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In unserer Welt ist oft die Stärke modern und Schwäche wird verachtet. Viele nennen das: Leistungsgesellschaft. Wir versuchen, unsere Stärken zu verstärken und unsere Schwächen auszumerzen. Und doch haben wir zu allen Lebenszeiten gottgegeben Perioden der Stärke und der Schwäche und das mit Sinn. Das ist ein Wunder, die Gnade des Lebens. Wir haben die Zeit der Kindheit, in denen wir schwach sind und auf die Stärke anderer angewiesen sind und wir haben die Zeit des Alters, wo wir uns mit den Einschränkungen abfinden müssen, die wir oft nach einer langen Zeit der Stärke als ein ungute Entwicklung empfinden, die jedoch eine neue Zeitqualität einläuten.
Schwangere Frauen und allein erziehende Eltern sind in einer Position der Schwäche, sie sind auf die Hilfe anderer angewiesen. Auch Krankheit ist eine Zeit von Schwäche, in der wir das Geschenk und die Gabe des Nehmens erlernen können. Alle diese Zustände sind gute Zustände, sind Zustände in denen wir Liebe und Zuwendung erfahren können, sind Zustände, in denen andere ihre Fähigkeit zu Liebe, Zuwendung und Stärke entdecken und ausüben können, sich daran freuen können. Und so können wir sowohl Stärke wie auch Schwäche erfahren und genießen.
Stärke und Schwäche dienen nicht der Abgrenzung voneinander, ich bin stark und du bist schwach, daher bin ich besser als du. Oder ich habe eine starke Zeit, daher ist es eine gute Zeit und ich habe eine schwache Zeit, daher ist es eine schlechte Zeit. Sondern wir gewinnen Stärke und Schwäche, um intensiver miteinander uns zu verbinden. Lieben wir unsere Schwäche wie unsere Stärke, denn so geben wir in diesem Moment unserem Nächsten den Raum, stark zu sein, für uns stark zu sein, wo wir selbst schwach sind. Und wir können wieder auf anderen Gebieten unsere Stärke einbringen.
Für seine eigene Stärke kann man sich einsetzen, insbesondere dann, wenn man noch nicht daran glaubt, die Erfahrung noch nicht gemacht hat. Vielen Menschen wird schon frühzeitig beigebracht: „Lass mal, ich mache das, du kannst das nicht/schaffst das nicht!“ anstatt „Mach einfach und lerne dabei!“ oder „Jetzt ein guter Zeitpunkt, dass du es lernst!“ und „Wenn es nicht so richtig gut ist, dann übe und lerne weiter, bis es so ist“. Gleiches gilt für: „Dafür bist du zu …!“, „Lass mal, wenn du es machst, dann muss ich es eh noch mal machen!“ Urteile über Menschen, die – vom Empfänger als Realität angenommen – verheerende Folgen auf Selbstbewusstsein und Leistungsfähigkeit haben. Positive Selbstwahrnehmung, gesteigerte Fähigkeit zur Selbstregulierung und Selbsteinschätzung werden möglich. Auch Menschen, die so ausgestattet sind, dass sie für sich selbst sorgen können, und es nicht tun, die sollten sich für ihre eigene Stärke einsetzen.
Dass Perioden der Stärke Sinn machen, das leuchtet sicherlich allen ein. Jedoch auch Zeiten der Schwäche haben absolut ihren Sinn. Die Schwäche gibt uns die Chance, die Erfahrung des Nichthandelns zu machen, durch die Angst hindurch zu gehen: Was passiert denn, wenn ich nicht handle? Viele Menschen sind so in ihr Leben eingebunden, ständig so im Stress, dass sie nicht anhalten, nicht anhalten können aus Angst oder Panik, weil sie dann das Gefühl hätten, alles würde zusammen brechen ohne sie. Welch ein Druck, welch ein Leid! Wird jemand anderes mir helfen? Wird mir jemand zur Seite springen? Wie viel „Tod“ liegt im „geschehen lassen“, wie viel „Tod“ liegt in der Aufgabe der Kontrolle, wie viel „Tod“ liegt im Vertrauen?
Alle Zeiten von Schwäche, Krankheit und Krise sind Zeiten, in denen wir uns zum einen auf uns selbst und andere intensiver beSINNEn können, in denen wir uns aber natürlich gerade auch intensiver auf Gott besinnen können und ihn uns helfen lassen können. Diese Zeiten entstehen immer wieder, wenn wir Gott zu vergessen und alles aus unserer eigenen Kraft heraus zu erreichen in der Lage scheinen. Gott will uns dienen, er will sich als Starker unter die Schwachen stellen und für uns da sein. Er will mit uns zusammen die Werke gestalten, jedes Werk, er will Gemeinschaft und Gemeinsamkeit mit uns erreichen, er will uns die Hand reichen und hofft und erwartet, dass wir unsere Hand nach ihm ausstrecken.
Ich hatte einmal eine wahre Zeit der Schwäche. Ich hatte gerade eine Lungenentzündung überwunden und japste noch immer nach Luft, mein Vater verstarb, ich hatte ein internationales Beratungsprojekt „am Hals“ mit fixen Terminen und damit verbundenen Poenalien, ich musste umziehen, renovieren und mein Haus verkaufen, da flogen mir die Rechnungen nur so um die Ohren, und nebenbei hatte ich natürlich noch mein Leben als allein erziehende Mutter zu bewältigen. Ich hatte nicht gelernt, mich nach außen um Hilfe zu wenden. Wenn es mir schlecht ging, dann konnte man es daran merken, dass ich immer stiller wurde, immer mehr meiner Aktivitäten einstellte und mich auf das Notwendigste beschränkte. Wie ein Roboter agierte – und das von Tag zu Tag. Bei der Krankenkasse stellte ich einen Kurantrag, der wurde abgelehnt, weil mein Zustand so gravierend war, dass ich einen neuen Antrag beim Rententräger zu stellen hatte. Dafür war ich zu kraftlos, ich ließ diese Idee einfach fallen. Ich fragte später eine Freundin, ob sie denn nicht gemerkt hätte, dass ich dringend Hilfe gebraucht hätte. Sie sagte: „Nein, du warst zwar still, aber man hatte nicht das Gefühl, dass du Hilfe brauchtest.“ Ich fragte sie: „Was hätte ich denn tun müssen, dass du das gemerkt hättest?“ „Na wenn es jemandem schlecht geht, dann jammert er, weint und wird laut: Ich kann nicht mehr! Er sagt, dass er Hilfe braucht.“[1] Nun, dafür war ich damals ebenfalls schon zu kraftlos…
Jede Krise heißt eigentlich: „Komm, Liebchen, mach es dir nicht so schwer, gib mir deine Last, lass dir tragen helfen, teile es mit mir.“ Jeder Verlust heißt: „Es gibt etwas Besseres für dich.“ Das Gute kommt auf dich zu und was nicht zu dir gehört, geht von dir weg.
Wahre Stärke beruht auf dem Wissen, es nicht allein zu können und als erstes Gott in sein Tun mit einzuladen, sich selbst zunächst von ihm getragen fühlen, um dann in den eigenen Werken andere unterstützen zu können, dadurch auch größere Aufgaben angehen zu können. Und natürlich auch andere in das Boot mit einzubeziehen, nicht alleine handeln, sondern zu gemeinsamen Handeln kommen, zur Gemeinschaftsproduktion, zum gemeinsamen Werk, was auch Gemeinschaftsgefühl, heute gern Teamgeist genannt, fördert.
Innere Stärke fördern macht immer Sinn, wenn man immer wieder das Gefühl, teilweise das „Geplapper im Kopf“ hat: „das kann ich ja eh nicht … das schaffe ich nicht … was kann ich schon…das geht ja eh schief“, wenn man häufig zu früh aufgibt oder sich gar nicht erst an etwas heranwagt. Wenn man die Verantwortung und die Versorgung für sich selbst anderen überlässt, auch wenn man es selbst könnte.
Innere Schwäche fördern macht immer dann Sinn, wenn man trotz eindeutiger Hinweise nicht aufgeben kann, nicht um Hilfe bitten kann, rücksichtslos gegen sich selbst ist, seine eigenen Signale bis zum Zusammenbruch nicht wahrnimmt, sich nicht schont, permanent über die eigenen Kräfte geht. Wenn man andere in seiner Umgebung nicht stark sein lässt und ihnen alles abnimmt, was sie selber könnten, immer der Stärkere sein muss.
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[1] Es gibt Menschen, z.B. Vernachlässigte, Geschlagene, Missbrauchte, Gewaltopfer, die in ihrem Leben Zeiten hatten, in denen ihnen nicht geholfen wurde, in denen es sinn- und zwecklos war, zu jammern, zu weinen oder zu klagen, wo es im Gegenteil sogar kontraproduktiv war, dies auszudrücken, weil es die Situation noch verschlimmert hätte. Je weniger man sich wehrte, je stiller man wurde, umso schneller war das jeweilige Martyrium vorbei. Diese Menschen zeigen also solche Gefühle und Verhaltensweisen nicht, weil sie nie die Erfahrung gemacht haben, dass solches Verhalten erfolgreich sein könnte. Eine solche Erfahrung drückt sich auch in dem Lied “Luka” von Susan Vega aus.
Die verschiedenen Lebensphasen bieten uns unterschiedliche Chancen für die Erfahrung von Stärke und Schwäche, für die Erfahrung des Guten und des höchsten Gesetzes. Ich will es hier am Gleichnis des Apfelbaumes beschreiben für die Achtung, Wertschätzung und Liebe einer jeden Lebensphase als Kontrapunkt zur aktuellen Überbetonung des Jungseins. Als Sonne und Regen beschreibe ich dabei das schicksalhafte Erleben von Situationen von Wärme, Liebe aber auch Trockenheit, wie auch Nässe, Kälte und stürmischer Emotionalität. Wir brauchen beides zum Leben. Und wenn wir den Regenbogen betrachten, dann brauchen wir für das Erscheinen der großen Himmelsbrücke sogar beides gleichzeitig: die Sonne und den regen, das Warme und das Feuchte, das Süße und das Saure.
Knospen
Der Apfelbaum bekommt mit den ersten Sonnenstrahlen im Frühling die Fähigkeit, Knospen zu bilden. Diese wachsen zunächst, sie sind noch ganz zart und klein, sie werden von Knospenblättern vor Wind und Wetter geschützt und gehalten. Stück für Stück entzieht der Apfelbaum dann den Knospen den Schutz und exponiert sie dem Leben, die Blätter werden gelockert, die Knospen kommen an die Luft, werden Sonne und Regen ausgesetzt, sie erhalten eine immer breitere Sichtbarkeit und „Perspektive“ auf die Welt.
Die Kindheit ist eine Zeit des geschützten Wachstums. Die Eltern schützen und unterstützen das Kind, das noch nicht allein in der Welt bestehen kann. Sie geben dem Kind durch sicheren Halt, vor allem durch ihre Liebe, das Vertrauen in die Welt, so dass sich die Kinder entfalten können. Stück für Stück erhalten Kinder dann mehr Raum, um selbst die Welt zu entdecken und zu erfahren, bis sie dann den Knospenblättern immer mehr entwachsen. Sie sind gehalten, immer mehr ihre eigene Farbe ans Tageslicht zu bringen und Stärke zu entdecken und zu entfalten. Die Eltern sind gehalten, sich immer mehr zurückzuziehen, um sie irgendwann freizugeben.
In dieser Zeit kommen wir in Kontakt mit der allgegenwärtigen Gewohnheit des Beurteilens. Wir werden beurteilt und wir lernen von unserer Umgebung zu beurteilen. Gleichzeitig haben wir die Chance zu lernen, uns selbst zu regulieren und zu Hoffnung, zum Glauben und zum Guten zu kommen. Während wir zunächst noch bei jeder Gelegenheit Trost brauchen, lernen wir mit der Zeit, uns selbst zu trösten. Während das Baby überhaupt keinen Zeitbegriff hat und in jeder Hungersituation nicht weiß, ob es je wieder etwas zu essen bekommen wird, Todesangst hat, so macht es irgendwann – hoffentlich – die Erfahrung, dass schon irgendwann jemand kommen wird, weil ja bisher immer jemand gekommen ist. Dann kann es sich nach und nach durch Hoffnung und Glauben selbst beruhigen, sich sagen: Wird schon! Ist ja bisher immer gut gegangen. Und: was sind meine wirksamsten Signale, dass ich etwas bekomme?
Mit wachsenden Fähigkeiten lernt das Kind auch, sich selbst zu versorgen und in sich und in der Gemeinschaft die Erfüllung seiner Bedürfnisse zu finden, aktiv auf andere zuzugehen, sich auszutauschen. Und auch hier können diese Erfahrungen entstehen: Mir wird geholfen, wenn ich schwach bin, was ich nicht kann. Ich kann lernen, es zu können. Ich kann helfen, wo ich stark bin, wo ich was kann. Ein Überbehüten lässt die Knospe sich nicht zur Blüte entfalten.
Blüten
In der Blütezeit stehen die befruchtenden Kontakte mit den Insekten im Vordergrund. Der Baum strahlt vor Schönheit. Attraktivität und Anziehungskraft sind ein wichtiger Faktor im Geschehen der Befruchtungserlebnisse. Der Apfelbaum strotzt nur so vor Lebendigkeit und Lebenskraft, steht voll im Saft, an allen Ecken und Enden treibt es aus ihm heraus. Am Ende der Blüte fallen dann die Blütenblätter wie ein weißer Schleier herab, die Knospenblätter vertrocknen und trennen sich vom Fruchtansatz ab.
Die Jugend und die Zeit des jungen Erwachsenen zeigen eine Zeit des stürmischen Wachstums, der großen Kraft und Stärke, Die Attraktivität für das andere Geschlecht steht im Vordergrund, wir verlassen unser Elternhaus, es werden Partnerschaften geschlossen, Befruchtung findet statt. Aus einer Vielzahl an Blüten wird eine Menge an Früchten im Leben angelegt: Ausbildung und das Entstehen von Kompetenzen, Vorlieben, Interessens- und Wissensgebiete, Ortswechsel (die Lehr- und Wanderjahre), Beziehungen, Freundschaften, Projekte, Stufen des Berufslebens und der Schaffung unseres sozialen Umfeldes, unserer „Wahlfamilie“.
Die Lenkung der Kraft und der Stärke kann in dieser Lebensphase noch etwas „grün“ und „ungelenk“ sein, was jetzt „mitwachsen“ muss, was die Kraft zu ergänzen hat, ist der Geist, ist die Übung und die Erfahrung und Weisheit. Wir sind in dieser Lebensphase mit viel so Stärke ausgestattet, damit wir nicht so schnell aufgeben, wenn etwas nicht funktioniert, sondern uns auf vielen, vielen Ebenen ausprobieren. Wir stehen wieder auf, wenn wir hingefallen sind, auch wenn wir mehr als einmal hinfallen.
Verluste und Scheitern sind wichtige Lernwege und Lebenserfahrungen. Wir haben an vielen Orten noch den Anfänger-Bonus, Erfahrenere legen für uns ein Netz oder doppelten Boden aus, begleiten unsere Lernschritte mit Wohlwollen oder Nachsicht und ihrem Wissensschatz. Wir dürfen in die Lehre gehen. Verantwortung wird uns allmählich wachsend übertragen. Das Maß unseres Scheiterns ist noch nicht so schwer wiegend, was zu Boden fällt, das fällt in der Regel sanft, da wir weiterhin voller Stärke, Lebensmut und Attraktivität sind. Was unser Leben verlässt, das geht sanft.
Reifung und Wachstum
Die befruchteten Blüten beginnen, zur Frucht heranzureifen. Der Baum beginnt zu tragen, er wird Stück für Stück mehr belastet. Er bringt grüne Früchte hervor, die – Sonne und Regen ausgesetzt – heranwachsen. Sie sind noch klein, sauer und hart, sie sehen oft einer aus wie der andere. Was nicht zur Reifung taugt oder wurmstichig wird, das fällt ab. Manche Zweige neigen sich mit der Zeit unter dem Gewicht.
Wir stehen in unserer vollen Kraft, einer langen Lebensphase, die Gnade dieser Lebenszeit. Was als Blüte voller Leichtigkeit noch vielleicht eine Idee, ein Wunsch, ein Gedanke war, eine Auswahlmenge war, wird nun Realität, verwirklichtes Leben. Viele Früchte wachsen heran, doch schon jetzt fällt das herab, was nicht lebensfähig ist. Mit der Zeit wird das, was wir zu tragen haben, immer schwerer: die Kinder kommen und wachsen heran, berufliche Aufgaben entwickeln sich und werden komplexer, das soziale Umfeld muss mit ähnlichen Lasten umgehen. Manche Freundschaften gehen verloren, in Beziehungen kann der Wurm drin sein.
Damit wir wirklich schultern können, was zu unserem Leben gehört, müssen wir nun viele Vorstellungen loslassen, auch wenn es manchmal schwer fällt. Die Entscheidung für den einen Weg ist immer der Abschied von vielen anderen Wegen, die auch ihren Reiz haben können. Die Früchte unseres Schaffens sind noch klein und bedürfen noch vieler Erfahrungen, um zu einem Lebenswerk heranzureifen. Sie sind vielleicht noch ungenießbar, noch unfertig, noch nicht lebensfähig, doch mit der Zeit wächst das Herz und der Geist unserer Frucht.
Das Wetter wechselt, Phasen des Sonnenscheins wechseln mit Regentagen ab, Stürme ziehen auf und zu manchen Zeiten macht uns die Hitze zu schaffen, Durststrecken sind zu überwinden. Wir versuchen, unsere Früchte wachsen zu lassen, wir investieren hier unsere Stärke. Insgesamt ist diese Lebensphase eine Zeit, in der Kraft und Herzensbildung und geistige Frucht miteinander in die Waage geraten und Ziele tatsächlich erreichbar werden.
Reife
Die Früchte werden reif: süß und saftig, sie bekommen Farbe, sie beginnen zu duften. Sie beginnen sich immer mehr von einander zu unterscheiden. Sie erhalten durch die Reife wieder eine neue Phase der Attraktivität und Schönheit, und zwar durch ihre Frucht, die jetzt aus ihrer Zeit in der Sonne die Süße und aus der Zeit des Regens ihre Saftigkeit erhalten hat. Der Baum hat jetzt noch schwerer zu tragen und es fallen immer mehr Äpfel auch ab. Die Blätter färben sich bunt, welken und beginnen zu fallen, da aller Saft in die Frucht geht.
Der reife Mensch hat viel Kraft und Stärke in seine Früchte investiert, die Kraft ist teilweise an die Früchte übergegangen: seine Beziehungen, seine Kinder, seine berufliche Verwirklichung, seine Werke, seine Berufung, seine Interessen. Alles hat an Breite und Tiefe, an Differenzierung, an Geschmack gewonnen. Das Wetter hat die Tragfestigkeit getestet. Was haltbar war, hat gehalten, was nicht tragfähig war, ist aus dem Leben verschwunden. Aufgrund schwindender Kräfte mussten wir irgendwann die Hand aufmachen und die eine oder andere Aktivität oder Beziehung aufgeben. Rekonvaleszenzzeiten werden länger.
Wer seine Erfahrungen genutzt und verfeinert hat, der verfügt nun über einen reichen Erfahrungsschatz: aus den süßen, sonnigen Tagen und aus den Durststrecken, aus feuchten, kühleren Tagen: dem Fluss unserer Gefühle, aus Tränen und aus Schweiß. All das hat uns geprägt, alles, was wir dankbar angenommen haben, das hat sich in Süße verwandelt. Alles, was noch nicht angenommen ist, was noch nicht verdaut und vergeben ist, das beginnt zu faulen, körperliche Anfälligkeit und Krankheiten entwickeln sich. Und man muss aufpassen, dass das Faulige nicht die guten Früchte ansteckt und mitfaulen lässt, das wäre ein Trauerspiel. Manche Frucht fällt weit vor der Zeit vom Baum.
Die Durststrecken sind vielleicht kürzer geworden, weil unser eigener Schatz gewachsen ist. Die Wärme wird weniger, doch wir haben vielleicht inzwischen ganz viel Wärme in uns selbst und in unserem Netzwerk gespeichert, dass wir der Sonne im Äußeren nicht mehr so sehr bedürfen. Die entscheidende Aufbauarbeit ist geleistet, wir haben Ziele erreicht, wir haben vielleicht Werke von bleibendem Wert geschaffen oder sind gerade dabei.
Wenn die Kraft jetzt nachlässt und wir äußerlich etwas welk werden, dann ist in unseren Früchten, in unserem Innern, in unseren Worten, in unserem Sein jetzt die Süße und Saft und Kraft unseres Herzens und die Ausstrahlung unseres Geistes. Wir werden deutlich unterscheidbar, individueller, jeder hat seine eigene Schönheit, sein eigenes Muster. Wir müssen nicht mehr ganz glatt sein, einfaltslos oder einfältig, nein, wir sind vielfältig und erschaffen ein rundes Bild. Dieser Schatz macht uns begehrenswert und manch Vorbeigehender denkt mit Vorfreude auf das Anbeißen, die Entdeckung des Innern, der gereiften Persönlichkeit.
Ernte
Das große Loslassen beginnt. Die Äpfel werden geerntet, sie werden vom Apfelbaum getrennt. Sie sind durch und durch süß und saftig und werden genossen! Und wenn die geernteten Äpfel runzlig werden, dann werden sie noch süßer. Was nicht süß und saftig wurde, das wird nicht gepflückt, das trennt sich als Fallobst durch Schwere oder Windstöße rauher Zeiten vom Baum und verfault. Hier wird von außen – durch die Bakterien d.h. Krankheit – noch ein gewisser „Zwangs-Süßungsprozess“ eingeleitet, doch die Schönheit und das Genossen werden bleibt aus.
Und was für ein Genuss: ein zufriedener, herzlich-zugewandter und weiser Mensch im Alter. Ein Quell des Friedens, der Liebe und der Erfahrung für seine ganze Umgebung. DIE Hoffnung überhaupt! Wir lassen Stück für Stück unser bisheriges Leben los und geben uns Seiner Sorge hin. Das Gute wird eingelagert und zur Nahrung Anderer – in Form von Weisheit und Süße – bereitgehalten.
Im Alter tritt dann durch die Passivität und durch altersbedingte Einschränkungen eine sinnvolle Zeit der Schwäche ein. Es geht darum, in dieser Zeit in einer vollständigen Rückschau mit dem eigenen Leben, mit dem eigenen Schicksal, mit den Menschen des sozialen Umfeldes und mit Gott Frieden zu schließen. Man versteht das Leben in der Rückschau am besten. Es geht darum, jede Situation, jede Beziehung, in der der Friede noch nicht eingekehrt ist, nochmals anzuschauen und die Annahmen zu überprüfen, die man damals mit dieser Situation, diesem Menschen, dieser Beziehung hatte. Wie kann ich aus dieser Perspektive das Gute daran entdecken, wie kann ich daran entdecken, dass es gut war, dass alles gut war. Es geht darum, vollständig zu werden in Herz, Seele und Geist.
Diese Zeit ist ein intensiver Reinigungsprozess, eine Zeit des Glücks über neue, eben Gut-Deutungen des Geschehenen, des Verstehens, eine Zeit des Verdauens all dessen, was noch nicht verdaut ist, eine Zeit intensiver Vergebung: sich selbst vergeben, anderen vergeben, selbst Vergebung zu erlangen, von anderen und von Gott. Die Vorbereitung auf den Tod ist es, sich vom Beurteilen zu verabschieden und am reinen „Gut war’s! Sinnvoll war’s! Ich habe nicht umsonst gelebt!“ anzukommen. Unserem Schöpfer dankbar entgegen zu treten für dieses Leben. Und so kann man irgendwann voller Frieden sagen: „Ich bin bereit!“
Und – die eine oder andere Einschränkung verschwindet auch wieder, wenn wir uns Stück für Stück zum Guten bekehren.
Sind wir im Alter nicht in der Lage, den Beurteilungsprozess umzuwandeln, zurückzunehmen, die Gedanken, dass etwas böse und nicht gut war, loszulassen, dann entsteht dieser Prozess somatisch, im Körper. Das Gehirn löscht – bei Alzheimer wird das Gehirn zerlöchert von der Kraft negativer Gedanken – die Erinnerungen, so dass auch so Frieden einkehren kann. Das ist die Fäulnis der nicht geernteten Lebenserfahrung, der nicht ins Gute gewandelten Lebensgeschichte.
Diese Zeitqualität zeigt sich auch an – in der Regel – bei unserer sich verändernden Sehfähigkeit. Zum Lernen brauche ich das Verständnis des Details, die Fähigkeit, Einzelheiten gut zu erkennen, zum Verstehen brauche ich den Weitblick, die De-Fokussierung vom Detail und die Zuwendung zur Langfristperspektive.
Fragen wir uns also, was für ein Apfel wir sein wollen,
- süß, sauer, reif, wurmstichig, Fallobst oder faulig
nehmen wir alle Phasen des Lebens
- sonnig, mild, heiß, trocken, frisch, kalt, feucht, neblig, nass, stürmisch
des Lebens als Diener unseres Reifens dankbar an.
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