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Gegenüber von der Pilgerherberge trafen wir viele Mitpilger zu einem gemütlichen Frühstückskaffee mit Blick auf den Hafen. Wir saßen draußen und begnügten uns mit unserem eigenen Brot. Heute gönnten wir uns eine Busfahrt, denn die Strecke nach Santiago wollten wir nicht wieder zurücklaufen. Wir entdeckten an der Bushaltestelle, dass um 11.45 Uhr ein Bus fuhr, wir hatten noch Zeit für einen beschaulichen Sonntagvormittag am Meer.

Beim Bäcker trafen wir einen Österreicher, der sich uns als Don Giovanni vorstellte. Er schien schon längere Zeit in Finisterra zu wohnen, die Bäckereiverkäuferin deutete uns lächelnd an, dass er wohl ein wenig mit Vorsicht zu genießen sei. Don Giovanni wollte gern Santiago beim Zampoña-Spielen aufnehmen, also verabredeten uns für 11 Uhr an der Bushaltestelle. Noch einmal kehren wir zum Strand zurück, klettern dabei über die Felsen und schafften uns damit noch eine Hazaña, eine Anstrengung, denn die Zeit wurde uns knapp, ich kam ganz schön ins Pusten.


Kurz nach 11 Uhr erreichten wir wieder die Busstation und trafen Don Giovanni, der Santiago mit der Webcam seines Computers beim Spielen filmte und Fotos von uns machte, uns handbemalte Wäsche­klammern und mit eigenen Bildern beklebte Streichholzschachteln mit seinem Namen und seiner Webadresse schenkte.

Ein letzter Blick auf Finisterra

Dann kam der Bus. Im Bus – ganz vorn auf der ersten Bank mit einer wunderbaren Aussicht – genossen wir die Fahrt am Meer entlang ca. 80 km bis nach Noia, von wo aus wir weiterlaufen wollen nach Padrón, der 1. Station des Camino Portugués. Von Noia nach Padrón war es ungefähr genauso weit wie von Santiago nach Padrón, da konnten wir uns 4 Euro Fahrgeld sparen und trotzdem genauso viel laufen – so dachten wir jedenfalls.

Auf der Fahrt sah Santiago den Kanadier das letzte Mal vom Bus aus, der nun die Küstenstraße entlang lief. In Noia, dem letzten Küstenort vor Santiago, fragten wir uns bei einem Kiosk und Passanten durch, wie es jetzt weiterginge. Es gab zwei Alternativen für uns: eine schmale Straße durch kleine Dörfer und die Landstraße nach Padrón. Wir entschieden uns für die Tour über die Dörfer. Und dann begann der Aufstieg, Kilometer um Kilometer, von Meereshöhe bis auf 600 m. Es gab keinen Laden, keine Wasserstelle am Berg. Einmal sind wir einfach in einen Garten mit offener Tür hineingegangen und haben uns am Gartenschlauch bedient, zum Trinken, Auffüllen unserer Wasserflaschen und zum Durchnässen unserer Haare, damit wir den Aufstieg in der Sonntagshitze besser bewältigen konnten.

Diesen Aufstieg hatten wir allerdings nicht geahnt und aus dem Kartenmaterial, das wir hatten, auch nicht erahnen  können. Von Noia konnte man auch nicht  auf das Ausmaß des Berges schließen, immer sah es nur nach noch „ein wenig mehr“ aus, nach jeder Kurve jedoch zeigte sich eine neue Höhe der Aussicht. Über 17 Kilometer ging es nur bergauf! Ich taufte diesen Weg nach einer Weile „Montaña de Engaños“, Berg der Täuschung, weil: Immer denkt man, man hätte es geschafft mit dem Aufstieg, doch: getäuscht! Weiter bergauf!

Nach dem Montaña de Engaños, den oben eine Stein-Säule mit einer kleinen Jesusstatue beschloss, führte uns der Weg in der beginnenden Dämmerung 10 km lang in engen Kurven nach Padrón, dem Ort, wo das Schiff mit den sterblichen Überresten des Apostel Santiago in Spanien angelegt hatte. Der Ort musste vor 2000 Jahren noch einen Zugang zum Meer gehabt haben. Padrón ist übrigens auch der Ort, nach dem die „Pementos de Padrón“ benannt sind, winzige grüne Paprikaschoten, die man in Spanien in den Supermärkten kaufen kann und die, komplett in Olivenöl gebraten und gesalzen, ein typisch Galizisches Gericht darstellen.

Wo in Padrón die Herberge war und wie wir sie fänden, wussten wir nicht, da wir ja von einem unbepfeilten Weg kamen. Es war schon dunkel. Wir fragten ein Pärchen beim Abendspaziergang. Sie wiesen uns an, einfach nur bis zur nächsten Kreuzung geradeaus zu gehen, dann würden wir sie, rechts auf einer Anhöhe, schon sehen. Es war wirklich nicht mehr weit, wir waren automatisch auf den richtigen Weg gekommen. Die Herberge war in einem ehemaligen Kloster untergebracht, dem Convento del Carmen. Ein Hospitalero war nicht mehr da, auch die am Tresen ausgehängte Telefonnumer war nicht mehr zu erreichen. Wir fanden noch zwei freie Betten in dem großen Schlafsaal. Eine Dose Ravioli, die ich seit Negreira mit mir trug, war neben dem Brot, was wir in einem kleinen Ladencafé oberhalb von Padrón gekauft hatten, unser luxuriöses Abendbrot. Eine tschechische Dame, die sich den Camino Portugués mit einer größeren Reisegruppe mit Gepäcktransport ab Valença erlief, freute sich über uns, weil wir Santiago de Compostela schon kannten. Sie fragte uns ein Loch in den Bauch über alles Mögliche: die Herberge, den Pilgergottesdienst, den Parador, was man machen und nicht verpassen sollte. Sie war aufgeregt, hatte am nächsten Tag den Einzug in Santiago vor sich. Ich empfahl ihr die Pilgermesse abends in der Kathedrale.

Erst lag Santiago im Schlafsaal ganz weit weg von mir, doch dann beanspruchte ein anderer Mann das Bett, in dem er lag, sagte, dass das Bett ihm schon lange zugeteilt war. Santiago war nicht auf Streit aus und suchte weiter und fand sein neues Bett dann sogar neben meinem! Danke dafür! Wie sehr dieser Tag und auch sein Ende ein Bild für unser Ankommen im folgenden Jahr sein würde, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst.

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Am nächsten Morgen besuchten wir die Santiago-Kirche und nahmen an der morgendlichen Messe teil. Anschließend erschienen dienstbare Damen, die die Kirche aufräumten und die Blumen erneuerten. Ein paar andere Pilger fragten sie nach einem Stein, den sie in ihrem Pilgerbüchlein entdeckt hatten. So konnten wir den Original-Stein, den Pedrón, an dem das Schiff mit den sterblichen Überresten Santiagos angelegt hatte, unterm Altar besichtigen. Der Reiseführer Zufall hatte uns eine neue Seite aufgeschlagen. In der Innenstadt von Padrón fanden wir viele neuzeitlichere Kollegen dieses Steines wieder.

Jetzt kam die neue Aufgabe auf uns zu, den Camino gegen den Strich zu finden. Zum anderen war die nächste Herberge erst in Pontevedra, also eine ca. 40 km lange Etappe lag vor uns. Bisher waren wir ja mit den Pfeilen gelaufen, am gestrigen Tag durch Nachfragen geleitet. Nun würden die gelben Pfeile ja wieder nach Santiago de Compostela zeigen, wir hätten aber genau in der Gegenrichtung zu laufen, d.h. aus der Positionierung des Vorwärtspfeiles auf die Rückwärtsroute zu schließen. Ganz schnell zeigte sich, dass dies eine anspruchsvolle Aufgabe war. Im Pilgerbüro von Santiago hatten wir eine Liste der Orte erhalten, durch die wir zu laufen hätten, mehr nicht. Schnell verliefen wir uns und dann traf es uns doch, was wir immer zu vermeiden gesucht hatten: wir mussten umkehren. Zunächst hatten wir einige Pfeile gefunden, die uns am Wasser entlang führten und so auf eine Halbinsel geraten. Am Ende des Weges lag ein sehr schöner Picknickplatz, eine wundervolle und romantische Aussicht am Wasser, doch es ging nicht weiter. Umkehren! Wir trafen auf einen Radfahrer, der uns den Weg beschrieb, wir fanden Pfeile und verloren sie wieder. Insgesamt verbrachten wir mehr Zeit auf der Landstraße als auf dem Camino. An einer Brücke sahen wir Pfeile, die uns über die Brücke halfen, dann verpassten wir sie wieder. Auf der Landstraße donnerten die Lastwagen an uns vorbei. Das Landstraßengetippel war anstrengend und ermüdend.

In Caldas de Reis, es war schon Nachmittag, kamen wir an der Kirche vorbei und rasteten auf den Bänken unter Bäumen, Santiago spielte für mich auf seiner Zampoña, ich breitete meine Rolle aus, um mich etwas hinzulegen. Da begann es zu nieseln und schon bald artete es in Regen aus, erst suchten wir Schutz in der Kirche, doch da war nur ein kleiner Vorraum offen. Alsdann gönnten wir uns einen Cafébesuch, um den Regen abzuwarten und unsere verdiente Ruhepause zu genießen.

Weiter ging es auf der Landstraße. Plötzlich sah ich ein kleines Hinweisschild auf eine Herberge. Wir hatten laut unseren Unterlagen erst eine Herberge in Pontevedra erwartet. Gern nahmen wir das Angebot an und fanden innerhalb von Viñeros eine schöne, moderne, fast leere Herberge. Außer uns waren nur noch zwei Spanierinnen aus Barcelona dort. Wir teilten uns die Räume auf, sie nahmen den Mädels­schlaf­raum, wir breiteten uns im Männerschlafsaal aus. Es war kein Hospitalero da, so trugen wir uns selbst ein. Am Empfangstisch fanden wir einen Pilgerführer der galizischen Jakobus-Gesellschaft „Xunta Xacobea“ für die Strecke des portugiesischen Weges in Galizien, wie wunderbar, danke! Jetzt würde es für uns bestimmt etwas leichter, den Camino weiter zu finden.

Santiago war erledigt für heute, die Montañas de Engaños gestern hatte ihn geschafft. Sofort legte er sich in der Herberge hin und schlief ein. Ich lief los, um etwas zum Essen für uns zu finden, mal anders herum! In einem Hinterhof von Portas, einem langezogenen Straßendorf,  fand ich einen kleinen Landhandel, und natürlich gab es das mangels anderer  Optionen das Übliche: Spagetti mit Tomaten-Thunfischsauce und Schinken, Käse und Brot für den nächsten Tag. Inzwischen kauften wir uns abends immer häufiger gezuckerte Getränke, Cola oder Orangensprudel oder ähnliches. Tagsüber tranken wir zwar meist noch Wasser, aber irgendwann mag man das auch nicht mehr runterbringen, sehnt sich nach etwas Geschmack, und der staubige Schleim im Rachen verschwindet auch besser durch das Gebitzel der Kohlensäure. Auf dem Rückweg stiebitzte ich uns noch ein paar dunkle Weintrauben zum Nachtisch. Ich kochte mit dem spärlichen Geschirr, was wir in der ansonsten superschick ausgestatteten Küche fanden, dann weckte ich Santiago für unser Abendessen. Er war tief in seinem eigenen seelischen Prozess eingetaucht. Ich bot ihm erneut eine Behandlung seiner Beine an, die er gern annahm und während der er wieder umgehend einschlief und durchschlief bis zum nächsten Morgen.

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Nicht jede Handlung führt bei jedem Gegenüber automatisch zum gleichen Schmerz. Was der eine als schmerzhaft oder verletzend empfindet, das mag dem nächsten egal sein, eventuell begrüßt ein Anderer es sogar. Das Leid des Beteiligten liegt manchmal in der leidenden Person selbst. Sie beschließt bewusst oder unbewusst, unter der Handlung zu leiden, beispiels­weise wenn der andere etwas von uns will, was wir ihm wirklich nicht geben können, wenn wir ein Schuldempfinden nicht haben, sondern nur Mitleid. Was ist, wenn unser dreijähriges Kind partout auf die stark befahrene Straße rennen will? Dann halten wir es auch fest, auch wenn es schreit und tobt und leidet und auf uns stinkesauer ist. Was ist, wenn ein Mensch von uns etwas erwartet, was unseren Werten, unseren Möglichkeiten, unseren Gefühlen, unserem Wesen widerspricht? Müssen wir uns dann entschuldigen und umkehren, um Vergebung bitten, weil sich der Andere verletzt fühlt?

Ich glaube, dass Gott häufig so mit uns geht. Er weiß, dass er das Rechte für uns will (der Einzige, der wirklich WEISS, was das ist!!!), uns nur den einen Weg aufmachen kann, den Weg unserer Bestimmung, unserer Verheißung. Doch was, wenn wir uns etwas – sei es irgendwelchen Quatsch, sei es die zweitbeste Alternative – noch so sehr wünschen und uns dran festklammern? Wir leiden und leiden, hadern eventuell vielleicht sogar noch mit Gott. Dabei tun wir ihm so leid. Bestimmt sagt er zu uns: „Kind, hab doch Einsehen, sei doch mal locker, lass dich führen, ich will doch was viel Besseres für dich!“ Und die beste Lösung, unsere Bestimmung, wartet und wartet, dreht Däumchen, setzt Schimmel an…

Vor meiner Entscheidung, den Weg zur Heilpraktikerin/Heilerin, zur Pilgerei, zum wahrhaft spirituellen Leben einzuschlagen, habe ich mich sehr bemüht, in einem anderen, einen weltlichem Beruf Fuß zu fassen, der eigentlich nur ein Trittstein, eine Lehrzeit zur Professionalisierung sein sollte. Die Zeichen wurden immer deutlicher, er hat die ganze Palette an „Pfeilen“  aufgefahren, bis es dann irgend­wann in meinem Büro gebrannt hat. Alles, was ich nicht mehr brauchte, was zu Ende sein sollte, das war verbrannt. Habe ich gelitten? Ja! War es schön? Nein, aber notwendig, GUT war’s und DANKE, MEIN GOTT! … Der Brand war am Schalttag des Jahres 2004, das Jahr, an dessen Jahresanfang ich mich entschied, den Jakobsweg nach Santiago de Compostela zu pilgern. Und sechs Wochen nach dem Brand lernte ich Santiago kennen, der mich wieder auf den spirituellen Pfad zurückführte. Er war mein Barnabas.

Die Erklärung finden wir in Römer 8 (Hoffnung für alle):

27 Und Gott, der unsere Herzen ganz genau kennt, weiß, was der Geist für uns betet. Denn der Geist vertritt uns im Gebet, so wie Gott es für alle möchte, die zu ihm gehören. 28 Das eine aber wissen wir: Wer Gott liebt, dem dient alles, was geschieht, zum Guten. Dies gilt für alle, die Gott nach seinem Plan und Willen zum neuen Leben erwählt hat. 29 Wen Gott nämlich auserwählt hat, der ist nach seinem Willen auch dazu bestimmt, seinem Sohn ähnlich zu werden, damit dieser der Erste ist unter vielen Brüdern und Schwestern. 30 Und wen Gott dafür bestimmt hat, den hat er auch in seine Gemeinschaft berufen; wen er aber berufen hat, den hat er auch von seiner Schuld befreit.

Ebenso wichtig ist die Vergebung für die betroffene Person, das Opfer. Solange sie nicht vergibt, verharrt sie im Leid, entscheidet sich – täglich – weiter für das Leid: „Ich hätte da noch was zu kriegen! Schuld, Zins und Zinseszins!“ Die Situation ist vergangen, die Vergangenheit kann faktisch nicht mehr, sondern nur noch an einem Ort verändert werden, nämlich im eigenen Herzen, in dem, wie wir darüber denken und fühlen, in der Gegenwart. Wer weiß, warum jemand anderes hat, was wir für uns beanspruchen? Vielleicht brauchte er es dringender als wir…

Der Pedrón in der Santiagokirche von Padrón

Als wir Padrón verließen, den Ort, in dem das Schiff mit den sterblichen Überresten des heiligen Santiago in Spanien gelandet ist (der namensgebende Anleger-Stein – pedrón – ein römischer Meilenstein -  ist immer noch unter dem Altar der Santiago-Kirche), da landeten wir nach dem Ortsausgang – zwar auf einem sehr schönen Weg – auf einer Halbinsel, vor uns nur Wasser, kein Weg. Der Platz hatte zwar eine sehr schöne Aussicht, doch länger als für eine Pause verweilen machte keinen Sinn.

Obwohl wir auf dem ganzen Camino nie gern eine Strecke wieder zurückgegangen sind, weil wir uns verlaufen hatten, nun mussten wir einfach umkehren. Wir hielten einen Mann auf einem Fahrrad an, der uns dann den Weg beschrieb, wo wir auch wieder unsere Pfeile fanden. Beim Pilgern verharren geht einfach gar nicht, hinsetzen und heulen, sich im Kreise drehen oder trotzig sich verschließen hilft gar nicht, sondern nur die Realität anerkennen. Wenn man in einer Sackgasse angekommen ist, dann muss man sich umdrehen und einen anderen Weg suchen, damit man weiter auf sein Ziel zukommt, wieder einen Platz findet, an dem man wieder essen und schlafen kann, warm und satt wird und Geborgenheit findet. Und eigentlich klingt ja pedrón fast wie perdón = Vergebung, oder?

Analog ist der Lebensweg. Da, wo ein Weg so für uns nicht weitergeht, wo wir sonst verhungern oder vor Kälte sterben würde, real oder im Herzen, da ist es angesagt, den alten Weg hinter sich zu lassen. Darum fordert uns das Vaterunser auf, denen zu vergeben, die uns verletzt haben, von denen wir meinen, dass sie uns gegenüber noch Schulden haben.

Das spanische Wort für „vergeben“ heißt „perdonar“. „Donar“ bedeutet geben, schenken, stiften, spenden, auch zu finden in dem Camino-Wort „Donativo“. Die lateinische Präposition „per“ bedeutet durch, hindurch. Und hierin findet sich viel Wahrheit und ein ganz simpler Weg, um mit Verletzungen umzugehen. Vergeben bedeutet hindurchgeben, durch uns hindurchgeben, durchreichen an Gott. Wir sammeln von dem anderen etwas auf, was wir mittels Vergebung gleich weitergeben an Got und dort entsorgen, am besten schon bevor es uns verletzt. Wir schenken es einfach an Gott weiter, statt die unwillkommene Gabe wieder „doppelt und dreifach“ zurück­zu­geben, d.h. uns zu rächen. Gott nimmt uns das Gegebene ab, so dass sich dieser Strang der Verfehlung nicht fortsetzt und sich weiterentwickelt zu einem Streit etc., sondern ins Leere läuft, ausläuft, in uns seinen Abschluss findet.

So wird unsere Welt immer mehr gereinigt: Handlungsstränge des Hasses, der Gewalt, des Missbrauchs, des Betruges, der Missverständnisse, der Lieblosigkeit einfach beendet, frische Handlungs­stränge oder auch solche, die teilweise schon von Generation zu Generation in unserem Familienstamm­baum am laufen sind. Wir dürfen quasi Müllleute sein, die zwischen­menschlichen Müll sich nicht aufhäufen lassen, sondern „stante pede“, unverzüglich in Gott entsorgen, wo dieser Müll sich rückstandslos in Liebe auflöst. Daher sagt Jesus uns auch in der Bergpredigt in Matthäus 5  (Lutherbibel 1984):

5 Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.

9 Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

39 Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.

40 Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel.

41 Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei.
44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen,

45 damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.

Wenn wir anderen Menschen vergeben, dann befreien wir nicht nur den anderen, sondern vor allem uns selbst und machen unsere gesamte Welt besser. Wir öffnen uns für das Neue, für die Freiheit, den Frieden im Gottesbewusstsein. Selbst wenn die Aussicht auf die Rückzahlung der Schuld noch so schön gewesen wäre, die Rache noch so süß gewesen wäre, die Erfüllung unserer Erwartung ein Hochfest: was, wenn dieses Ziel nicht erreicht wird? Was, wenn es uns nicht weiterführt, wir im Warten verdorren, verfaulen oder verschimmeln würden, oder noch sinnfreier, in der Beschäfti­gung mit Anwälten und Gerichten, die die Schuld eintreiben sollen, unsere Zeit verplem­pern? Endlich frei sein, ohne Last. Und – irgendwann werden wir wissen, wofür das alles gut war!

Im Verlaufe meiner Scheidung hatte ich mit meinem Ex-Mann gerichtlich einen Ehegatten-Unterhalt vereinbart, da ich durch die Umstände die Erziehung unseres Sohnes allein übernommen habe. Er hat ihn nie gezahlt, die geschuldete Summe hat sich auf viele tausend Euro angesammelt. Ich habe in meinem Gnadenjahr auf alles verzichtet. Er schuldet mir nichts mehr. Ich hätte noch Jahre auf die schöne Aussicht des Luftschlosses dieser Geldsumme am anderen Ufer starren können, es für Meins halten können. Hätte ich jemals in dieses Schloss einziehen können? Ich habe die Bindung gelöst und mich auf meinen Glauben fokussiert. Ich lasse ihn ziehen und sein Leben leben, seine Ressourcen in sein Leben fließen. Ich gehe meinen Weg weiter. Für mein Auskommen ist mein Weg mit Gott zuständig. Vertrauen…

Die Vergebung findet durch Gott, den Vater statt. In Ihm kommen alle Dinge in Einheit zusammen, sowohl der Fehler wie auch das, was wir stattdessen hätten tun können. Es sind zwei Pole, die in Gott in einem Punkt zusammenfallen und dort in Frieden mitein­an­der existieren. Die Dissonanz löst sich auf. Durch das Fühlen dieses Friedens, den Gott uns bei der Vergebung ermöglicht, bewirkt das Abfallen der Last. Eine Schuld lagert sich auch als Unerledigtes, als etwas, was nicht ans Licht kommen soll, in unserem Geist­körper an. Im Moment der Vergebung, wenn wir wieder wissen, dass wir die Schuld nicht tragen müssen, wird das Schuldgefühl daraus entlassen, das kann man spüren. Es ist der berühmte Stein, der einem vom Herzen plumpst.

Die Vergebung ist unsere einzige Aufgabe im Vaterunser! Den Rest macht er! Einfach durchreichen, nicht zurückschlagen, nicht mitmachen, den Ball – zack! – einfach gleich weiterwerfen an Gott. Wie geht das?

In dem Moment, wo etwas passiert, was sich wie eine Verletzung anfühlt einfach diese Bitte aussprechen:

„Bitte lass mich teilhaben an Deinem Heiligen Geist und Deinem Heiligen Herzen in Jesus Christus“.

Das ist, was m.E. auch gemeint ist mit „Lamm Gottes, Du trägst die Sünde der Welt“. Jesus hat auch einfach durchgereicht, was er anderen abgenommen hat. Mir ist klar geworden, dass er dafür seine Gebetszeiten brauchte.

In einem Rosenkranzgebet mit eigenen Geheimnissen, in dem Fall war die Geschichte des Wandelns auf dem Wasser in Matthäus 14, da nahm ich einmal wahr, wie Jesus auf einen Berg ging, um zu beten. Im Gebet sah ich eine Art Gebetskanal, angefüllt war von Luftwirbeln und Flammenzungen, der vom Himmel aus auf Jesus gerichtet war. Dieser Wind umwehte Jesus, und ich glaube, er wurde da all das los, was er den Menschen vorher abgenommen hatte, was er vorher getragen hatte. Plötzlich richtete sich für ein paar Ave Marias dieser Gebetskanal auf mich und ich spürte etwas wie einen starken geistigen Wind um mich, der mich von oben bis unten reinigte und leicht machte.

Wenn wir also etwas „durchzureichen“ haben, dann geht das entweder in der Teilhabe an Gottes Geist und Herz oder durch diesen Gebetsstrom, den wir uns auch jederzeit erbitten können. Darin verschwindet jede Emotion, die zu Verletzung, Streit und Rache führen könnte, in Friede und Liebe gewandelt. Dies wandelt uns zu den Friedfertigen.

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