich vom Fruchtansatz ab.

Die Jugend und die Zeit des jungen Erwachsenen zeigen eine Zeit des stürmischen Wachstums, der großen Kraft und Stärke, Die Attraktivität für das andere Geschlecht steht im Vordergrund, wir verlassen unser Elternhaus, es werden Partnerschaften geschlossen, Befruchtung findet statt. Aus einer Vielzahl an Blüten wird eine Menge an Früchten im Leben angelegt: Ausbildung und das Entstehen von Kompetenzen, Vorlieben, Interessens- und Wissensgebiete, Ortswechsel (die Lehr- und Wanderjahre), Beziehungen,  Freundschaften, Projekte, Stufen des Berufslebens und der Schaffung unseres sozialen Umfeldes, unserer „Wahlfamilie“.

Die Lenkung der Kraft und der Stärke kann in dieser Lebensphase noch etwas „grün“ und „ungelenk“ sein, was jetzt „mitwachsen“ muss, was die Kraft zu ergänzen hat, ist der Geist, ist die Übung und die Erfahrung und Weisheit. Wir sind in dieser Lebensphase mit viel so Stärke ausgestattet, damit wir nicht so schnell aufgeben, wenn etwas nicht funktioniert, sondern uns auf vielen, vielen Ebenen ausprobieren. Wir stehen wieder auf, wenn wir hingefallen sind, auch wenn wir mehr als einmal hinfallen.

Verluste und Scheitern sind wichtige Lernwege und Lebenserfahrungen. Wir haben an vielen Orten noch den Anfänger-Bonus, Erfahrenere legen für uns ein Netz oder doppelten Boden aus, begleiten unsere Lernschritte mit Wohlwollen oder Nachsicht und ihrem Wissensschatz. Wir dürfen in die Lehre gehen. Verantwortung wird uns allmählich wachsend übertragen. Das Maß unseres Scheiterns ist noch nicht so schwer wiegend, was zu Boden fällt, das fällt in der Regel sanft, da wir weiterhin voller Stärke, Lebensmut und Attraktivität sind. Was unser Leben verlässt, das geht sanft.

Reifung und Wachstum

Die befruchteten Blüten beginnen, zur Frucht heranzureifen. Der Baum beginnt zu tragen, er wird Stück für Stück mehr belastet. Er bringt grüne Früchte hervor, die – Sonne und Regen ausgesetzt – heranwachsen. Sie sind noch klein, sauer und hart, sie sehen oft einer aus wie der andere. Was nicht zur Reifung taugt oder wurmstichig wird, das fällt ab. Manche Zweige neigen sich mit der Zeit unter dem Gewicht.

Wir stehen in unserer vollen Kraft, einer langen Lebensphase, die Gnade dieser Lebenszeit. Was als Blüte voller Leichtigkeit noch vielleicht eine Idee, ein Wunsch, ein Gedanke war, eine Auswahlmenge war, wird nun Realität, verwirklichtes Leben. Viele Früchte wachsen heran, doch schon jetzt fällt das herab, was nicht lebensfähig ist. Mit der Zeit wird das, was wir zu tragen haben, immer schwerer: die Kinder kommen und wachsen heran, berufliche Aufgaben entwickeln sich und werden komplexer, das soziale Umfeld muss mit ähnlichen Lasten umgehen. Manche Freundschaften gehen verloren, in Beziehungen kann der Wurm drin sein.

Damit wir wirklich schultern können, was zu unserem Leben gehört, müssen wir nun viele Vorstellungen loslassen, auch wenn es manchmal schwer fällt. Die Entscheidung für den einen Weg ist immer der Abschied von vielen anderen Wegen, die auch ihren Reiz haben können. Die Früchte unseres Schaffens sind noch klein und bedürfen noch vieler Erfahrungen, um zu einem Lebenswerk heranzureifen. Sie sind vielleicht noch ungenießbar, noch unfertig, noch nicht lebensfähig, doch mit der Zeit wächst das Herz und der Geist unserer Frucht.

Das Wetter wechselt, Phasen des Sonnenscheins wechseln mit Regentagen ab, Stürme ziehen auf und zu manchen Zeiten macht uns die Hitze zu schaffen, Durststrecken sind zu überwinden. Wir versuchen, unsere Früchte wachsen zu lassen, wir investieren hier unsere Stärke. Insgesamt ist diese Lebensphase eine Zeit, in der Kraft und Herzensbildung und geistige Frucht miteinander in die Waage geraten und Ziele tatsächlich erreichbar werden.

Reifer Apfel Bild aus wikicommons von user Glysiak

Reife

Die Früchte werden reif: süß und saftig, sie bekommen Farbe, sie beginnen zu duften. Sie beginnen sich immer mehr von einander zu unterscheiden. Sie erhalten durch die Reife wieder eine neue Phase der Attraktivität und Schönheit, und zwar durch ihre Frucht, die jetzt aus ihrer Zeit in der Sonne die Süße und aus der Zeit des Regens ihre Saftigkeit erhalten hat. Der Baum hat jetzt noch schwerer zu tragen und es fallen immer mehr Äpfel auch ab. Die Blätter färben sich bunt, welken und beginnen zu fallen, da aller Saft in die Frucht geht.

Der reife Mensch hat viel Kraft und Stärke in seine Früchte investiert, die Kraft ist teilweise an die Früchte übergegangen: seine Beziehungen, seine Kinder, seine berufliche Verwirklichung, seine Werke, seine Berufung, seine Interessen. Alles hat an Breite und Tiefe, an Differenzierung, an Geschmack gewonnen. Das Wetter hat die Tragfestigkeit getestet. Was haltbar war, hat gehalten, was nicht tragfähig war, ist aus dem Leben verschwunden. Aufgrund schwindender Kräfte mussten wir irgendwann die Hand aufmachen und die eine oder andere Aktivität oder Beziehung aufgeben. Rekonvaleszenzzeiten werden länger.

Wer seine Erfahrungen genutzt und verfeinert hat, der verfügt nun über einen reichen Erfahrungsschatz: aus den süßen, sonnigen Tagen und aus den Durststrecken, aus feuchten, kühleren Tagen: dem Fluss unserer Gefühle, aus Tränen und aus Schweiß. All das hat uns geprägt, alles, was wir dankbar angenommen haben, das hat sich in Süße verwandelt. Alles, was noch nicht angenommen ist, was noch nicht verdaut und vergeben ist, das beginnt zu faulen, körperliche Anfälligkeit und Krankheiten entwickeln sich. Und man muss aufpassen, dass das Faulige nicht die guten Früchte ansteckt und mitfaulen lässt, das wäre ein Trauerspiel. Manche Frucht fällt weit vor der Zeit vom Baum.

Die Durststrecken sind vielleicht kürzer geworden, weil unser eigener Schatz gewachsen ist. Die Wärme wird weniger, doch wir haben vielleicht inzwischen ganz viel Wärme in uns selbst und in unserem Netzwerk gespeichert, dass wir der Sonne im Äußeren nicht mehr so sehr bedürfen. Die entscheidende Aufbauarbeit ist geleistet, wir haben Ziele erreicht, wir haben vielleicht Werke von bleibendem Wert geschaffen oder sind gerade dabei.

Wenn die Kraft jetzt nachlässt und wir äußerlich etwas welk werden, dann ist in unseren Früchten, in unserem Innern, in unseren Worten, in unserem Sein jetzt die Süße und Saft und Kraft unseres Herzens und die Ausstrahlung unseres Geistes. Wir werden deutlich unterscheidbar, individueller, jeder hat seine eigene Schönheit, sein eigenes Muster. Wir müssen nicht mehr ganz glatt sein, einfaltslos oder einfältig, nein, wir sind vielfältig und erschaffen ein rundes Bild.  Dieser Schatz macht uns begehrenswert und manch Vorbeigehender denkt mit Vorfreude auf das Anbeißen, die Entdeckung des Innern, der gereiften Persönlichkeit.

Ernte

Geernteter Apfel - Clipart aus Microsoft Powerpoint

Das große Loslassen beginnt. Die Äpfel werden geerntet, sie werden vom Apfelbaum getrennt. Sie sind durch und durch süß und saftig und werden genossen! Und wenn die geernteten Äpfel runzlig werden, dann werden sie noch süßer. Was nicht süß und saftig wurde, das wird nicht gepflückt, das trennt sich als Fallobst durch Schwere oder Windstöße rauher Zeiten vom Baum und verfault. Hier wird von außen – durch die Bakterien d.h. Krankheit – noch ein gewisser „Zwangs-Süßungsprozess“ eingeleitet, doch die Schönheit und das Genossen werden bleibt aus.

Und was für ein Genuss: ein zufriedener, herzlich-zugewandter und weiser Mensch im Alter. Ein Quell des Friedens, der Liebe und der Erfahrung für seine ganze Umgebung. DIE Hoffnung überhaupt! Wir lassen Stück für Stück unser bisheriges Leben los und geben uns Seiner Sorge hin. Das Gute wird eingelagert und zur Nahrung Anderer – in Form von Weisheit und Süße – bereitgehalten.

Im Alter tritt dann durch die Passivität und durch altersbedingte Einschrän­kungen eine sinnvolle Zeit der Schwäche ein. Es geht darum, in dieser Zeit in einer vollständigen Rückschau mit dem eigenen Leben, mit dem eigenen Schicksal, mit den Menschen des sozialen Umfeldes und mit Gott Frieden zu schließen. Man versteht das Leben in der Rückschau am besten. Es geht darum, jede Situation, jede Beziehung, in der der Friede noch nicht eingekehrt ist, nochmals anzuschauen und die Annahmen zu überprüfen, die man damals mit dieser Situation, diesem Menschen, dieser Beziehung hatte. Wie kann ich aus dieser Perspektive das Gute daran entdecken, wie kann ich daran entdecken, dass es gut war, dass alles gut war. Es geht darum, vollständig zu werden in Herz, Seele und Geist.

Diese Zeit ist ein intensiver Reinigungsprozess, eine Zeit des Glücks über neue, eben Gut-Deutungen des Geschehenen, des Verstehens, eine Zeit des Verdauens all dessen, was noch nicht verdaut ist, eine Zeit intensiver Vergebung: sich selbst vergeben, anderen vergeben, selbst Vergebung zu erlangen, von anderen und von Gott. Die Vorbereitung auf den Tod ist es, sich vom Beurteilen zu verabschieden und am reinen „Gut war’s! Sinnvoll war’s! Ich habe nicht umsonst gelebt!“ anzukommen. Unserem Schöpfer dankbar entgegen zu treten für dieses Leben. Und so kann man irgendwann voller Frieden sagen: „Ich bin bereit!“

Und – die eine oder andere Einschränkung verschwindet auch wieder, wenn wir uns Stück für Stück zum Guten bekehren.

Sind wir im Alter nicht in der Lage, den Beurteilungsprozess umzuwandeln, zurückzunehmen, die Gedanken, dass etwas böse und nicht gut war, loszulassen, dann entsteht dieser Prozess somatisch, im Körper. Das Gehirn löscht – bei Alzheimer wird das Gehirn zerlöchert von der Kraft negativer Gedanken – die Erinnerungen, so dass auch so Frieden einkehren kann. Das ist die Fäulnis der nicht geernteten Lebenserfahrung, der nicht ins Gute gewandelten Lebens­geschichte.

Diese Zeitqualität zeigt sich auch an – in der Regel – bei unserer sich verändern­den Sehfähigkeit. Zum Lernen brauche ich das Verständnis des Details, die Fähig­keit, Einzelheiten gut zu erkennen, zum Verstehen brauche ich den Weitblick, die De-Fokussierung vom Detail und die Zuwendung zur Langfristperspektive.

Fragen wir uns also, was für ein Apfel wir sein wollen,

  • süß, sauer, reif, wurmstichig, Fallobst oder faulig

nehmen wir alle Phasen des Lebens

  • sonnig, mild, heiß, trocken, frisch, kalt, feucht, neblig, nass, stürmisch

des Lebens als Diener unseres Reifens dankbar an.

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