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Die erste Etappe von Lourdes nach Asson war 24 km lang. Für mich eine wirklich ausreichende Entfernung, meine Oberschenkel taten mir gegen Ende weh, dass ich dachte, gleich springen mir die Oberschenkelknochen aus den Hüftpfannen. Ich konnte noch nicht einschätzen, welche Auswirkungen solche Schmerzen auf den nächsten Pilgertag haben. Daher war ich nicht bereit, weiter zu laufen, vor allem, da der Küster von Asson mich schon am Dorfanfang auf die Übernachtung angesprochen hatte. Santiago wollte jedoch weiter, denn unsere körperliche Fitness war deutlich unterschiedlich. An diesem ersten Tag hätten wir uns fast schon getrennt, doch er lenkte ein und blieb mit mir in Asson. Auch am nächsten Tag wollte er weit laufen, weiter als der Etappenvorschlag angab. An diesem Tag lenkte ich ein und ging mit ihm weiter, als ich mir zunächst vorgestellt hatte. Meine Oberschenkelknochen waren noch in ihren Hüftpfannen, der Schmerz war weg. Doch aus Liebe und als Anerkennung seines Einlenkens am Tag davor habe ich mir diese Extrameilen „abgerungen“, damit auch er Freude am Weg hatte. Das habe ich immer wieder aus Liebe getan und war bald selbst erstaunt über meine gewachsene Leistungsfähigkeit.
Kein Mensch lernt und handelt wirklich nachhaltig durch Kritik, durch Ermahnung, durch Kontrolle, durch Zwang, durch Pflicht. Dies sind unwirksame Werkzeuge und Wegbegleiter auf dem Weg des Herzens, sie verursachen Anspannung, Verkrampftheit, Widerstand, Unlust und Unwillen. In Römer 12 (Übersetzung Gute Nachricht Bibel) finden wir den Rat:
8 Wer sich um Notleidende kümmert, soll es nicht mit saurer Miene tun.9 Die Liebe darf nicht geheuchelt sein. Verabscheut das Böse, tut mit ganzer Kraft das Gute! 10 Liebt einander von Herzen als Brüder und Schwestern, und ehrt euch gegenseitig in zuvorkommender Weise. 11 Werdet im Eifer nicht nachlässig, sondern lasst euch vom Geist Gottes entflammen. Dient in allem Christus, dem Herrn. 12 Seid fröhlich als Menschen der Hoffnung, bleibt standhaft in aller Bedrängnis, lasst nicht nach im Gebet. 13 Sorgt für alle in der Gemeinde, die Not leiden, und wetteifert in der Gastfreundschaft. 14 Wünscht denen, die euch verfolgen, Gutes. Segnet sie, anstatt sie zu verfluchen. 15 Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Traurigen. 16 Seid alle miteinander auf Einigkeit bedacht. Strebt nicht hoch hinaus, sondern haltet Gemeinschaft mit den Verachteten. Verlasst euch nicht auf eure eigene Klugheit.17 Wenn euch jemand Unrecht tut, dann zahlt es niemals mit gleicher Münze heim. Seid darauf bedacht, vor den Augen aller Menschen bestehen zu können. 18 So weit es möglich ist und auf euch ankommt, lebt mit allen in Frieden. 19 Nehmt keine Rache, holt euch nicht selbst euer Recht, meine Lieben, sondern überlasst das Gericht Gott. Er sagt ja in den Heiligen Schriften: »Ich bin der Rächer, ich habe mir das Gericht vorbehalten, ich selbst werde vergelten.« 20 Handelt vielmehr nach dem Wort: »Wenn dein Feind hungrig ist, dann gib ihm zu essen, und wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Dann wird es ihm bald Leid tun, dein Feind zu sein.« 21 Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern überwinde es durch das Gute![1]
Pflicht und Zwang sind das Gegenteil von Liebe. Sie mögen eine Zeit lang funktionieren, doch irgendwann richtet sich das Leben gegen sie. Unterstelle einen Körper der Pflicht, dem Zwang, der Kontrolle und er wird über kurz oder lang sich widersetzen oder krank werden. Wir kennen alle die Diäteffekte, bei denen man sich plötzlich vollgefuttert vor dem Kühlschrank wieder findet, aus einer Trance erwachend „Ich wollte doch gar nichts mehr essen!“ Unser Wachbewusstsein wird einfach ausgeblendet und schon ist es passiert!
Man kann eine Weile auch ein Volk dem Zwang, der Kontrolle und der Pflicht unterwerfen, doch irgendwann wird es aufbegehren und jemandem folgen, der ihnen Freiheit verspricht. Die Geschichte hat es gerade im letzten Jahrhundert mit dem Hitlerreich und Sozialismus/Kommunismus mehr als deutlich erwiesen. Keine Diktatur ist von Dauer. Wird ein Alkoholiker auf unsere gut gemeinte Ermahnung: „Trink besser nicht!“ damit aufhören? Wird ein Raucher auf einen solchen Rat hin sagen: „Ja, Du hast recht!“, seine Zigaretten weglegen und fürderhin nicht mehr rauchen? Hat das schon mal jemand erlebt? Die schreiben inzwischen die dollsten Todesdrohungen auf die Zigarettenpackungen. Trotzdem werden sie gekauft und konsumiert.
Der Weg aus allen Süchten, die Umkehr, ist in diesem Punkt gleich. Der Weg aus der Sucht ist immer der eigene, der freiwillige Weg, die Umkehr aus eigenem Impuls, aus eigenem Willen, aus Einsicht. Kein Mensch kann einen anderen Menschen aus seiner Sucht befreien, das produziert bei dem nur die so genannte Ko-Abhängigkeit. Jeder, der eine Sucht oder eine schlechte Gewohnheit aufgibt, tut es aus eigener Einsicht, und zwar dann, wenn er seinen persönlichen Umkehrpunkt, meist sein „in der Gosse landen“ erlebt, der Zustand, in dem das deutliche innere „Nein, das werde ich mir (oder einem anderen) ab heute nicht mehr antun!“ stärker wird als das Suchtmittel. Niemand kann in uns Selbstbeherrschung installieren. Sie kann nur vom Selbst ausgehen.
Und dies ist nicht nur der Weg aus den Süchten, sondern aus jeglicher Krankheit, der Weg jeglicher nachhaltiger Heilung. Auch in der Depression kommt einmal der Punkt, wenn einem dieser Zustand so leid ist, dass alles andere besser ist, als in Trübsal und Erstarrtheit zu verharren, sich auf den Weg zu machen in ein Leben, das man wieder lieben kann und gerne lebt – langsam aber sicher. Oder geht (an die 15 % der schwer Erkrankten).
In schwierigen, zwischenmenschlichen Situationen können wir unbedingt auf Gott setzen. Wenn der Andere in Gottes Augen falsch handelt, dann wird er durch das „duale Erleben“ eines Besseren belehrt wie auch wir, wenn wir uns im Irrtum befinden. Die spanische Version des Vaterunsers macht es deutlich: Bitte vergib uns, wenn wir Grund zum Anstoß geben, angreifen, verletzen, kränken, beleidigen, wie auch wir denen vergeben, die uns Grund zum Anstoß geben, angreifen, verletzten, kränken, beleidigen. Das Maß liegt in seiner Hand.
Wir: können Gott trauen, dass er unseren Mitmenschen gut führt und lehrt auf dem Weg der Liebe, unbedingt besser jedenfalls, als wir es könnten…weil er Verhalten erfahrbar, fühlbar macht: „Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem Andern zu.“ Wir können in Situationen, in denen wir uns verletzt fühlen, unseren Schmerz sichtbar machen und wir können Grenzen setzen, das heißt in Augenhöhe bleiben, aber nicht zurückschlagen. Wenn gerade keine Gemeinsamkeit möglich ist, können wir auf unseren eigenen Weg fokussieren und dort das tun, was gerade wichtig ist. Wir müssen nicht um Liebe betteln, Liebe ist freiwillig. Mit dem Zurückschlagen begeben wir uns wieder auf das Spielfeld, auf dem wir nur verlieren können. Wirklich, dort verlieren wir, aber nur jedes Mal. Mit einer Ich-Botschaft können wir uns, unsere Gefühle, unsere Verletzlichkeit zeigen. Wenn wir jedoch mit Worten und Taten versuchen, den anderen zu verändern, mit Wertungen, Du-Botschaften, Urteilen, wenn wir uns über ihn stellen, als ob wir besser wüssten, was das Richtige ist, dann passiert – na, das kennen wir doch, das haben wir doch alle schon erlebt -: Der Andere macht dicht, fühlt sich seinerseits angegriffen und damit gleichzeitig umso mehr im Recht mit seinem Verhalten. Gewonnen hat in diesem Fall nur einer: die trennende Schlange, der Widersacher.
Gehen wir auf das andere Spielfeld, das Spielfeld der Liebe, der Vergebung und des Vertrauens in Gottes Führung, damit lassen wir uns als erstes selber frei. Damit wir auf dem Spielfeld der Liebe bleiben können, sagt er uns überdeutlich in 5. Mose 32 (Lutherbibel 1984):
31 Denn unserer Feinde Fels ist nicht wie unser Fels; so müssen sie selber urteilen. (Wer selber urteilt, überlässt das Urteil nicht Gott, sie maßen sich das Urteil selbst an – die Erbsünde), 32 Denn ihr Weinstock stammt von Sodoms Weinstock und von dem Weinberg Gomorras; ihre Trauben sind Gift, sie haben bittere Beeren, 33 ihr Wein ist Drachengift und verderbliches Gift der Ottern. (Das Urteilen ist das Gift des Widersachers. Wer Traube seines Weinstocks ist, bringt bittere Trauben, erfährt Bitterkeit.) 34 Ist dies nicht bei mir verwahrt und versiegelt in meinen Schatzkammern? 35 Die Rache ist mein, ich will vergelten zur Zeit[2], da ihr Fuß gleitet; denn die Zeit ihres Unglücks ist nahe, und was über sie kommen soll, eilt herzu. (Wenn sie selbst nicht auf der „Täterseite“, sondern auf der „Opferseite“ sind innerhalb des „dualen Erlebens“. Das kommt so sicher, wie das Amen in der Kirche)36 Denn der HERR wird seinem Volk Recht schaffen, und über seine Knechte wird er sich erbarmen. (Wer in Gottes Augen recht handelt, rechtschaffen ist, der wird nicht dem „dualen Erleben“ ausgesetzt, klar! Doch können wir selbst in jeder Situation wissen, ob wir es sind oder der Andere? Steht uns das Urteil zu oder Gott?) ) Denn er wird sehen, dass ihre Macht dahin ist und es aus ist mit ihnen ganz und gar. (Im „dualen Erleben“ wird jeder sein Handeln erkennen können, wenn er auf der „Täterseite“ war und anschließend auf der „Opferseite“ ist.)37 Und er wird sagen: Wo sind ihre Götter, ihr Fels, auf den sie trauten, 38 die das Fett ihrer Schlachtopfer essen sollten und trinken den Wein ihrer Trankopfer? Lasst sie aufstehen und euch helfen und euch schützen! (Wird in diesem Moment der Widersacher, der Herr der Lieblosigkeit, aufstehen, ihm zur Seite stehen und ihm helfen und ihn schützen? Wohl kaum, die Lieblosigkeit gilt von dessen Seite jedem! Der Widersacher tritt im entscheidenden Moment hämisch grinsend beiseite und lässt ihn – plumps – ins Leere fallen.) 39 Sehet nun, dass ich’s allein bin und ist kein Gott neben mir! Ich kann töten und lebendig machen, ich kann schlagen und kann heilen, und niemand ist da, der aus meiner Hand errettet. (Gott steht uns auf beiden Seiten zur Seite, weil allein er uns hilft, auf den Weg der Liebe zu finden. Schlagen bedeutet, „auf die Opferseite stellen“, heilen (Leben schaffen) bedeutet, durch die Erfahrung des „dualen Lebens“ auf der Opferseite uns heilsames Denken und Handeln beizubringen).
Der Urtext klingt zunächst natürlich rabiat, doch wenn ich ihn aus der Perspektive des Verständnisses des „dualen Erlebens“ lese, das nur Gott bewirken kann und will, damit
- wir selbst auf dem Weg der Liebe bleiben können
- wir uns nicht die Hände schmutzig machen müssen,
- wir nicht auf das Verlierer-Spielfeld müssen, d.h.
- wir nicht erst eine reinkriegen und dann noch zusätzlich verlieren müssen,
- das auch wirklich stimmt und der andere nicht nur einer unserer fixen Ideen zum Opfer fällt.
dann ist mein Gott doch ganz der liebe Gott und kein strafender. Er klingt vielleicht ein wenig genervt, vielleicht waren die damals genauso wenig wach wie wir… oder vielleicht entspricht das eher dem kulturellen Pathos dieser Gegend und dieser Zeit.
Santiago sagt von sich „Soy espiritual pero no huevon!“ (“Ich bin spirituell, aber ich eiere nicht herum/bin kein Weichei!“. Auf Jesus kann diese Aussage auch zutreffen. Er war klar, machte klare Ansagen, handelte konsistent zu seinen Ansagen und konsequent. Man konnte sich an ihm reiben, wenn man sich an der Wahrheit rieb. So können wir auch sein: Klar in den Worten und wahr im Handeln, doch was der Andere daraus macht, das stellen wir ihm frei.
Leben wir zunächst Gottes Reich im Innern, dann in unserem engsten Kreis. Schritt für Schritt, jeder in seinem eigenen Tempo. Seien wir wie ein Stein, der ins Wasser fällt und dessen Sein und Handeln durch die Anregung anderer sich wie die Wellen ausdehnt. Wenn es heute noch nicht geht, zwingen wir uns nicht dazu, kritisieren uns nicht (machen uns nicht selber fertig!). Seien wir sanft mit uns. Wir beginnen als Kinder in Gottes Reich, lassen wir das Pflänzchen nicht an unseren eigenen hohen Ansprüchen eingehen. Tun wir es nur, wenn wir es mit Liebe können, wenn wir es wollen. Ansonsten bitten wir darum, es lieben zu können. Vielleicht brauchen wir einfach nur noch ein wenig mehr Ruhe und Entspannung. Vielleicht brauchen wir selbst noch ein wenig mehr liebevolle Zuwendung, ein paar Gottes-Erfahrungen mehr. Es ist immer Zeit da, diesen Zwischenschritt einzulegen und diese Bitte wahr werden zu lassen. Ich kann aus Erfahrung sagen: das ist ein wahrer, ein guter Anfang.
Nehmen wir die Anderen dadurch auf den Weg mit, dass wir ihn gehen und durch unsere Liebe, unsere Begeisterung und unsere Erlebnisse in ihnen die Einsicht wächst – oder sie uns auf dem anderen Weg vermissen. Kritisieren, zwingen und kontrollieren – das ist nicht der Weg der Liebe. Wenn wir gefragt werden, dürfen wir natürlich unser subjektives Feedback geben, doch erst dann.
Alles, was ich schreibe, ist immer eine Einladung, keine Verhaftung, keine Drohbotschaft, keine Kritik, keine Ermahnung, immer eher ein Bild meines persönlichen Brennens, meiner Begeisterung für den Weg der Liebe, vielleicht ein Weckruf für diesen Weg. Und wenn ich bisher anders verstehbar war: Ich bitte um Nachsicht! Bin selber noch am Üben, schon einigermaßen verstanden, aber noch kein Meister. Doch vielleicht ist es auch so: Wenn Sie diesen Blog freiwillig lesen und bisher nicht weggeklickt haben, wollen Sie dann nicht gerade meine Rückschlüsse aus meinen Erfahrungen wissen?
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[1] Etwas ähnliches finden wir auch im I-Ging (Übersetzung von R. Wilhelm) beim Zeichen 43: Die Entschlossenheit. „Für den entschlossenen Kampf des Guten zur Beseitigung des Bösen gibt es aber bestimmte Regeln, die nicht außer acht gelassen werden dürfen, wenn man Erfolg haben will.
- Entschlossenheit muss auf einer Vereinigung von Stärke und Freundlichkeit beruhen.
- Ein Kompromiss mit dem Schlechten ist nicht möglich; es muss unter allen Umständen offen diskreditiert werden. Ebenso dürfen auch die eigenen Leidenschaften und Fehler nicht beschönigt werden.
- Der Kampf darf nicht direkt durch Gewalt geführt werden. Wo das Böse gebrandmarkt ist, da sinnt es auf Waffen, und wenn man ihm den Gefallen tut, es Schlag gegen Schlag zu bekämpfen, so zieht man den Kürzeren, weil man dadurch selbst in Hass und Leidenschaft verwickelt wird. Darum gilt es, beim eigenen Haus anzufangen: persönlich auf der Hut zu sein vor den gebrandmarkten Fehlern. Dadurch stumpfen sich die Waffen des Bösen von selbst ab, wenn sie keinen Gegner finden. Ebenso dürfen auch eigene Fehler nicht direkt bekämpft werden. Solange man sich mit ihnen herumschlägt, bleiben sie immer siegreich.
- Die beste Art, das Böse zu bekämpfen, ist energischer Fortschritt im Guten.“
P.S. Ich habe übrigens eine ganze Menge Übereinstimmung zwischen dem I-Ging und der Bibel entdeckt.
[2] In der griechischen Übersetzung wird das Wort ανταποδωσω = antapodoso benutzt, das auch „gegenteiliges bewirken“, „entsprechen lassen“, „entgegengesetzt schaffen“ heißt. Das „duale Erleben“, das Gott schafft, ist in dieser Wortbedeutung nachvollziehbar, auffindbar.
Philipper 4 (Lutherbibel 1984)
4 Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! 5 Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! 6 Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! 7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Das Wort Vernunft in der Bibel wird zum einen mit dem griechischen Wort σοφια = Sofia ausgedrückt, das heißt eigentlich Geschicklichkeit, Gewandheit oder Kunstfertigkeit, im übertragenen Sinne dann Verstehen, Kenntnis, Einsicht, (Lebens-)Klugheit, Weisheit. Zum anderen ist es das Wort γνωσις = Gnosis, das heißt Erkenntnis, Einsicht, Denken und Wollen, ebenfalls das Wort νοος = Noos mit der Bedeutung Sinn, das Vermögen geistiger Wahrnehmung, daher auch Einsicht, Verstand, Vernunft, Aufmerksamkeit; das Vermögen des Wollens, d.h. Absicht, Gedanke, Zweck; das Empfindungsvermögen, d.h. Gesinnung Sinnesart, Gemüt, Seele, Herz, in Verbindung mit dem Wort „wach“, „Wächter“ (hier im o.g. Philipperbrief). Ist es das, was wir heute gemeinhin unter Vernunft verstehen?
Es ist gar nicht so schwer, in einem Leben sich zurecht zu finden, wir hatten das hier schon. Es gibt so viele Zeichen, die uns damit weiterhelfen, für uns zu finden, was gut und was nicht gut für uns ist. Es stehen im Vordergrund zunächst unsere Gefühle. Das ist ganz einfach. Das was uns anzieht, ist das, was er für uns darbietet, und das, was uns kalt lässt oder abstößt, ist für andere da. Dann unsere Wahrnehmung dessen, was ist, was er vor unsere Füße, unsere Augen stellt: Das, was da ist, ist für uns, das was nicht da ist, ist nicht für uns. Und unsere Einsicht: Was stellt sich als gesund und lebbar heraus? Und es leben! Was macht uns krank? Und es lassen!
Das mag zunächst ganz ungewohnt klingen, denn wir haben ja meist eine ganz andere Erfahrung gemacht während unserer gesamten Kindheit: Vernunft ist, was die Erwachsenen wollen. Vernünftig ist, wozu wir keine Lust haben, und wo wir nicht so sein können, wie wir sind. Wir waren gehalten zu lernen, damit später aus uns was wird. Und selbst, wenn wir keine Lust zum Lernen haben, dann sollten wir uns dazu zwingen. Und einfach weiterlernen. Disziplin, Wille, Ehrgeiz, Leistungsstreben. Das ganze System ist danach ausgelegt. Morgens aufstehen und zur Arbeit oder zur Schule gehen. Den ganzen Tag irgendeine Arbeit erledigen, vom Brötchen backen bis zur Vorstandssitzung. Unsere Lebenszeit verkaufen. Abends nach Hause kommen und uns ausruhen, denn morgen geht das ja wieder los. Das alles scheint seinen Sinn zu haben. Hat es auch.
Doch was für einen Sinn hat es wirklich? Ist die Art, wie wir leben, was gemeinhin vernünftig genannt wird, was uns normal und richtig erscheint, wirklich sinnvoll und vernünftig? Die Frage, die wir uns als erstes stellen können: Macht das, was alle denken, Sinn, ist es geprägt von Einsicht, Weisheit, Lebensklugheit, Herz, Seele, Aufmerksamkeit, Wachheit?
So, wie es heutzutage ist: Macht es Sinn, einen Beruf zu haben, bei dem man sich 8 Stunden an eine andere Stelle begibt, sich von den Seinen trennt, dann noch einige Zeit in irgendeinem Verkehrsmittel verbringt, um dann völlig erledigt zuhause wieder zu erscheinen, wo einen alle erwartungsvoll ansehen und Zuwendung und Aufmerksamkeit wollen, obwohl diese längst an alle anderen Begegnungen im Laufe des Tages verteilt wurde. Was bekommen denn die von uns, die uns am meisten lieben, die wir am meisten lieben? Einen von der Arbeit verbrauchten Menschen. Einen, der eher ihre Aufmerksamkeit und ihre Zuwendung nötiger als alles hat, weil er sich leergearbeitet hat.
Nochmals: Ist dies richtig? Ist dies sinnvoll? Ist dies weise? Fördert dies die Liebe und Freude im Leben? Was ist unsere Einsicht? Sind wir sicher, dass Gott dies für uns gewollt hat? Sind wir sicher, dass wir das für uns gewollt haben? Können wir uns ein schöneres Leben vorstellen? Können wir uns ein Leben vorstellen, in dem wir das, was wir am meisten lieben, in den Vordergrund stellen? Das wir uns mit dem beschäftigen, was wir am meisten lieben, dass wir die Menschen um uns haben, die wir am meisten lieben? Das wir beispielsweise so frei sind, die Tage nutzen zu können, an denen die Sonne scheint, um hinauszugehen, in die Sonne zu gehen, und anderen Tage zu nutzen, um uns um die Dinge im Innern zu kümmern: sauber zu machen, Briefe zu schreiben, Dinge zu erledigen, die erledigt werden wollen.
Du fragst: Ja und was werden wir denn essen und wo werden wir wohnen, wenn wir dies bisherige Leben nicht mehr weiterverfolgen, wenn wir einfach das tun, was wir in diesem Moment gerade tun mögen? Wie werden wir mit anderen zusammen kommen, um gemeinsam die Dinge zu erledigen, die wir nicht mehr allein erledigen können? Wie soll denn das gehen? Wir könnten uns auf nichts mehr verlassen! Das Leben ist doch so entstanden, weil wir es so brauchen, weil es so sein muss! Ist das wahr? Können wir wirklich wissen, dass dies wahr ist? Unser Manual dieser Welt, die Bibel, sagt etwas anderes…Wie viele Jahre gibt es diese Welt in dieser Form? Ist alles zum Besseren gelangt, weil wir in dieser Art und Weise denken und handeln?
Und wie sieht es aus mit der Liebe? Nehmen wir uns wirklich die Zeit für die Liebe, die sie verdient? Schauen wir uns doch an, was wir wirklich brauchen. Wenn die Liebe das Wichtigste ist auf dieser Welt, das, was alles andere zusammen hält, das zu leben, was der Sinn dieses Planeten ist: Was tun wir dafür? Setzen wir uns wirklich täglich mit ganzem Herzen dafür ein? Ist unser Geliebter, unsere Geliebte an erster Stelle in unserem Leben?
Was tun wir täglich für die Liebe, für unseren Geliebten, den wir ein ganzes Leben zu lieben schwören? Haben wir Zeit füreinander? Beginnen wir den Morgen, indem wir die Liebe zueinander feiern? Oder sind wir schon in Eile? Verbringen wir unsere schönsten und kraftvollsten Stunden miteinander oder unsere schwächsten und kraftlosesten? Und wenn es letzteres ist, wie wirkt sich das auf unsere Liebe aus?
Stehen unsere geliebten Kinder für uns im Vordergrund? Oder treten sie zurück an eine Stelle, in der sie zwar mit uns leben, aber nur einen Bruchteil unserer Aufmerksamkeit bekommen, sie von hauptsächlich von anderen Menschen erzogen werden? Liegt unsere Liebe hauptsächlich in ihrer materiellen Versorgung? Geben wir ihnen unser Bestes oder das, was übrig bleibt, wenn alles andere geschehen ist? Wie wird heutzutage Familienarbeit geschätzt?
In der so genannten Positivliste für 1-Euro-Jobs werden Tätigkeiten aufgeführt, deren Ausführung „unbedenklich“ sind für den 1. Arbeitsmarkt, d.h. den Arbeitsmarkt, bei dem Leistung gegen Entlohnung ins Verhältnis der „Wertschätzung“ gesetzt wird. Die in der Positivliste aufgeführten Tätigkeiten sind alles Dinge, die einer persönlichen Wertschätzung unterliegen, d.h. die von einem anderen als ausgesprochene Wohltat empfunden werden, die ausdrücklich Liebe von einem Menschen zum anderen Menschen transferieren können.
Schwache fühlen sich unterstützt. Diese Arbeit dient dazu, dass Menschen sich in schwierigen Situationen weniger alleingelassen und auf sich gestellt fühlen. Sie dienen dazu, die uns anvertrauten Menschen besser zu fördern und zu begleiten. Und diese Tätigkeiten werden pro Stunde mit 1 Euro wertgeschätzt, während jede andere Tätigkeit eine höhere Wertschätzung erhält. Und wie wird sich das für den Empfänger anfühlen, wenn diese Tätigkeiten aus reinem Pflichtgefühl, sogar vielleicht mit Abscheu getan werden? Die Erkenntnis der Wertschätzung wird sich meist erst dann ergeben, wenn wir selbst dieser Hilfe bedürfen, wenn wir selbst merken, wie wichtig uns ein Mensch an unserer Seite ist, wenn wir selbst klein, ängstlich, verlassen, krank,. verpflichtet, zeitlos, gestresst fühlen. Es ist wie Balsam auf der Seele, wenn dann ein Mensch da ist, der mit Ruhe und Zeit uns begleitet, uns die Hand hält und solange ausharrt, bis dieser schwache Moment wieder vorbei ist.
So ging es mir: Vor einigen Jahren spürte ich beim Duschen einen Knoten in meiner rechten Brust. Ich bekam riesige Angst, mein ganzer Körper begann sofort zu zittern, das Wort Krebs flammte blitzartig in meinem Geist auf. Ich fühlte mich in Lebensgefahr, mein ganzes Leben, meine ganzen Pläne schienen in sich zusammenzufallen. In diesem Moment war mir alles egal, keine Bedenken, mich lächerlich zu machen: ich packte meine Sohn ein und fuhr sofort ins Krankenhaus, es war Sonntagvormittag. Im Notdienst untersuchte mich eine junge Ärztin oberflächlich. Sie empfahl mir die umgehende Abklärung durch Ultraschall und Röntgen und Gewebsentnahme, was sonntags jedoch leider nicht möglich war. Ich konnte nicht mehr schlafen, ich konnte nicht mehr essen, ich war nicht mehr ich selbst, ich lief herum wie Falschgeld. Mit aller Kraft und allen verfügbaren Mentaltechniken versuchte ich, meine Panik zu bändigen, doch nur mit mäßigem Erfolg.
Am Montag rief ich sofort im Krankenhaus an und bekam für Dienstag einen Termin für die Untersuchung. Am Dienstag fuhr Santiago mich ins Krankenhaus – was für ein Segen, nicht selbst fahren zu müssen. Freundlich plaudernd lenkte er mich die zwei Stunden ab, die ich trotz Termin noch warten musste, hielt mir die Hand, drückte mir die Daumen und lächelte mir zu, kurz bevor sich die Tür zum Untersuchungsraum hinter mir schloss. Was wären diese zwei Stunden ohne Begleitung für eine Qual gewesen! Zum Glück konnte ich mit einem völlig beruhigenden Ergebnis nach der Untersuchung wieder nach Hause gehen. Er teilte begeistert meine Erleichterung, wir lachten und feierten.
Wie ich diese Erfahrung wertschätze? Sie ist eigentlich unbezahlbar, sie ist die beste Unterstützung und das große Glück in einem solchen Moment der Tiefe. Wie wäre dies allein gewesen? Einfach mal diese Situation nachfühlen! Sie werden wissen, was ich meine! Ein solches Erlebnis ist ein Meilenstein der Emotion, der Vertiefung der Verbundenheit zu einem anderen Menschen. Welch eine Verschwendung, solche Verbundenheit nicht wahrzunehmen, anzunehmen durch: Ach, das schaffe ich schon! Ach, das schaffst du doch auch allein! Welche eine Verschwendung, sie nicht immer wieder zu verschenken!
Was sind die Worte, die unsere Kinder von uns am meisten hören: Sei doch vernünftig! Bitte sei leise! Nun stell Dich nicht so an! Nun mach doch mal endlich! Beeil Dich! Oder hier ein Auszug aus der Web-Seite, die ich einmal gefunden habe: http://www.kraetzae.de/erziehung/sprueche/, aufgeschrieben von Mike Weimann:
Kannst du mir mal sagen, was das soll Sei ordentlich Geh da weg Das ist nichts für Kinder Du kriegst keine Extrawurst Wer nicht will der hat schon Hör mit dem Geplärr auf Entschuldige dich Warum isst du schon wieder nichts Dazu bist du noch zu klein Woher hast du das Da führt nun mal kein Weg dran vorbei Das glaubst du doch selber nicht Das ist doch kein Umgang für dich Hör auf dich wie ein Kind zu benehmen Sieh mich an, wenn ich mit dir rede Das tut doch gar nicht weh Du wirst mir noch mal dankbar sein Wer nicht hören will muss fühlen Brav Du musst noch ruhiger werden Sitz gerade So spricht man nicht mit seinen Eltern Du brauchst nicht traurig zu sein Benimm dich Räum auf Lass das Stell dich nicht so an Heulsuse Ich hab dir schon hundertmal gesagt Sag Dankeschön Weshalb kommst du so spät nach Hause Kommt überhaupt nicht in Frage Wo warst du schon wieder Du solltest dich schämen Wenn du nur einen Funken Verstand hättest Mach bitte nicht so ein Gesicht Hoffentlich hast du mal ein Kind wie dich Du brauchst keine Angst zu haben Hast du keine Ohren Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt Denk doch mal an später…. Das geht da noch mindestens eine Seite so weiter, dortselbst nachzulesen.
Tut weh, oder? Klingt für mich eher nach: „Sei so, wie ich es erwarte! Sei so, dass du mich nicht nervst! Sei so, dass ich dich aushalten kann. Sei so, dass mein Leben trotz dir funktioniert.“ Das ist der Weg in die „Vernunft“? Ist dort Liebe drin? Was man gemeinhin als Vernunft in der jetzigen Welt zu betrachtet, fühlt sich an nach „sich von seinen Sinnen abzutrennen und sich anzupassen“. Das ist nicht gesund.
Unser heutiger Weg hat für mich nichts, aber gar nichts mit Vernunft im Sinne von Einsicht, Sinnhaftigkeit und Weisheit zu tun. Es ist maximal die Vernunft der Angstvermeidung. Wir sind paralysiert vor Angst über alle möglichen Dinge, so dass wir uns fast nur noch um Absicherung bemühen. Wir sind bar jeden Vertrauens, wenn wir nach heutigen Maßstäben „vernünftig“ leben.
In meiner Praxis tauchen Menschen auf, die an der Anpassung an diese scheinbare Vernunft schier kaputt gehen. Sie fühlen sich permanent im falschen Film, wenn sie ganz richtig etwas als völlig falsch fühlen, was heute der Norm entspricht, was heute ein Mensch bewältigen sollte. Ich treffe Frauen, die der Härte des heutigen Berufslebens nicht gewachsen sind und an dieser Härte zerbrechen. Sie fühlen die Ansprüche an die verschiedenen „Hüte des Lebens“: berufliche Karriere und Erfolg, Selbstverwirklichung, Sinnfindung, Aussehen, Image und Status, Familie, Kinder. Sie haben das Gefühl, das alles auch auf die Reihe bekommen zu müssen, scheitern in ihrer Sensibilität an diesem Joch, fühlen sich als Versager und völlig daneben.
Die Forderung nach Anpassung ist so groß, dass dabei immer wieder die Persönlichkeit der Menschen zerbricht. Suizidalität allenthalben! Sie fühlen richtig, konform mit ihrer Seele und Gottes Willen für uns und kriegen gesagt, dass sie nicht in Ordnung sind. Bekommen zusätzlich die Aufgabe, sich endlich „mal in Ordnung zu bringen“, damit sie wieder „funktionieren“, damit die Anhänger der scheinbaren Vernunft nicht umdenken müssen. Wenn so viele, viele scheitern, es so viele Menschen krank macht, wie kann es richtig sein? Unsere jetzige Welt ist schreiende Unvernunft. Doch die Schreie verhallen – in der Regel ungehört – im Innern des Individuums, im Nebel der Psychopharmaka[1] und anderer Drogen und wenn es ganz schlimm kommt – in der Psychiatrie. Gott, bitte hilf den „Hungernden nach OK sein“, bitte setze dieser schreienden Unvernunft ein Ende! Danke!
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[1] Weltweit wurden in 2007 ca. 20 Mrd. Dollar für Antidepressiva ausgegeben. (Quelle IMS Health Marktforschung). Ungefähr ebenso viel wird mit Antipsychotika umgesetzt. Unter den Top 10 der umsatzstärksten Arzneimittel befinden sich drei Psychopharmaka.


