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Santiago lernte über Nacht bei den Bombeiros Karl-Heinz kennen, sie redeten noch lange in die Nacht hinein. Karl-Heinz war von Lissabon den Camino Portugués gelaufen, hatte Fátima und Tomar besucht, wovon er sehr schwärmte. Er hatte unterwegs lange keine anderen Pilger getroffen, hatte auch vor Porto für eine Strecke den Bus genommen und freute sich nun über unsere Gesellschaft. Ein ganzes Jahr lang hatte er frei und war nach Todesfällen in der Familie einfach auf den Camino gegangen, um für sich Trost und eine neue Perspektive zu finden. So lud er uns, als wir auf unsere Carimbos der Feuerwehr warteten, zum Kaffee ein und wir redeten noch lange. Zum Abschied sang er für uns an der Ampel vor der Trinitätskirche ein mehrstrophiges, berührendes Lied über die Wanderschaft, über ihr Wohl und Wehe, das Süße und das Bittere. Danke, Karl-Heinz und viel Glück für Dich!

Porto - Brücke über den Douro, dahinter die Portweinkellereien

Wir stiegen wieder an zur Kathedrale und überquerten die große Brücke über den Douro. Jetzt lag noch einmal die ganze Schönheit Portos vor uns. Auf der einen Seite die mächtige Sé (Kathedrale) mit dem Bischofssitz, daneben die als Unesco-Kulturerbe geschützte Altstadt mit ihren engen, verwinkelten, oft steilen Gässchen, in denen ich gestern etwas herumgeklettert war. Unten am Fluss die Anlegestellen der traditionellen Portwein-Boote, die großen Kontore und die Restaurants am Ufer des breiten Douro und auf der anderen Seite die ganzen Portweinkellereien in Vila Nova da Gaia, bekannte Namen waren da auf den großen Schildern zu sehen: Sandeman, Ferreira, Taylor’s , Fonseca, Graham, wie viele man davon kennt! Fantastisch! Der Pilger ist jedoch kein Tourist, also ging es weiter. Unsere Pfeile verloren wir im Nu. In Vila Nova liefen wir die Hauptstraße entlang, es gab hier sogar einen Schlecker, ich kaufte mir neues Duschgel und Shampoo, nun machte es mir nichts mehr aus, auch normal große Flaschen zu tragen. Mein Rucksack war mir so weitgehend an den Rücken gewachsen, oft merkte ich ihn nicht mehr, wie die Kilos, die so manche von uns an Bauch, Beinen und Po tragen.

Porto - Blick auf die Altstadt Ribeira (Weltkulturerbe)

Santiago kaufte uns Brot und einen Kokos-Kuchen mit viel, viel Puderzucker drauf, wir staubten damit fröhlich beim Laufen vor uns hin, das Süße tat uns sehr, sehr gut. Wir fragten unterwegs ein paar Frauen nach dem Weg und sie wiesen uns den Weg – zur nächsten Bushaltestelle. Als wir ihnen klarmachten, dass wir zu Fuß weiter wollten, pilgerten, da stiegen ihnen die Tränen in die Augen. Fátima! Ein Zauberwort in Portugal! Die eine nannte uns ihren Namen, Claudia, fiel uns um den Hals und bat, dass wir in Fátima für sie beten. Claudia, das haben wir gemacht!

Die N1, das war heute unsere Laufstrecke. Und die N1 war Baustelle, die ganze Zeit lang, das lasen wir auf den Schildern an der Straße. Im Prinzip kann man sagen, dass inzwischen das ganze Gebiet an der Nord-Küste bebaut ist, zwischen den Städten vielleicht mal 100, 200 m mit Bäumen dazwischen, ansonsten steht an der Landstraße Haus an Haus. Das war Anfang der 90er Jahre noch nicht so gewesen. Als ich damals in Portugal war, da kam mir Portugal unheimlich aufgeräumt vor, so wie Oberbayern, vor allem gegenüber Spanien, das eine einzige Baustelle zu sein schien. Kaum hatten wir damals die Grenze überschritten, schien uns Portugal wie ein Paradies, ein Land, vor dem die Zeit ein wenig Halt gemacht hatte. Nur ein paar EU-geförderte neue Straßen hatten wir gesehen, der Rest wirkte so ursprünglich – und eben sehr ordentlich, müllfrei, als ob gerade eben noch gefegt worden wäre. Und davon hatte ich Santiago auch vorher vorgeschwärmt, der ein großer Fan von Sauberkeit ist. So war es inzwischen nicht mehr, die Landstraße war genauso schmuddelig wie jede andere Landstraße. Und – inzwischen hatte sich Spanien konsolidiert, man hatte sich Mühe gegeben, Altes und Neues neben­einander gut aussehen zu lassen. Portugal hatte sich verändert und die N1 war kein wirklich schöner Ort. Genervt, ich war genervt!

Mit meinem Fuß war es an diesem Tag wesentlich besser, es gab Phasen, da hab ich ihn gar nicht mehr gespürt. Auch an diesem Tag trafen wir einen Pilger, der ebenfalls schon lange ohne Kontakt zu anderen Pilgern war, ebenfalls ein Deutscher, der lange in Südafrika gelebt hatte und nun in Spanien in Sichtweite zur portugiesischen Grenze wohnte. Er war in Lissabon losgelaufen und war in den im Pilgerführer aufgeführten Herbergen und Pensionen gewesen, jedoch anderen Pilgern dort nicht begegnet. Er war auch in Fátima gewesen, hatte es aber schrecklich gefunden, ein Fußballfeld und jede Menge Andenkenläden, von Wallfahrtsort hätte er kaum etwas gemerkt. Er hätte sich gern auf einen längeren Plausch eingelassen, doch Santiago wollte weiter und verabschiedete sich auf seine geschickte Art sehr schnell.

Landstraße, Baustelle, immer wieder Seitenwechsel oder Marsch auf dem Seitenstreifen, Pausen am Wegesrand – mittendrin und ohne Punkt und Komma, Supermärkte, Industriegebiete, Landstraßengastronomie. Wie unser Gemüt verdunkelte sich auch der Himmel. Ich war schon lustlos und hatte noch weniger Lust auf Regenwetter. Auf der anderen Straßenseite sah ich plötzlich einen McDonalds und daneben – die Bombeiros! Vorsichtig fragte ich Santiago, ob wir da mal nachfragen wollten, wir hatten ja ungefähr erst 25 km geschafft, dabei war es schon vier Uhr nachmittags. Er ging mit mir über die Straße, es geschahen doch noch Zeichen und Wunder!

Wir fragten, der Commandante wurde gerufen, er fragte Santiago nach seiner Herkunft: Ecuador! Jawohl, wir konnten bleiben und bekamen unser Zimmer gezeigt, ein unbenutztes Casino, in dem an der einen Seite viele Matratzen übereinander gestapelt lagen. Noch während wir die Treppe hinaufgingen, kam der Kommandante hinter uns her, fragte uns, ob wir etwas zu Essen haben wollten. Wie freundlich, ja natürlich! Er nahm uns kurz mit über den Hof zur Kantine, die auch gleichzeitig ein öffentliches Restaurant ist. Und just in diesem Moment ging er los: der Wolkenbruch. Es goss wie aus Eimern, zwei Minuten nach unserer Ankunft! Hätten wir die Feuerwehr rechts liegen gelassen, dann wären wir jetzt innerhalb von Sekunden triefend nass geworden. Wenn es auf unserem Camino einen rechten Zeitpunkt gegeben hätte, dann diesen! Wahr und wahrhaftig! Danke, gütiger Gott!

Der Commandante stellte uns Elia, dem Koch vor, der sagte uns, wir sollten in ungefähr einer Stunde wiederkommen. Pünktlich und hungrig fanden wir uns nach einer heißen Dusche und dem Bettenbau wieder ein. Jetzt war nur noch die Frau des Koches da, Fátima, eine rundliche, freundliche Seele von Mensch, so richtig jemand zum Liebhaben, von dem man sich gern mal ausgiebig bemuttern lässt. Sie stellte uns zunächst einen Teller mit Bollos, Klößen hin. Es gab zwei Sorten, die eine mit Bacalhau, dem portugiesischen Stockfisch aus Kabeljau, und die andere mit Fleisch. Insbesondere die Bacalhau-Bollos waren exzellent. Wir fragten Fátima nach dem Rezept, dass sie uns ausführlich erklärte. Man nehme Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch, Kräuter und Bacalhau und mische sie zu einem festen Teig. Mit Löffeln werden die Bollos geformt und dann in Fett ausgebacken. Wir futterten sie alle auf und bekamen: einen zweiten Teller davon! Santiago schaffte es immer, gefragt zu solchen Zeiten ohne Bedenken Ja und Danke zu sagen, was mir schwer fiele. Und die Feuerwehr stiftete uns eine ganze Flasche Saft dazu. Das einzige Unangenehme war, dass Santiago von dem Fisch Pusteln bekam, aber das kannte er schon, sie gingen wie sie kamen. Danke Fátima, danke Bombeiros, das war Nahrung für Körper UND Seele! Als Hauptgericht gab es Kohlsuppe, und wie man ein solches Gericht genießen kann! Und: es gab satt zu essen, mehr als einen Teller voll, von Fátima und Elia mit viel Liebe gekocht.

In unserem Casino machten wir es uns gemütlich. Dort gab es sogar einen Fernseher – und – es war Mittwoch, Champions-League-Mittwoch. Der Fußballfan Santiago schaute im Liegen beglückt und begeistert alle Spiele des Abends und ich machte es mir neben ihm bequem, ebenfalls begeistert über unser Glück, genoss seine Nähe. Draußen regnete und regnete es, bis ungefähr fünf Uhr morgens, wir hörten es die ganze Nacht auf der Terrasse vor dem Casino laut plätschern.

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Es mag für uns erstmal eine riesige Angst bedeuten, in diese so andersartige Welt zu gehen und wir mögen uns viele Sorgen machen, doch ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass das Wichtige immer genau zum richtigen Zeitpunkt da ist, nicht vorher und nicht später. Dazu nochmals diese Geschichte:

Porto, Blick über den Douro auf die Sé und den Bischofspalast

Als wir aus Porto rauswanderten, waren wir beide nicht in sehr großer Laufstimmung. Wir hatten unsere gelben Pfeile ganz schnell verloren und liefen auf der Landstraße. Zwischen den Orten war kaum Wald, Feld oder Wiese, alles wirkte wie eine lang gezogene Ortschaft entlang der Landstraße.  Der Verkehrslärm ermüdete mehr als alles andere, eine kilometerlange Baustelle begleitete uns und schon am Nachmittag war ich des Laufens wirklich müde. Das Wetter trübte sich ein und alles wurde grau. Wir gingen durch das Städtchen Lourosa. Nachmittags um vier entdeckte ich auf der anderen Straßenseite die Bombeiros Volontarios, die freiwillige Feuerwehr. Ich fragte Santiago, ob wir es da mal probieren wollten, war aber auf eine Absage gefasst, weil es erst vier Uhr nachmittags war. Doch er ging mit mir über die Straße und wir fragten, ob wir dort übernachten konnten.

Wir bekamen grünes Licht und noch bevor wir unseren Raum gezeigt bekamen, einen unbenutzten Gemeinschaftsraum mit Bar und Schaumstoffmatratzen auf dem Fußboden, kam der Kommandante zurück und fragte uns, ob wir etwas essen wollen. Er ging mit uns schnell in das zum Komplex gehörige öffentlich bewirtschaftete Casino der Bombeiros, um uns dem Koch Elia vorzustellen. Als wir dabei zwei, drei Schritte ins Freie traten, da regnete es schon in Strömen. Es regnete die ganze Nacht durch wie aus Eimern bis morgens um fünf. Die Hilfe von oben kommt immer im richtigen Moment!  Denn wäre die Feuerwehr früher da gewesen, hätten wir wohl noch nicht anhalten wollen, wäre sie später gekommen, wären wir klitschenass geworden. Wenn man sich keine Sorgen macht, dann kann man unbeschwert laufen und ist aufmerksam genug, genau das zu finden, was man braucht. Und: es gab ein dort Fernseher mit Fußball (Champions League) für Santiago, was er sich schon lange gewünscht hatte.

Wenn wir ständig in Sorge sind, dann machen wir uns nur selbst fertig und verpassen unsere Wegweiser.

Nochmals: Was wir wirklich brauchen, kommt zum rechten Zeitpunkt.

Nicht zu früh, nicht zu spät.

Sorge Dich nicht, lebe im Augenblick!

Wenn wir zu früh etwas haben wollen, belasten wir uns unnötig.

wenn wir nicht im Moment leben, präsent sind, dann verpassen wir,

was für uns ist.

Woher weiß ich, dass es der richtige Zeitpunkt ist? Weil da ist, was ich brauche. Woher weiß ich, dass es nicht der richtige Zeitpunkt ist? Weil das, was ich brauche, nicht da ist und/oder etwas anderes ansteht. Wir brauchen Armut und die Akzeptanz dafür, um zu erfahren, dass es auch ohne die vielen Silberlinge geht. Wenn wir etwas brauchen, dann ist es oder Geld dafür da, wenn nicht, ist es nicht die Zeit dafür oder es geht auch anders und wir sind gehalten, dieses “anders” zu finden. Und es gibt auch das “Bitte und es wird dir gegeben, klopfe an, und es wird dir aufgetan”, was wir auch ausprobieren sollten.

Beispiel: Wir können unsere Miete nicht zahlen und sind auf einer anderen Ebene vielleicht einsam und allein, vielleicht einfach auch nur frustriert oder deprimiert aus obigen Gründen, nehmen die Einsamkeit aber nicht wahr. Dann kann uns das zeigen, dass wir unsere Miete lieber mit jemandem teilen oder unsere Eltern zu uns nehmen sollten, bei jemand anderem einziehen, eine WG gründen, aus einer zu großen Wohnung in was kleineres umziehen oder was auch immer…

Seien wir kreativ, schauen wir uns die ganze Realität an. Wenn das Geld fehlt, was fehlt uns noch oder vielleicht noch dringender? Und wenn eine Lösung mit Geld möglich wäre, welche andere Möglichkeit würde sie uns verstellen, um diese unsere Welt zu einer möglichen, schöneren Welt zu machen, mit mehr Wärme, Menschlichkeit, Freude, Teilen? Welche Fähigkeiten können wir dadurch entwickeln, dass wir das jeweilige Problem nicht mit Geld lösen können, sondern die Dinge selbst in die Hand nehmen oder uns jemanden suchen?  Was ist das Gute daran? Dann bringt uns das Nicht-Geld-haben auch etwas, was wir mindestens genauso wenn nicht noch mehr brauchen.

Doch das Handeln aus Existenzangst, dieses sich selbst Verkaufen, etwas wegen des Geldes tun: es kann durchaus sein, dass es sich dabei um eine gemeinschaftliche Trance handelt, eines dieser Gedankenmodelle einer erdachten Welt, das durch alle, die daran glauben, in die Welt gerufen ist – eine Eigenschöpfung, eine Kreation einer großen Gruppe Menschen, fern ab von Gottes Welt. Nehmen wir daran teil und es ist so in unserem Leben, gehen wir voll Überzeugung einen anderen Weg und es ist anders. Wie wir zu der festen Überzeugung kommen? Der Himmel kann uns helfen, er kann uns aus dieser Gedankenwelt umgehend herausführen, uns unsere Dornenkrone abstreifen. Ich bitte darum und – meine Welt ist anders. Denn es ist so:

Lukas 9 (Lutherbibel 1984)

25 Denn welchen Nutzen hätte der Mensch, wenn er die ganze Welt gewönne und verlöre sich selbst oder nähme Schaden an sich selbst?

Bitte seht mich nicht als zynisch an über das Schicksal von einer Unzahl von Menschen, die auch heute noch verhungern, dazu komme ich später. Ich rede von unseresgleichen, die sich hier arm fühlen oder in ihrer Existenz bedroht, täten sie, was sie gern tun würden. Nutzt die gute Gelegenheit, diese Zeit, Gottes Reich zu erfahren! Doch wenn sich mehr Menschen um Gottes Reich kümmern und füreinander da wären, wenn es das Ungleichgewicht zwischen Über-Fülle und Armut nicht gäbe, dann gäbe es wahr­scheinlich auch dies in den anderen Regionen der Erde nicht. Wenn Ihr Eure Armut annehmen und schätzen und lieben lernt und ihre Vorteile und das in ihr erfahrbare Glück erkennt, wird sich das Leben von Grund auf verändern.

Dieser Hans im Glück wohnt bei mir um die Ecke am Märchenbrunnen, meinem Sommerwohnzimmer

Der Grimm’sche Hans im Glück war tatsächlich am Ende im Glück, er hatte alle seine Belastungen verloren und nur noch eines am Leibe, nämlich das, was er in seiner Lehre gelernt hatte und die Erkenntnis, wie belastend Habe ist. Es ist nicht schlimm, Materielles auch in größeren Mengen zu verlieren. Ich habe es erlebt,  es war schnell zu verwinden, es war jedes Mal hinterher besser. Es waren Kurskorrekturen, mächtige gelbe Pfeile im Leben. Ich habe mich an Gott und am Sinn festgehalten und an das Gute geglaubt. Er hat sich erwiesen. Es geht mir heute viel besser als in der Zeit, als ich viel hatte, aber auch viel Last damit hatte. Ich kann dazu heute von Herzen sagen: Fürchtet Euch nicht! Ihr werdet einfach etwas anderes erleben. Und sollte jetzt eine Zeit anbrechen, in denen viele Habe verlieren, so sage ich nochmals: Fürchtet Euch nicht, sondern freut Euch, denn Ihr werdet dafür finden, was Ihr lange vermisst habt, ihr werdet Einander finden – Gemeinschaft und Freude im Teilen, im Geben und Empfangen. Und Sorglosigkeit.

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