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Ganz klar wird dieses Prinzip in der Geschichte von König David aus dem 2. Buch Samuel (11). David sah eine verheiratete Frau names Batseba und beging mit ihr Ehebruch, wovon sie schwanger wurde. Ihr Mann war einer der Soldaten König Davids, die im Felde lagen. Um die Fremd-Vaterschaft zu vertuschen, versuchte David, ihren Mann Uria zu Batseba zu schicken, damit er dächte, das Kind sei von ihm,  aber das gelang David nicht. Daraufhin ließ David Uria  von seinen Befehlshabern in eine lebensgefährliche Situation im Kampfe stellen, und ja – Uria fiel im Krieg. Batseba verrichtete die angemessene Totenklage, dann holte König David sie in sein Haus. Sie heirateten und Batseba gebar einen Sohn. Gott sandte den Propheten Nathan zu David und machte ihm klar, welche Sünde er begangen hatte, was David einsah und bereute. Nathan sagte ihm voraus, dass sein neugeborener Sohn sterben würde, was dann auch geschah, obwohl David für seine Gesundheit betete und fastete und viel Reue zeigte. Nach dem Tod dieses Sohnes schwängerte David wieder Batseba und dieses Kind war Salomo, ein Kind und später König, den Gott sehr liebte.

König David hatte Urias Tod verursacht und so hatte er einen Tod, wenn auch nicht seinen eigenen, zu erleiden. Wenn ich einmal der Täter, der „Handelnde“ oder „Handeln-Könnende“ bin, sündige, so werde ich als Ausgleich der Sünde auf der anderen Seite der sein, an dem gehandelt bzw. eben nicht gehandelt wird, in der gleichen Sache. Wir bekommen immer beide Seiten zum Zwecke des Erkenntnisgewinns, erfahrbar auf allen Sinnesebenen, sozusagen 3-D, mit Körper, Geist und Seele. Ich will dieses Geschehen mal für das folgende das „duale Erleben“ nennen. Es ist für mich eines der großartigsten Mittel Gottes, uns zu führen. Man kann es als Strafe sehen, es ist jedoch pure Gnade, auf diese allumfassende Weise verstehen zu lernen. Diese mehrdimensionale Erfahrung ist deutlicher, glaubhafter als das Wort und die Gebote allein, sie wird zu Wissen, mit der Zeit zu Weisheit. Der Karma-Begriff hat die Weisheit und Erkenntnis bildende Konnotation nicht. Durch diese Weisheit wird unsere Welt angenehmer, gottgemäßer. Es wird klar, was Liebe ist.

Buch der Weisheit 11 (Einheitsübersetzung)

15 Zur Strafe für ihre frevlerische Torheit, in die sie sich verirrt hatten, als sie vernunftloses Gewürm und armseliges Ungeziefer verehrten, sandtest du ihnen eine Menge vernunftloser Tiere. 16 Sie sollten erkennen: Man wird mit dem gestraft, womit man sündigt.

Ich möchte ein paar Gleichnisse aus dem echten Leben erzählen, die uns aufzeigen, wie dieses Prinzip heute funktioniert.

1. Gleichnis: Ein Mann ist gehalten, in seinem Leben einen neuen Weg einzuschlagen. Seit sechs Jahren tritt er auf der Stelle und hadert mit seinem Leben, hadert mit Gott, weil er nicht bekommt, was er sich so sehr wünscht. Was er an den Tag legt, ist einfach kein “erfolgreiches” Verhalten. Wie ein Süchtiger hält er an einer Lebensform fest, die ihn immer mehr mit Todessehnsucht füllt. Er bekommt eine Depression, sein Beruf leidet massiv darunter, finanzielle Probleme treten auf, Liebe und Partnerschaft = Zero.

Parallel dazu entwickelt sich im Leben seiner Tochter ein ähnliches Muster. Das Mädchen besuchte immer unregelmäßiger die Schule, bis sie ohne Abschluss schließlich draußen stand. Ihre Eigeninitiative geht gegen Null. Sie beginnt mit Drogen, driftete ab und der Vater kann sie nicht halten. Immer, wenn es ihr schlecht geht oder sie Geld braucht, dann kommt sie zu ihrem Vater. Dort bekommt sie etwas zu essen, sie reden miteinander. So gern würde sie von ihm hören, dass alles gut gehen wird und Erfolg sich einstellen wird, wenn sie so weiter macht. Er erkennt, dass er ihr außer dem “täglich Brot” nicht wirklich helfen darf, solange sie dabei auf dem alten Weg bleibt. Er würde ein selbstdestruktives Verhalten damit in ihr verstärken. Damit würde er sie weiter auf die Straße ins Unglück schicken, sie noch mehr schwächen. Es tut ihm in der Seele weh, sein Kind so zu sehen. Er betet für sie, nimmt sich für sie Zeit. Sie wird immer, immer wieder wütend auf ihn, weil er ihr nicht zustimmt, schreit ihn an, explodiert, haut ab türenknallend ab.

Irgendwann begreift er, dass er seinem Vater im Himmel gegenüber genauso handelt. Er versteht, dass Gott ihm in seiner eigenen Selbstdestruktivität in aller Liebe nicht helfen darf. Er entscheidet sich zur Umkehr. Er merkt, dass er immer dann, wenn er die Umkehr durchzieht, sich gute Gelegenheiten ergeben. Wenn er die Umkehr wieder schleifen lässt und sich wieder zurückwendet, fällt das Gute wieder in sich zusammen, er kassiert Stornos oder Verzögerungen stellen sich ein.

2. Gleichnis: Über zunächst verheimlichten, einseitigen Ehebruch kommt ein Paar zusammen. Was zunächst auf der Strecke bleibt, – außer üblerweise der Familie -ist in der Partnerschaft das Vertrauen. Dadurch, dass man weiß, dass der andere einen anderen Partner schon mal belogen und betrogen hat, ist es leichter, ihm das wieder zuzutrauen. Die Eifersucht lauert, es entsteht Überaufmerksamkeit, Empfindlichkeit. Wer einmal lügt… Man vermutet schnell Betrug, eine neue Affäre hinter allen möglichen Reaktionen und Alleingängen und gegengeschlechtlichen Kontakten. Denn ganz sicher möchte man es nicht, dass es einem selbst genauso widerfährt. Und natürlich weiß man ja auch, wann, wie und auf welche Weise der Partner seinen ehemaligen Gatten betrogen hat. Man nimmt also all die Gefühle, die Quälerei wahr, die der verlassene Ehepartner während des Ehebruches hatte, übernimmt dessen Leiden, ohne dass es einen realen Hintergrund haben muss. Der andere Partner fühlt sich dadurch schnell beobachtet, kontrolliert und eingeschränkt, auch wenn er jetzt treu ist. Er erfährt wieder und wieder Misstrauen, das ja einst gerechtfertigt war. Der Zweifel wird immer versuchen, Hausgenosse zu sein.

3. Gleichnis: Die katholische Kirche führt im Mittelalter den Ablasshandel ein, d.h. Geld ist in der Lage, Vergebung herbei zu führen. Etwas, was eigentlich nur Gott kann, ein deutlicher Verstoß gegen das 1. Gebot.  Geld wird die gleiche Macht wie Gott zugestanden. Die Kirche trennt sich von Gott, von Gottes Gebot, wartet nicht auf freiwilliges Geben. Gott trennt daraufhin die Kirche, d.h. er spaltet die Kirche, hebt die Einheit der Kirche auf. Er entzieht ihr die Macht durch Klostersturm, den Augsburger Religionsfrieden (Cuius regio, eius religio – Wessen Gebiet, dessen Religion), der weltliche Herrscher steht über dem Glauben. Und er lässt uns bis heute fühlen, wie es ist, wenn das Geld die Welt regiert. Und die evangelische Kirche entsteht dadurch nochmals als weitgehend uneinheitlicher, in viele unterschiedliche,  autonome Landeskirchen getrennt.

Konsequenz des Zu-Gott-Erhebens von Geld:

Trotz vieler Bettelorden, vieler Heiliger, die in der Armut das gottgefällige Leben erkannt hatten, wie z.B. Johannes der Täufer, Augustinus, St. Martin, Franziskus von Assisi, Theresa von Ávila, trotz anders lautender Bibelworte:

Matthäus 19, Markus 10, Lukas 18:

Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!… Jesus sah ihn an und sagte: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! Denn eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.

Reichtum, das Horten wird zum erstrebenswerten Ziel. Die Erkenntnis war ja vorhanden, es kann keiner sagen, er hätte es nicht gewusst. Der Kapitalismus, die industrielle Revolution setzt sich durch, die Macht der Banken entsteht, die Ölmulties treten auf den Plan. Trends wie Globalisierung, und Shareholder Value Orientation kommen auf. Geld wird die Haupt-Motivation des Alltags, das Quartalsdenken in den Unternehmen nimmt zu statt auf organisches Wachsen der Unternehmen zu setzen. Die Legalisierung gewaltiger Zerstörung: Familien, Rohstoffe, Umwelt. Ich bezahle, daher darf ich! Bildung geschieht nicht mehr aus Interesse, aus Liebe, sondern für den Beruf, d.h. die Geldbeschaffungs­kompetenz des Menschen und seine wirtschaftliche Macht bestimmen den Wert des Menschen wie in dem Bankenslogan: Mein Haus, Mein Auto, Mein Boot….“ Erfolg wird mit dem Grad des Reichtums gemessen. Heute leiden die einen unter Arbeitslosigkeit, die anderen unter Arbeitsüberlastung. Stress wird zur Volkskrankheit. Zeit ist Geld und entweder ist das eine oder das andere knapp.

Bruch der Liebe und des sozialen Netzes: Der Schutz, die Gemeinschaft und die Barmherzigkeit der Großfamilie zerbricht. Nicht mehr die Großeltern unterstützen die Familien mit Kindern, weil sie ja arbeiten müssen, sondern bezahlte Kinderbetreuung wird eingeführt mit einem Betreuungsschlüssel von 1:23, 1:30. Depersonalisierung, Defamiliarisierung, dafür Kindergeld. Die Altersversorgung der Menschen wird von den Schultern der eigenen Kinder auf das Geld, auf anonyme Kinder, die Renteneinzahler, die Rentenkasse, die Pflegekasse übertragen. Kinder werden zu (Alt-)Lasten, zum Karrierehindernis. Die alten Menschen vereinsamen – oft fern von ihren Kindern, werden von bezahlten Kräften „wirtschaftlich“ im Heim gepflegt mit einem Betreuungsschlüssel von 1:6, am Wochenende 1:12.

Gesundheit und Heilung: Der Heilungsdienst der Kirche ist fast völlig eingestellt. Und die Tätigkeit des Heilens an die kommerzielle Schulmedizin abgegeben. Das Gesundheitssystem selbst  ist zu einem riesigen Geschäft geworden, die Krankenkassen­beiträge würgen uns. Wir wissen, dass Gott heilt, dass er dem Gläubigen spontan Gesundheit schenken kann, so genannte Spontanremissionen wie auch allmäh­liche Genesung, sofern er umkehrt, um Hilfe und Heilung bittet und darin vertraut. Die Pharma­industrie ist zu einem gewaltigen Wirtschaftsfaktor geworden, Medikamente, die niemand braucht, der Gottes Heilung in Anspruch nimmt. Die Arbeitswelt im Kapitalismus, die Lieblosigkeit und die soziale Verarmung sind die Hauptursachen für Krankheiten. Im Japanischen gibt es sogar schon ein Wort dafür: Karōshi, Tod durch Überarbeitung, meist Herzinfarkt während der Arbeitszeit. Und im Alter entscheidet selten Gott über unseren Todeszeitpunkt, sondern Arzt, Angehörige und der eigene Wille, niedergelegt in der Patientenverfügung. Ein gesegneter Tod  im Kreise der Familie mit dankbarem Abschied der Beteiligten grenzt heute schon an unterlassene Hilfeleistung.

Und klar, dem Gott Mammon habe ich auch gehuldigt. Eine Zeit hatte ich auf meinem Schreibtisch eine Karte, bei der eine Hand aus dem Himmel ein großes Geldstück reicht. Das Geld kam irgendwann, die Folgen waren erschreckend: Überarbeitung, Stress, Schmerzen, Schlaflosigkeit, Gedankenkrankheit, Gewichtszunahme (Fülle!), soziale Verarmung, unerfüllter Kinderwunsch, Burnout.

Ich bekenne selbst Gott, dem Allmächtigen,

und allen Brüdern und Schwestern,

dass ich Gutes unterlassen und Böses getan habe,

dass ich Geld als Herrscher für mich

und in der Welt zugelassen habe.

Ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken

durch meine Schuld, durch meine Schuld,

durch meine eigene Schuld.

Darum bitte ich die selige Jungfrau Maria,

alle Engel und Heiligen,

und Euch, Brüder und Schwestern,

für mich zu beten bei Gott, unserem Herrn.

Ich bat um Vergebung, ich kehrte um. Es gibt nur noch einen Herrscher für mich, der ist so mächtig, dass er für mich sorgt. Ich gebe mich mit dem zufrieden, was ich brauche, was ich bekomme. Aber was hat Er mir auf die Finger gegeben, bis ich so weit war! Und wie froh bin ich jetzt! Wie einfach wird Leben!

Exkurs: Umkehr ist auch für die Kirche möglich? Es ist einfach: Indem sie betrachtet, was sie selbst von Gott trennt; wo sie sich verweltlicht hat, wo sie lieblos handelt, andere steinigt. Indem die Christen der verschiedenen Konfessionen betrachten, was sie individuell von Gott trennt und wo er durch Geld oder andere Götter ersetzt wird – meine Sicherheit ist mein Bankkonto, die Kirchensteuer, nicht Gott. Die Kirche kann aus eigenem Entschluss ihre eigene Trennung von Gott wieder aufheben und in die Einheit zurückkehren. Seien wir sicher, Er wird uns die Einheit der Kirche zurückgeben, der Gast „Spaltung“ ist dann nicht mehr nötig. Und auf diesem Wege betrachte jede Kirche nicht den Splitter im Auge der anderen Kirche, nämlich: Was hat die andere Kirche für Macken, warum sind die so unannehmbar für uns, so dass wir uns mit ihnen nicht vereinigen könnten? Sondern man betrachte den Balken im eigenen Auge. Wo sind unsere eigenen Baustellen, wo sind unsere eigenen Macken, und wie stellen wir sie ab? Denn allein da kann jede Kirche Veränderung bewirken, in sich selbst, nicht in einer Fremdorganisation. Wie können wir lieben und annehmen, was sie ausmacht. Schmeißen wir über Bord, was uns trennt – alle!

Diese Arbeit wird sicher sowohl für die Christenheit ein Segen sein, wie auch hilfreich für all die vielen, vielen Menschen, die ein dringendes Glaubensbedürfnis haben, die bei der Annäherung an den christlichen Glauben wie auch die christliche Kirche jedoch scheitern, weil sie die Spaltung nicht verstehen. Sie werden nicht mehr so viele Diskrepanzen zwischen dem neuen Testament  und dem christlichen Lebenstil und Kirchenführung feststellen. Diese innere Renovierung wird all den Menschen, die heute bei dem Wort Kirche nur noch die Augen verdrehen, die Tür wieder öffnen.

Doch das „duale Erleben“ wirkt auch hier: Geben umgekehrt wir Gläubigen, wir Gottsuchenden auch der Kirche eine Chance als der Gemeinschaft der Gläubigen! Nehmen wir sie so wie sie ist! Liebende Akzeptanz! Denn die Kirche ist genau Spiegel dessen, wie ihre Mitglieder mit ihrem Glauben umgehen. Wirken wir selbst dabei mit, sie immer mehr dem Sein Jesu und seinen Worten anzu­nähern, mit zur Einheit zu führen! Denn wenn wir uns selbst von der Kirche trennen, weil sie nicht so ist, wie wir sie gern hätten, dann tragen wir zur Trennung bei. Dann tun wir genau dasselbe, sind um kein Deut besser oder anders. Wenn die Kirche nicht so ist, wie wir sie gerne hätten, dann liegt es an uns, unseren Glauben und unsere Jesus-Erfahrungen zu leben, uns einzubringen und dazu beizutragen, sie mehr und mehr so werden zu lassen, wie sie Glaube, Liebe und Hoffnung entspricht. Wenn Dir an der Kirche etwas fehlt, dann ganz sicher auch deswegen, weil Du dort fehlst, mein lieber Freund, meine liebe Freundin!  Wer wirft denn gerade hier den ersten Stein?

Wenn wir uns eben von dem Wort Sünde abgestoßen fühlen, dann werfen wir der Kirche zur gleichen Zeit Sünde vor, nämlich vom Wege abzuweichen, den Jesus uns vorgezeichnet hat, lieblos zu sein, regelungssüchtig, bestimmerisch, herab­würdigend, was auch immer. Immer dasselbe Spielchen: Projektion! Auch eine Form des „dualen Erlebens“: Auch wir scheinen der Kirche Vorschriften machen zu wollen, wie Kirche sich für uns anfühlen soll. Wird die Kirche dadurch besser? Nein, wie auch! Lieblos ist das ebenso, gegenüber der Kirche, dem Leib Christi, gegenüber Gott! All diese Veränderung geht nur von innen heraus, indem wir in die Kirche hinein gehen. Bringen wir also unsere Lebendigkeit, unsere geistige Freiheit, unsere Einsicht, unser Vertrauen, unsere Kreativität, die Fähigkeit, über uns selbst zu lachen, unseren guten Willen, unsere Heilungs- und Veränderungsbereitschaft, unsere Wandlungsfähigkeit, unsere Liebe, unsere Akzeptanz, unsere Toleranz, unsere Fähigkeiten, unsere Leichtigkeit, unseren lebendigen Glauben mit in die Kirche. So wird sie durch uns, was immer wir sind: lebendig, gutwillig, frei, einsichtig, fröhlich, tolerant, akzeptabel, fähig, leicht, jung! Bringen wir unsere Wünsche und Vorstellungen an die Gemeinschaft der Gläubi­gen mit in die Kirche und die Gemeinschaft, ihr Geist und Sinn ändert sich auto­matisch, weil dem gemeinsamen Geist, der gemeinsamen Gestalt neue Facetten, neue Farben, neue Kräfte hinzugefügt werden – unsere.

Wenn wir eine liebevollere Kirche wollen, dann tragen wir doch einfach unsere Liebe hinein! Wenn wir eine Kirche wollen, die weniger durch Gesetze und Vor­schriften geprägt ist, dann seien wir selbst weniger kritisch, stellen selbst keine Vorbedingungen für die Kirche: Ich gehe da erst (wieder) hin, wenn sich dies und das geändert hat. Für diese Änderungen brauchen wir unsere eigene Offenheit und Hingabe, damit Gott sie realisieren kann. Übernehmen wir für unseren Glau­ben, für die Einheit der Gläubigen mit Verantwortung! Es ist dasselbe wie in jeder Partnerschaft, Familie, Arbeitsstelle, Gemeinschaft, Organisation.

Politikverdrossenheit und Kirchenverdrossenheit gleichen sich: sich zurücklehnen zum einen wie ein trotziges Kind, dessen Erwartungen nicht erfüllt werden, zum anderen eben Bequemlichkeit und Verantwortungslosigkeit für die Gemeinschaft, zu der wir gehören. Was wir in dem Falle tun, ist, uns selbst eben nicht in die Gemeinschaft einzubringen, der wir per se durch unseren Wohnort bzw. durch unseren Glauben, unseren Gott angehören. Meckern und Rückzug[1] ist leicht und bequem. Verändern erfordert Glaube, Veränderungsbereitschaft und Engagement – nicht ganz so leicht und bequem, oder? Der Lohn? Gemeinschaft! Ein gemein­samer Weg, gemeinsames Wachstum, geteiltes Leid, doppelte Freude! Ein herrlicher Leib Christi!

Vielleicht können wir das Wort Sünder auch mal übersetzen mit: „die sich von der Liebe weg verirrt haben“, vielleicht ist das annehmbarer. Also: wir kommen selbst immer wieder in Situationen, wo wir durch das „Die Sünde ist die Strafe an sich“ im „dualen Erleben“ nachfühlen können, wie der, gegen den wir – neben uns selbst – gesündigt haben, sich mit unserem Verhalten gefühlt hat, ob Mensch oder Gott. Klar fühlt sich das oft sehr quälend an, ist es ja auch! Liebe ist unser Lebenselexier und wir hungern… Wenn uns dann die Schuppen von den Augen fallen, wir bemerken, was wir dem Anderen und uns angetan haben oder antun wollten, dann ist Reue sofort da, können wir sofort umkehren, aufhören. Wenn wir also „duales Erleben“ erst einmal erfahren und verstanden haben, wie sich Vergebung und die Neu-Regulierung des Lebens, das Ver­schwinden des lieblosen Zustandes, unter dem man vielleicht schon so lange gelitten hat, anfühlt, dann kommen einem die Worte

„Bitte für uns Sünder, jetzt in und in der Stunde unseres Todes“

ganz einfach über die Lippen, nichts in uns wehrt sich mehr gegen dieses Wort, sondern wir sind froh, dass es tatsächlich Hilfe und einen Ausweg gibt. Das ist wieder eine wahre,  gute Botschaft: dass dieser Irrsinn endlich aufhört, das, was uns schon so lange nervt, schmerzt, krank oder verrückt macht. So wie David seinen wunderbaren Sohn Salomo bekam. Eben: Vergebung erfahren, die Erfahrung einer falschen Entscheidung beendet bekommen.

Auch daher also unsere Übung, die Pfeile gegen den Strich zu suchen! Es bedeutete, dass wir uns an jeder Kreuzung versichern mussten, welches der richtige Weg ist. Wir betrachteten den Pfeil und konnten anhand seiner Positionierung meist erkennen, aus welchem Weg heraus man den Pfeil wohl am besten sehen konnte. Und dann ging es um den nächsten Pfeil. Oft trennten wir uns, wenn die Richtung nicht klar war, jeder suchte einen Weg ab und rief oder pfiff, wenn er den nächsten Pfeil gefunden hatte. Und dann gingen wir weiter. Und wenn wir uns unterwegs umdrehten, dann sahen wir oft die Pfeile in der Rückschau (der Blick auf die Früchte) und freuten uns, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Der Camino, der Weg Gottes schenkte uns Kraft und gute Erlebnisse, während die Landstraße uns Kraft nahm.

Und die Essenz? Wenn wir uns immer wieder fragen, warum läuft das hier so, dann können wir uns das Geschehen anschauen und uns fragen: Wo ist dieses Muster schon mal so gewesen, und zwar mit mir selbst auf der anderen Seite? Schauen wir in Gegenwart und Rückblick auf die Früchte unserer Lebensweise, auf das Maß der Liebe, was wir empfinden und erfahren. Gefallen sie uns nicht, dann gehen wir innerlich zum letzten Ort gehen, wo sie für uns gemeinsam gut waren, wo unser Leben von Zufriedenheit und Liebe geprägt war. Was haben wir seither getan? Was haben wir erlebt? Wann, wo und wodurch haben wir Wege eingeschlagen, auf denen wir keine guten Früchte fanden? Wo sind wir aus der Liebe gefallen? Gehen wir zu dieser Kreuzung zurück und halten erneut Ausschau: In welcher Richtung (Perspektive, Denken, Haltung) sind die guten Früchte am wahrscheinlichsten, was fühlt sich am deutlichsten als Liebe an, welcher Weg lässt uns am besten auf den bisherigen Früchten aufbauen? Wir werden zu denen, die den Weg der Liebe wieder finden. Aus Sündern werden Gesunde. Mit dem Martyrium Jesu, der Bitte um Vergebung und Umkehr sind uns die Sünden vergeben, was sollte zum Richten übrig bleiben außer dem innerlichen Ausrichten.

Gott ist für mich kein strafender Gott, sondern gerade, wenn ich eine für mich schwerwiegende Erkenntnis hinnehmen muss, ein Quell der Liebe, wenn ich dann irgendwann den Sinn dieser Erfahrung oder die Wirkung meines Handelns erkenne und verstehe. Er erklärt alles nachfühlbar und mit großer Geduld und Langmut, ich darf an jeder Kreuzung so lange hin und herlaufen, meine Runden drehen, die anderen Wege als Irrwege erfahren und erkennen, bis ich Seinen Weg einschlage, anders geht es gar nicht.

Wie kann ich denn sonst verstehen lernen?

Wann immer ich in meinem Leben etwas nicht bekommen habe, was ich wollte, oder ein schwierige Erfahrung hinnehmen musste, dann war es so, dass ich mich mit viel zuwenig zufrieden gegeben hätte und etwas viel Besseres, mehr Leben, mehr Liebe, mehr Lebendigkeit im Leben, auf mich wartete. Herr, du Freund des Lebens: das kann ich deutlich bestätigen. Auch ein Kind, dass sich an etwas festklammert, jammert, schreit oder bockt, für etwas, was nicht so gut für es ist und dem eigentlich eine gesündere, sinnvollere Variante zur Verfügung steht, dem mag ein gutelterliches Verhalten zunächst wenig gefallen oder wehtun, und so ist es auch mit uns als Erwachsenen und unserem Vater im Himmel.

Um uns mal einen kleinen Ausblick auf Duales Leben zu erlauben: Stellen wir uns einfach mal vor, wir stellen unserer Umgebung all die Liebe zur Verfügung, die in uns ist und die ist größer als die ganze Erde. Und die Umgebung weist sie zurück. Beispiele:

  • Wir kochen was ganz Tolles, stellen uns stundenlang in die Küche. Und unsere Familie oder unsere Gäste schlingen das Essen einfach so oder beim Fernsehen herunter. Achten nicht drauf, sagen nichts dazu, kein Danke, kein Kommentar, keine Zufriedenheit. Oder sie meckern die ganze Zeit darüber. Wie geht es uns dann?
  • Wir veranstalten ein wundervolles Fest, den Event des Lebens, und wir kassieren nur Absagen, weil die Eingeladenen was dringenderes zu tun haben. Wie fühlen wir uns? Siehe dazu auch das Gleichnis vom großen Gastmahl in Lukas 14 (Gute Nachricht Bibel):
    Das große Abendmahl

    15 Als aber einer das hörte, der mit zu Tisch saß, sprach er zu Jesus: Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes! 16 Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein17 Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit! 18 Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. 19 Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. 20 Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen. 21 Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein. 22 Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. 23 Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. 24 Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.
  • Wir lieben einen Menschen und er weist permanent unsere Liebe zurück, weil er nicht daran glaubt, dass er geliebt wird, dass wir wirklich ihn meinen, weil er sich nicht liebenswert und eben einfach so wenig ok fühlt, dass er annehmen könnte, geliebt zu werden. Unsere Liebeserklärungen sieht er als Kritik an sich. Wie würden wir uns fühlen? Oder der Mensch sagt uns die ganze Zeit: Das ist mir zu dicht, so viel Liebe kann ich nicht aushalten, das kettet mich, da bleibt mir die Luft zum Atmen weg. Was machen wir dann?
  • Wir bieten einem Menschen wunderbare Geschenke, Chancen und Erfahrungen an, laden ihn auf die schönsten Reisen ein, machen ihm ein tolles Jobangebot, wo er genau das tun könnte, was er sich schon immer gewünscht hat. Er nimmt sie aber nicht an, weil er Angst hat, weil er bequem ist, weil er der Sache nicht traut, weil er nicht glaubt, weil so etwas Gutes immer ein Haken haben muss und den will er nicht erfahren. Wenn wir dann auch noch Vorwürfe dafür kassieren. Und jetzt – wie gehen wir weiter mit ihm um? Was machen wir da mit unserer Liebe?
  • Und das, wenn wir voller Verständnis, voller Liebe, voller bester Absichten, voller Langmut, voller Großzügigkeit sind, wenn wir Gefühle wie Eifersucht, Zorn, Angst vor Ablehnung und Zurückweisung nicht kennen würden. Was würden wir mit unserer Liebe, was würden wir mit unserem Gegenüber machen?
  • Jemand sucht nach einem Ausweg aus seinem Dilemma, schreit permanent um Hilfe. Wir schicken ihm Nachrichten, Bücher, eine Bedienungsanleitung und Menschen, die ihm die Hilfe nahe bringen, alles sauber und nachvollziehbar aufgeschrieben. Er mag es hören und lesen, setzt es aber nicht um, beschwert sich aber weiter. Dann komme ich selbst vorbei, zeige es ihm, lass es ihn fühlen, sehen, erfahren, erkläre die Liebe noch mal ganz von vorne. Und er fordert dafür meinen Tod? Und jetzt?

Abweichungen vom Weg der Liebe, Ablehnung von Liebe, Nicht-Annehmen von Liebe: Das ist es viel eher noch, was ich als Sünde bezeichnen würde. Kinder würden sagen: Selber schuld, eigene Doofheit! Was sagen wir? Wie würden wir uns fühlen? Was macht man denn da? Was sagt Gott? Was macht er?

Also ich würde das eine Weile probieren, immer wieder anbieten, aber irgendwann würde ich sagen: Ja, wenn du partout nicht willst, denn mach weiter so und schau, wie du damit klar kommst. Ich würde mir an den Kopf fassen, den Kopf schütteln, die Person irgendwann sich selbst überlassen… Doch ich könnte nicht aufhören zu lieben. Was dann?

Manchmal schenkt er uns jedoch auch die Erfüllung unserer Wünsche und schenkt uns die Erfahrung, die mit dem Wunsch einhergeht.

Ein lange gehegter Wunsch ging eines Tages in Erfüllung, jedoch war die Erfahrung der Begleiterscheinungen ein deutliches Zeichen dafür, dass mein Wunsch nicht der beste Weg gewesen war, ich also das Ziel verfehlt hatte, saure Trauben gepflückt hatte. In dieser Nacht, da schon kam das Gericht zu mir: Es war, als ob im Halbschlaf ein Licht um mich herum anging und eine große Klarheit entstand und mir die Frage gestellt wurde: So, das hast Du also gewollt, hast Du das wirklich so gewollt? Dies ist ein Moment, dem man nicht ausweichen kann, in dem nichts als die Wahrheit funktioniert. Und dieser Moment ist der, in dem die Buße, die Umkehr einsetzen kann, wo man beginnt, für diese Wünsche ein Kreuz zu tragen. Heute bete ich immer wieder besonders inbrünstig die Zeile das Vaterunsers: Dein Wille geschehe, im Himmel wie auf Erden. Dein Wille, der die Liebe ist.

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[1] Gleichzeitig fühlen wir uns ausgeschlossen und machtlos: „Duales Erleben“: Die da oben, wir da unten, Untertan statt Teilhaber.

Unser 1. gelber Pfeil in Lourdes hinter der Basilika

Die erste Etappe von Lourdes nach Asson war 24 km lang. Für mich eine wirklich ausreichende Entfernung, meine Oberschenkel taten mir gegen Ende weh, dass ich dachte, gleich springen mir die Oberschenkelknochen aus den Hüftpfannen. Ich konnte noch nicht einschätzen, welche Auswirkungen solche Schmerzen auf den nächsten Pilgertag haben. Daher war ich nicht bereit, weiter zu laufen, vor allem, da der Küster von Asson mich schon am Dorfanfang auf die Übernachtung angesprochen hatte. Santiago wollte jedoch weiter, denn unsere körperliche Fitness war deutlich unterschiedlich. An diesem ersten Tag hätten wir uns fast schon getrennt, doch er lenkte ein und blieb mit mir in Asson. Auch am nächsten Tag wollte er weit laufen, weiter als der Etappenvorschlag angab. An diesem Tag lenkte ich ein und ging mit ihm weiter, als ich mir zunächst vorgestellt hatte. Meine Oberschenkelknochen waren noch in ihren Hüftpfannen, der Schmerz war weg. Doch aus Liebe und als Anerkennung seines Einlenkens am Tag davor habe ich mir diese Extrameilen „abgerungen“, damit auch er Freude am Weg hatte. Das habe ich immer wieder aus Liebe getan und war bald selbst erstaunt über meine gewachsene Leistungs­fähigkeit.

Kein Mensch lernt und handelt wirklich nachhaltig durch Kritik, durch Ermahnung, durch Kontrolle, durch Zwang, durch Pflicht. Dies sind unwirksame Werkzeuge und Wegbegleiter auf dem Weg des Herzens, sie verursachen Anspannung, Verkrampftheit, Widerstand, Unlust und Unwillen. In Römer 12  (Übersetzung Gute Nachricht Bibel) finden wir den Rat:

8 Wer sich um Notleidende kümmert, soll es nicht mit saurer Miene tun.9 Die Liebe darf nicht geheuchelt sein. Verabscheut das Böse, tut mit ganzer Kraft das Gute! 10 Liebt einander von Herzen als Brüder und Schwestern, und ehrt euch gegenseitig in zuvorkommender Weise. 11 Werdet im Eifer nicht nachlässig, sondern lasst euch vom Geist Gottes entflammen. Dient in allem Christus, dem Herrn. 12 Seid fröhlich als Menschen der Hoffnung, bleibt standhaft in aller Bedrängnis, lasst nicht nach im Gebet. 13 Sorgt für alle in der Gemeinde, die Not leiden, und wetteifert in der Gastfreundschaft. 14 Wünscht denen, die euch verfolgen, Gutes. Segnet sie, anstatt sie zu verfluchen. 15 Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Traurigen. 16 Seid alle miteinander auf Einigkeit bedacht. Strebt nicht hoch hinaus, sondern haltet Gemeinschaft mit den Verachteten. Verlasst euch nicht auf eure eigene Klugheit.17 Wenn euch jemand Unrecht tut, dann zahlt es niemals mit gleicher Münze heim. Seid darauf bedacht, vor den Augen aller Menschen bestehen zu können. 18 So weit es möglich ist und auf euch ankommt, lebt mit allen in Frieden. 19 Nehmt keine Rache, holt euch nicht selbst euer Recht, meine Lieben, sondern überlasst das Gericht Gott. Er sagt ja in den Heiligen Schriften: »Ich bin der Rächer, ich habe mir das Gericht vorbehalten, ich selbst werde vergelten.« 20 Handelt vielmehr nach dem Wort: »Wenn dein Feind hungrig ist, dann gib ihm zu essen, und wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Dann wird es ihm bald Leid tun, dein Feind zu sein.« 21 Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern überwinde es durch das Gute![1]

Pflicht und Zwang sind das Gegenteil von Liebe. Sie mögen eine Zeit lang funktionieren, doch irgendwann richtet sich das Leben gegen sie. Unterstelle einen Körper der Pflicht, dem Zwang, der Kontrolle und er wird über kurz oder lang sich widersetzen oder krank werden. Wir kennen alle die Diäteffekte, bei denen man sich plötzlich vollgefuttert vor dem Kühlschrank wieder findet, aus einer Trance erwachend „Ich wollte doch gar nichts mehr essen!“ Unser Wachbewusstsein wird einfach ausgeblendet und schon ist es passiert!

Man kann eine Weile auch ein Volk dem Zwang, der Kontrolle und der Pflicht unterwerfen, doch irgendwann wird es aufbegehren und jemandem folgen, der ihnen Freiheit verspricht. Die Geschichte hat es gerade im letzten Jahrhundert mit dem Hitlerreich und Sozialismus/Kommunismus mehr als deutlich erwiesen. Keine Diktatur ist von Dauer. Wird ein Alkoholiker auf unsere gut gemeinte Ermahnung: „Trink besser nicht!“ damit aufhören? Wird ein Raucher auf einen solchen Rat hin sagen: „Ja, Du hast recht!“, seine Zigaretten weglegen und fürderhin nicht mehr rauchen? Hat das schon mal jemand erlebt? Die schreiben inzwischen die dollsten Todesdrohungen auf die Zigaretten­packungen. Trotzdem werden sie gekauft und konsumiert.

Der Weg aus allen Süchten, die Umkehr, ist in diesem Punkt gleich. Der Weg aus der Sucht ist immer der eigene, der freiwillige Weg, die Umkehr aus eigenem Impuls, aus eigenem Willen, aus Einsicht. Kein Mensch kann einen anderen Menschen aus seiner Sucht befreien, das produziert bei dem nur die so genannte Ko-Abhängigkeit. Jeder, der eine Sucht oder eine schlechte Gewohnheit aufgibt, tut es aus eigener Einsicht, und zwar dann, wenn er seinen persönlichen Umkehrpunkt, meist sein „in der Gosse landen“ erlebt, der Zustand, in dem das deutliche innere „Nein, das werde ich mir (oder einem anderen) ab heute nicht mehr antun!“ stärker wird als das Suchtmittel. Niemand kann in uns Selbstbeherrschung installieren. Sie kann nur vom Selbst ausgehen.

Und dies ist nicht nur der Weg aus den Süchten, sondern aus jeglicher Krankheit, der Weg jeglicher nachhaltiger Heilung. Auch in der Depression kommt einmal der Punkt, wenn einem dieser Zustand so leid ist, dass alles andere besser ist, als in Trübsal und Erstarrtheit zu verharren, sich auf den Weg zu machen in ein Leben, das man wieder lieben kann und gerne lebt – langsam aber sicher. Oder geht (an die 15 % der schwer Erkrankten).

In schwierigen, zwischenmenschlichen Situationen  können wir unbedingt auf Gott setzen. Wenn der Andere in Gottes Augen falsch handelt, dann wird er durch das „duale Erleben“ eines Besseren belehrt wie auch wir, wenn wir uns im Irrtum befinden. Die spanische Version des Vaterunsers macht es deutlich: Bitte vergib uns, wenn wir Grund zum Anstoß geben, angreifen, verletzen, kränken, beleidigen, wie auch wir denen vergeben, die uns Grund zum Anstoß geben, angreifen, verletzten, kränken, beleidigen. Das Maß liegt in seiner Hand.

Wir: können Gott trauen, dass er unseren Mitmenschen gut führt und lehrt auf dem Weg der Liebe, unbedingt besser jedenfalls, als wir es könnten…weil er Verhalten erfahrbar, fühlbar macht: „Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem Andern zu.“ Wir können in Situationen, in denen wir uns verletzt fühlen, unseren Schmerz sichtbar machen und wir können Grenzen setzen, das heißt in Augenhöhe bleiben, aber nicht zurückschlagen. Wenn gerade keine Gemeinsamkeit möglich ist, können wir auf unseren eigenen Weg fokussieren und dort das tun, was gerade wichtig ist. Wir müssen nicht um Liebe betteln, Liebe ist freiwillig. Mit dem Zurückschlagen begeben wir uns wieder auf das Spielfeld, auf dem wir nur verlieren können. Wirklich, dort verlieren wir, aber nur jedes Mal. Mit einer Ich-Botschaft können wir uns, unsere Gefühle, unsere Verletzlichkeit zeigen. Wenn wir jedoch mit Worten und Taten versuchen, den anderen zu verändern, mit Wertungen, Du-Botschaften, Urteilen, wenn wir uns über ihn stellen, als ob wir besser wüssten, was das Richtige ist, dann passiert – na, das kennen wir doch, das haben wir doch alle schon erlebt -: Der Andere macht dicht, fühlt sich seinerseits angegriffen und damit gleichzeitig umso mehr im Recht mit seinem Verhalten. Gewonnen hat in diesem Fall nur einer: die trennende Schlange, der Widersacher.

Gehen wir auf das andere Spielfeld, das Spielfeld der Liebe, der Vergebung und des Vertrauens in Gottes Führung, damit lassen wir uns als erstes selber frei. Damit wir auf dem Spielfeld der Liebe bleiben können, sagt er uns überdeutlich in 5. Mose 32 (Lutherbibel 1984):

31 Denn unserer Feinde Fels ist nicht wie unser Fels; so müssen sie selber urteilen. (Wer selber urteilt, überlässt das Urteil nicht Gott, sie maßen sich das Urteil selbst an – die Erbsünde), 32 Denn ihr Weinstock stammt von Sodoms Weinstock und von dem Weinberg Gomorras; ihre Trauben sind Gift, sie haben bittere Beeren, 33 ihr Wein ist Drachengift und verderbliches Gift der Ottern. (Das Urteilen ist das Gift des Widersachers. Wer Traube seines Weinstocks ist, bringt bittere Trauben, erfährt Bitterkeit.) 34 Ist dies nicht bei mir verwahrt und versiegelt in meinen Schatzkammern? 35 Die Rache  ist mein, ich will vergelten zur Zeit[2], da ihr Fuß gleitet; denn die Zeit ihres Unglücks ist nahe, und was über sie kommen soll, eilt herzu. (Wenn sie selbst nicht auf der „Täterseite“, sondern auf der „Opferseite“ sind innerhalb des „dualen Erlebens“. Das kommt so sicher, wie das Amen in der Kirche)36 Denn der HERR wird seinem Volk Recht schaffen, und über seine Knechte wird er sich erbarmen. (Wer in Gottes Augen recht handelt, rechtschaffen ist, der wird nicht dem „dualen Erleben“ ausgesetzt, klar! Doch können wir selbst in jeder Situation wissen, ob wir es sind oder der Andere? Steht uns das Urteil zu oder Gott?) ) Denn er wird sehen, dass ihre Macht dahin ist und es aus ist mit ihnen ganz und gar. (Im „dualen Erleben“ wird jeder sein Handeln erkennen können, wenn er auf der „Täterseite“ war und anschließend  auf der „Opferseite“ ist.)37 Und er wird sagen: Wo sind ihre Götter, ihr Fels, auf den sie trauten, 38 die das Fett ihrer Schlachtopfer essen sollten und trinken den Wein ihrer Trankopfer? Lasst sie aufstehen und euch helfen und euch schützen! (Wird in diesem Moment der Widersacher, der Herr der Lieblosigkeit, aufstehen, ihm zur Seite stehen und ihm helfen und ihn schützen? Wohl kaum, die Lieblosigkeit gilt von dessen Seite jedem! Der Widersacher tritt im entscheidenden Moment hämisch grinsend beiseite und lässt ihn – plumps – ins Leere fallen.) 39 Sehet nun, dass ich’s allein bin und ist kein Gott neben mir! Ich kann töten und lebendig machen, ich kann schlagen und kann heilen, und niemand ist da, der aus meiner Hand errettet. (Gott steht uns auf beiden Seiten zur Seite, weil allein er uns hilft, auf den Weg der Liebe zu finden. Schlagen bedeutet, „auf die Opferseite stellen“, heilen (Leben schaffen) bedeutet, durch die Erfahrung des „dualen Lebens“ auf der Opferseite uns heilsames Denken und Handeln beizubringen).

Der Urtext klingt zunächst natürlich rabiat, doch wenn ich ihn aus der Perspektive des Verständnisses des „dualen Erlebens“ lese, das nur Gott bewirken kann und will, damit

  • wir selbst auf dem Weg der Liebe bleiben können
  • wir uns nicht die Hände schmutzig machen müssen,
  • wir nicht auf das Verlierer-Spielfeld müssen, d.h.
  • wir nicht erst eine reinkriegen und dann noch zusätzlich verlieren müssen,
  • das auch wirklich stimmt und der andere nicht nur einer unserer fixen Ideen zum Opfer fällt.

dann ist mein Gott doch ganz der liebe Gott und kein strafender. Er klingt vielleicht ein wenig genervt, vielleicht waren die damals genauso wenig wach wie wir… oder vielleicht entspricht das eher dem kulturellen Pathos dieser Gegend und dieser Zeit.

Santiago sagt von sich „Soy espiritual pero no huevon!“ (“Ich bin spirituell, aber ich eiere nicht herum/bin kein Weichei!“. Auf Jesus kann diese Aussage auch zutreffen. Er war klar, machte klare Ansagen, handelte konsistent zu seinen Ansagen und konsequent. Man konnte sich an ihm reiben, wenn man sich an der Wahrheit rieb. So können wir auch sein: Klar in den Worten und wahr im Handeln, doch was der Andere daraus macht, das stellen wir ihm frei.

Leben wir zunächst Gottes Reich im Innern, dann in unserem engsten Kreis. Schritt für Schritt, jeder in seinem eigenen Tempo. Seien wir wie ein Stein, der ins Wasser fällt und dessen Sein und Handeln durch die Anregung anderer sich wie die Wellen ausdehnt. Wenn es heute noch nicht geht, zwingen wir uns nicht dazu, kritisieren uns nicht (machen uns nicht selber fertig!). Seien wir sanft mit uns. Wir beginnen als Kinder in Gottes Reich, lassen wir das Pflänzchen nicht an unseren eigenen hohen Ansprüchen eingehen. Tun wir es nur, wenn wir es mit Liebe können, wenn wir es wollen. Ansonsten bitten wir darum, es lieben zu können. Vielleicht brauchen wir einfach nur noch ein wenig mehr Ruhe und Entspannung. Vielleicht brauchen wir selbst noch ein wenig mehr liebevolle Zuwendung, ein paar Gottes-Erfahrungen mehr. Es ist immer Zeit da, diesen Zwischenschritt einzulegen und diese Bitte wahr werden zu lassen. Ich kann aus Erfahrung sagen: das ist ein wahrer, ein guter Anfang.

Nehmen wir die Anderen dadurch auf den Weg mit, dass wir ihn gehen und durch unsere Liebe, unsere Begeisterung und unsere Erlebnisse in ihnen die Einsicht wächst – oder sie uns auf dem anderen Weg vermissen. Kritisieren, zwingen und kontrollieren – das ist nicht der Weg der Liebe. Wenn wir gefragt werden, dürfen wir natürlich unser subjektives Feedback geben, doch erst dann.

Alles, was ich schreibe, ist immer eine Einladung, keine Verhaftung, keine Drohbotschaft, keine Kritik, keine Ermahnung, immer eher ein Bild meines persönlichen Brennens, meiner Begeisterung für den Weg der Liebe, vielleicht ein Weckruf für diesen Weg. Und wenn ich bisher anders verstehbar war: Ich bitte um Nachsicht! Bin selber noch am Üben, schon einigermaßen verstanden, aber noch kein Meister. Doch vielleicht ist es auch so: Wenn Sie diesen Blog freiwillig lesen und bisher nicht weggeklickt haben, wollen Sie dann nicht gerade meine Rückschlüsse aus meinen Erfahrungen wissen?

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[1] Etwas ähnliches finden wir auch im I-Ging (Übersetzung von R. Wilhelm) beim Zeichen 43: Die Entschlossenheit. „Für den entschlossenen Kampf des Guten zur Beseitigung des Bösen gibt es aber bestimmte Regeln, die nicht außer acht gelassen werden dürfen, wenn man Erfolg haben will.

  1. Entschlossenheit muss auf einer Vereinigung von Stärke und Freundlichkeit beruhen.
  2. Ein Kompromiss mit dem Schlechten ist nicht möglich; es muss unter allen Umständen offen diskreditiert werden. Ebenso dürfen auch die eigenen Leidenschaften und Fehler nicht beschönigt werden.
  3. Der Kampf darf nicht direkt durch Gewalt geführt werden. Wo das Böse gebrandmarkt ist, da sinnt es auf Waffen, und wenn man ihm den Gefallen tut, es Schlag gegen Schlag zu bekämpfen, so zieht man den Kürzeren, weil man dadurch selbst in Hass und Leidenschaft verwickelt wird. Darum gilt es, beim eigenen Haus anzufangen: persönlich auf der Hut zu sein vor den gebrandmarkten Fehlern. Dadurch stumpfen sich die Waffen des Bösen von selbst ab, wenn sie keinen Gegner finden. Ebenso dürfen auch eigene Fehler nicht direkt bekämpft werden. Solange man sich mit ihnen herumschlägt, bleiben sie immer siegreich.
  4. Die beste Art, das Böse zu bekämpfen, ist energischer Fortschritt im Guten.“

P.S. Ich habe übrigens eine ganze Menge Übereinstimmung zwischen dem I-Ging und der Bibel entdeckt.

[2] In der griechischen Übersetzung  wird das Wort ανταποδωσω = antapodoso benutzt, das auch  „gegenteiliges bewirken“, „entsprechen lassen“, „entgegengesetzt schaffen“ heißt. Das „duale Erleben“, das Gott schafft,  ist in dieser Wortbedeutung nachvollziehbar, auffindbar.

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