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Wegweiser auf dem Camino

Eine wichtige Sache beim Pilgern als ein Spiegel des Lebens ist das Auffinden der Zeichen. Der ungeübte Pilger geht nach dem Buch und der Karte, dem Wissen und Erleben der Anderen. Beim geübten Pilger schaltet sich an Abzweigungen die Aufmerksamkeit für die Zeichen ein. Ist das Zeichen gefunden, dann weiß man, welcher Weg einzuschlagen ist, und man kann sich wieder Gottes schöner Welt zuwenden. Und dann gibt es immer wieder die Pilgerengel, die auf einen zukommen, wenn man den falschen Weg eingeschlagen hat.

Setzen wir uns keine eigenen Ziele und Zwischenziele außer dem, mit Gott zu leben, dann kommen die Zeichen immer wieder, z.B. ein Ruf, eine Nachricht, ein Buch, eine Neuinszenierung auf der Bühne unseres Lebens,  irgendetwas, das unsere Aufmerksamkeit – hoffentlich – erreicht. Das einfachste ist die Anziehung wirken zu lassen und sich ihr hinzugeben. Wir folgen der Bewegung in unserem Herzen, einfach von Herzen zu wissen, von ganzem Herzen zu handeln.

Körper, Geist und Seele sind ebenso wenig getrennt zu “sehen” wie wir selbst vom Ganzen. Wir sind gemeinsam ein Organismus: Die Menschheit. Ein Organismus hat eine Steuereinheit, die Steuereinheit der Menschheit ist Gott. Lassen wir die viele Denkerei, so ist unsere Aufmerksamkeit offener für die göttliche Führung, die immer da ist. Es geht so einfach, es ist ja jemand da, der uns mit absoluter Weisheit koordiniert. Der will sich ja durch unsere Erfahrungen erweitern. So wie wir uns und der Welt durch Erfahrung bewusst werden, wird die Gesamterfahrung aller sich auch in Summe bewusst, kostet die ganze Bandbreite qualitativer Erfahrung der gesamten Menschheit aus und wächst damit genau wie wir weiter. Diese qualitative Bandbreite gibt es ebenso zwischen Sein und Tun, wir brauchen keins von beidem präferieren, alles hat seine Zeit.

Prediger 3 (Lutherbibel 1984):
1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: 2 geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, aus­reißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; 3 töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; ab­brechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; 4 weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; 5 Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; 6 suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; 7 zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; 8 lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit. 9 Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon. 10 Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. 11 Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.

Wie leben wir diese Hingabe? Wie führt uns Gott? Kommen wir im Alltag in eine Entscheidungssituation, an eine Wegkreuzung, so fragen wir uns:

  • Was ist das Offensichtliche? (Wahrnehmung der Umgebung, des Naheliegenden und Augenfälligen und der inneren Stimme)
  • Wer bin ich und wo stehe ich?
  • Welche Aufgabe steht an? Schauen wir vor uns, was es zu tun gibt! Welche Aufgabenstellung, welche Verwirklichung ist an der Zeit?
  • Was kann ich gut, wo zieht es mich hin? (Wahrnehmung, was wird gebraucht? Liebe, Anziehung, Unternehmenslust und Kreativität)
  • Was mag wohl mein Anteil daran sein? Wofür bin ich geschaffen, wofür wird jemand wie ich mit meinem Fähigkeitenmix und Erfahrungshintergrund gebraucht? Wo passe ich hin?
  • Wie kann ich dem Gesamten dienen? Was ist für alle Beteiligten das Beste?
  • Was fällt mir zu? Das ist für mich! Was verschwindet gerade? Das lasse ich los!
  • Wofür ereilt mich ein Ruf?

Die schönste und hilfreichste Frage dazu, die hat sich, wie ich hörte, auch Mahatma Ghandi gestellt:

Was würde Jesus tun?

Zum Einen: Würde er beispielsweise alle unsere Bedenken teilen? Würde er sich überlegen, womit er am meisten Geld verdienen kann? Würde er sich vor Armut fürchten, würde er an seine Altersversorgung denken? Würde er sich fragen, was die Anderen den von ihm denken würden, wenn er macht, was ihm richtig erscheint? Wäre ihm Sicherheit und Bequemlichkeit wichtig? Würde er sich vor Spott, Hänselei, Ablehnung oder sogar Verfolgung und Internierung fürchten? Würde er an seinen eigenen Nutzen denken? Würde er sich fragen, ob er das überhaupt kann?

Ja, was würde er sich fragen? Was ist Gottes Wille? Was ist das Wichtigste? Wer ist in Not? Wer braucht was? Was ist für alle gut? Was wäre sein Ziel? Aus welcher Motivation heraus würde er handeln? Schauen wir zunächst auf das Einfache, was sich uns bei diesen Fragen erschließt, schauen wir auf den drängenden Impuls in uns. Was sagt uns unser Herz dazu? Treffen wir jede Entscheidung nur aus einem Zustand der Liebe heraus, andere Entscheidungen haben keinen Bestand.

Und wenn es grad nichts sagt? Dann ist es ein guter Zeitpunkt für einen Moment der Stille. Jesus zog sich in solchen Fällen auf einen Berg zurück. Ich zücke meinen Rosario. Eine Methode namens Heart Math[1] empfiehlt: Legen wir unsere Hand aufs Herz und erinnern uns an einen besonderen Moment der Liebe in unserem Leben, lassen wir uns ganz darauf ein und stellen uns dann die Frage erneut und hören auf die Antwort der leisen Stimme in uns.

Und wenn man damit anfängt: Theresa von Ávila sagte dazu „Abgesehen von eurem hilfreichen Gebet solltet ihr nicht gleich der ganzen Welt beistehen wollen, sondern denen, die mit euch zusammenleben.“(aus: Moradas del castillo interior).“ Ja, genau dort können wir anfangen, wir sind aber nicht dazu angehalten, auch dort aufzuhören, hat Theresa auch nicht gemacht, sie hat 17 Klöster gegründet. Es gibt genug zu tun, Wunderbares und Einfaches!

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[1] Heart Math oder HerzIntelligenz, diverse Bücher von Doc Childre und dem HeartMathInstitute

Wenn wir durch eigene Denkaktivitäten uns beschäftigen, dann fällt es uns sehr schwer, Gottes Willen und die Realität aufzunehmen. Doch wie es tatsächlich ist, das ist hier gut beschrieben (in Klammern und kursiv = meine persönliche Deutung zur Verdeutlichung):

Sprüche Salomo 16: Der Mensch denkt – Gott lenkt (Hoffnung für alle)
1 Der Mensch denkt über vieles nach und macht seine Pläne, das letzte Wort aber hat Gott. 2 Der Mensch hält sein Handeln für richtig, aber Gott prüft die Motive. 3 Vertraue Gott deine Pläne an, er wird dir Gelingen schenken. 4 Alles hat Gott zu einem bestimmten Zweck geschaffen – der Gottlose ist für das Verderben gemacht. (Nichts, was passiert, ist ohne Sinn.) 5 Gott verabscheut die Hochmütigen (= der meint, ihr Leben selbst durch Denken und Kontrolle zu gestalten versuchen, die die göttliche Führung nicht anerkennen, Ihn nicht zu brauchen meinen). Du kannst sicher sein: Keiner entkommt seiner gerechten Strafe! (= sie erleben, was sie durch ihr Wünschen, Denken und Handeln auslösen) 6 Wer Gott treu ist und Liebe übt (= Gott durch sich handeln lässt und sich an der Realität orientiert und stets Ihm dankbar ihren Sinn annimmt), dem wird die Schuld vergeben (= der verfehlt nicht, der kommt nicht vom Weg ab); und wer Gott gehorcht (= Gottes Wegweisungen und Handlungen ausführt), der meidet das Böse. (= handelt im göttlichen Sinne und das kann nicht böse sein) 7 Wenn dein Handeln Gott gefällt, bewegt er sogar deine Feinde dazu, sich mit dir zu versöhnen. (wenn man keine Angriffsfläche bietet, weil kein Widerstand da ist und so auch kein Streit aufkommt, z.B. die zweite Wange anbieten, um dem anderen die Sinnlosigkeit seines Tuns vor Augen zu führen) 8 Besser wenig Besitz, der ehrlich verdient ist (= Gott gibt uns alles, was wir brauchen), als großer Reichtum, durch Betrug erschlichen (= mehr zu nehmen, als wir brauchen, Selbstbetrug durch das  Anhäufen von Gütern). 9 Der Mensch plant seinen Weg, aber der Herr lenkt seine Schritte.(= Der Mensch mag sich im Glauben befinden, dass er seinen Weg plant, doch das ist eine Illusion, denn Gott lenkt sie) 10 Der König spricht in Gottes Auftrag, darum irrt er sich nicht, wenn er Recht spricht. (Der rechte Mensch spricht das aus, was Gott durch ihn sagen will, und tut dies auch, wenn er das als eigene Wahrheit ansieht, ausspricht und nicht lügt.)  11 Gott möchte, dass die Waage richtig eingestellt wird und dass die Gewichte stimmen, denn er selbst hat diese Ordnung aufgestellt. (= Gott ist in der Lage, zwischen allen und allem die vollkommene Balance herzustellen, wenn man ihn durch sich handeln lässt. Sobald man dies in sich selbst zulässt, stellt sich für einen selbst schon diese Balance ein. Durch das eigensinnige Handeln der Menschen entsteht das Ungleichgewicht, das wir heute in dieser Welt kennen.)

Kein Wunder - die berühmte Skulptur "Der Denker" von Auguste Rodin ist Teil des Gesamtwerkes "Das Höllentor" - Foto von Stefan Kühn in wikicommons

Aus der aktuellen Wissenschaft, vor allem der Hirnforschung, gibt es inzwischen mehrere Hinweise darauf.  Zum einen die Forschungen rund um Antonio Damasio, der aufzeigte, dass der Körper und die Intuition viel schneller funktionieren als bis der Verstand etwas durchschaut.

Wer mehr darüber wissen will, der klicke hier für einen Artikel aus dem Tagesspiegel

Dann die Experimente  des Wolfgang Singer, der feststellte, dass der Impuls zum Handeln schon ausgelöst war, bevor der Mensch sich bewusst dafür entschieden hat. Die Naturwissenschaftler werten dies als Abwesenheit des freien Willens und damit der Nichtexistenz von Gott. Doch es ist eher umgekehrt: eben Gott lenkt, und der Mensch denkt nur, er denkt und steuert sich. Auch Arthur Schopenhauer hat dies erkannt mit den Worten: „Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“

Dann gibt es die Feststellung, dass bei Problemlösungen die besten Lösungen nicht durch intensives Nachdenken, sondern erst in einer Phase der Entspannung und der Ruhe und des Nichtnachdenkens uns „einfallen“, „zufallen“. Dann ist nämlich in unserem Hirn der Platz, dass wir Seine Stimme wahrnehmen können (es aber meistens uns selbst zurechnen). In unserem Geistleib stehen in der oberen Hälfte alle geistigen Informationen zur Wahrnehmung zur Verfügung. Kommen sie nicht zu uns durch, gibt es Stau. Werden sie nicht verdaut, dann auch.

Zum anderen heißt das natürlich, dass wir durch Nachdenken versuchen, mit einem Wahrnehmungs­organ zu verdauen. Doch gerade die Umgangssprache gibt den Hinweis, nämlich dass Wissen „aus dem Bauch heraus“ kommt. Viele philosophische und spirituelle Richtungen sagen uns, dass der heilsamste Moment der ist, in dem wir nicht denken, sondern nur das Hier und Jetzt wahrnehmen. Erst als ich durch eine Übung mit dem Erzengel Raphael – nämlich einen Nachmittag lang nicht zu denken – erfuhr, dass das Hirn nicht zum Denken da ist, wurde mir dies nicht nur ungemein verständlich sondern sofort wieder erfahrbar. Die Übung funktioniert so:

Wir nehmen uns Zeit, unser Gehirn immer wieder in seiner Funktion als Wahrnehmungs­organ zu nutzen. Wenn wir wieder Gedankenenergie bemerken und außerhalb der Gegenwart sind, dann überlassen wir uns wieder dem Zustand der Wahrnehmung. Wenn uns das schwer fällt, dann können wir den Erzengel Raphael bitten, uns bei jeder Abweichung wieder auf diesen Zustand aufmerksam zu machen. Wann immer wir denken, dann hören wir die Stimme: Das Gehirn als Wahrnehmungs­organ nutzen! Oder so etwas Ähnliches. Dies ist Meditation im Alltag. Übung macht auch hier den Meister. Und: es fühlt sich gut an.

Als ich diese Übung das erste Mal machte, nahm ich wahr, dass ich etwas, was ich für meine Arbeit brauchte, im Auto liegen gelassen hatte. Ich ging also schnell die Treppe hinunter zu Straße. Dummer­weise verwickelte ich mich dabei wieder in Gedanken, zickte mit irgendjemandem innerlich rum und war nicht beim Wahrnehmen, schaute nicht auf den Weg. Und zack – trat ich in einen frischen Hunde­haufen: Auch eine Möglichkeit, mich wieder aufmerksam zu machen! Auch Engel haben Humor, fast dachte ich, ich hörte ein Lachen…

Santiago suchte in Portomarin die Herberge während meines Mittagsschlafes :-)

Öffnen wir uns voll Vertrauen seinem Geist, überlassen wir ihm die Steuerung und funken wir nicht mehr dazwischen, sondern lassen wir Gott durch uns sehen, hören, fühlen und dann handeln. Wenn wir die Störfeuer unseres Denkens aufgeben, das ewige Geschnatter von Gedanken, dann hat diese Welt unendlich zu gewinnen. Schauen wir sie uns nur an, dann kann es uns nur klar werden. Indem wir uns Gott hingeben, schaffen wir in uns das Reich Gottes und das „Dein Wille geschehe, im Himmel wie auf Erden“. Und je mehr Menschen dies geschehen lassen, ihr Leben sich entfalten lassen, dann im Äußeren. So einfach ist das. Leicht. Unanstrengend.

Psalm 127 (Lutherbibel 1984)

2 Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.

Und auch das Lernen kann ohne Anstrengung einfach laufen, lebenslanges Lernen in Gottes Realität. Wie das geht?

Oft erkennen wir, dass wir uns durch eine bestimmte Verhaltensweise immer selbst blockieren. Was wir machen, das ist uns schon klar, aber wie wir in Zukunft anders handeln können und gleichzeitig unsere Ängste oder Widerstände überwinden können, das ist oft nicht so leicht. Kein Wunder! In jungen Jahren meist haben sich solche Verhaltensweise als sinnvoll herausgestellt, um zu überleben. Aus diesen Verhaltensweisen haben sich Gewohnheiten gebildet. In unserem Gehirn haben sich die Synapsen gebildet, dass diese Verhaltensweisen – wie die Fahrt auf einer breiten Autobahn – automatisch und mühelos ablaufen können. Leider führt diese Autobahn inzwischen immer wieder vor die Wand, denn Andere verstehen nicht, warum ein Erwachsener wie ein Kind reagiert.

Wir haben irgendwann begriffen, doch mit der neuen Verhaltensweise sind wir altersgemäß an der Stelle, wo die Gewohnheit gegriffen hat und wir die neue Verhaltensweise nicht weitergelernt haben, keine Erfahrung damit sammeln konnten und daher heute nicht altersgemäß differenziert und geübt damit umgehen können. An jeder Stelle des Lernens können wir uns natürlich mit Hilfe der Kräfte Gottes und der Übungen aus diesem Blog kreativ helfen, alte Ängste zu besänftigen, Mut und Zuversicht zu gewinnen, Altes, Unflexibles loszulassen und Neues zuzulassen. Und wir können das Leben als Gottes Lehrstunde nutzen:

Lebenslanges, lebendiges Lernen!

In kursiv jetzt das Beispiel: Für mich war es das Thema Konfliktfähigkeit. Im Falle von Konflikten war es meine Gewohnheit geworden, Teil der Tapete zu werden, einfach nicht mehr da zu sein. Das war für mich eine in meiner Kindheit durchaus sinnvolle Verhaltensweise. Als Erwachsene nicht mehr…

Wie kommen wir da raus?

  • Zunächst ist es wichtig, dass wir verstehen, was da passiert, und warum etwas anderes für uns sinnvoller sein kann. Damit fängt es an.

Ich bemerkte, dass ich durch meine Konfliktunfähigkeit ganz viel von mir aufgab und meine Toleranz überstreckte, mich toleranter gab, als ich war und dadurch mich selbst verletzte, mittels der Anderen oder meiner selbst. Ich war es gewohnt, dass andere über mich bestimmten, ich anderen Recht gab, wo sie keines hatten, ich klein beigab, wo ich hätte groß sein müssen. Dieses beraubte mich meines Lebensraumes, innerlich und äußerlich. Ich reagierte mit Flucht oder Totstellen, was auf der anderen Seite ganz schnell auch zu Einsamkeit „an der Zufluchtstätte“ und „im Grab“ führt. Ich hatte zum Beispiel einen Chef, der sehr konfliktfreudig war, dem das auch Spaß machte. Meine Fluchtreaktion war diese: ich schaute mir seinen Terminkalender an und legte nun meine externen Termine immer auf seine Bürozeiten. So sind wir uns über Wochen nicht begegnet. Wenn er was von mir wollte, hörte er maximal ein: Sorry du, ich bin schon auf dem Sprung und kann … nicht warten lassen. In diesem Falle hatte dies auch etwas Gutes, weil ich mich so viel bei meinen Kunden aufhielt, dass Erfolge nicht ausbleiben konnten.

  • Die kommende Zeit ist die Zeit der Aufmerksamkeit. Jetzt ist es wichtig, immer wieder zu bemerken, wann diese Situation in unserem Leben auftaucht. Auch wenn wir noch nicht anders handeln. Jetzt geht es darum, sie einfach nur wahrzunehmen: Aha, da ist es also wieder!

In Situationen, wo ein Konflikt auftrat, durchfuhr es mich nun heiß und kalt zum Zeichen des Bemerkens. Mir fiel immer stärker auf, wie ich reagierte. Trotzdem war ich unfähig, anders zu handeln. Mir fiel meine Bewegungslosigkeit auf, meine weichen Knie und meine Angst zu reagieren. Mir fielen gar nicht die Worte ein, mit denen ich meine Position vertreten konnte, ich blieb stumm und schluckte. Mir fiel auch auf, dass, wenn ich den Konflikt nicht austrug, ihn über lange Zeit in mir trug und mich immer wieder innerlich an ihm entbrannte.

  • Nun können wir die Welt beobachten und schauen, wie andere damit umgehen und auch nachempfinden: Was würde uns davon gefallen? Oder wir fragen Ihn. Und in der Regel zeigt Er uns dann viele Varianten und Bilder in unserem „Alltagskino“, in dem Film, den wir Leben nennen, wie es sein könnte. Hinschauen! Kosten wir den ohnehin bezahlten Kinoeintritt aus.

Ich sah immer mehr Situationen, wo andere reagieren konnten, hörte, wie sie einhakten und damit ein Gespräch zur Wende brachten, wo ich schon aufgab. Ich hatte einmal einen Praktikanten an der Seite, den ich zu einem Kundenbesuch mitnahm. Der Kunde sagte, dass er sich gerade anders entschieden hatte. Ich war bereit, mich dieser Situation zu ergeben. Doch plötzlich ergriff der Praktikant das Wort und sagte: „Könnte es nicht sein, dass sie mit dieser Entscheidung eventuell einen Fehler gemacht haben, jetzt, wo sie diese neue Information von uns erhalten haben?“ Der Kunde stutzte, dachte nach, und dann wurde die Situation von vorn wieder aufgeräufelt und wir bekamen den Auftrag. DAS habe ich mir gemerkt. Danke, Ralf!

  • Irgendwann kommt beides zusammen: wir bemerken die Situation und wir wissen, was wir sagen könnten. Jetzt kommt die Spiegelübung. Wir stellen uns zuhause vor den Spiegel und üben, wie wir was sagen könnten und wie es für uns am überzeugendsten rüberkommt. Das ist wie der Tennisspieler, der den Aufschlag immer wieder übt, bis er sitzt. Übung macht den Meister.

Wie oft ich das Wort „Nein“ und „Ich bin der Meinung, dass…“ und „Ich sehe das anders…“ vor dem Spiegel geübt habe….

  • Nun kommt die Praxis. Da fangen wir klein an, zunächst in Situationen, die für uns weder gefährlich sind noch mit Menschen passieren, die uns wichtig sind.

Es begann mit solchen Übungen wie: „Würden Sie bitte warten, ich war vor Ihnen dran“ im Laden und „Nein, ich möchte dies nicht kaufen!“, „Ich möchte nicht an ihrer telefonischen Umfrage teilnehmen.“ oder ein: „Wenn Sie meinen, dass dies nicht geht, dann möchte ich bitte ihren Vorgesetzten sprechen.“ oder auch „Wir hatten vereinbart, dass ich das Ergebnis Ihrer Arbeit heute bekomme. Ich brauche es heute, ich habe damit gerechnet, sorgen sie bitte dafür, dass ich es bekomme.“ statt mich selbst wieder hinzusetzen und dem anderen die Arbeit und damit seine Verantwortung abzunehmen. So konnte ich mir selbst gegenüber wieder zuverlässiger werden.

  • Wenn wir uns dann sicherer fühlen, dann wagen wir uns an die schwierigeren Situationen, Stück für Stück, mit für uns und unser Leben immer bedeutenderen Personen.

Mit dem o.a. Chef führte ich ca. 1 ½ Jahre später das Gespräch über eine Gehaltserhöhung. Ich konnte sagen: „Ich möchte ab dem nächsten Zeitpunkt mehr Gehalt, ich habe verstanden, dass andere mit schlechteren Leistungen als ich hier ein höheres Gehalt verdienen und das will ich auch.“ Und als er mich fragte: „Und wenn nicht, was ist dann?“, da konnte ich ihm ohne Blinzeln in die Augen sehen und mit fester Stimme aussprechen „Darum geht es jetzt nicht, ich habe auch nicht vor, hier Drohungen auszusprechen. Ich denke, ich habe ein höheres Gehalt verdient und es steht mir zu.“ Hinterher zitterten mir zwar ein wenig die Beine, doch die darauf folgende Gehaltserhöhung betrug zwei Monate später 113.000 DM p.A.

  • Irgendwann sind wir in der Lage, unaufgeregt solche Situationen nebenbei zu erledigen. Wir haben uns mit dieser Fähigkeit in unser aktuelles Alter „gebeamt“ und können uns anderen KVP’s[1] unseres Lebens zuwenden.

Ich bin auch heute noch keine Heldin, was Konflikte angeht, und es gibt auch noch heute eine Situation in meinem Leben, an der ich zu wachsen gehalten bin. Doch – bestimmt wird es, mit Gottes Hilfe!


[1] KVP = Kontinuierlicher Veränderungsprozess; Begriff aus der Qualitätssicherung

Philipper 4 (Lutherbibel 1984)

4 Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! 5 Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! 6 Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! 7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Das Wort Vernunft in der Bibel wird zum einen mit dem griechischen Wort σοφια = Sofia ausgedrückt, das heißt eigentlich Geschicklichkeit, Gewandheit oder Kunstfertig­keit, im übertragenen Sinne dann Verstehen, Kenntnis, Einsicht, (Lebens-)Klugheit, Weisheit. Zum anderen ist es das Wort γνωσις = Gnosis, das heißt Erkenntnis, Einsicht, Denken und Wollen, ebenfalls das Wort νοος = Noos mit der Bedeutung Sinn, das Vermögen geistiger Wahrnehmung, daher auch Einsicht, Verstand, Vernunft, Aufmerksamkeit; das Vermögen des Wollens, d.h. Absicht, Gedanke, Zweck; das Empfindungsvermögen, d.h. Gesinnung Sinnesart, Gemüt, Seele, Herz, in Verbindung mit dem Wort „wach“, „Wächter“ (hier im o.g. Philipperbrief). Ist es das, was wir heute gemeinhin unter Vernunft verstehen?

Es ist gar nicht so schwer, in einem Leben sich zurecht zu finden, wir hatten das hier schon. Es gibt so viele Zeichen, die uns damit weiterhelfen, für uns zu finden, was gut und was nicht gut für uns ist. Es stehen im Vordergrund zunächst unsere Gefühle. Das ist ganz einfach. Das was uns anzieht, ist das, was er für uns darbietet, und das, was uns kalt lässt oder abstößt, ist für andere da. Dann unsere Wahrnehmung dessen, was ist, was er vor unsere Füße, unsere Augen stellt: Das, was da ist, ist für uns, das was nicht da ist, ist nicht für uns. Und  unsere Einsicht: Was stellt sich als gesund und lebbar heraus? Und es leben!  Was macht uns krank? Und es lassen!

Das mag zunächst ganz ungewohnt klingen, denn wir haben ja meist eine ganz andere Erfahrung gemacht während unserer gesamten Kindheit: Vernunft ist, was die Erwachsenen wollen. Vernünftig ist, wozu wir keine Lust haben, und wo wir nicht so sein können, wie wir sind. Wir waren gehalten zu lernen, damit später aus uns was wird. Und selbst, wenn wir keine Lust zum Lernen haben, dann sollten wir uns dazu zwingen. Und einfach weiterlernen. Disziplin, Wille, Ehrgeiz, Leistungsstreben. Das ganze System ist danach ausgelegt. Morgens aufstehen und zur Arbeit oder zur Schule gehen. Den ganzen Tag irgendeine Arbeit erledigen, vom Brötchen backen bis zur Vorstandssitzung. Unsere Lebenszeit verkaufen. Abends nach Hause kommen und uns ausruhen, denn morgen geht das ja wieder los. Das alles scheint seinen Sinn zu haben. Hat es auch.

Doch was für einen Sinn hat es wirklich? Ist die Art, wie wir leben, was gemeinhin vernünftig genannt wird, was uns normal und richtig erscheint, wirklich sinnvoll und vernünftig? Die Frage, die wir uns als erstes stellen können: Macht das, was alle denken, Sinn, ist es geprägt von Einsicht, Weisheit, Lebensklugheit, Herz, Seele, Aufmerksamkeit, Wachheit?

Vernunft?? Nööö !!! - Ein Cartoon von Johanna Fritz

So, wie es heutzutage ist: Macht es Sinn, einen Beruf zu haben, bei dem man sich 8 Stunden an eine andere Stelle begibt, sich von den Seinen trennt, dann noch einige Zeit in irgendeinem Verkehrsmittel verbringt, um dann völlig erledigt zuhause wieder zu erscheinen, wo einen alle erwartungsvoll ansehen und Zuwendung und Aufmerksamkeit wollen, obwohl diese längst an alle anderen Begegnungen im Laufe des Tages verteilt wurde. Was bekommen denn die von uns, die uns am meisten lieben, die wir am meisten lieben? Einen von der Arbeit verbrauchten Menschen. Einen, der eher ihre Aufmerksam­keit und ihre Zuwendung nötiger als alles hat, weil er sich leergearbeitet hat.

Nochmals: Ist dies richtig? Ist dies sinnvoll? Ist dies weise? Fördert dies die Liebe und Freude im Leben? Was ist unsere Einsicht?  Sind wir sicher, dass Gott dies für uns gewollt hat? Sind wir sicher, dass wir das für uns gewollt haben? Können wir uns ein schöneres Leben vorstellen? Können wir uns ein Leben vorstellen, in dem wir das, was wir am meisten lieben, in den Vordergrund stellen? Das wir uns mit dem beschäftigen, was wir am meisten lieben, dass wir die Menschen um uns haben, die wir am meisten lieben? Das wir beispielsweise so frei sind, die Tage nutzen zu können, an denen die Sonne scheint, um hinauszugehen, in die Sonne zu gehen, und anderen Tage zu nutzen, um uns um die Dinge im Innern zu kümmern: sauber zu machen, Briefe zu schreiben, Dinge zu erledigen, die erledigt werden wollen.

Du fragst: Ja und was werden wir denn essen und wo werden wir wohnen, wenn wir dies bisherige Leben nicht mehr weiterverfolgen, wenn wir einfach das tun, was wir in diesem Moment gerade tun mögen? Wie werden wir mit anderen zusammen kommen, um gemeinsam die Dinge zu erledigen, die wir nicht mehr allein erledigen können? Wie soll denn das gehen? Wir könnten uns auf nichts mehr verlassen! Das Leben ist doch so entstanden, weil wir es so brauchen, weil es so sein muss! Ist das wahr? Können wir wirklich wissen, dass dies wahr ist? Unser Manual dieser Welt, die Bibel, sagt etwas anderes…Wie viele Jahre gibt es diese Welt in dieser Form? Ist alles zum Besseren gelangt, weil wir in dieser Art und Weise denken und handeln?

Und wie sieht es aus mit der Liebe? Nehmen wir uns wirklich die Zeit für die Liebe, die sie verdient? Schauen wir uns doch an, was wir wirklich brauchen. Wenn die Liebe das Wichtigste ist auf dieser Welt, das, was alles andere zusammen hält, das zu leben, was der Sinn dieses Planeten ist: Was tun wir dafür? Setzen wir uns wirklich täglich mit ganzem Herzen dafür ein? Ist unser Geliebter, unsere Geliebte an erster Stelle in unserem Leben?

Was tun wir täglich für die Liebe, für unseren Geliebten, den wir ein ganzes Leben zu lieben schwören? Haben wir Zeit füreinander? Beginnen wir den Morgen, indem wir die Liebe zueinander feiern? Oder sind wir schon in Eile? Verbringen wir unsere schönsten und kraftvollsten Stunden miteinander oder unsere schwächsten und kraftlosesten? Und wenn es letzteres ist, wie wirkt sich das auf unsere Liebe aus?

Stehen unsere geliebten Kinder für uns im Vordergrund? Oder treten sie zurück an eine Stelle, in der sie zwar mit uns leben, aber nur einen Bruchteil unserer Aufmerksamkeit bekommen, sie von hauptsächlich von anderen Menschen erzogen werden? Liegt unsere Liebe hauptsächlich in ihrer materiellen Versorgung? Geben wir ihnen unser Bestes oder das, was übrig bleibt, wenn alles andere geschehen ist? Wie wird heutzutage Familien­arbeit geschätzt?

In der so genannten Positivliste für 1-Euro-Jobs werden Tätigkeiten aufgeführt, deren Ausführung „unbedenklich“ sind für den 1. Arbeitsmarkt, d.h. den Arbeitsmarkt, bei dem Leistung gegen Entlohnung ins Verhältnis der „Wertschätzung“ gesetzt wird. Die in der Positivliste aufgeführten Tätigkeiten sind alles Dinge, die einer persönlichen Wert­schät­zung unterliegen, d.h. die von einem anderen als ausgesprochene Wohltat empfunden werden, die ausdrücklich Liebe von einem Menschen zum anderen Menschen trans­ferieren können.

Schwache fühlen sich unterstützt. Diese Arbeit dient dazu, dass Menschen sich in schwierigen Situationen weniger alleingelassen und auf sich gestellt fühlen. Sie dienen dazu, die uns anvertrauten Menschen  besser zu fördern und zu begleiten. Und diese Tätigkeiten werden pro Stunde mit 1 Euro wertgeschätzt, während jede andere Tätigkeit eine höhere Wertschätzung erhält. Und wie wird sich das für den Empfänger anfühlen, wenn diese Tätigkeiten aus reinem Pflichtgefühl, sogar vielleicht mit Abscheu getan werden? Die Erkenntnis der Wertschätzung wird sich meist erst dann ergeben, wenn wir selbst dieser Hilfe bedürfen, wenn wir selbst merken, wie wichtig uns ein Mensch an unserer Seite ist, wenn wir selbst klein, ängstlich, verlassen, krank,. verpflichtet, zeitlos, gestresst fühlen. Es ist wie Balsam auf der Seele, wenn dann ein Mensch da ist, der mit Ruhe und Zeit uns begleitet, uns die Hand hält und solange ausharrt, bis dieser schwache Moment wieder vorbei ist.

So ging es mir: Vor einigen Jahren spürte ich beim Duschen einen Knoten in meiner rechten Brust. Ich bekam riesige Angst, mein ganzer Körper begann sofort zu zittern, das Wort Krebs flammte blitzartig in meinem Geist auf. Ich fühlte mich in Lebensgefahr, mein ganzes Leben, meine ganzen Pläne schienen in sich zusammenzufallen. In diesem Moment war mir alles egal, keine Bedenken, mich lächerlich zu machen: ich packte meine Sohn ein und fuhr sofort ins Krankenhaus, es war Sonntagvormittag. Im Notdienst untersuchte mich eine junge Ärztin oberflächlich. Sie empfahl mir die umgehende Abklärung durch Ultraschall und Röntgen und Gewebsentnahme, was sonntags jedoch leider nicht möglich war. Ich konnte nicht mehr schlafen, ich konnte nicht mehr essen, ich war nicht mehr ich selbst, ich lief herum wie Falschgeld. Mit aller Kraft und allen verfügbaren Mentaltechniken versuchte ich, meine Panik zu bändigen, doch nur mit mäßigem Erfolg.

Am Montag rief ich sofort im Krankenhaus an und bekam für Dienstag einen Termin für die Untersuchung. Am Dienstag fuhr Santiago mich ins Krankenhaus – was für ein Segen, nicht selbst fahren zu müssen. Freundlich plaudernd lenkte er mich die zwei Stunden ab, die ich trotz Termin noch warten musste, hielt mir die Hand, drückte mir die Daumen und lächelte mir zu, kurz bevor sich die Tür zum Untersuchungsraum hinter mir schloss. Was wären diese zwei Stunden ohne Begleitung für eine Qual gewesen! Zum Glück konnte ich mit einem völlig beruhigenden Ergebnis nach der Untersuchung wieder nach Hause gehen. Er teilte begeistert meine Erleichterung, wir lachten und feierten.

Wie ich diese Erfahrung wertschätze? Sie ist eigentlich unbezahlbar, sie ist die beste Unterstützung und das große Glück in einem solchen Moment der Tiefe. Wie wäre dies allein gewesen? Einfach mal diese Situation nachfühlen! Sie werden wissen, was ich meine! Ein solches Erlebnis ist ein Meilenstein der Emotion, der Vertiefung der Verbundenheit zu einem anderen Menschen. Welch eine Verschwendung, solche Verbundenheit nicht wahrzunehmen, anzunehmen durch: Ach, das schaffe ich schon! Ach, das schaffst du doch auch allein! Welche eine Verschwendung, sie nicht immer wieder  zu verschenken!

Was sind die Worte, die unsere Kinder von uns am meisten hören: Sei doch vernünftig! Bitte sei leise! Nun stell Dich nicht so an! Nun mach doch mal endlich! Beeil Dich! Oder hier ein Auszug aus der Web-Seite, die ich einmal gefunden habe: http://www.kraetzae.de/erziehung/sprueche/, aufgeschrieben von Mike Weimann:

Kannst du mir mal sagen, was das soll Sei ordentlich Geh da weg Das ist nichts für Kinder Du kriegst keine Extrawurst Wer nicht will der hat schon Hör mit dem Geplärr auf Entschuldige dich Warum isst du schon wieder nichts Dazu bist du noch zu klein Woher hast du das Da führt nun mal kein Weg dran vorbei Das glaubst du doch selber nicht Das ist doch kein Umgang für dich Hör auf dich wie ein Kind zu benehmen Sieh mich an, wenn ich mit dir rede Das tut doch gar nicht weh Du wirst mir noch mal dankbar sein Wer nicht hören will muss fühlen Brav Du musst noch ruhiger werden Sitz gerade So spricht man nicht mit seinen Eltern Du brauchst nicht traurig zu sein Benimm dich Räum auf Lass das Stell dich nicht so an Heulsuse Ich hab dir schon hundertmal gesagt Sag Dankeschön Weshalb kommst du so spät nach Hause Kommt überhaupt nicht in Frage Wo warst du schon wieder Du solltest dich schämen Wenn du nur einen Funken Verstand hättest Mach bitte nicht so ein Gesicht Hoffentlich hast du mal ein Kind wie dich Du brauchst keine Angst zu haben Hast du keine Ohren Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt Denk doch mal an später…. Das geht da noch mindestens eine Seite so weiter, dortselbst nachzulesen.

Tut weh, oder? Klingt für mich eher nach: „Sei so, wie ich es erwarte! Sei so, dass du mich nicht nervst! Sei so, dass ich dich aushalten kann. Sei so, dass mein Leben trotz dir funktioniert.“ Das ist der Weg in die „Vernunft“? Ist dort Liebe drin? Was man gemeinhin als Vernunft in der jetzigen Welt zu betrachtet, fühlt sich an nach „sich von seinen Sinnen abzutrennen und sich anzupassen“. Das ist nicht gesund.

Unser heutiger Weg hat für mich nichts, aber gar nichts mit Vernunft im Sinne von Einsicht, Sinnhaftigkeit und Weisheit zu tun. Es ist maximal die Vernunft der Angst­vermeidung. Wir sind paralysiert vor Angst über alle möglichen Dinge, so dass wir uns fast nur noch um Absicherung bemühen. Wir sind bar jeden Vertrauens, wenn wir nach heutigen Maßstäben „vernünftig“ leben.

In meiner Praxis tauchen Menschen auf, die an der Anpassung an diese scheinbare Vernunft schier kaputt gehen. Sie fühlen sich permanent im falschen Film, wenn sie ganz richtig etwas als völlig falsch fühlen, was heute der Norm entspricht, was heute ein Mensch bewältigen sollte. Ich treffe Frauen, die der Härte des heutigen Berufslebens nicht gewachsen sind und an dieser Härte zerbrechen. Sie fühlen die Ansprüche an die verschiedenen „Hüte des Lebens“: berufliche Karriere und Erfolg, Selbstverwirklichung, Sinnfindung, Aussehen, Image und Status, Familie, Kinder. Sie haben das Gefühl, das alles auch auf die Reihe bekommen zu müssen, scheitern in ihrer Sensibilität an diesem Joch, fühlen sich als Versager und völlig daneben.

Die Forderung nach Anpassung ist so groß, dass dabei immer wieder die Persönlichkeit der Menschen zerbricht. Suizidalität allenthalben! Sie fühlen richtig, konform mit ihrer Seele und Gottes Willen für uns und kriegen gesagt, dass sie nicht in Ordnung sind. Bekommen zusätzlich die Aufgabe, sich endlich „mal in Ordnung zu bringen“, damit sie wieder „funktionieren“, damit die Anhänger der scheinbaren Vernunft nicht umdenken müssen. Wenn so viele, viele scheitern, es so viele Menschen krank macht, wie kann es richtig sein? Unsere jetzige Welt ist schreiende Unvernunft. Doch die Schreie verhallen – in der Regel ungehört – im Innern des Individuums, im Nebel der Psychopharmaka[1] und anderer Drogen und wenn es ganz schlimm kommt – in der Psychiatrie. Gott, bitte hilf den „Hungernden nach OK sein“, bitte setze dieser schreienden Unvernunft ein Ende! Danke!

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[1] Weltweit wurden in 2007 ca. 20 Mrd. Dollar für Antidepressiva ausgegeben. (Quelle IMS Health Marktforschung). Ungefähr ebenso viel wird mit Antipsychotika umgesetzt. Unter den Top 10 der umsatzstärksten Arzneimittel befinden sich drei Psychopharmaka.

Die Gedankenkrankheit - ein Cartoon von Johanna Fritz

Das Maß an Gedankenaktivität, die ich bei jedem wahrnehme, dessen Kopf ich beim Handauflegen berühre, ist erschreckend. Und das fängt schon bei so jungen Menschen an, viele Köpfe fühlen sich an wie ein Bienenkorb, manchmal senden die Köpfe richtige harte Wellen aus, manche glühen, manche sirren, mancher Gedankenkranz hat sich wie ein Panzer um den Kopf gelegt. Aus meinem eigenen Kopf kenne ich das natürlich auch und ich habe viele Jahre gebraucht, um zu einem freieren Kopf zu gelangen. Ich nenne das „Gedankenkrankheit“ und halte sie für den Auslöser von Krankheiten und Süchten. Ich bin mir sicher: die meisten Menschen reden nicht über diese Belastung durch die eigenen Gedanken, die für sie die größte Qual im Leben ist.

Der Kopf einer meiner Klientinnen, sie hatte Multiple Sklerose im Anfangsstadium, fühlte sich geradezu elektrisch an. Ich fühlte deutlich ein Sirren bei ihr wie das, was wir um eine Hochspannungsleitung wahrnehmen. Bei der Behandlung hatte ich die Vision einer Drahtseilwinde, die so hart gespannt wurde, dass einzelne Drahtseelen rissen.

Und was ist Multiple Sklerose? Die Nervenbahnen des ZNS werden nach und nach zerstört. Kranke so genannte T-Zellen des Immunsystems überwinden die Blut-Gehirn-Schranke, was sie im gesunden Zustand nicht könnten, und greifen dort die Schutzschicht der Nerven an und zerstören sie, was dann irgendwann natürlich auch die Nerven selbst schädigt. Nervenimpulse werden so langsamer bis überhaupt nicht mehr weitergeleitet. Das führt zu Sehstörungen, Fehlern bei der Ausführung von Bewegungen, Gleichgewichststörungen, gestörte Nervenempfindungen z.B. Taubheit oder permanenter Blasendrang.

Zumindest bei dieser Klientin lag die psychosomatische Ursache der Erkrankung in einem übermäßigen Gedankendruck, der durch schon seit der Kindheit bestehendem Leistungsdruck und dem Willen zu bedingungslosem Funktionieren ausgelöst war.

Das ist das Gesunde am einfachen Leben, in dem man sich auf etwas konzentrieren kann und dafür einfach einen freien Kopf hat. Man ist ganz da, wo man gerade ist. Auf (zu) vielen Hochzeiten tanzen, innerlich abwesend sein, quasi immer im Hintergrund und/oder real einen Zettel machen zu müssen, was alles noch ansteht und was wann zu erledigen ist, ist an sich unnötig und lediglich Ursache von Lebensentwürfen, die das Sein zersplittern. Das Reduzieren der Hüte, die man sich aufsetzt, Entschleunigung,  oder der Aufruf des „Simplify your life“ zeigen einen realen Weg zur Heilung von der Gedankenkrankheit auf. Ganz einfach zeigt es sich hierin, wozu es führt, wenn man mehr als eine große Sache verfolgt:

Matthäus 6 (Lutherbibel 1984)

24 Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Das Denken ist die Beschäftigung der Menschen, die uns davon abhält, die Welt, wie sie ist, wahrzunehmen und das Notwendige zu sehen und zu erledigen. Das Denken beschäftigt und hält unsere Aufmerksamkeit im Bann, damit nicht klar wird, was sich uns gerade direkt vor unseren Augen offenbart. Sonst müssten wir uns in vielen Situationen sofort damit beschäftigen, notwendige Veränderungen einzuleiten. Um dies zu vermeiden, um unbewusst zu bleiben, läuft das Denken in langen, weiten Schleifen, teilweise angenehm und schön, oft auch anstrengend, schwächend und nervtötend.

Dass Denken, Bildung und Kopflastigkeit nicht unbedingt zu Gott führt, darauf hat uns auch Jesus in Matthäus 11 (Hoffnung für alle) hingewiesen

25 Jesus betete: “Mein Vater, Herr über Himmel und Erde! Ich danke dir, dass du die Wahrheit vor den Klugen und Gebildeten verbirgst und sie den Unwissenden enthüllst. Ja, Vater, so entspricht es deinem Willen.“

Im Geist Gottes ist Ruhe und Gegenwärtigkeit. Die Wahrheit ist kein Produkt des Denkens, des Abwägens, sondern eine Enthüllung, ein Impuls, eine Gabe Gottes, die wir wahrnehmen können. Offenheit, Wahrnehmungs­fähigkeit, Aufmerksamkeit erschließt sie uns – NICHT DENKEN.

Oft ist auch die Flucht in geistige Beschäftigung z.B. Folge unserer Furcht vor dem Ausgesetztsein der inneren Stimme, Seiner Stimme, die uns wirklich fragt: Ist das richtig und sinnvoll, was da gerade passiert?  Es kann die Furcht sein vor dem Aufsteigen unangenehmer Erinnerungen, die wir lieber vergessen oder verdrängen würden: Gedanken an Schuld, Scham, unangenehme Situationen, Gefahr, Schmerz, Pein. Gedanken an die Liebe und wie sie sein könnte und was wir daraus machen oder gemacht haben.

All diese Gefühle will keiner wieder erleben und durch sie hindurchgehen, sie bearbeiten. Also wird der Geist beschäftigt. Daher empfinden wir oft Arbeit als so angenehm. Der Geist kann sich an etwas festhalten. Er kehrt nicht mehr zum Kern des Unwohlseins zurück. Wir brauchen uns nicht mit uns zu beschäftigen, weil etwas außerhalb von uns unsere Aufmerksamkeit fordert. Sogar etwas, das alle für sinnvoll, vernünftig, praktisch und lobenswert gehalten haben, nämlich eine vernünftige Arbeit mit einem vernünftigen Gehalt.

Ich habe mich um Dinge kümmern können, die ich als Arbeitsauftrag erhielt, konnte meine Fähigkeiten und meine Gestaltungskraft darauf verwenden, diesen Arbeitsauftrag ordentlich, sinnvoll und aussagekräftig zu gestalten. Danach habe ich mich dann auch selbst sinnvoll gefühlt, war dankbar und im positiven Sinne geschafft, nämlich die Herrin eines Werkes, das ich stolz weitergeben konnte. Ähnlich verhielt es sich beim Schreiben einer globalen Vertriebsmethodologie für ein großes Unternehmen. Auch dort konnte ich mich in dieser Welt verlieren und habe die aktuelle Welt nicht wahr­genommen, war völlig im Fluss in einer Welt, die nicht meine war bzw. es nicht mehr war. Ich setzte mich morgens um 8 Uhr an meinen Schreibtisch und kam um 14.00 Uhr das erste Mal wieder zu mir, wenn der Magen knurrte. Meine eigene Lebenssituation zu diesem Zeitpunkt: schlicht eine Katastrophe.

Selbstvergessenheit – das ist ein zweischneidiges Schwert. Sie wird allgemein gelobt, wenn wir uns einer höheren Sache, der Gemeinschaft, den Bedürftigen widmen. Doch wir sind immer Teil der Situation, wir gehören immer dazu. Die eigene Beteiligung erst gibt dem Werk, das wir erstellen, Farbe und Leben. Wenn wir das Leben um uns herum wahrnehmen, dann erfahren wir nebenbei so viel Beiwerk durch die kleinen Dinge, die uns am Wegesrand begegnen können. Wichtiges Wissen, sinnvolle Impulse können uns so wie von selbst zufallen. Immer wieder habe ich das Gefühl, Nachdenken ist überhaupt die dümmste Idee, eine Frage zu lösen.

Sprüche 26 (Hoffnung für alle): 12 Kennst du jemanden, der sich selbst für weise hält? Ich sage dir: Für einen Dummkopf gibt es mehr Hoffnung als für ihn!

Das Nachdenken hat ein großes Manko. In den Gedanken befindet man sich nicht in einer realen Welt, vor allem nicht, wenn man sich mit Situationen rumschlägt, die durch Nachdenken gar nicht gelöst werden können. Es ist, als ob man mit einem Handtuch schneiden wollte, mit einem Hammer Schrauben rausdrehen. Was sagt uns denn, was uns gut gehen lässt? Unsere Wahrnehmung, unsere Sinne, unsere Intuition, unsere Emotion! Etwas, was wir nicht steuern und kontrollieren können, was einfach kommt.

Gedanken können schön klingen, sie können faszinieren, ja sogar kurzfristig berauschen, flashen, geistige Orgasmen. Doch überprüfbar, ob das Gedachte in der Praxis hält, funktioniert erst, wenn wir uns in die Situation hineinversetzen und ausprobieren, wie es sich anfühlt. Wie wir darin leben können. Uns die Situation farbig ausmalen und sie detaillieren, das Träumen. All die anderen Entscheidungs­mechanismen, die auf logischen oder mathematischen Modellen basieren, funktionieren einfach nicht, also Pro- und Kontra-Listen und Bewertungs­modelle. Nachdenken bei schwierigen Situationen ist eine nicht adäquate Verhaltensweise. Nachdenken hilft maximal dabei, die Grundsituation zu analysieren und die Fragestellungen, anhand derer man vorgeht, die das Grundgebäude der Situation darstellen. Was denke ich eigentlich? Was erzähle ich mir denn da gerade? Gehe ich überhaupt von den richtigen Voraussetzungen aus? Stimmen meine Grund­annahmen? Kann ich das wissen? Entsprechen sie der menschlichen Natur? Führen sie uns in Richtung Barmherzigkeit?

Gefühle können nicht logisch gelöst werden, sie wollen ihren natürlichen Ausdruck finden. „Ich denke, ich fühle mich jetzt mal wohl, ich denke, ich bin jetzt mal nicht traurig!“ ist kein Weg, um zum Wohlfühlen zu kommen oder Traurigkeit zu beenden. Gefühle können nicht durch Vernunft kompensiert oder gelenkt werden, sondern nur ausgedrückt werden. „Es ist jetzt nicht vernünftig, traurig zu sein!“ beendet unsere Traurigkeit ebenso wenig. Das ist nicht Vernunft, dass ist einfach nur sinnfrei.

Achtung Unterscheidung! Es gibt Gefühle, die entstehen aus unserem aktuellen Erleben, aus unseren Sinnen, unserer Wahrnehmung. Wir sehen z.B. ein kleines Kind oder einen Sonnenuntergang oder das Leid eines Menschen und sind zu Tränen gerührt. Ein Traumapatient kann einen Flashback erleben. Wir erleben tiefe Freude. Diese Gefühle können nicht gelenkt, gestoppt werden, sondern nur ausgedrückt werden. Und es gibt Gefühle, die basieren auf unseren Gedanken, unseren eigenerfundenen Geschichten, z.B. denken wir, jemand anderes hat uns verletzt mit dem, was er neulich gesagt hat. Und das macht uns traurig. Diese Gedanken können durch einen Gedankenstopp umgehend beendet werden und dann ist auch das zugehörige Gefühl obsolet. Genau hier funktioniert der Stopp, weil sie keine Wahrheit besitzen.

Wenn erstere Gefühle unser Überlebensprogramm sind, dann ist die gedankliche Anfachung oder Lenkung der Gefühle ein Virus in diesem Programm. Das funktioniert einfach nicht, dabei läuft man früher oder später auf einen Fehler. Wenn unangenehme Gefühle aus aktuellem Erleben immer wieder auftauchen, wenn wir immer wieder das Gleiche erleben, dann ist Heilung der Lebensumstände der Weg, dann haben wir uns unerträgliche Lebensumstände geschaffen, egal, wie „vernünftig“ sie sein mögen.

Hinter unseren Gedanken liegt der Schlüssel zum Reich Gottes und die Antwort. Denn es ist ständig da, doch häufig nehmen wir es nicht wahr, weil wir uns mit Denken vom wahren Leben ablenken.

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