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Wann und wie können wir anfangen? Müssen wir Voraussetzungen schaffen, erreichen, damit wir uns auf den Weg in Gottes Reich machen können? Müssen wir selbst, muss unsere Umgebung vollständig rein und sündenfrei sein, dass wir den Anfang wagen können?

Matthäus 13 (Lutherbibel 1984)

24 Er legte ihnen ein anderes Gleichnis vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. 25 Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. 26 Als nun die Saat wuchs und Frucht brachte, da fand sich auch das Unkraut. 27 Da traten die Knechte zu dem Hausvater und sprachen: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? 28 Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du denn, dass wir hingehen und es ausjäten? 29 Er sprach: Nein! Damit ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet. 30 Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meine Scheune.

Eine Deutung des Gleichnisses: Man kann Gottes Reich an jedem Raum der Welt errichten, auch wenn man nur von Menschen umgeben ist, die Gottes Reich nicht kennen, nicht wollen oder nicht anstreben. Das ist einfach zu akzeptieren. Eine ganz freie, perfekte Fläche werden wir wohl nicht finden, warum auch? Wir müssen nicht auf den Moment warten, bis alles perfekt ist, auch in uns selbst nicht, um von unserer Seite her loszulegen. Sondern jetzt, in jedem Moment, jederzeit können wir anfangen.

Unkraut im Weizen - auf dem Jakobusweg nahe Vacha

Keine Ausreden, im Gegenteil: Wenn der Weizen nicht wüchse, wenn er von anderen Pflanzen umgeben ist, wie klein wäre dann seine innere Wachstumskraft gepaart mit Gottes Unterstützung. Es ist doch der allmächtige Gott, der uns zur Seite steht! Auch in widrigen Umgebungen, umgeben von „Unkraut“  können wir uns entfalten, wenn wir es darauf anlegen und uns Seiner Hilfe anvertrauen. Gerade diese Umgebungen bieten uns Glaubensprüfungen in Hülle und Fülle, an denen wir wachsen und Stärke gewinnen können. Die Gaben des Heiligen Geistes werden uns nicht erst zugeteilt, wenn wir vollkommen sind, sondern damit wir vollkommen werden können.

Jesu Deutung des Gleichnisses vom Unkraut, Matthäus 13 (Lutherbibel 1984):

36 Da ließ Jesus das Volk gehen und kam heim. Und seine Jünger traten zu ihm und sprachen: Deute uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker. 37 Er antwortete und sprach zu ihnen: Der Menschensohn ist’s, der den guten Samen sät. 38 Der Acker ist die Welt. Der gute Same sind die Kinder des Reichs. Das Unkraut sind die Kinder des Bösen. 39 Der Feind, der es sät, ist der Teufel. Die Ernte ist das Ende der Welt. Die Schnitter sind die Engel. 40 Wie man nun das Unkraut ausjätet und mit Feuer verbrennt, so wird’s auch am Ende der Welt gehen. 41 Der Menschensohn wird seine Engel senden, und sie werden sammeln aus seinem Reich alles, was zum Abfall verführt, und die da Unrecht tun, 42 und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird Heulen und Zähneklappern sein. 43 Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich.

Jesus selbst hat das Gleichnis auch gedeutet. Gottes Reich kann koexistieren mit dem Bösen, kann koexistieren mit denen, die nicht darin leben. Doch wer in Gottes Reich sein will, der wird auch dort bleiben. Die Ernte wird eine unterschiedliche sein, wir haben die Wahl, Er läßt uns die Wahl.

Offenbarung des Johannes, 22 (Hoffnung für alle):

10 Halte die prophetischen Worte nicht geheim, die du aufgeschrieben hast, denn bald wird alles in Erfüllung gehen. 11 Wer dennoch weiter Unrecht tun will, der soll es tun. Wer mit Schuld beladen bleiben will, der soll es bleiben. Doch wer ein Leben führt, wie es Gott gefällt, der soll weiterhin so leben. Und wer Gott gehört, der soll bei ihm bleiben. 12 Macht euch bereit! Ich komme schnell und unerwartet und werde jedem den verdienten Lohn geben. 13 Ich bin der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ziel, das A und das O. 14 Glücklich werden alle sein, die ihre Kleider rein gewaschen haben. Sie dürfen durch die Tore in die Stadt hineingehen und die Früchte von den Bäumen des Lebens essen. 15 Draußen vor den Toren der Stadt müssen alle Feinde Gottes bleiben: alle, die sich mit Zauberei abgeben, die sexuell zügellos leben, die Mörder, alle, die anderen Göttern nachlaufen, die gerne lügen und betrügen.

„Unkraut“ wuchert außen wie innen. Auch viele unserer Gedanken sind noch Unkraut, oft fallen wir wieder zurück in die Beurteilung von Gut und Böse. Oder wir kehren in unsere Ängste zurück und vertrauen nicht. Wir überlegen ständig, wie wir dies oder jenes geregelt bekommen – auf den bisher gewohnten Wegen. Mit diesem Unkraut können wir leben lernen, es als Unkraut ansehen und es hin- aber nicht ernst nehmen, nicht danach handeln, ihm trotzen. Auch hier dürfen wir wachsen und uns Stück für Stück entwickeln. Wer schafft es denn schon, von einem auf den anderen Tag vollständig gut zu sein? Da gibt es so viele Gewohnheiten, die neu einzurichten oder zu überwinden sind. Und jede einzelne Gewohnheit braucht schon seine Zeit der Erkenntnis und dann des An- oder Abgewöhnens.

Von den Arbeitern im Weinberg: Matthäus 20 (Lutherbibel 1984)
1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. 2 Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. 3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen 4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. 5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. 6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? 7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg. 8 Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. 9 Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. 10 Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen. 11 Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn 12 und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben. 13 Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? 14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. 15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin? 16 So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Für Gottes Reich gelten unsere Regeln und Gerechtigkeiten nicht. Und – für Gottes Reich ist es nie zu spät. Ob wir uns nun in der 1. Stunde oder der 11. Stunde oder sogar 5 vor 12 für die „Arbeit in seinem Weinberg“, das Leben in seinem Reich eintragen und loslegen, es ist nicht zu spät. Wir schaden uns nur selbst, wenn wir es hinausschieben. Wir sind alle gleich vor ihm, wir erhalten alle den gleichen Lohn, nämlich was jeder zum Leben BRAUCHT. Jede Zeit ist die rechte Zeit, um bei ihm anzukommen.

Liebe fragt nicht. In der guten Tat liegt der Lohn an sich. Wer schon sein Leben lang Gutes gesät hat, na, der wird auch geerntet haben, oder? Wer lange Wege gebraucht hat, um anzukommen und lange nichts Gutes gesät hat, der wird auch gehungert haben, gehungert nach Liebe, gehungert nach Sinn, gehungert nach Ankommen, gehungert nach Seiner Hand, gehungert nach dem Getragensein, gehungert nach der wahren Sicherheit und getäuscht von vielen vermeintlichen Zielen und Sicherheiten.

Gottes Reich ist keine Leistungsgesellschaft, sondern eine Solidargemeinschaft. Wir alle haben Lebensphasen, in denen wir stark und kräftig sind; wo es ganz natürlich ist, dass wir mehr schultern als andere, wo wir andere versorgen, die sich nicht so gut versorgen können. Und wir haben Lebensphasen, in denen wir weniger schaffen, weniger Leistung bringen als unsere Mitmenschen, uns vielleicht nicht einmal mehr selbst vollständig versorgen können. Es ist völlig gottgewollt, dass andere unsere Last mittragen, so, wie wir es einmal tun werden (Perspektive des Kindes) und so wie wir es getan haben (Perspektive des alten Menschen). Mehr darüber im Kapitel  „Stärke und Schwäche“.

Nächster Artikel: Leichtigkeit, bewusste Entscheidung…

Wachstumsphasen - Clipart aus Microsoft Powerpoint

Die verschiedenen Lebensphasen bieten uns unterschiedliche Chancen für die Erfahrung von Stärke und Schwäche, für die Erfahrung des Guten und des höchsten Gesetzes. Ich will es hier am Gleichnis des Apfelbaumes beschreiben für die Achtung, Wertschätzung und Liebe einer jeden Lebensphase als Kontrapunkt zur aktuellen Überbetonung des Jungseins. Als Sonne und Regen beschreibe ich dabei das schicksalhafte Erleben von Situationen von Wärme, Liebe aber auch Trockenheit, wie auch Nässe, Kälte und stürmischer Emotionalität. Wir brauchen beides zum Leben. Und wenn wir den Regenbogen betrachten, dann brauchen wir für das Erscheinen der großen Himmels­brücke sogar beides gleichzeitig: die Sonne und den regen, das Warme und das Feuchte, das Süße und das Saure.

Knospen

Der Apfelbaum bekommt mit den ersten Sonnenstrahlen im Frühling die Fähigkeit, Knospen zu bilden. Diese wachsen zunächst, sie sind noch ganz zart und klein, sie werden von Knospenblättern vor Wind und Wetter geschützt und gehalten. Stück für Stück entzieht der Apfelbaum dann den Knospen den Schutz und exponiert sie dem Leben, die Blätter werden gelockert, die Knospen kommen an die Luft, werden Sonne und Regen ausgesetzt, sie erhalten eine immer breitere Sichtbarkeit und „Perspektive“ auf die Welt.

Die Kindheit ist eine Zeit des geschützten Wachstums. Die Eltern schützen und unterstützen das Kind, das noch nicht allein in der Welt bestehen kann. Sie geben dem Kind durch sicheren Halt, vor allem durch ihre Liebe, das Vertrauen in die Welt, so dass sich die Kinder entfalten können. Stück für Stück erhalten Kinder dann mehr Raum, um selbst die Welt zu entdecken und zu erfahren, bis sie dann den Knospenblättern immer mehr entwachsen. Sie sind gehalten, immer mehr ihre eigene Farbe ans Tageslicht zu bringen und Stärke zu entdecken und zu entfalten. Die Eltern sind gehalten, sich immer mehr zurückzuziehen, um sie irgendwann freizugeben.

In dieser Zeit kommen wir in Kontakt mit der allgegenwärtigen Gewohnheit des Beurteilens. Wir werden beurteilt und wir lernen von unserer Umgebung zu beurteilen. Gleichzeitig haben wir die Chance zu lernen, uns selbst zu regulieren und zu Hoffnung, zum Glauben und zum Guten zu kommen. Während wir zunächst noch bei jeder Gelegenheit Trost brauchen, lernen wir mit der Zeit, uns selbst zu trösten. Während das Baby überhaupt keinen Zeitbegriff hat und in jeder Hungersituation nicht weiß, ob es je wieder etwas zu essen bekommen wird, Todesangst hat, so macht es irgendwann – hoffentlich – die Erfahrung, dass schon irgendwann jemand kommen wird, weil ja bisher immer jemand gekommen ist. Dann kann es sich nach und nach durch Hoffnung und Glauben selbst beruhigen, sich sagen: Wird schon! Ist ja bisher immer gut gegangen. Und: was sind meine wirksamsten Signale, dass ich etwas bekomme?

Mit wachsenden Fähigkeiten lernt das Kind auch, sich selbst zu versorgen und in sich und in der Gemeinschaft die Erfüllung seiner Bedürfnisse zu finden, aktiv auf andere zuzugehen, sich auszutauschen. Und auch hier können diese Erfahrungen entstehen: Mir wird geholfen, wenn ich schwach bin, was ich nicht kann. Ich kann lernen, es zu können. Ich kann helfen, wo ich stark bin, wo ich was kann. Ein Überbehüten lässt die Knospe sich nicht zur Blüte entfalten.

Apfelblüte in der Apfelallee hinter Flatow auf dem Wilsnackweg, Mai 2008

Blüten

In der Blütezeit stehen die befruchtenden Kontakte mit den Insekten im Vordergrund. Der Baum strahlt vor Schönheit. Attraktivität und Anziehungskraft sind ein wichtiger Faktor im Geschehen der Befruchtungserlebnisse. Der Apfelbaum strotzt nur so vor Lebendigkeit und Lebenskraft, steht voll im Saft, an allen Ecken und Enden treibt es aus ihm heraus. Am Ende der Blüte fallen dann die Blütenblätter wie ein weißer Schleier herab, die Knospenblätter vertrocknen und trennen sich vom Fruchtansatz ab.

Die Jugend und die Zeit des jungen Erwachsenen zeigen eine Zeit des stürmischen Wachstums, der großen Kraft und Stärke, Die Attraktivität für das andere Geschlecht steht im Vordergrund, wir verlassen unser Elternhaus, es werden Partnerschaften geschlossen, Befruchtung findet statt. Aus einer Vielzahl an Blüten wird eine Menge an Früchten im Leben angelegt: Ausbildung und das Entstehen von Kompetenzen, Vorlieben, Interessens- und Wissensgebiete, Ortswechsel (die Lehr- und Wanderjahre), Beziehungen,  Freundschaften, Projekte, Stufen des Berufslebens und der Schaffung unseres sozialen Umfeldes, unserer „Wahlfamilie“.

Die Lenkung der Kraft und der Stärke kann in dieser Lebensphase noch etwas „grün“ und „ungelenk“ sein, was jetzt „mitwachsen“ muss, was die Kraft zu ergänzen hat, ist der Geist, ist die Übung und die Erfahrung und Weisheit. Wir sind in dieser Lebensphase mit viel so Stärke ausgestattet, damit wir nicht so schnell aufgeben, wenn etwas nicht funktioniert, sondern uns auf vielen, vielen Ebenen ausprobieren. Wir stehen wieder auf, wenn wir hingefallen sind, auch wenn wir mehr als einmal hinfallen.

Verluste und Scheitern sind wichtige Lernwege und Lebenserfahrungen. Wir haben an vielen Orten noch den Anfänger-Bonus, Erfahrenere legen für uns ein Netz oder doppelten Boden aus, begleiten unsere Lernschritte mit Wohlwollen oder Nachsicht und ihrem Wissensschatz. Wir dürfen in die Lehre gehen. Verantwortung wird uns allmählich wachsend übertragen. Das Maß unseres Scheiterns ist noch nicht so schwer wiegend, was zu Boden fällt, das fällt in der Regel sanft, da wir weiterhin voller Stärke, Lebensmut und Attraktivität sind. Was unser Leben verlässt, das geht sanft.

Reifung und Wachstum

Die befruchteten Blüten beginnen, zur Frucht heranzureifen. Der Baum beginnt zu tragen, er wird Stück für Stück mehr belastet. Er bringt grüne Früchte hervor, die – Sonne und Regen ausgesetzt – heranwachsen. Sie sind noch klein, sauer und hart, sie sehen oft einer aus wie der andere. Was nicht zur Reifung taugt oder wurmstichig wird, das fällt ab. Manche Zweige neigen sich mit der Zeit unter dem Gewicht.

Wir stehen in unserer vollen Kraft, einer langen Lebensphase, die Gnade dieser Lebenszeit. Was als Blüte voller Leichtigkeit noch vielleicht eine Idee, ein Wunsch, ein Gedanke war, eine Auswahlmenge war, wird nun Realität, verwirklichtes Leben. Viele Früchte wachsen heran, doch schon jetzt fällt das herab, was nicht lebensfähig ist. Mit der Zeit wird das, was wir zu tragen haben, immer schwerer: die Kinder kommen und wachsen heran, berufliche Aufgaben entwickeln sich und werden komplexer, das soziale Umfeld muss mit ähnlichen Lasten umgehen. Manche Freundschaften gehen verloren, in Beziehungen kann der Wurm drin sein.

Damit wir wirklich schultern können, was zu unserem Leben gehört, müssen wir nun viele Vorstellungen loslassen, auch wenn es manchmal schwer fällt. Die Entscheidung für den einen Weg ist immer der Abschied von vielen anderen Wegen, die auch ihren Reiz haben können. Die Früchte unseres Schaffens sind noch klein und bedürfen noch vieler Erfahrungen, um zu einem Lebenswerk heranzureifen. Sie sind vielleicht noch ungenießbar, noch unfertig, noch nicht lebensfähig, doch mit der Zeit wächst das Herz und der Geist unserer Frucht.

Das Wetter wechselt, Phasen des Sonnenscheins wechseln mit Regentagen ab, Stürme ziehen auf und zu manchen Zeiten macht uns die Hitze zu schaffen, Durststrecken sind zu überwinden. Wir versuchen, unsere Früchte wachsen zu lassen, wir investieren hier unsere Stärke. Insgesamt ist diese Lebensphase eine Zeit, in der Kraft und Herzensbildung und geistige Frucht miteinander in die Waage geraten und Ziele tatsächlich erreichbar werden.

Reifer Apfel Bild aus wikicommons von user Glysiak

Reife

Die Früchte werden reif: süß und saftig, sie bekommen Farbe, sie beginnen zu duften. Sie beginnen sich immer mehr von einander zu unterscheiden. Sie erhalten durch die Reife wieder eine neue Phase der Attraktivität und Schönheit, und zwar durch ihre Frucht, die jetzt aus ihrer Zeit in der Sonne die Süße und aus der Zeit des Regens ihre Saftigkeit erhalten hat. Der Baum hat jetzt noch schwerer zu tragen und es fallen immer mehr Äpfel auch ab. Die Blätter färben sich bunt, welken und beginnen zu fallen, da aller Saft in die Frucht geht.

Der reife Mensch hat viel Kraft und Stärke in seine Früchte investiert, die Kraft ist teilweise an die Früchte übergegangen: seine Beziehungen, seine Kinder, seine berufliche Verwirklichung, seine Werke, seine Berufung, seine Interessen. Alles hat an Breite und Tiefe, an Differenzierung, an Geschmack gewonnen. Das Wetter hat die Tragfestigkeit getestet. Was haltbar war, hat gehalten, was nicht tragfähig war, ist aus dem Leben verschwunden. Aufgrund schwindender Kräfte mussten wir irgendwann die Hand aufmachen und die eine oder andere Aktivität oder Beziehung aufgeben. Rekonvaleszenzzeiten werden länger.

Wer seine Erfahrungen genutzt und verfeinert hat, der verfügt nun über einen reichen Erfahrungsschatz: aus den süßen, sonnigen Tagen und aus den Durststrecken, aus feuchten, kühleren Tagen: dem Fluss unserer Gefühle, aus Tränen und aus Schweiß. All das hat uns geprägt, alles, was wir dankbar angenommen haben, das hat sich in Süße verwandelt. Alles, was noch nicht angenommen ist, was noch nicht verdaut und vergeben ist, das beginnt zu faulen, körperliche Anfälligkeit und Krankheiten entwickeln sich. Und man muss aufpassen, dass das Faulige nicht die guten Früchte ansteckt und mitfaulen lässt, das wäre ein Trauerspiel. Manche Frucht fällt weit vor der Zeit vom Baum.

Die Durststrecken sind vielleicht kürzer geworden, weil unser eigener Schatz gewachsen ist. Die Wärme wird weniger, doch wir haben vielleicht inzwischen ganz viel Wärme in uns selbst und in unserem Netzwerk gespeichert, dass wir der Sonne im Äußeren nicht mehr so sehr bedürfen. Die entscheidende Aufbauarbeit ist geleistet, wir haben Ziele erreicht, wir haben vielleicht Werke von bleibendem Wert geschaffen oder sind gerade dabei.

Wenn die Kraft jetzt nachlässt und wir äußerlich etwas welk werden, dann ist in unseren Früchten, in unserem Innern, in unseren Worten, in unserem Sein jetzt die Süße und Saft und Kraft unseres Herzens und die Ausstrahlung unseres Geistes. Wir werden deutlich unterscheidbar, individueller, jeder hat seine eigene Schönheit, sein eigenes Muster. Wir müssen nicht mehr ganz glatt sein, einfaltslos oder einfältig, nein, wir sind vielfältig und erschaffen ein rundes Bild.  Dieser Schatz macht uns begehrenswert und manch Vorbeigehender denkt mit Vorfreude auf das Anbeißen, die Entdeckung des Innern, der gereiften Persönlichkeit.

Ernte

Geernteter Apfel - Clipart aus Microsoft Powerpoint

Das große Loslassen beginnt. Die Äpfel werden geerntet, sie werden vom Apfelbaum getrennt. Sie sind durch und durch süß und saftig und werden genossen! Und wenn die geernteten Äpfel runzlig werden, dann werden sie noch süßer. Was nicht süß und saftig wurde, das wird nicht gepflückt, das trennt sich als Fallobst durch Schwere oder Windstöße rauher Zeiten vom Baum und verfault. Hier wird von außen – durch die Bakterien d.h. Krankheit – noch ein gewisser „Zwangs-Süßungsprozess“ eingeleitet, doch die Schönheit und das Genossen werden bleibt aus.

Und was für ein Genuss: ein zufriedener, herzlich-zugewandter und weiser Mensch im Alter. Ein Quell des Friedens, der Liebe und der Erfahrung für seine ganze Umgebung. DIE Hoffnung überhaupt! Wir lassen Stück für Stück unser bisheriges Leben los und geben uns Seiner Sorge hin. Das Gute wird eingelagert und zur Nahrung Anderer – in Form von Weisheit und Süße – bereitgehalten.

Im Alter tritt dann durch die Passivität und durch altersbedingte Einschrän­kungen eine sinnvolle Zeit der Schwäche ein. Es geht darum, in dieser Zeit in einer vollständigen Rückschau mit dem eigenen Leben, mit dem eigenen Schicksal, mit den Menschen des sozialen Umfeldes und mit Gott Frieden zu schließen. Man versteht das Leben in der Rückschau am besten. Es geht darum, jede Situation, jede Beziehung, in der der Friede noch nicht eingekehrt ist, nochmals anzuschauen und die Annahmen zu überprüfen, die man damals mit dieser Situation, diesem Menschen, dieser Beziehung hatte. Wie kann ich aus dieser Perspektive das Gute daran entdecken, wie kann ich daran entdecken, dass es gut war, dass alles gut war. Es geht darum, vollständig zu werden in Herz, Seele und Geist.

Diese Zeit ist ein intensiver Reinigungsprozess, eine Zeit des Glücks über neue, eben Gut-Deutungen des Geschehenen, des Verstehens, eine Zeit des Verdauens all dessen, was noch nicht verdaut ist, eine Zeit intensiver Vergebung: sich selbst vergeben, anderen vergeben, selbst Vergebung zu erlangen, von anderen und von Gott. Die Vorbereitung auf den Tod ist es, sich vom Beurteilen zu verabschieden und am reinen „Gut war’s! Sinnvoll war’s! Ich habe nicht umsonst gelebt!“ anzukommen. Unserem Schöpfer dankbar entgegen zu treten für dieses Leben. Und so kann man irgendwann voller Frieden sagen: „Ich bin bereit!“

Und – die eine oder andere Einschränkung verschwindet auch wieder, wenn wir uns Stück für Stück zum Guten bekehren.

Sind wir im Alter nicht in der Lage, den Beurteilungsprozess umzuwandeln, zurückzunehmen, die Gedanken, dass etwas böse und nicht gut war, loszulassen, dann entsteht dieser Prozess somatisch, im Körper. Das Gehirn löscht – bei Alzheimer wird das Gehirn zerlöchert von der Kraft negativer Gedanken – die Erinnerungen, so dass auch so Frieden einkehren kann. Das ist die Fäulnis der nicht geernteten Lebenserfahrung, der nicht ins Gute gewandelten Lebens­geschichte.

Diese Zeitqualität zeigt sich auch an – in der Regel – bei unserer sich verändern­den Sehfähigkeit. Zum Lernen brauche ich das Verständnis des Details, die Fähig­keit, Einzelheiten gut zu erkennen, zum Verstehen brauche ich den Weitblick, die De-Fokussierung vom Detail und die Zuwendung zur Langfristperspektive.

Fragen wir uns also, was für ein Apfel wir sein wollen,

  • süß, sauer, reif, wurmstichig, Fallobst oder faulig

nehmen wir alle Phasen des Lebens

  • sonnig, mild, heiß, trocken, frisch, kalt, feucht, neblig, nass, stürmisch

des Lebens als Diener unseres Reifens dankbar an.

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