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Das Gnadenjahr/Das Jubeljahr: 3. Mose 25 (Einheitsübersetzung)
8 Du sollst sieben Jahreswochen, siebenmal sieben Jahre, zählen; die Zeit von sieben Jahreswochen ergibt für dich neunundvierzig Jahre. 9 Im siebten Monat, am zehnten Tag des Monats, sollst du das Signalhorn ertönen lassen; am Versöhnungstag sollt ihr das Horn im ganzen Land ertönen lassen. 10 Erklärt dieses fünfzigste Jahr für heilig und ruft Freiheit für alle Bewohner des Landes aus! Es gelte euch als Jubeljahr. Jeder von euch soll zu seinem Grundbesitz zurückkehren, jeder soll zu seiner Sippe heimkehren. 11 Dieses fünfzigste Jahr gelte euch als Jubeljahr. Ihr sollt nicht säen, den Nachwuchs nicht abernten, die unbeschnittenen Weinstöcke nicht lesen. 12 Denn es ist ein Jubeljahr, es soll euch als heilig gelten. Vom Feld weg sollt ihr den Ertrag essen. 13 In diesem Jubeljahr soll jeder von euch zu seinem Besitz zurückkehren.
Am 16. Oktober 2007 kam ich spät abends in Berlin an. Mein Bruder holte mich vom Flughafen ab, und ich konnte eine Nacht in seinem Haus schlafen. Am nächsten Morgen brach ich bei ihm auf, um mir wieder eine neue Existenz zu schaffen. Zunächst holte ich bei meinen Freunden mein Auto ab und dann fuhr ich zu meinem Lager-Container, um mir die vorbereitete Tasche mit warmen Sachen, meine Erstausrüstung und meinen Computer zu holen. Ich wollte mir ein Zimmer in einer WG anmieten und von dort aus langsam Fuß fassen. Meine Handy-Telefonkarte hatte ich bei meiner Praxis-Vermieterin gelassen. Doch die erreichte ich nicht, sie war ja umgezogen, unbekannt verzogen. So rief ich wieder bei meinen Freunden an und fragte, ob ich dort übernachten konnte, es ging, auch noch für eine zweite Nacht. Sie hatten einen Computer mit Internet-Anschluss, so brachte ich erstmal wieder meinen Internet-Auftritt in Ordnung, so dass ich wieder für neue Anmeldungen für Seminare und Behandlungen auffindbar war und verschaffte mir einen Überblick über meine finanzielle Situation. Die sah überhaupt nicht gut aus, zugesagte Zahlungen in Höhe von 1000 Euro waren nicht angekommen, auch wenn ein paar kleinere und unerwartete Zahlungen eingetroffen waren. Es würde schwierig sein, ein Zimmer in einer WG anzumieten, da die meisten eine Kaution wollten. Das Geld war nicht da! Ich fand im Internet auch eine Herberge in Berlin, in der man für 10 Euro pro Nacht ein Zimmer bekam. Leider war gerade nichts frei…
Ich meldete mich bei meiner Schwester zurück. Sie wusste, dass meine Tante in Urlaub war und ihre Wohnung frei. Ich erreichte meine Tante. Ja wunderbar: ich konnte vier Tage in ihre Wohnung ziehen. Diese vier Tage nutzte ich vollständig dazu, unsere ganze Reise in Stichworten aufzuschreiben, Tag für Tag, unsere Strecke, unsere Ziele, Gedanken und Erlebnisse. So konnte ich alles festhalten, um später immer wieder mein Gedächtnis auffrischen zu können. Als ich mich nach den vier Tagen wieder an die Herberge wandte, war ein Zimmer frei. Ich zog ganz nah ans Wasser auf die Halbinsel Alt-Stralau. Ich konnte dort, wenn ich wollte, Tag für Tag die Miete bezahlen, eine Kaution wurde nicht erwartet, das kam mir sehr entgegen. Die Herberge in Alt-Stralau war sehr einfach, ein DDR-Plattenbau, klar, Küche und Bad auf dem Flur, sehr ähnlich den spanischen Herbergen, im Standard teilweise sogar darunter, dafür Einzelzimmer. Doch das war ich ja gewohnt, ich war froh über jeden Tag, den ich dort wohnen konnte.
Nun ging es darum, wieder finanziell auf die Beine zu kommen für meine Grundbedürfnisse Wohnen und Essen. Ich wandte mich nach Oben und bat um Führung, Hilfe und Beistand, was ich denn jetzt tun sollte, wie ich mich nach dem Camino neu ausrichten sollte, vom Omega zum Alpha zu kommen. Was ich in mir hörte, war: „Sei unbesorgt, was stattfinden soll, das wird stattfinden. Was nicht stattfinden soll, das wird nicht stattfinden.“ Und mir zeigte sich ein Bild eines Scheideweges: Ich könnte den materiellen Weg gehen, mir einen Job suchen, um erstmal eine sichere finanzielle Basis zu schaffen, dann meine Praxis neu aufbauen und damit meinen Platz in der materiellen Welt finden. Alternativ stand mir offen, eine Phase der Ruhe und der Besinnung einzugehen, den Weg der Angst ohne sichere finanzielle Basis zu gehen und mich daranzumachen, in Gottes Reich hier im Alltag leben zu lernen, dem Spirituellen in meinem Leben den 1. Platz einzuräumen und die Gabe, die ich auf dem Jakobsweg erhalten hatte, die Gabe, auf die ich ein ganzes Leben vorbereitet wurde, anzunehmen und zu nutzen. Ich entschied mich für die 2. Alternative, auch wenn sie wesentlich schwieriger aussah.
Als erste berufliche Aktivität nahm ich eine Woche nach meiner Rückkehr mein Bewegungstraining „Salsa Movimientos“ auf, das ich in einer Physiotherapiepraxis durchführte. Es waren einige Neueinsteiger dabei, so kam das erste Geld wieder in mein Portemonnaie. Ich war recht unbesorgt über mein weiteres Fortkommen, da ich am letzten Wochenende im Oktober schon ein Seminar abhielt, für das ich – noch in Spanien – eine Teilnehmeranmeldung erhalten hatte. Ein weiteres war für das Wochenende danach geplant, die Anmeldungen dafür lagen seit vor dem Camino vor, sozusagen mein Novembergehalt war gesichert. Für das 1. Seminar nahm ich zusätzlich eine Teilnehmerin kostenlos auf, weil sie Anfang des neuen Jahres zu einem Straßenkinderprojekt in Nepal aufbrechen wollte und daher kein Geld, aber großes Interesse an der Teilnahme hatte. Auch die Seminare wollte ich in der Physiotherapiepraxis durchführen, weil sich ja meine alten Praxisräume während meiner Pilgerzeit „in Luft aufgelöst“ hatten. So hatte ich zumindest erstmal einen Raum.
Und plötzlich, innerhalb von 3 Tagen, brach alles zusammen. Die Teilnehmerin aus dem Umland für das erste Seminar kam wegen des Bahnstreiks nicht durch, ich führte das Seminar nur für die nicht zahlende Teilnehmerin durch. Und am Tag darauf sagten innerhalb von zwei Stunden alle Teilnehmer ab, die sich für das zweite Seminar angemeldet hatten. Mein „Novembergehalt“, 850 Euro, war futsch! Was nun? Aha: Was stattfinden soll, das findet statt, was nicht stattfinden soll, das findet nicht statt! Autsch! Jedoch eindeutig, und das ist auch etwas sehr Angenehmes.
Wieder eine Vision. Ich hörte: Du brauchst bis Weihnachten ein Zimmer. Ich sah plötzlich das Gesicht einer meiner früheren Teilnehmerinnen vor mir. Bei ihr würde ich unterkommen können. Ich bräuchte aber nichts dazu tun. Genau so geschah es auch – am nächsten Tag erhielt ich eine Email von ihr, sie wollte mich dringend sprechen. Wir verabredeten uns für einen Tag später zum Frühstück bei ihr. Sie erzählte mir ihre Geschichte und ihr Anliegen und ich ihr meine. Wir konnten uns gegenseitig helfen. Nach dem Frühstück bot sie mir an, dass ich bis Weihnachten bei ihr am wunderschönen Friedrichshain wohnen am könnte. Im Dezember feierte ich bei ihr meinen 49. Geburtstag. Danke! Ein gewaltiges Geschenk, ein großer Moment der Gnade.
Bei ihr begann ich, die erste Version dieses Buches zu schreiben und erfuhr eine Menge über das Heilen, erhielt Lektion um Lektion „im Antlitz der Liebe“. Wir verstanden uns wunderbar! Sie las meine Texte und nahm daraus viel für sich selbst mit. Kurz vor Weihnachten war ich mit der Erstfassung fertig und verschickte sie als Weihnachtsgeschenk. Über Weihnachten kam ich dann an zwei weiteren Stationen unter, und nahm eine ehrenamtliche Unterstützung von Obdachlosen in der Herz-Jesu-Gemeinde auf.
Über Silvester ging ich mit Jesus in einer stillen Dachwohnung in einem Weddinger Hinterhof in Klausur, um mich mit ihm der Praxis des neuen Heilungssystems und dabei, als sinnvolles Übungsthema, der Aufarbeitung alter Geschichten – all meiner Männergeschichten – zu widmen. Das Ergebnis war umwerfend, ich habe mit allen Männern, die in meinem Leben waren, meinen Frieden geschlossen, ohne dass sie da waren. Ich konnte vergeben, loslassen und merkte, dass ich mir viele Einschläge im Selbstbewusstsein lediglich eingebildet hatte, sinnloses Leid: ich hatte nicht loslassen wollen, was nicht gut für mich war. Ich hatte den Grund in mir gesehen, was es einfach nicht war. Mir wurde für jede gescheiterte Beziehung ein guter Grund, ein Segen für das Scheitern klar. Es war einfach alles gut gewesen! Was für eine Zeit der Gnade!
Im Januar durfte ich wieder zurück an den Friedrichshain, wo ich bis Anfang März blieb. Ich machte mich dann an den Aufbau meiner Praxis. Eine Ärztin hatte mir einen Raum in ihrer Praxis angeboten – vermittelt durch eine meiner ehemaligen Teilnehmerinnen. Es gab nur wenig zu tun, einen Teppich, Gardinen, ich stellte meine Liege, meinen Tisch und drei Stühle auf, um anzufangen. Ich nahm alle meiner früheren Aktivitäten auf, um wieder in Tritt zu kommen. Parallel begann ich, für das Heilungssystem einen Ausbildungsplan aufzustellen, damit ich es irgendwann vermitteln könnte. Und ich behandelte und probierte das neue System aus. Es war exzeptionell anders als alles, was ich vorher gekannt hatte, was für mich ein Wunder und gleichzeitig kein Wunder war! Intensiver, wirkungsvoller, klarer, liebevoller. Beim Arbeiten erfuhr ich so viel mehr über die Anwendung, insbesondere über die Diagnostik, so dass ich sehr schnell bei meinen Klienten auf den Punkt kommen konnte. Eine neue Welt erschloss sich mir! So viel Gnade!
Anfang März hatte ich wieder eine eigene Wohnung – nahe Alexanderplatz -, die allerdings heftig zu renovieren war. Sie lag nur 8 Minuten von meinem bisherigen Platz am Friedrichshain weg, war günstig, warm und gut geschnitten. Über Ostern verbrachte ich ein paar Tage mit meinem Sohn, den ich nach einem Dreivierteljahr nun endlich wieder sah, in Barcelona – sponsored by family. Santiago tauchte wieder vermehrt in meinem Leben auf und renovierte die Wohnung, wir verbrachten Monate damit. Meine Praxis begann, wieder recht gut zu laufen. Keine Reichtümer, aber es kamen neue Leute dazu.
Anfang Mai nutzte ich das Himmelfahrtswochenende, um wieder zu pilgern, diesmal allein, und zwar die Strecke Berlin – Bad Wilsnack, ein wundervolles Frühlingswochenende unter blühenden Obstbäumen und frischbunte Felder und sprossende Wälder durch die brandenburgische Luchlandschaft. Ich kam nicht ganz bis hin, doch ich spürte wieder: einmal Pilgern, immer Pilgern – es ist eine Passion! Gestärkt durch diese Erfahrung stellte ich meine Praxis um, hörte mit allem auf, was nicht mehr zu meinem neuen System gehörte, wagte wieder den Schritt ins Unbekannte. Ich begann, Vorträge zu halten über das neue System und mit Santiago auch über unsere Pilgerreise. Finanziell machte ich mich sehr verletzlich, und es war definitiv kein Powerstart. Doch neue Menschen begannen sich zu interessieren, ich konnte die Ausbildung entwerfen und den ersten Kurs planen und dafür das erste Handbuch schreiben. Ich stand unter Seiner Führung – vollständig auf dem Weg, der durch den Jakobsweg entstanden war, wackelig noch, aber es gab diesen Weg plötzlich, weil ich ihn gegangen war.
Ende Juli kam mein Sohn wieder zurück nach Berlin, was für ein Glück! Auch Santiago zog mit in die Wohnung ein und den ganzen August über war auch sein Sohn mit bei uns, eine kinderfrohe gemeinsame Zeit.
Im September fand der 1. Kurs statt, eine ganz unerwartete Erfahrung. Es war ganz anders als die früheren Seminare, intensiver, doch viel entspannter, ich war vollständig in meiner Mitte, völlig sicher und ruhig wie nie. Ich fühlte mich nicht mehr als Dienstleister, der sich um Kundenzufriedenheit und Postsales und andere kommerzielle Ziele zu kümmern hatte, sondern nur um die Wahrheit und den Inhalt, Unbequemes inklusive. Die Teilnehmer gehen nun statt der Zahlung eines Teilnehmerbetrages – denn das Heilsegnen ist ein Geschenk an das Leben – eine Selbstverpflichtung ein. So habe ich es formuliert:
„Das Heilsegnen dient der Barmherzigkeit unter den Menschen und einer Stärkung der Gottesverbindung bei jedem Einzelnen. Es ist kein kommerzielles System und keines, was individuellen Zielen dient. Es gibt keine andere Motivation, Belohnung und kein anderes Ziel außer der Stärkung von Gottes Reich in dieser Welt und dem Wohlergehen der Menschen durch Heilung durch Gott.
Förderung und Verbreitung: Mit Förderung des Heilsegnens ist daher gemeint, sich auf ganz eigene Weise, mit den eigenen Fähigkeiten für diesen Weg einzusetzen, die Qualität, Wahrhaftigkeit, Anschaulichkeit und Tiefe des Heilsegnens zu stärken und sich in den Prozess der Weiterentwicklung und Dokumentation einzubringen. Mit Verbreitung ist gemeint, dass andere Menschen sich der Anwendung des Heilsegnens freiwillig und aus eigenem Antrieb annähern können nach dem Wort von Bernadette Soubirou aus Lourdes „Ich bin nicht beauftragt, sie zu überzeugen, ich bin beauftragt, es zu sagen.“ Auch hier gilt, nicht es allein zu tun, sondern mit Ihm gemeinsam.
Schaffung von Gottes Reich im Innern: Wer das Heilsegnen erlernt, der ist gehalten, zunächst sich selbst zu heilen. Er übernimmt die Selbstverpflichtung, das Heilsegnen auch auf seine eigenen Situationen, Bedürfnisse und Probleme[1] anzuwenden und kontinuierlich anzuwenden. Am leichtesten erreichen wir das aus Freude, Liebe und Sinn: Spaß daran zu haben, es von Herzen gern zu tun und zu verstehen, warum es gut ist. Glaube, Liebe und Hoffnung werden so zu den Grundpfeilern des Lebens, das Leben wird aus der Perspektive des Herzens betrachtet.
Schaffung von Gottes Reich im Außen: Jeder Teilnehmer versucht aus seinem innersten Sein heraus ein Feld für sich zu finden, in dem er seine Liebe zum Nächsten durch tätigen Dienst – freiwillig und kostenlos – erweist. Durch die Verfügbarkeit solcher Dienste können immer mehr Menschen Erfahrungen mit Gottes Reich machen und das Glück und die Gnade Gottes erleben. Gottes Gabenkatalog wird durch jeden von uns reichhaltiger. Je freudiger und aus eigenem Antrieb wir diesen Dienst übernehmen, eben weil wir ihn von Herzen gern tun, umso tiefer wirkt dieser Dienst nach; der Empfänger kann das spüren.“
Das ist mein Ziel: Ich will sein wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird und von da an Kreise zieht, die sich weiter ausbreiten. Diese Worte benutzte ich gegenüber einer Freundin, als ich ihr diesen meinen Weg erklärte. Am nächsten Tag war der Berliner Weihbischof zu einer Firmung in der Herz-Jesu-Kirche. Auch er benutzte in seiner Predigt die gleichen Worte für die Firmlinge: Seid wie die Steine, die ins Wasser geworfen werden und Kreise ziehen…
Lukas 12,31 (Lutherbibel 1984)
31 Trachtet vielmehr nach seinem Reich, so wird euch das alles zufallen. 32 Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn es hat eurem Vater wohlgefallen, euch das Reich zu geben. 33 Verkauft, was ihr habt, und gebt Almosen. Macht euch Geldbeutel, die nicht veralten, einen Schatz, der niemals abnimmt, im Himmel, wo kein Dieb hinkommt, und den keine Motten fressen. 34 Denn wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein.
Ab Oktober habe ich begonnen, für meine Behandlungen kein Geld mehr zu fordern. Ich habe von einigen Klienten immer wieder freiwillig welches bekommen, aber auch viele Menschen einfach kostenlos behandelt, auch wenn ich für meinen Raum Miete bezahlt habe. Nach einigen Monaten bekam ich einen sehr schönen Praxis-Raum von einem Freund im Glauben, einem Arzt, kostenlos angeboten. Damit war dieser neue Weg noch viel leichter. Vertrauen…
Es hat also funktioniert: mir ist alles zugefallen, ich habe den Weg auch im Alltag gefunden. Ein Gnadenjahr, das Jubeljahr, ein Jahr der Nachfolge, das damit ausklingt, dass ich dieses Buch weiter zu Ende schreibe.
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[1] Was nicht schulmedizinische Behandlung bei Krankheiten ausschließt, sondern diese ergänzt.
Und so ist für mich auch sein Weg der Kreuzigung, des Kreuzes, zu verstehen. Jesus hätte alle himmlischen Heere zu Hilfe rufen können und sich mit Gewalt den Weg ebenen können, um sein Reich zu gründen, eine neue Ordnung zu schaffen, eine Revolution, ein Machtakt, ein Staatsstreich. Das ist nicht der Weg des Herzens, sondern sein Gegenteil, Machtausübung ist es nie. Der Weg des Herzens ist der Weg der Einsicht, des freiwilligen Wollens, der inneren Überzeugung, das Folgen des Weges der Barmherzigkeit, der Weg mit Gott, der Weg der Akzeptanz, der grundsätzlichen Gütevermutung in allem Geschehen. Jesus ging diesen Weg, den Weg der Gewaltlosigkeit, um zu zeigen und uns aus seinem Beispiel lernen zu lassen – ein evolutionärer Weg. Jesus ging den Weg zum Kreuz freiwillig, aus ganzem Herzen, auch wenn selbst er Angst hatte. Er hat bis in seinen Tod und darüber hinaus geglaubt, dass dieser Weg zum Guten führt.
Denn Macht und Geld sind Erfindungen des Mißtrauens.
Herrmann Hesse/Eigensinn macht Spaß, Insel Verlag
Jedes „ich muss“ ist ein Schritt von Gott weg, ein Abweichen vom Weg der Liebe. Das was ich liebe, das tue ich immer aus freien Stücken, das muss ich nicht tun, das will ich tun. „Lieber Gott, soll ich das (…was auch immer…) jetzt tun?“ ist nicht zielführend, nicht die richtige Frage. Ich tue, weil ich überzeugt bin und es gern tue. Meine freiwillige Entscheidung dafür ist das Zeichen meiner Liebe, lesen wir es – freundlich gemeint und ohne erhobenen Zeigefinger verstanden - in Römer 12 (Einheitsübersetzung):
6 Wir haben unterschiedliche Gaben, je nach der uns verliehenen Gnade. Hat einer die Gabe prophetischer Rede, dann rede er in Übereinstimmung mit dem Glauben; 7 hat einer die Gabe des Dienens, dann diene er. Wer zum Lehren berufen ist, der lehre; 8 wer zum Trösten und Ermahnen berufen ist, der tröste und ermahne. Wer gibt, gebe ohne Hintergedanken; wer Vorsteher ist, setze sich eifrig ein; wer Barmherzigkeit übt, der tue es freudig. 9 Eure Liebe sei ohne Heuchelei. Verabscheut das Böse, haltet fest am Guten! 10 Seid einander in brüderlicher Liebe zugetan, übertrefft euch in gegenseitiger Achtung! 11 Lasst nicht nach in eurem Eifer, lasst euch vom Geist entflammen und dient dem Herrn! 12 Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Bedrängnis, beharrlich im Gebet! 13 Helft den Heiligen, wenn sie in Not sind; gewährt jederzeit Gastfreundschaft! 14 Segnet eure Verfolger; segnet sie, verflucht sie nicht! 15 Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden!
Die Liebe schenkt uns die Kraft, die Ausdauer, die Freude und die Sorgfalt, vertrauen wir darauf bei jeder Aufgabe. Wenn wir eine von unseren Aufgaben nicht lieben können, dann können wir darum bitten, sie lieben zu lernen oder sie aufgeben, wenn es geht, oder sie mit jemand anderem tauschen, der sie von Herzen tut.
Das Volk Israel wird immer als „widerspenstiges Volk“ beschrieben., so z. B. in Hesekiel 12 (Einheitsübersetzung): 1 Das Wort des Herrn erging an mich: 2 Menschensohn, du wohnst mitten unter einem widerspenstigen Volk, das Augen hat, um zu sehen, und doch nicht sieht, das Ohren hat, um zu hören, und doch nicht hört; denn sie sind ein widerspenstiges Volk.
Doch warum hat Gott eine so widerspenstige Menschheit geschaffen, warum hat er sich ein so widerspenstiges Volk erwählt? Das muss doch einen Sinn haben. Mit seinen Engeln hätte er eine perfekte Welt der Liebe schaffen können, Wesen, die von jetzt auf gleich von sich aus gut sind und Gottes Willen unbedingt folgen. Doch was hätte das über die Kraft der Liebe, über die Größe Gottes gesagt? Wenn er es schafft, ein so widerspenstiges Volk wie uns, die Menschheit, ohne Machtgebrauch, nur durch den Weg der liebevollen Einsicht, zur Liebe und zu dauerhaft barmherzigen und gemeinschaftsorientiertem Handeln gemäß dem höchsten Gesetzes zu führen, gemäß der Anleitung zu Gottes Reich, zeigt sich darin erst die wahre Größe Gottes und die Kraft der Liebe. Ein jeder Einzelne von uns ist ausgestattet mit einem freien Willen und aller Macht, seinen eigenen Weg zu wählen. Und alle wählen – irgendwann – jeder für sich und alle gemeinsam – konsequent das höchste Gesetz. Dann sind wir angekommen.
Die Nachfolge ist dies: Wir verhalten uns dauerhaft nach dem großen Gesetz, Gott zu lieben und den nächsten wie sich selbst zu lieben. So kann man auch das Kreuz deuten. Am Anfang steht eine klare Verbindung vom Himmel zur Erde, der senkrechte Strich, die feste, liebende Verbindung zwischen Gott und uns, der kontinuierlich seine Liebe in uns ausschüttet. Und dann kommt der waagerechte Strick, der aufzeigt, dass wir die Hände in Liebe zu den anderen ausstrecken, einander die Hände reichen und zwischeneinander die Liebe fließen lassen, einander – alle Wesen dieser Welt umarmen, lieben können. Durch Wort und Werk. Die Kreuzung von beiden befindet sich in unserem Herzen, dass wir uns auch selbst lieben als das von Gott geschaffene, von ihm schon ewig genau so gewollte Wesen, das wir sind.
Dieses Kreuzesgeheimnis erschließt uns auch das Tor der Liebe durch das höchste Gesetz. Auf den drei Wegen
- Liebe zu Gott
- Liebe zu unserem Nächsten, vor allem auch zu unserem geliebten Partner
- Liebe zu uns selbst, unserer Geschaffenheit (Ich bin der ich bin)
können wir unsere Liebe vertiefen, die Liebe wirkt gleichzeitig immer auf allen drei Ebenen. Wenn in unserer Partnerschaft Lieblosigkeit fühlbar ist, können wir genauso gut darin ansetzen, unsere Entscheidung für Gott und unsere Liebe zu ihm, zu seinem Weg zu vertiefen und wir kommen auch in unserer Partnerschaft voran. Denn Gott ist die Liebe an sich. Wenn wir in unsere Partnerschaft ganz viel Liebe fließen lassen, dann bringt uns das gleichzeitig in unserem Glauben voran. Wenn wir uns gestatten, authentisch und unverhüllt der zu sein, der wir wirklich sind, wachsen gleichzeitig unser Glaube und die Liebe in der Partnerschaft, weil wir dadurch Missverständnisse, Lüge, Verstellung, kognitive Diskrepanzen und Unaufrichtigkeit aus der Welt schaffen. Unser Partner fühlt das.
Voller Vertrauen in die Liebe Gottes geh voran. Was auch immer passiert, wir nehmen es in Dankbarkeit an. Kein Verhalten eines anderen Menschen bringt uns von diesem Weg ab, es gibt kein „wie du mir, so ich dir“. Unsere Liebe ist nicht an eine Wohlverhaltensforderung gemäß unserer Privatnorm an den anderen Menschen, sogar nicht einmal irgendeiner Gesellschaftskonvention geknüpft – weder für uns noch für unseren Nächsten. Was nicht bedeutet, dass unsere Bedürfnisse nicht relevant sind. Wir dürfen Sie aussprechen und wir haben selbst natürlich auch Liebe und Akzeptanz verdient. Jeder Mensch hat das Recht, so zu sein und zu handeln, wie er ist, im Rahmen seiner Freiheit, die genau an den Grenzen der Freiheit des Anderen endet. Wir selbst auch. Auch unser Sein, unser Raum und seine Grenzen als Teil des gemeinsamen Raums sind zu respektieren.
Es ist einfach: Wenn wir Gefühle haben wie Ärger, Zorn, Eifersucht, Enttäuschung, Sorge, Angst, dann schauen wir uns an, welche Gefahr besteht: Gilt es im Moment, Schaden für Leib und Seele von uns oder einem anderen Wesen abzuwenden? Ist der Zorn berechtigt, um notwendige Grenzen zu setzen? Wenn nicht, lösen wir uns davon und bitten um Heilung und vielleicht sogar um Vergebung dafür und zwar so lange, bis das Gefühl abklingt. Diese Gefühle sind nicht Gott, sie sind Erinnerungen an Vergangenes. Die Energie, die mit dem Zorn mitkommt, können wir so effektiver nutzen. Und: Heute ist heute
- Exkurs: Es gibt sogar hirnorganische Grundlagen für diese So-Sein, unsere sinnvolle Geschaffenheit mit einem Überlebensmechanismus. Das menschliche Gehirn besteht aus verschiedenen Teilen, die sich im Laufe der Entwicklungsgeschichte des Menschen und seiner Vorgänger nach den wachsenden Erfordernissen gebildet haben. Es ist so, dass ein Teil unseres Gehirns für unser logisches Denken zuständig ist und ein Teil unseres Gehirns für unsere Gefühle. Und es macht Sinn, dass es beide Teile gibt.
Des Pudels Kern, um das Menscheln zu verstehen, ist der Mandelkern (oder die Amygdala). Wenn wir Sinneseindrücke aufnehmen, dann werden sie zum großen Teil auf die Nervenbahn an den Neokortex geschickt. Eine zweite Leitung führt jedoch zum Mandelkern. Und diese Leitung ist doppelt so schnell wie die zum Neokortex. Und wenn wir eine Wahrnehmung haben, die als Muster in unserem Mandelkern als extrem unangenehm oder gefährlich gespeichert ist, dann reagiert der Mandelkern sofort und schickt unmittelbar Handlungsanweisungen durchs Nervensystem: Flucht, Angriff, Adrenalinausschüttung, Emotionsausdruck, z.B. Drohgebärde, Unterwerfung, Tot stellen – 1 x 1 des Überlebens. Und wenn dann noch Zusatzinformationen zum Tragen kommen, entstehen überschießende Reaktionen, die wir manchmal hinterher nicht verstehen und für uns akzeptieren können.Sinn dieser Verknüpfung ist es natürlich, unser Leben zu retten, wenn wir uns wirklich in Gefahr befinden, sie hat eine wichtige Warn- und Abwehrreaktion. Wenn sie nicht mehr funktioniert, dann haben wir keine Angst mehr und keine Aggression. Doch so viele Gefahren, wo dieses 1 x 1 des Überlebens sinnvoll ist, gibt es heutzutage in unserer zivilisierten Gesellschaft gar nicht mehr, nur hinter wenigen Ecken lauern noch gestreifte Säbelzahntiger und gemusterte Giftschlangen, sondern eher zu schnelle Autos und emotionale und psychologische Vorfälle.
Doch natürlich hat auch in unserer eigenen Lebensgeschichte unser eigener Mandelkern seine eigene Entwicklung genommen. Das Auffüllen des emotionalen Speichers beginnt sehr früh, lange vor der Sprachentwicklung. Es ist so: Über was wir nicht reden können, können wir auch nicht logisch denken. In diesem Speicher liegen viele Dinge, Schreckliches und Schönes, das wir erlebt haben, als wir uns in einem Entwicklungsstand mit völlig anderen Ressourcen als heute befanden.Ein Kind hat einfach mehr Gefahren und weniger Erfahrungen und Ressourcen in seinem Leben als ein Erwachsener. Für ein Kind wäre es unerträglich und lebensbedrohlich, aus dem Familienverband zu fallen. Ein Kind liebt seine Eltern und hält das für Liebe, was von ihnen als Zuwendung zurückkommt. Erhält es Liebe, wird es Liebe für Liebe halten, erhält es Aggression oder Abweisung als Zuwendung, so wird es dies für Liebe halten. So unsinnig es für uns in unseren rationalen Gedanken erscheinen mag! Und diese Art von Zuwendung wird es sein Leben lang suchen, solange „dieses Kind“ sich nicht dieser Eigenheit bewusst wird. Und selbst dann wird diese Erinnerung an „diese Art von Liebe“ bleiben.Natürlich lernt der Mensch mit der Zeit, dass dort eine Diskrepanz besteht zwischen dem eigenen Erleben und dem, was allgemein über Liebe erfahrbar ist. Und er wird die Diskrepanz erleben, dass das, was er für Liebe hält, ihm nicht unbedingt gut tut. Und so befindet er sich permanent zwischen zwei bis drei Stühlen: was andere für Liebe halten, was er über Liebe rational denkt und was sein Mandelkern für Liebe hält.
Destruktive Beziehungen sind ein lebendes Beispiel dafür: warum leben Frauen mit Männern und lassen sich immer wieder verprügeln und kehren immer wieder zu Mißhandlern zurück. Dies sind ehemalige Kinder, die, wenn sie Zuwendung bekamen, negative Zuwendung in Form von Gewalt erhielten. Oder solche, die von Ihren Eltern zunächst geschlagen und dann – z.B. aus Schuld oder Schamgefühlen heraus – mit Zärtlichkeiten überschüttet wurden. Natürlich schätzt auch eine solche Frau Zärtlichkeit, Zuvorkommenheit, Rücksichtnahme, aber es fehlt ihr vielleicht etwas. „Er muss mich doch schlagen, wenn er mich liebt bzw. er liebt mich nicht genug, um mich zu schlagen, er hat ja gar nicht die starken Emotionen, was mich angeht, ich bin ihm wohl egal.“ Wohlgemerkt ist dies kein bewusster Gedanke, sondern ein unbewusstes Vergleichen im Innern. Und so besitzen wir in unserem Innern einen See von emotionellen Erinnerungen, der so tief ist, dass wir uns seinen Inhalt nur langsam erschließen können.Alle Sinnesauswertungen werden immer schnell an den Mandelkern geschickt.
Wenn dieser Speicher irgendetwas ähnliches findet, was an die Qualität des Vergangenen erinnert, wird er aktiv und leitet Aktionen ein, die dem Alter entsprechen, in dem die Erinnerung gebildet wurde. Oft wissen wir nicht, warum. Wir denken nur, der andere, der der Auslöser war, muss etwas ganz Schreckliches gemacht haben, weil wir uns so fühlen. Manchmal finden wir eben nicht mal Worte dafür. Manchmal tun wir Dinge, die wir hinterher für kindisch halten. Wenn wir uns spontan den vom Mandelkern eingeleiteten Aktionen hingeben, agieren wir eben nicht spontan und situationsbedingt, sondern folgen unseren alten, programmierten Verhaltensmustern, unserem Notprogramm. Es ist eben genau das Gegenteil von spontan. Zum Glück dauert ein plötzlicher Aufruhr, der vom Mandelkern ausgelöst wird, nicht sehr lange. Nach ca. 6 – 10 Sekunden ist die Information auch vom Neokortex verarbeitet, in dem Sie eine bewusste Entscheidung treffen können.Doch es gibt eine gute Nachricht, wir können uns auch wieder entprogrammieren. Atmen wir also tief durch, wenn wir „es“ kommen spüren und zählen wir bis 10, bevor wir reagieren. Lernen wir unsere „psychoallergischen“ Punkte kennen, nehmen wir sie in Liebe an, um sie zu heilen. Unsere Amygdala kann neu traniert werden.
Es geht um die stetige, bewusste Entscheidung zur Liebe, die Konzentration auf den Weg des Herzens, was unsere animalischen Überlebensmechanismen überwindet.Für die Bewältigung dieser Gefühle sind wir selbst verantwortlich, niemand sonst. Sie sind auch immer ein Produkt des Unglaubens, und zwar, in dem wir nicht an die Güte glauben. Doch es gab ja tatsächlich Situationen, wo wir das nicht verstehen konnten. Ein aktueller Auslöser von Amygdala-Aktivität kann ganz neue Folgen haben, die unser Vertrauen und unsere Offenheit verdienten. Wir können nicht wissen, warum ein anderer Mensch etwas tut, unsere Interpretationen und Deutungen sind kein Fundament, auf das wir unser Verhalten bauen sollten. Wir haben keinen Anspruch auf die Erfüllung unserer Erwartungen. Erzählen wir uns einfach keine „böse“ Geschichte. Es ist nicht die Realität. Zum einen können wir immer Realität herstellen und fragen. Und wenn uns etwas schwer ankommt, dann frage sich jeder: was könnte das Gute daran sein. Und wenn uns nur ein Grund einfällt, dann könnte es dieser sein oder ein anderer, den wir einfach noch nicht kennen. Wie bei den sauren Trauben, es ist noch nicht Zeit zum Ernten und Keltern. So lieben wir Gott.
Einmal hatte ich mit Santiago ein schwerwiegendes Problem, mit dem ich mich selbst sehr verletzt habe. Ich betete einen Rosenkranz um die Lösung des Problems. Da erschien mir vor innerem Auge Santiago plötzlich im Zustand der „Verklärung“, sein Gesicht auf Jesus Körper. D.h. mir wurde seine Göttlichkeit, Jesus in Ihm, vor Augen geführt. Hinter seiner menschlichen Figur gibt es zugleich seine göttliche Natur und seine Boteneigenschaft. Jesus wirkt durch ihn, um mich zu leiten. Je mehr wir einen Menschen lieben, umso intensiver sind wir gewillt, der Führung zu folgen, auch ungewohnte oder angstbesetzte Wege zu gehen, damit alles wieder in Ordnung kommt. Liebe ist Psychotherapie.
Ein Beispiel für die Freiwilligkeit:
Apostelgeschichte 4 (Gute Nachricht Bibel):
32 All die vielen Menschen, die zum Glauben an Jesus gefunden hatten, waren ein Herz und eine Seele. Niemand von ihnen betrachtete etwas von seinem Besitz als persönliches Eigentum; alles, was sie besaßen, gehörte ihnen gemeinsam….34 Es gab unter ihnen auch niemand, der Not leiden musste. Denn ´wenn die Bedürfnisse es erforderten,` verkauften diejenigen, die ein Grundstück oder ein Haus besaßen, ihren Besitz und stellten den Erlös ´der Gemeinde` zur Verfügung.
Und nun zitiere ich einmal etwas ganz anderes, nämlich das kommunistische Manifest. Zunächst bietet es uns etwas ganz Christliches an, nämlich das miteinander Teilen, dass die, die haben, denen geben, die brauchen:
„Ihr entsetzt euch darüber, dass wir das Privateigentum aufheben wollen. Aber in eurer bestehenden Gesellschaft ist das Privateigentum für neun Zehntel ihrer Mitglieder aufgehoben; es existiert gerade dadurch, dass es für neun Zehntel nicht existiert. Ihr werft uns also vor, dass wir ein Eigentum aufheben wollen, welches die Eigentumslosigkeit der ungeheuren Mehrzahl der Gesellschaft als notwendige Bedingung voraussetzt.“
Das ist nicht falsch, genau so ist es noch heute. Doch:
„Es gibt zudem ewige Wahrheiten, wie Freiheit, Gerechtigkeit usw., die allen gesellschaftlichen Zuständen gemeinsam sind. Der Kommunismus aber schafft die ewigen Wahrheiten ab, er schafft die Religion ab, die Moral, statt sie neu zu gestalten, er widerspricht also allen bisherigen geschichtlichen Entwicklungen.“
Wenn ich das oben Beschriebene auf die erlebte Realität des Kommunismus anwende, dann fehlte meines Erachtens nach definitiv, diesen Weg mit Gott zu gehen und ihn auf Freiwilligkeit, auf Einsicht und auf der Grundlage der Barmherzigkeit zu gehen, aus Überzeugung und Gerechtigkeit alles zu teilen, bis jeder genug hat. Darum ist wohl der Kommunismus gescheitert, darum hatte er keinen Bestand. Wenn alle aus Liebe und Einsicht handeln, da braucht es keine Stasi, keinen KGB, keine Securitate, keinen Zwang und keinen antifaschistischen Schutzwall, bei dem die Minen und Selbstschussanlagen doch irgendwie auf der falschen Seite waren. Keine Revolution, keine Führer und keine Machthaber! Keine Schweine, die irgendwie gleicher sind als alle Anderen, um im Bild der Farm der Tiere zu sprechen.
Keine gottesgemäße Gemeinschaft entsteht per „Verordnung“, sondern durch Einsicht, das vorbildhafte Leben einzelner und die Lust, an einer solchen Gemeinschaft teilzuhaben. Nochmals: Es ist das Prinzip des Sauerteiges, wie Gottes Reich entsteht, in kleinen Keimzellen, die sich ausdehnen, bis alles erfasst ist. Es gibt keinen anderen Weg, als dies aus tiefstem Herzen zu wollen und dann so zu leben, diese Lebensform aus tiefstem Herzen zu lieben, sie daher nie wieder aufzugeben. Die urchristliche Gemeinschaft war eine, die auf dem Teilen der Habe bestand, aus der besten Nutzung der Fähigkeiten und Ressourcen aller Mitglieder der Gemeinschaft. Am Anfang mag es ungewohnt und nicht ganz einfach sein, weil wir umlernen und neue Erfahrungen erst sammeln. In der Fülle ist Teilen recht einfach. Wenn es Zeiten des Mangels gibt, eine Zeit in der Wüste, dann wird es schon schwerer, in der Liebe zu bleiben, wenn es wirklich an die eigene Haut geht. Dann kann man wirklich in sich selbst die kleinen ekligen geizigen Ecken und Kanten aufspüren.
Mir ging es im Ernstfall auch so, und ich habe mich gewundert, wie tief es bei mir zu einer bestimmten Zeit ging. Doch beim nächsten Gottesdienst kam als Lesung genau die Speisung der 5000. So hat er mir die Hand geboten, Seinen Weg wieder besser zu verstehen, mich immer mehr einzulassen.
Das, was da ist, reicht für alle, wenn wir es segnen, danken und teilen. Wir können sagen: „Bitte mehre meine Habe, damit ich teilen kann.“ Es kommt darauf an, dabei zu bleiben, sich zu erkennen und in Liebe zu wandeln, was noch nicht von Liebe erfüllt ist. Es ist wie das „auf dem Camino zu laufen“ bestehen, statt sich im allgemeinen Strom auf die Landstraße zu begeben. Wir leben unsere Überzeugung in diese Lebensform, egal, was die anderen dazu sagen oder uns raten. Sie tun es oft aus Liebe oder Sorge um uns. Es gibt diesen Weg, es ist möglich, so zu leben, mit Gott sind alle Dinge möglich, auch wenn dies das „enge Tor“ ist.
Matthäus 7 (Hoffnung für Alle)
13 »Geht durch das enge Tor! Denn das Tor zum Verderben ist breit und ebenso die Straße, die dorthin führt. Viele sind auf ihr unterwegs. 14 Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng und der Weg dorthin schmal. Nur wenige finden ihn.«
Am leichtesten ist der Weg zu finden und wird mit tiefer Überzeugung beschritten, wenn man endlich anfängt, sein Herz wirklich zu spüren, wie ich es in Kapitel „ Der Tag, als ich zu meinem Herz durchkam” beschrieben habe. Wenn man die Welt ansieht und dann vor Mitleid und Entsetzen erschrickt, wie tief die Patsche ist, in der die Welt sitzt; wie ich im vorherigen Kapitel beschrieben habe. In tiefster Essenz weiß ich dann, dass dringend etwas getan werden muss und was ich tun muss. Das waren die globalen Dinge, hinzu kommt das Leid der Menschen, die uns umgeben, das, was wir ganz aktuell und direkt vor Ort tun können. Die wichtigste Frage ist: Was kann ich tun? Was ist das Wirksamste, was ich jetzt tun kann, um die Not der Welt und die meiner Mitmenschen auf barmherzige Weise zu lindern?
Was kann ich tun? Was tue ich? Zum Beispiel: Ich fühle, es ist mein Weg,
- dazu beizutragen, die Heilung durch Gott wieder zu verbreiten;
- Gottes Reich und den Weg der Nachfolge zu begreifen und anderen verständlich zu machen;
- anderen Menschen in diesem Teil der Welt wieder Zugang zu ihrem Herzen zu verschaffen, damit sie die Welt mit dem Herzen sehen;
- dem „Gott Mammon“ durch mein Lebensbeispiel die Kraft zu entziehen; dadurch den Weg zu mehr Gerechtigkeit, zum gerechten Teilen in der Welt aufzuzeigen, weil Menschen wieder dazu übergehen, lediglich zu nehmen, was sie brauchen;
- zu lieben, zu lieben und noch einmal zu lieben.
Während meiner Tätigkeit als Vertriebsbeauftragte habe ich immer wieder gelernt, dass es Sinn macht, an die niederen Instinkte der Menschen zu appellieren, sich zu überlegen: was hat X, was hat Y für einen persönlichen Nutzen davon, und ihnen dies zu kommunizieren, um X und Y ins Boot zu bekommen. Ich glaube, jetzt geht es darum, an die höheren Instinkte, an das Herz des Menschen zu appellieren, auf die höheren Instinkte zu setzen, ein Appell an die Liebe und den Sinn.




