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Burgos (52 km), 2.09.2007
27. Februar 2010 in Camino Francés | Tags: Atapuerca, Belorado, Burgos, der Hinterhof von Burgos, El Parral, Geh aus mein Herz und suche Freud, Höhenweg nach St. Juan, Immer diese Ausländer!??, Klosterkirche St. Juan de Ortega, La Barceloneta, Man sieht sich!, Rucksackträger, Schande für Burgos, spanische Jugend, Steinspirale, Villafranca de Oca | Hinterlasse einen Kommentar
In der Herberge von Belorado – und das ist oft der Vorteil von parroquialen Herbergen – gab es am nächsten Morgen Frühstück. Wir lernten dabei eine junge Frau aus Barcelona kennen, die – ebenso wie wir – jeden Tag große Strecken zurücklegte. Sie war sehr ruhig, natürlich, bescheiden. Auch sie erzählte von mit Blasen übersäten Füßen: „Ich vermeide das Anhalten, da wegen der Blasen das wieder Loslaufen so weh tut. Und so laufe ich einfach immer weiter und weiter.“ Es war nicht ihr erster Pilgerweg, der Camino zog sie immer wieder unausweichlich an. Einmal Pilger – immer Pilger. Wir nannten sie für uns „La Barceloneta“, wie das Barrio am Strand von Barcelona.
Die Straßen von Belorado waren um sieben Uhr morgens noch drängend voll junger Menschen, die in den Morgen hinein feierten, tranken, Musik hörten. wir drängelten uns durch die herumstehenden Grüppchen. Alle Stilrichtungen heutiger Jugenkkultur waren dabei vertreten: von gepiercten Punks über tiefschwarz geschminkte Gothics und vernieteten Ledertypen zu bauchfreien Babes, das hätte auch bei mir hier um die Ecke Schönhauser Allee in Berlin sein können. Spanien ist doch ein modernes Land, das vergisst man manchmal, wenn man auf einem so alten Weg läuft.
Von Belorado ging es stetig bergan und noch im Morgendunst kamen wir über Tosantos nach Vilafranca Montes de Oca. Wir trafen am Ortseingang einen der baggernden Pilger aus Larrasoaña wieder, Capri-Sonne trinkend, der sich uns anschloss. Bis Agés wollte er an diesem Tag laufen. Der Aufstieg direkt nach Vilafranca war steil, doch er führte uns auf einen der schönsten Abschnitte des Caminos: Der Höhenweg nach St. Juan de Ortega. Knorrige Eichen, duftende Kiefern, Farne und Heidekraut, Felsen und vernebelte Ausblicke.
Feucht und frisch war es, nicht nass, eine willkommene Abwechslung nach den warmen Tagen. Eine Panoramakarte am Wegesrand erklärte uns, was wir sahen. Die Berge in der Distanz wurden immer höher. An einem kleinen Denkmal machen wir Rast. Doch schon nach fünf Minuten brach Santiago wieder mit einem „Man sieht sich!“ auf und ließ den anderen Pilger – verblüfft - hinter uns, er wollte mit mir lieber alleine weiter wandern. Eine große Brandschneise teilte den Wald. Noch sah es wie ein Radikalschnitt aus, eine Wald-Wunde aus rötlicher Erde, bald würde es sich wieder verwachsen haben.
St. Juan de Ortega war unsere nächste Station, eine Klosterkirche mit einer tief berührenden Atmosphäre. Stille umfing uns, jeder zog sich zum Gebet, in Meditation zurück, wir sprachen nicht miteinander. Wir konnten uns nicht entziehen, uns hier Jesus Christus, Gott zuzuwenden. Er holte uns ab und nahm uns mit in Sein Reich. Mehr als eine Stunde währte die Stille in uns. Waren wir noch bewusst, gab es einen Zeitsprung? In der düsteren, lautlosen Krypta mit dem einzelnen, blauen Licht unterhalb der Kirche war Geist fast anfassbar. Es heißt, dass in diesem Kloster spezielle Fenster eingebaut sind, die nur zur Tag-und-Nacht-Gleiche Tageslicht auf Bilder der Geburt Christi fallen lassen. Die Wunder der Alten, die keine Rechner und Simulationsprogramme besaßen, dafür aber Geduld und Kunsthandwerk beherrschten.
Wir ließen in der Herberge unseren Credencial stempeln und weiter ging’s. Bald lichtete sich der Wald und offeneres Grasland mit vielen einzelnen Baumgruppen und weiter Sicht lag vor uns. Tiefe Freude über die Schönheit des Landes verstärkte das ohnehin erhobene, kreisende Gefühl im Herzen. Dieses alte Lied gilt auch hierfür:
Geh aus mein Herz und suche Freud
In dieser schönen Sommerzeit
An deines Gottes Gaben
Schau an der schönen Gärtenzier
Und siehe wie sie mir und dir
Sich ausgeschmücket haben…
Hilf mir und segne meinen Geist
Mit Segen, der vom Himmel fleußt,
Daß ich Dir stetig blühe;
Gib, daß der Sommer Deiner Gnad
In meiner Seele früh und spat
Viel Glaubensfrücht erzieheMach in mir Deinem Geiste Raum,
Daß ich Dir werd ein guter Baum,
Und laß mich Wurzeln treiben;
Verleihe, daß zu Deinem Ruhm,
Ich Deines Gartens schöne Blum
Und Pflanze möge bleibenErwähle mich zum Paradeis,
Und laß mich bis zur letzten Reis
An Leib und Seele grünen;
So will ich Dir und Deiner Ehr
Allein und sonstern Keinem mehr
Hier und dort ewig dienen
Bis Agés ist das Laufen wirklich eine Pracht. In Agés entdecken wir wieder einen Hinweis auf unsere Distanz zu Santiago: 518 km. Agés könnte als Filmkulisse eines alten Dorfes verwendet werden, so wenig wirkte es von der Neuzeit geküsst. Im Ort gibt es eine gemütliche Bar mit dem vielsagenden Namen „El Alquimista“, wie das bekannte Buch von Paulo Coelho. Dieser Alchimist hieß übrigens auch Santiago. Es war Sonntag, mit Einkaufen war es also schon den ganzen Tag schlecht, aber der Alchimist, bei dem es Bocadillos und andere kleine Mahrzeiten gab, war gegenüber dem Ort preislich so neuzeitlich – wie eine Salumeria in Berlin Mitte – dass wir lieber davon absahen dort einzukehren.
Von Agés ging es durch Weizenfelder weiter nach Atapuerca, einem Ausgrabungsort für Frühzeitfunde. Ein Schild mit dem Atapuerca-Mann war von weitem zu sehen, Atapuerca von Wochenend-Touristen und Familienausflüglern übersät. Kurz vor dem Ortseingang treffen wir auf „Heinrich“ mit seinem Wohnmobil und halten für ein Schwätzchen an. Er hatte Burgos schon ausgekundschaftet und eingekauft und würde „Friedelotte“ von hier aus nach Burgos mit hinein mitnehmen. Zum Ausruhen setzten wir uns auf eine Bank, aber als ein Mann mich ansprach und über unser Pilgerdasein mehr wissen wollte, brach Santiago schnell auf und wir passierten Atapuerca im Nu. Hier blieben wir nicht, obwohl wir schon über 30 km intus hatten. Stattdessen erklommen wir die Hügelkette der „Sierra de Atapuerca“. Oben auf der Hochebene fanden wir nahe bei einem Kreuz eine riesige Steinspirale vor. Jeder Pilger sucht wohl ein paar Steine und legt sie an der Spirale an, so auch Santiago. Eine Spirale ist ein uraltes Mittel zu Erzeugung eines Energiesoges. Wer sich in den Mittelpunkt dieser Spirale stellt, wird ihn spüren.
Oben auf dem Berg liegt das Tal von Burgos vor uns, die Stadt noch in weiter Entfernung. Heute erledigen wir also eine Doppeletappe. Zwischen Atapuerca und Burgos liegt keine einzige Herberge auf 21 km, sondern der Hinterhof von Burgos, kleine, ungepflegte Orte ohne Brunnen. In Cardeñuela-Riopico machten wir an einer Bar halt, wir leisteten uns ein kaltes Getränk in der Nachmittags-Hitze. Und wie in Deutschland saßen die Männer in der Kneipe und schimpften mit ohrenbetäubendem Lärm. Wir konnten auf der Terrasse jedes Wort verstehen: sie schimpften auf die Ausländer, vor allem die Migranten aus Lateinamerika, die ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen und die Mieten verteuern würden. Ja, Ihr lieben Spanier, da habt Ihr nun über Jahrhunderte deren Länder unterworfen und leergeplündert, sie ausgenommen und Euch deren Gold angeeignet und unendlich viele Menschen sinnlos ermordet. Jetzt sind sie arm und kommen zu Euch, das hat auch etwas von Gottes Gerechtigkeit. Zum Teilen seid Ihr aufgefordert, denke ich, zur Barmherzigkeit…vielleicht sogar noch mehr zur Sühne, zur Wiedergutmachung, oder?
An einer Wegkreuzung gab es zwei Wegalternativen. Wir entschieden uns gegen die Landstraße und passierten daraufhin auf einen steinigen Weg entlang die Baustelle des Flughafens von Burgos. Teilweise erkannten wir nur durch die in den Bauzaun gesteckten Kreuze, dass wir noch auf dem richtigen Weg sind. Am Ortseingang von Burgos wurde es nicht besser: eine weite Strecke ging es an der stark frequentierten, vierspurigen Einfallsstraße entlang, bis wir sogar diese und eine Autobahnauffahrt überqueren mussten. Dann folgte Industriegebiet und graue Vorstadt. Keine so tolle Visitenkarte, Burgos! Dein Eingang ist für den Weg eine Schande, so empfanden wir es! Unser Unmut gab uns jedoch neue Kraft, doch sie entzweite uns auch. Durch ein Missverständnis beim Brotkaufen setzte Santiago sich plötzlich ab und ich fand ihn nicht mehr.
Was machte ich jetzt? Weiter zur Herberge, ja, da würde ich ihn wieder finden! Plötzlich verschwanden auch die Pfeile von den Straßenpfählen, jetzt wurde es haarig. Ich hielt mich weiter in Richtung „Centro“. An einer Ecke fragte ich einen Mann nach der Pilgerherberge. Er begann mir, mit ratterndem Spanisch den Weg zu erklären. Mein Hirn kam dem nicht hinterher, ich verstand nix, nicht einmal Bahnhof. Doch da sah ich plötzlich aus den Augenwinkeln, Santiago an uns vorbeilaufen: „Momento, otra vez con el!“ Rettung im richtigen Zeitpunkt: Santiago verstand den Mann natürlich und wir fragten uns Stück für Stück weiter, bis wir uns – wieder einmal kreiselnd wie in Pamplona – auf der Plaza Mayor wieder fanden.
Unsere Desorientierung war uns wohl deutlich anzusehen: Ein Deutscher sprach uns an und machte uns klar, dass das nächste freie Herbergsbett noch ca. 2 km ortsauswärts lag, die winzige Herberge im Stadtzentrum, die man uns beschrieben hatte, sei immer schon 5 Minuten nach ihrer Öffnung belegt. Als er mein entsetztes Gesicht sah, bot er mir an, meinen Rucksack bis dorthin zu tragen. Er war in Burgos „gestrandet“. Von Burgos aus wollte er seinen Camino vom letzten Jahr fortsetzten, aber seine EC-Karte war vom Geldautomaten „gefressen“ worden. Am Wochenende war einfach nichts mehr zu machen. So musste er bis Montag früh warten. Erst um 21.30 Uhr erreichten wir die Herberge, eine Art Baracke in einem großen Park namens El Parral. Der Herbergsvater fand unser Verhalten gefährlich, so lange in den Abend hinein zu laufen und schimpfte mit Santiago.
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Hornillos del Camino (20 km) / 3.09.2007
27. Februar 2010 in Camino Francés | Tags: Burgos, Hagase tu voluntad, Hornillos del Camino, Meseta, Rucksackträger | Hinterlasse einen Kommentar
Nach der Megaetappe vom Vortag und den Erlebnissen in der Kathedrale Santa María de Burgos (siehe Bei sich selbst ankommen) ließen wir es an diesem Tag langsam angehen. Wir liefen den Weg zur Herberge zurück und frühstückten nochmals im Park. Der Weg heraus aus Burgos war wesentlich besser zu laufen als der Weg hinein.
Wir ließen die große Stadt hinter uns; und schon waren wir wieder von gelben Feldern umgeben, ein Stück Landstraße, dann Feldwege.
Nach Burgos beginnt so richtig die Meseta, von der man sagt:
Nueve meses de invierno, trés meses de infierno[1]…
.
Felder, so weit das Auge reicht.
Kaum ein Baum,
kaum ein Strauch,
langezogen
kurviger
Weg,
Anhöhen mit etwas Brise …
… flirrende Luft, Hitze…
…in den neuen Tälern,
steinige Wege…
…ein weiter, weiter Himmel,
…lose Wolkenwege…
…distanter Horizont…
…Geist entspannt…
…Leere…
…der Weg lief uns
…die Erde glitt unter uns hinweg …
…ein Zustand der Hingabe war erreicht.
Kein Widerstand … kein Wille…
…die Asaña des Vortages hatte alles aufgebraucht.
Hagase tu voluntad en la tierra como en el cielo …[2]
Hagase tu voluntad en la tierra como en el cielo …
Hagase tu voluntad en la tierra como en el cielo!
Kein Gedanke ans Anhalten…wie auch…
…kein wo, wie, was, wann…
Camino – caminar – caminante – caminando[3] -
sonst nichts…
In Hornillos de Camino liefen wir erst an der Herberge vorbei, Pilger saßen entspannt an den Tischen eines Cafés, manche schon beim Wein, schrieben in ihre Büchlein oder Ansichtskarten oder lasen, plauschten. So hatte ich mir das Pilgern vorher auch vorgestellt. 20 bis 25 km am Tag pilgern, danach entspannen. Offensichtlich bin ich auf einem anderen Weg:
Hagase Tu voluntad,
en la tierra como en el cielo.
Wir trafen meinen Rucksackträger vom Vortag wieder. Er suchte Anschluss bei uns und fand ihn nicht. Wir waren nach diesem Tag nicht in der Lage dazu, unser innerer Prozess war dominanter, die Flut der Tränen war abgeflossen, die Meseta brachte unserem Geist die Ebbe. Leben ist. Punkt.
Die Herberge in Hornillos war schon voll…eine kurz angebundene Hospitalera brachte uns im Hinterzimmer der Bürgermeisterei unter…die Duschen waren schon kalt… ich rutschte in der Dusche aus…es machte keinen Unterschied…Gleichmut. Die Küche konnte man vergessen, Brot … Wasser … eine stille Aussicht an der Kirche ins weite Land, bis die Sonne ging …
…weite Blicke …
…Santiago hörte Salsa …
…wenige Worte …
…frühe Nachtruhe…
[1] Neun Monate Winter, drei Monate (Hitze-)Hölle
[2] Dein Wille geschehe auf der Erde wie im Himmel
[3] Weg – laufen – Laufender – laufend
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Bei sich selbst ankommen
21. Februar 2010 in Momente der Gnade | Tags: Burgos, durch Gefühle hindurchgehen, Gefühle spüren, Gott hören, Gott in uns, Ich bin der Ich bin da, Im Innern ankommen, Kopf leer laufen lassen, Mit Gedanken beschäftigt, Nicht wirklich da sein, Schleier über der Realität, Schmerzbarrieren abbauen, tränenreiche Messe, vollständig ankommen | Hinterlasse einen Kommentar
Die ersten Tage auf dem Camino, und vor allem die Zeit in Lourdes, hatte ich immer wieder das Gefühl, als ob ein Schleier zwischen mir und der Realität war. Ich war in Lourdes, aber es war für mich ein Ort wie jeder andere, ich spürte keine speziellen Schwingungen, nichts. Lourdes habe ich mir schon angesehen, habe Messen besucht, an der Prozession teilgenommen. Aber es war nicht das, was ich erwartet hatte. Ich war einfach nicht ganz da. Nur in den Situationen, wo ich wirklich körperlich erschöpft war, war ich ganz präsent. Ich war manchmal nur mit meinen Gedanken beschäftigt und manchmal merkte ich auch beim Laufen, dass die Landschaft nicht so farbig war, wenn ich dachte oder den Rosario beim Laufen betete.
Der anstrengendste Tag war der Weg von Belorado nach Burgos hinein, 52 km am Stück, zwei ordentliche Anstiege, einer nach Vilafranca Montes de Oca und einer nach der Ortsdurchquerung von Atapuerca. Allerdings auch eine wunderschöne spirituelle Auszeit in St. Juan de Ortega. Der Weg nach Burgos hinein war die scheußlichste Strecke des ganzen Camino Frances: erst eine lange Strecke an der Flughafenbaustelle entlang auf einem Behelfsweg; ungeschützt mussten wir eine vierspurige Schnellstraße und eine Autobahnauffahrt überqueren; es ging durch Industrie, trübe Vorstadt – keine Visitenkarte für eine so bekannte Stadt wie Burgos. In Burgos verloren wir unsere Pfeile, weil die Hinweise irgendwann sich von Pfeilen in den Bürgersteig eingelassene Jakobsmuscheln wandelten. Wir schimpften, was uns zunächst Kraft gab, und wir stritten uns beim Brotkaufen, wir verloren uns und trafen uns wieder. Spät abends kamen wir auf der Plaza Mayor an, die winzige Herberge mitten in der Stadt war natürlich schon „completo”. Wir erfuhren, dass es noch eine Herberge in einem Park gäbe, ca. 2 km vom Zentrum. Erst um 21.30 kamen wir in der Herberge im Parque Parral an, eine Holzbaracke mit sanitären Anlagen zum Weglaufen, egal, wir waren bescheiden geworden. Wir aßen unser Brot und dann nur noch ins Bett. Meine Hände hatten an diesem Abend noch viel zu behandeln, meine Füße und Schenkel schmerzten wie verrückt.
Am nächsten Morgen schulterten wir wieder unsere Rucksäcke und liefen wieder in die Innenstadt von Burgos, um die Kathedrale zu besuchen und die Stadt ein wenig besser kennen zulernen. Die Innenstadt war wirklich beeindruckend, traumhaft, imposant, einzigartig! Im Café Latino leisteten wir uns – nach langer Zeit mal wieder – einen Café con leche zum Frühstück und luden derweil unauffällig an der Steckdose neben meinem Stuhl das Handy auf.
Die Kathedrale – Catedral de Santa Maria de Burgos – ist ein riesiger, gotischer Prachtbau, der heute allerdings zu einem großen Anteil als Tourismusattraktion dient. In der dem „culto“ vorbehaltenen Seitenkapelle, der Capilla de Santa Tecla, nahmen wir an der Messe teil, auch hier waren wieder für wenige Gläubige eine Vielzahl von Padres, ich glaube, es waren zwölf, die mit gregorianischen Gesängen die Messe erfüllten. Kaum hatte ich mich hingesetzt, griffen die Gesänge tief in meinem Herzen durch und ich begann zu weinen, haltlos. Zunächst wusste ich nicht, es war einfach nur da.
Und dann kam es irgendwann zu mir durch, was für so lange Zeit einfach nicht an mich herangekommen war. Ich hatte mich für mindestens ein Jahr von meinem Sohn verabschiedet, und ich wusste nicht, ob wir jemals wieder – so wie früher – zusammen wohnen würden. Und in all dem Trubel, Renovierungsstress, Steuerprüfung, Umzug meiner Sachen in den Container und Reisevorbereitungen hatte ich nur eins nach dem anderen erledigt, um dann endlich auf den Camino gehen zu können. Mein Kopf war voll, mein Körper erschöpft. Der Camino war eine solche Umstellung, körperlich, seelisch und geistig, er forderte alles von mir. Der Abschied war noch nicht zu mir durchgedrungen – bis zu diesem Moment. Jetzt war nichts mehr aufzuhalten. Die Anstrengung des Pilgerns und Seine Kraft in den Messen hatten meinen Kopf leer laufen lassen, meine Mauern mürbe gemacht und dann zum Einsturz gebracht. Ich war in meinem Innern angekommen, ich spürte mich, vollständig, spürte meine Trauer, meine Angst und meine Sehnsucht. Na klar, ich war auch zum Pilgern aufgebrochen, damit der Abschied nicht so schwer für mich würde, es war auch eine Selbstschutzmaßnahme gewesen.
Als dann alle Tränen draußen waren, ging es mir besser, viel besser. Der Schleier war verschwunden. Ich war mit allen Sinnen auf dem Camino – ich war angekommen, ich war berührbar, erreichbar, anwesend. Übrigens: In Fátima bin ich vollständig angekommen und es war alles in meinem Fühlen da, so wie ich es mir vorgestellt hatte, ich war berührt und gerührt, konnte weinen und lachen, spüren und erfahren, erkennen, leuchten und erleuchten, erhielt Geschenke über Geschenke, war mittendrin, ganz Teil des Gesamten – 1500 km später!
Mit meinem Sohn wohne ich inzwischen wieder zusammen, Gott sei Dank, und ich gehe sehr dankbar mit dieser Zeit um. Ich kenne diese Schleier gut, lange Jahre habe ich nur hinter diesen Schleiern gelebt, mich nicht wahrgenommen. Ich hatte das Gefühl, hinter dem Fenster zu stehen und das Leben findet draußen statt. Doch nur ohne diese Schleier konnte ich, können wir sinnvoll den wahren Weg finden, den wir aus dem Herzen heraus ohne Zweifel wissen. Mit beiden Füßen unten auf der Erde angekommen. Oft ist das bei sich ankommen mit Tränen verbunden, immer mit dem Hindurchgehen durch Gefühle, die wir vorher eher gern vermeiden.
Ich lernte: Wenn wir uns also das nächste Mal einem Gefühl wirklich hingeben, es zulassen, was wir bisher zu vermeiden trachteten, werden wir wieder „unten ankommen“ und wissen, worum es geht, was jetzt unsere Wahrheit ist. Das ist der Weg zum eigenen Ich. Wer oder was immer das bisher vermiedene Gefühl auslöst: es ist wichtig, nicht ausschließlich dagegen vorzugehen, sondern auch sich der Gründe der Verletzung, der Verletzlichkeit und der Verdrängung zu widmen, wahr zu werden.
Und so können wir Schicht um Schicht immer mehr die ganzen Schmerzbarrieren zwischen uns selbst und dem eigenen Ich abbauen, die uns sonst in Verwirrung und Entscheidungsunfähigkeit führen. Und wenn diese weg sind, dann können wir unser Ich spüren und werden auch genau wissen, was wirklich das Eigene ist, unser geschaffenes Wesen, wo es lang geht. Viel zu lange stehen wir manchmal am Fenster mit dem Blick auf die Realität, nicht in der Realität. Seien wir auch nicht zornig oder verzweifelt mit uns, falls wir noch immer nicht da sind.
Mein großer Wunsch war es, Gott zu hören. Und so hörte ich auch einmal: Gott ist in uns, Gott ist auch dieses Ich in uns. Wenn wir zu uns den freien Zugang haben, dann haben wir damit den Zugang zu Gott. Gott ist unsere Essenz, unser wirkliches Spüren, das Wegziehen des Schleiers, das was ganz unten bzw. innen ist. Und das ist oft erstmal nicht so leicht auszuhalten. Daher sorgen wir ja oft für Hektik, die so oft in unserem Leben herrscht. In Gott ist Ruhe, das habe ich gespürt, in Gott ist Frieden, denn er öffnet uns die Augen und lässt uns erkennen, was zur Zeit auf unserer Bühne passiert. Und wenn wir auf diese Bühne unsere alten Geschichten noch einmal mit liebendem Blick heraufholen, können wir den Schleier zwischen uns und unserem Ich immer weiter lüften, all die Deformationen wieder ausbeulen, herauslassen, was wir abgeben können, Last abwerfen. “Ich bin der ICH BIN DA”.
Unser Ich fühlen – Gott fühlen – die reine Gnade, viele, viele Momente lang. Gottes heiliger Name ist: Ich bin, der ich bin (da). Daher also, kein Wunder – oder eben genau das ganz große!
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