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Noch im Dunkeln ging es in Lorca wieder los, bei solcher Hitze ist im Dunkeln Losmarschieren die Devise. Am beständig plätschernden Brunnen mitten in Lorca füllten wir unsere Wasserflaschen auf, unser Hauptnahrungsmittel, unser Lebensretter! Noch am Ortsausgang von Lorca steht leuchtend ein Selbstbedienungs-Kaffeeautomat. 50 Cent, Café con Leche, erwachende Lebensgeister! Danke dem freundlichen Menschen, der mir eine unerwartete Morgengabe bereitet.

In Estella kamen wir gleich am Ortseingang am Refugio vorbei, erkennbar an einer riesigen Holzmuschel. Der Stempel lag auf einem Tisch direkt neben dem Eingang und so dokumentierten wir im Credencial unseren Durchmarsch durch diese zauberhafte Stadt. Ein Fluss teilt sie in zwei Hälften. In der örtlichen Bibliothek fanden wir eine praktische Toilette, anschließend wurde Frühstück gekauft. Neben der Treppe an der Kirche St. Pedro auf der Plaza San Martin mit Schatten spendenden Platanen und einem großen Brunnen hielten wir unsere Frühstückspause. Mächtig ragten hier in Estela die alten romanischen Gebäude, Königspalast, Justizpalast, in die Höhe. Die Türme sehen eher aus wie Wehrtürme als Kirchtürme, die Felsen treiben sie weiter in die Höhe. Spanien zum tief einatmen…und wir sitzen ganz einfach auf einer Bank, essen krümelnd unser Brot, Santiago trinkt sein geliebtes Schokolädchen, Alltäglichstes vor eindrucksvollster Kulisse.

Beschaulicher Klostergarten in Estella

Ein Deutscher mit einem Dackel sprach uns an. Wir lernten so „Heinrich“ und „Waldi“[1] kennen. Heinrich wartete hier samt Dackel auf seine Frau. Er selbst konnte wegen seines Rückens nicht mehr pilgern, aber seine Frau hatte es sich selbst sehr gewünscht. So begleitete er sie samt Dackel in einem Wohnmobil, konnte am Camino und an der Gemeinschaft der Pilger teilhaben, transportierte ihr Gepäck, kaufte regelmäßig ein, wartete auf sie an vereinbarten Stellen, machte dort Mittag und versorgte sie mit gekühltem Wasser und pflegte ihre Füße. Das ist Liebe, oder? Dafür entging ihr das Leben in den Refugios. Dann war es also „Friedelotte“1, die am Tage vorher mit ihrem Leichtrucksack mich am Anstieg abgehängt hatte. Das Wohnmobil hatten wir ja schon am Alto de Perdón gesehen…

Die Bezeichnung „Teilzeitpilger“ wurde geboren. Wir erfanden unterwegs überhaupt so einige Pilgerklassifizierungen. „Buspilger“ sind die ganz Üblen, Schummelpilger, ebenso wie die Autopilger. Dann gab es die „Leichtpilger“, die ihre Rucksäcke transportieren lassen, es gab „Luxuspilger“, die in Hotels und Pensionen übernachten und mittags und abends Pilgermenüs einnahmen, die „Pilgerdiven“, d.h. Frauen, die andere dazu brachten, ihr Gepäck zu tragen, die „Pilgerurlauber“, die den Jakobsweg als gut organisierten, preiswerten Wanderweg nutzen, die „Kurzzeitpilger“ oder “Ratenpilger”, die nur einen kurzen Streckenabschnitt pilgerten, die „Nordic Pilger“, die Landplage des Caminos mit der ewigen Klackerei ihrer Nordic Walking Stöcke. Was waren wir? Hardcorepilger!

Heinrich machte uns auf den Kreuzgang des Klosters von St. Pedro aufmerksam. Von der Straße oberhalb des Platzes aus konnte man in den romantischen Klostergarten mit Rosen und Buchs sehen, der an zwei Seiten von einem überdachten Säulengang eingefasst war, darüber eine riesige Rosette in der mächtigen Kirchenwand. Und siehe da, auch wir sahen die eine Säule, die aus dem Rahmen fällt, da in ihr sich drei Steinsäulen umeinander winden. Solche kleinen Ausblicke am Wege machten für uns einen der besonderen Zauber des Caminos aus.

Das Kloster Irache aus der Distanz: Genau, erst bergab, dann wieder bergauf

Fuente del Vino - Weinbrunnen - in Irache

Nach Estella erreichten wir eine der großen Attraktionen des Jakobsweges, das Kloster von Irache mit dem Weinbrunnen der Bodega Irache. Zwei Hähne gab es dort an einer Hauswand, einen für Wein, den anderen für Wasser. Da ich mir keinen Plastikbecher am Automaten ziehen wollte, trank ich meinen Schluck Rotwein aus meiner Pilgermuschel, Santiago blieb beim Wasser. In der Bodega ließen wir unser Credencial stempeln, das musste natürlich auch sein. In der Mittagshitze besuchten wir das alte Kloster Santa Maria Real de Irache mit einem traumhaften, stillen, kühlen Kreuzgang – es ist wie aus der Welt gehen!

Stiller Innenhof des Klosters Santa María Real in Irache

Der Pilgerschutzheilige Christophorus, "der Christus trägt", in Irache

Auf dem Weg hatten wir viele Pilger um uns herum gesehen, hierher hatte niemand gefunden. In der Klosterkirche fand ich eine sehr schöne Statue des Sagrado Corazón de Jesús. Welch eine Freude und Erleichterung! Die Zeit mit Ihm, bei Ihm, nahm mir viel Last des Tages ab, trocknete meinen Schweiß, immer wieder auch mal Tränen und schenkte mir neue Kraft. Wer seine Pausen lieber im Café als in der Kirche verbringt, verpasst den Teil des Pilgerns, der uns am wahrhaftigsten stärken kann: Kein Koffein oder Nikotin kommt einer „Dosis“ Seiner Zuwendung, Seiner Gnade gleich.

Wir sind im berühmten Weinanbaugebiet Rioja angekommen und durchquerten die ersten Viñeros, Weinberge, probierten die ersten Trauben, passierten die „Fuente de los Moros“, die Maurenquelle. Dies ist ein nach vorn durch zwei Steinbögen offenes Haus mit einem tiefen Wasserbecken innen. Wir genossen einen Schluck kühle Luft darin, das Wasser sah nicht so einladend  aus. Auf der anderen Seite des Weges lag mächtig eine riesige Weinkellerei, sah aus fast wie ein Kastell. Wir pausierten in Villamayor de Monjardin, wo wir in eine Kirche aus großen Steinquadern traten. Jemand begann dort im Halbdunkel zu singen zu, damit man die ungewöhnlich guten Akustik erfahren konnte, wahrlich beeindruckend! Das letzte Teilstück des Tages, noch ca. 12 km, verlief in einem lang gestreckten Bogen nach Los Arcos.

Fuente de los Moros

Santiago hatte sich angewöhnt, mich über Menschen und Begebenheiten aus meinem Leben zu befragen, damit ich die Entfernungen nicht so merkte und von der Anstrengung der Lauferei abgelenkt wurde. So erzählte und erzählte ich, viele, viele Stunden lang, so lernte er mit den Kilometern viel mehr von meinem Leben kennen. Sein zweites Zaubermittel war seine Musik. Wenn ich mich in den Pausen erholte, dann holte er seine Zampoña hervor und spielte für mich. Diese Musik ist so leicht und fein, uralte Folklore aus den Anden. Als ob sein Atem, den er durch diese Flöte schickte, in meinen Lungen ankam, um mir wieder neue Puste zu verschaffen. Als ob der fremde Rhythmus meinen Herzschlag balancierte; die Flötentöne entführte meinen Geist aus dem „Was ist das anstrengend! Ich kann nicht mehr!“ in ein „So, es kann wieder weitergehen!“

Weg nach Los Arcos

In Los Arcos kamen wir in der städtischen Pilgerherberge unter, da ist man schon fast wieder raus aus dem Ort. Sie ist recht groß, wirkte eher wie eine Turnhalle, die Matratzen sind mit blauem Plastik überzogen. Die Hospitaleros, diesmal Belgier, waren sehr freundlich, aufmerksam, hilfsbereit und überaus gesprächig. Als Pilgermahl gab es – mal wieder – Tomatenthunfisch­spagetti. Die Küche wurde insgesamt stark frequentiert, ein vielsprachiges Stimmengewirr, ein buntes Menü von Mixsalat über Tortilla zu Nudelsalat und Gemüsesuppe, ein friedliches und fröhliches Nebeneinander von Kochen, Essen und Abwaschen.

Im Schlafraum lag auf dem Nebenbett ein kleiner Spanier, über und über behaart, mit dem sich Santiago unterhielt. Wir hatten ihn unterwegs schon beobachtet, eifrig im Gespräch vertieft und sehr zügig mit einer älteren Dame wandernd. Ich hatte ihn im „Verdacht“, einer der Camino-Gigolos zu sein. Überhaupt, diese Damen haben echt was drauf, oft mehr als die jungen. Zwei davon hatten wir inzwischen den Omi-Express getauft, weil sie morgens so zeitig aufstanden, früh losliefen und abends oft die gleiche Strecke zurückgelegt hatten wie wir. Wir überqueren wieder die Brücke des Odrón zum Rosario in Santa Maria. Vor der Kirche trafen wir den Kanadier wieder. Sicherlich hat er uns wieder eingeholt, als wir uns Pamplona ausführlich gönnten.

Los Arcos ist eigentlich gar kein so großes Städtchen, die Kirche jedoch ist riesig. Ein gewaltige Kuppel, viel, viel Gold, üppig ausgemalt, hohe Bögen mit mächtigen Säulen, ein majestätischer Hochaltar mit vielen Statuen, natürlich gekrönt von Santa María. In der Kirche fiel mir auf, dass die Frauen alle so steif und verknöchert wirkten. Die Messe war opulent mit Personal ausgestattet, fünf Padres samt Beisitzern. Hier erlebte ich erstmals klar das Confiteor, das katholische Schuldbekenntnis mit dem dreimaligen „Mea culpa, mea culpa, MEA GRAN CULPA“ – „Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch MEINE GROSSE SCHULD“, wobei sich die Padres auf die Brust schlugen.

Yo confieso ante Dios todopoderoso
y ante vosotros, hermanos,
que he pecado mucho
de pensamiento, palabra, obra y omisión.
Por mi culpa, por mi culpa, por mi gran culpa.
Por eso ruego a santa María, siempre Virgen,
a los ángeles, a los santos y a vosotros, hermanos,
que intercedáis por mí ante Dios, nuestro Señor.[2]

Ich musste tief durchatmen, das wirkte zunächst gruselig auf mich. Nachdem ich so lange mich bemüht hatte, mich von Schuldgefühlen zu befreien! Meine langjährige Psychotherapeutin versicherte mir einmal: „Schuldgefühle sind so sinnvoll wie ein Kropf!“ Viele neuere Psychotherapiemethoden vermeiden den Schuldbegriff, damit der Mensch wieder zu sich stehen kann. Und hier kam das Bekennen der Schuld – in breiter Ladung, Mir blieb der Mund offen stehen! Zwischen Psychotherapie und Seelsorge tat sich hier für mich ein breiter Graben auf. Welcher der Wege hilft wirklich weiter?

Santiago überraschte den Pater bei der Eucharistie, der ihm mit einem Gesichtsausdruck von verblüfft bis entsetzt hinterher starrte. Lag es an seinem Kopftuch, das er noch aufhatte? War es, weil er seine Hostie nicht sofort runterschluckte, sondern mit zum Platz nahm? Den anschließender Pilgersegen gestaltete der leitende Padre, der vorher so „mit Stock verschluckt“ wirkte, dagegen erstaunlich locker und aufgeräumt, scherzte mit uns. Wir wurden gefragt, aus welchen Nationen wir kommen. Der Pater fragte Santiago sogar ganz persönlich nach seiner Herkunft – Ecuador, eines der ärmsten Länder dieser Erde. Sein so typisch indigenes Gesicht war doch eine seltene, außergewöhnliche Erscheinung auf dem Camino.

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[1] Das waren die Namen, die wir ihnen gaben. Wie sie wirklich heißen, wissen wir bis heute nicht!15

[2] Ich bekenne Gott, dem Allmächtigen und Euch Brüdern und Schwestern, dass ich Gutes unterlassen und Böses getan habe. Ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken, durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld. Darum bitte ich die selige Jungfrau Maria, alle Engel und Heiligen und Euch, Brüder und Schwestern, für mich zu beten bei Gott, unserem Herrn.

Noch im Morgengrauen brachen wir auf und überquerten nun auf der massiven, alten romanischen Brücke den Rio Carrión, passierten ein riesiges, altes Kloster. Die Stadt war  nicht sehr groß, die sakralen Bauten, zwei Klöster und drei Kirchen, wirken überdimensioniert.

Nur kurz währte der Streifen grüner Vegetation, dann wurde die Landschaft wieder trocken und gelb und ocker, ein steiniger Weg führte schnurstracks in die Weite, nur ein paar Büsche mal am Wegesrand, etwas weiter weg sieht man die Autobahn und den Strom der Fahrzeuge. Wir kamen voran, es gibt nichts außer einen Fuß vor den anderen zu setzen, 15 km lang. Der Himmel – hoch und weit. Irgendwann taucht in der Ferne ein Kirchturm auf, Calzadilla de la Cuesta, ein paar flache Häuser, eine Pause und dann waren wir schon durch.

Unsere Ankunft in Sahagún war geprägt von einem weiteren heißen Tag in der Meseta, einem Tag der Weizenfelder: durch Ledigos, Terradillos de los Templarios, Moratinos, San Nicolás del Real Camino. Die Orte verschmelzen mit der Landschaft. Flache, lehmfarbene Häuser, gelb, beige, orange, ocker, rotbraun, braun, graugrün, oliv, das ist die vorherrschende Farbpalette zu dieser Jahreszeit. Eine lang gestreckte Landstraße, eingefasst von Ginsterbüschen, führte auf Sahagún zu,  die Silos und Türme schon in der Weite zu sehen. Heute würden wir den Zettel mit dem Herbergsverzeichnis wenden können, die letzte Zeile der ersten Seite war erreicht.

Kurz vor Sahagún entfernte sich der Camino von der Landstraße und machte in einem weiten Bogen einen großen Umweg zur Ermita de la Virgen del Puente, ein zerfallenes, kleines Kapellchen an einer alten Brücke, geschlossen. Zwei, drei Bäume, ein paar Bänke. Mir taten mir die Füße von dem steinigen Weg und dem Asphalt der Landstraße so weh, dass ich mich vor der kleinen Kapelle auf die blanke Erde legte und meine Beine und Füße auf eine Bank, um sie etwas von dem Schmerz und der Schwere zu entlasten. Das Maß meiner Blasen war an einem Höhepunkt angekommen. Jedes Wiederanlaufen war geprägt vom Schmerz und dem Versuch, die Blasen sich im Stiefel wieder zurechtschieben zu lassen, damit der Schmerz etwas nachlässt. Irgendwie mochte ich gar nicht mehr anhalten, so wie „La Barceloneta“ es beschrieben hatte, um das nicht wieder durchmachen zu müssen, aber manchmal ging es nicht anders. Der Schmerz meiner Füße half mir jedoch, einen anderen Schmerz auszuleben.

Kurz vor Sahagún sahen wir Zettel, dass auch im Kloster Pilger aufgenommen würden. Und so ließen wir die Albergue Municipal rechts liegen und suchten das Kloster. An der Klostertür empfing uns Pilar, eine Hospitalera aus Madrid. Als sie erfuhr, dass ich Deutsche sei, gab sie mir gleich die Hausordnung und die Messe-Zeiten zur Übersetzung und übertrug mir die Aufgabe, am nächsten Morgen Kaffee für alle zu kochen. Irgendwo las ich mal diese spanischen Camino-Maximen:

  • “Peregrino, deja lo que puedas; toma lo que necesites”
  • ”Pilger, lass das, was du kannst; und nimm (nur), was du brauchst”
  • “El turista exige, el peregrino agradece”
  • ”Der Tourist fordert, der Pilger dankt“

Diese Maxime kann man sich auch für den Rest des Lebens merken, oder?

Die Herberge im Kloster ist wunderhübsch mit einem lauschigen Innenhof der Ruhe und des Friedens, ein kleine, symmetrische Gartenanlage mit einem kleinen Springbrunnen in der Mitte. Ich legte mich erstmal hin und ließ Santiago allein für das Abendessen einkaufen, denn ich hatte gar keine Kraft mehr und meinen Füßen wollte ich auch keinen Meter mehr zumuten. Santiago bereitete Salat, ich wusch die Wäsche und hängte sie auf. Gleich am ersten Tag hatten die neuen, weißen Socken den gelbgrünen Ton meiner Stiefel angenommen (richtig weiß sind sie bis heute nicht mehr geworden). Pilar setzte sich beim Abendessen zu uns und berichtete lange über ihre eigenen Erfahrungen auf dem Camino. Sie war so dankbar für ihren Camino, dass sie immer wieder als Hospitalera auf dem Camino arbeitete. Sie sagte: Der Camino gibt einem so viel, dass man dem Camino unbedingt wieder etwas zurückgeben will. Und so erfuhren wir, dass es in Galicien viel regnet (für uns nicht!). Sie warnte uns vor dem Cebreiro, den sie nur mit großen Anstrengungen erstiegen hatte.

Am späteren Abend besuchten wir die Vispera der Klosterkirche der schweigenden Benediktinerinnen, die sich nur über Klopfzeichen verständigten. Der Hochaltar der Kirche war atemberaubend, vielgestaltig, üppig, geschwungen – ein Traum – ein riesiger Kontrast nach all der optischen Kargheit der letzten Tage. Sahagún war mal ein sehr bedeutendes Kloster gewesen.

Warum gingen wir jeden Abend in die Kirche? Es war  einfach eine Sammlung am Ende des Tages, eine Reinigung des Inneren, ein Einkehren, ebenso notwendig wie die Dusche für die Reinigung vom Straßenstaub, eine Nahrung für die Seele, ebenso so dringlich nährend wie das Abendessen. Wie ein Kind war ich, das abends in die Arme seiner Eltern heimkam. Ich war so klein geworden. Ich brauchte Geborgenheit und Aufnahme, auch Gutenachtlieder. Kann es sich  jemand vorstellen,  nachvollziehen, der es nicht gemacht hat, ob nun als Zuhausegebliebener oder als Pilger ohne diese Einkehr? Am Schluss der Vispera gab uns die Klostervorsteherin persönlich unseren Pilgersegen, eine sehr warmherzige Frau, jünger als alle anderen Nonnen, die wir dort gesehen hatten. Es ist schön, in die Augen dieser Frauen zu schauen. Was für eine Kraftquelle nach einem langen und heißen Pilgertag! Danke dafür!

Ein komplett bilderloser Tag bei uns, daher hier ein public domain Foto des Benediktinerinnenklosters aus Wikipedia-es

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Wie ein Blatt im Wind - Ankunft in Santiago

Am 18. September waren wir früh im Dunkeln in Arca de Pino aufgebrochen, jeder weiterhin in seine eigenen Gefühle und Gedanken vertieft. Ein kleiner Streit über den Weg kam noch hinzu. Das Schweigen zwischen uns addierte die Kilos auf unserem Rucksack, Finsternis und Stille um uns. Da wir nicht zurücklaufen wollten und Santiago meinte, am Vortage einen Pfeil entdeckt zu haben, liefen wir auf der Landstraße in Richtung Santiago de Compostela los. Den Pfeil fand Santiago nicht wieder, so blieben wir zunächst auf der Landstraße.

Irgendwann nach ein paar Kilometern entdeckte Santiago den Camino und es ging wieder durch die Natur, unter Eukalyptusbäumen entlang und über einen Hügel  und dann am Flughafen vorbei. Wieder steckten im Zaun viele Kreuze, willkommen auf dem Camino! Wir schritten zügig aus, der Weg zog sich hin. Irgendwann verschwanden auch die uns in Galizien so vertraut gewordenen Steinsäulen mit den Restkilometern, der letzte zeigte noch 8 km an. Eigentlich mussten wir es nach unserem zwischenzeitlich entwickelten Zeit-/Distanzgefühl schon geschafft haben. Haben die uns inzwischen ein paar Kilometer dazu geschmuggelt? Wir liefen an den Gebäuden des galizischen Fernsehens vorbei, ein paar berittene Pilger mit Hund überholten uns, wir sahen sie später in der Kathedrale wieder. Und wo ist denn nun Monte Gozo, der Berg der Freude, die letzte Herberge vor Santiago? Wir durchquerten einen riesigen Gebäudekomplex mit gleichförmigen Glasflachbauten. Das also war Monte Gozo! 3000 Leute können hier unterkommen. Alles wirkte super organisiert, doch etwas kühl. War wohl gut für uns, wie es war!

Um 9.30 Uhr erreichten wir das Ortsschild von Santiago de Compostela. Ich war innerlich und äußerlich zerzaust. Was hatte die Reise für uns bedeutet? Ich fühlte mich eben wie ein Blatt im Wind. Und wo würde der Wind mich hintreiben? Ich wusste es nicht. Ich war völlig bindungslos. Mein Kind würde erst in 10 Monaten wiederkommen, eventuell. Es gab nur Gott! Und jetzt? Am Ortseingang leisteten wir uns einen Kaffee, kamen an einem Monument vorbei, von dem wir lernten, dass auch Papst Johannes Paul der II. den Camino gepilgert hatte. Wir liefen durch die Stadt, immer weiter auf den Kern zu. Im ehrwürdigen, jedoch überfüllten Pilgerbüro bekamen wir recht unspektakulär unsere Compostela ausgestellt.

Meine Compostela

Pilgerlohn: Die Compostela – Eine lateinische Bestätigung, dass wir aus Glaubensgründen bis zur Kathedrale gepilgert sind - in Andacht und aus Gründen der Verehrung. Die Compostela ist jedoch – zumindest in diesem Jahr – keine Ablassurkunde.

Pilgerglück: Wir konnten unsere Rucksäcke im Büro unterstellen.

Santiago vor der Kathedrale, wie man ihn unschwer in dem roten Kreis erkennen kann!

Pilgersegen: direkt gegenüber war der Seiten-Eingang zur Kathedrale, unser Pilgergottesdienst wartete auf uns. Wir setzten uns ganz nach vorn und hatten noch Zeit für einen Rosario, bis eine Nonne begann, mit uns singen zu üben. Der dunkeläugige junge Pilger aus Sarria saß in der Nähe, lächelte mir zu. Gut!

Wie betäubt erlebte ich an Santiago gelehnt den Gottesdienst. Nur als wir „Desde Lourdes: uno de Alemania, uno de Ecuador“ hörten, da drückten wir uns fest an den Händen. Wir waren in Santiago angekommen! Ganz anders, als ich erwartet hatte. Ich hatte gedacht, ich würde gemächlich und innerlich gestärkt, mit einer klaren Vision, hier ankommen, und nun war ich mit 48 Jahren den Camino Frances in nur 26 Tagen gelaufen und fühlte mich wie im freien Fall. Würde ich irgendwo aufschlagen oder würde ich beginnen zu fliegen?

Wie in jedem Gottesdienst umarmten wir uns fest beim Paz Christi. Noch teilten wir den Weg, noch hatten wir vor, bis Fátima zu laufen. Wäre hier unser Weg zu Ende gewesen, dieses ohnmächtige, leergeblasene Gefühl wäre wahrscheinlich noch intensiver gewesen. Vielleicht möchte Gott einen mal so haben im Leben, damit man danach völlig neu und wieder von null anfangen kann. Neu-Installation des Lebens: Festplatte löschen und alles neu konfigurieren. Ich hatte in den letzten Tagen Gespräche über meine Zukunft nicht mehr führen wollen, um mich nicht herunter zu ziehen, hatte Santiago gebeten, dieses Thema einfach ruhen zu lassen.

Vor dem Camino hatte Santiago mir geschrieben:

Gabriele & Santiago por siempre!

Und jetzt? Was hatte Gott mit mir nun vor? Haben wir Angst vor der völligen Unsicherheit und Ungewissheit über unsere Zukunft? Wie weit sind wir in Gott sicher, dass er uns führt, uns führen wird? [1]

Wir folgten den Ritualen der Kathedrale: Hinter dem Altar kletterten wir ein Treppchen hinauf und durften den großen, goldenen, mit vielen bunten Steinen besetzten Santiago umarmen. Dann stiegen wir hinab in eine Krypta unter dem Altar. Hinter einer Glasscheibe befand sich eine Silberlade mit den sterblichen Überresten des Apostels. Dort war es leer in diesem Moment und ich hatte Zeit, in aller meiner Bedürftigkeit und  in Ruhe in stille Zwiesprache mit dem Apostel zu gehen, ihn anzusprechen und zu hören, ob er auch antwortet. Er antwortete.

In der Kathedrale trafen wir auch eine “alte Bekannte” wieder, die unseren Zieleinlauf in Santiago nun auch miterfahren und mitbegleiten konnte: María und ihre Grotte aus Lourdes.

Eine Lourdesgrotte im Seitenschiff der Kathedrale in Santiago

Nach dem Gottesdienst spazierten wir – endlich mal befreit von der Rucksacklast – durch Santiago, durch die kleinen Gassen, schauten in Andenkenläden und genossen die Stadt. Immer wieder trafen wir Pilger, blieben zum Schwatzen stehen. Wir trafen sogar „Heinrich, Friedelotte und Waldi“ wieder, das deutsche Pärchen, das wir seit dem Alto de Perdón kurz hinter Pamplona immer wieder getroffen hatten.  Auf der Praza de Obradoiro schoss Heinrich das einzige Foto des Caminos mit meinem Handy, das Santiago und mich gemeinsam zeigt.

Wir beide in Santiago vor der Kathedrale - Heinrich sei Dank!

Am Nachmittag stiegen wir zur Herberge auf, zum Seminario Menor, ein beeindruckender Steinbau auf dem Hügel über Santiago. Hier durften wir zwei Tage bleiben! Wir erhielten unsere Betten im 4. Stock zugewiesen, die Aussicht über die Stadt war ein wahres Geschenk! Für ein großes Fest – Party, wie es von vielen anderen gehört hatten – dafür war kein Geld da und in mir nicht die Seelenstimmung. Santiago konnte meinen Zustand ebenso kaum aushalten und nahm mich lange, lange und fest in den Arm. Wir ruhten uns aus und überließen uns der Pilgerpflicht des Wäschewaschens. Santiago nähte seine Hose, die unterwegs einen langen Riss bekommen hatte.

Im Seminario Menor

Am Abend besuchten wir um 21.00 Uhr wieder die Kathedrale zur Pilgeran­dacht, die durch den Leiter des Pilgerbüros geleitet wurde. Nach einer mehrsprachigen Lectura durch die Teilnehmer stellte er uns zwei Fragen, zum einen: „Was ging uns am ersten Tag unseres Weges durch den Kopf?“ Jeder durfte nach vorn an den Leseplatz treten und von sich berichten.

Meine Antwort auf die erste Frage finden Sie im Kapitel über Gottes Reich. Die zweite Frage war: „Was denken wir jetzt?“ Und hier sagte ich: Die Kirche kümmert sich viel zu wenig um die Pilgerei, die Kirchen sind so oft verschlossen. Wir haben unterwegs kein Zuhause und würden dann gern in die Casa de Nuestro Señor, in das Haus unseres Herrn, einkehren. Ora et camina (statt labora)! Nur für das Ora ist oft zuwenig Raum, es tut auch gut, in Kühle zu rasten. An manchen Tagen  haben wir gar keine offene Kirche gefunden.

Nur selten gibt es wirklich Gespräche mit den Geistlichen auf dem  Weg, dabei sind unsere Beispiele aus Logroño, Belorado und Triacastela wirklich ein glückliches Gegenstück (es gab einige mehr davon). Das hätten wir uns mehr gewünscht, vielleicht mehr gebraucht. Die Herbergen werden häufiger von den Städten als von der Kirche betrieben. Der Camino de Santiago wäre für viel Menschen mehr ein Glaubensweg, wenn die Kirche ihn intensiver nutzen würde. Hunderttausende werden vor die Türen der Kirche geleitet für die Neu-Evangelisierung. Und dies wäre eine Aufgabe nicht nur der spanischen Kirche. Es gibt so viele Pilgerstatistiken, man könnte schnell feststellen, wer, welche Nation den Bedarf produziert und Mittel für diese Aufgabe nach Spanien transferieren.

Der Leiter führte uns noch einmal ausführlich unter den Altar an das Grab des Apostels Santiago. Jeder durfte noch eine persönliche Fürbitte leisten. Meine persönliche Bitte galt den Kindern dieser Welt. Dann war auch dieser Weg vorbei. Diese Abendandacht und die internationale Gemeinschaft der Pilger habe ich ganz, ganz positiv in Erinnerung. Einige andere Teilnehmer drückten mir die Hände, sagten, sie hätten ähnlich empfunden wie ich. Danke, Apostel Santiago, danke der Pilgerorganisation, danke all denen, die uns auf dem Weg unterstützt haben, vor allem die Organisatoren der Pilgerherbergen in Galizien.

Am nächsten Tag schlenderten wir – luxuriöserweise wieder  ganz rucksackfrei – durch Santiago, frühstückten in einem Café, genossen die Stadt, kauften kleine Andenken. Schon seit langem hatte ich am frühen Vormittag immer Santiago um sein langärmeliges Funktionsshirt beneidet. Morgens liefen wir immer mit Jacke los, doch der Übergang von der Jacke zum kurzärmeligen T-Shirt war immer etwas zu frisch anfangs. Santiago zog immer erst seine Jacke aus und später dann das langärmelige Hemd, wenn es richtig warm wurde, um dann kurzärmelig weiterzuwandern. Und schon häufiger hatte ich unterwegs nach einem solchen Hemd Ausschau gehalten, doch es war immer zu teuer gewesen. Hier in Santiago fand ich ein schwarz-grünes Shirt für 15 Euro. Nun war  ich für den portugiesischen Weg gerüstet. In zwei Tagen war ja Herbstbeginn!

Santiago vor der Kathedrale

Auf der Praça de Obradoiro winkte uns Margarete aus Polen mit ihrer wieder gefundenen Schwester aus dem luxuriösen Café des Paradors zu. Sie lud uns an ihren Tisch ein, wir selbst wären nie allein hinein­gegangen. Nach einer Weile kam auch Fred aus der Lutherstadt Wittenberg hinzu, und Stück für Stück fand sich eine bunte Gruppe zusammen. Santiago spielte für uns auf seiner Panflöte und einige für uns neue Pilger waren stolz darauf, in Santiago de Compostela einen leibhaftigen Santiago kennen gelernt zu haben. Erinnerungsaustausch, Erinnerungsfotos und Aufbruchstimmung: Fred war kurz vor seinem Weg zum Flughafen.

Ich behandelte im Café eine Frau, die wegen einer Knochenhaut­entzündung am Knöchel den Camino nicht zu Fuß beenden konnte. In Palas de Rei hatte sie einige Tage verweilt, um sich zu kurieren, doch es ging zu Fuß einfach nicht weiter. Sie hatte auch darin ihren Frieden gefunden. Nun wartete sie auf ihren Mann, der extra herflog, um sie aus Santiago wieder nach Hause zu begleiten. Aus einem Internet-Café schrieben wir einige Nachrichten in die Heimat, dass wir angekommen seien. Es fiel mir sehr schwer, diese Nachrichten zu formulieren. Ich hielt sie sehr unbestimmt, ich war nicht bereit, zu zeigen, wie es mir ging.

Hallo Ihr Lieben,

gestern sind wir heil nach ca. 1000 km in Santiago angekommen, wir sind am 18. August in Lourdes losgelaufen und am 18. September waren wir hier. Es ist eine Erfahrung, fuer die es keine Worte gibt.

Wir werden jetzt erstmal noch bis Finisterra laufen und dann weitersehen. Bisher waren wir sehr sparsam und haben pro Person weniger als 400 Euro seit Berlin ausgegeben, billiger als allein Miete. Daher geht alles noch. Meine letzte warme Mahlzeit ist zwar schon 10 Tage her, aber alles laeuft. In letzter Zeit haben wir ca. 30 – 40 km am Tag gemacht. Heute ist unser erster Ruhetag seit dem 18. August. Hier gibt es kein Wochenende, nur jeden Tag Rucksack packen und loslaufen. Hier in der Herberge in Santiago de Compostela duerfen wir mal 2 Tage bleiben, daher unser Pausentag, und natuerlich fuer diese tolle Stadt und zum Verdauen der Ankunft.

Santiago de Compostela ist wundervoll, der Norden Spaniens eine Schoenheit, die Staedte wundervoll, die Landschaft von urig bis atemberaubend. Insbesondere Galicien und der Bierzo sind ein Gedicht. Ich fuehle mich wie ein Blatt im Wind.

Ich hoffe, es geht Euch allen gut, auch dem kleinen Kater, hoffentlich habt Ihr auch schoenes Wetter, seit Pamplona hat es hier nicht mehr geregnet und es war nur 1 1/2 Tage bedeckt.

Herzliche Gruesse aus Santiago de Compostela

Gabriele & Santiago

In der Nacht lernten wir in der Herberge eine kreative, neue Methode kennen, mit Schnarchern umzugehen. Junge Spanier leuchteten mitten in der Nacht einem deutschen Rentner mit Riesen-Resonanzkörper mit einer Taschenlampe mitten ins Gesicht und forderten ihn auf, mit dem Schnarchen aufzuhören. Seine Frau beschwerte sich: „Der kann doch nichts für das Schnarchen. Und wer das Schnarchen nicht hören mag, der kann doch in eine Pension gehen, wenn er das weiß!“ Ich schlug ihr vor, mit ihrem schnarchenden Mann in die Pension zu gehen. Sie wüssten ja auch beide, dass er schnarcht. Das Problem lag ja nicht bei den jungen Spaniern, sondern in der Schnarcherei ihres Mannes. Sie hätten sicher mehr finanzielle Mittel als die Spanier!

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[1] Jetzt in der Rückschau weiß ich, wie wichtig dieser Moment war, dass ich vor dem Nichts stand.

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