Im Antlitz der Liebe

Mit Santiago nach Santiago:

Vom Pilgern auf dem Jakobsweg
und vom Nachfolgen

Gabriele Sych

Im Antlitz dieses Bildes wurde ein großer Teil dieses Buches geschrieben. Daher heißt es: „Im Antlitz der Liebe“

Übrigens: Inzwischen gab es ca. 80.000 Klicks auf diesem Blog und WordPress hat ihn mal als „Exzellentes Blog“ eingestuft.

Wir danken allen Lesern, durch die das möglich wurde!

Dieser Blog ist ein wahrer Bericht, und zwar zum einen unseres wundervollen Camino de Santiago im Spätsommer 2007 von Lourdes in Frankreich über Santiago de Compostela und weiter nach Finisterra und Fátima in Portugal. Wir sind gemeinsam ca. 1500 km auf dem Jakobsweg gepilgert und hatten zusammen eine außerordentliche Zeit, für die wir sehr dankbar sind. Subjektive Erlebnisse und Empfindungen von Gabriele sind in Kursiv gesetzt. Nicht alles, was der eine erfuhr oder denkt, ist auch für den anderen genau so.

Doch dieser Bericht hört nicht in Santiago auf, sondern er enthält die ganz konkrete Geschichte von Gabrieles Gotteserleben in den zwei Jahren nach dem Camino: als ich ihn verdaute und seine Erkenntnisse umsetzte, meine daraus erwachsenen neuen Wunder, Alltags- und Gnadenserfahrungen, wie sich mein Leben veränderte. Da ich auf dem Camino eine besondere Gabe erhalten habe, nämlich Leben zu heilen, werde ich auch über mein Erleben mit dieser Gabe erzählen und über Heilung durch Gott, wie ich es durch meine Praxis als Heilpraktikerin für Psychotherapie authentisch mir erschließen konnte. Meine Erkenntnisse orientieren sich also an meinem realen Erleben zum einen direkt beim Laufen, also ein direktes Erleben an der „Hardware“ Weg, Körper, Welt und Menschen. Zum anderen basieren sie auf konkreten Lebens- und Heilungserfahrungen, meiner eigenen und der Menschen, die mich aufsuchen. Es zeigt sich, was hilft und was nicht. Aber ob nun ein anderer darin Wahrheit findet oder nicht: für mich war es sehr real und wahr. Ich bin noch immer auf dem Weg, wie jeder andere, eine Lernende, Werdende, täglich menschlich Herausgeforderte genauso wie inzwischen ein wenig ein Pfadfinder/Scout und Fährtenleser, mehr nicht.  Und als dieser Pfadfinder beschreibe ich das Land, das ich durchschreite und die Wege und Zeichen, die ich finde und erfahre. Als Fazit über diesen gesamten Weg möchte ich mit Maria, deren geweihte Orte Ausgangs- und Zielort unseres Caminos  waren, sprechen wie in Lukas 1, 38, 46 + 47 (Einheitsübersetzung): Mir geschehe nach Deinem Willen. Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes.

Das Titelbild des Sagrado Corazón de Jesús stammt aus dem Besitz von Magdalena Koppány aus Ungarn, die dieses Bild über Jahre über ihrem Bett hängen hatte und sicherlich unendlich viele Stunden betend davor verbracht hat. Das Bild strahlt eine ungeheure Kraft aus und hat das Schreiben dieses Buches begleitet, daher heißt es: Im Antlitz der Liebe. Ihre Nichte, Sylvia Komin, hat mich während des Schreibens der ersten Fassung ohne Gegenleistung in ihrer Wohnung aufgenommen. Dafür bin ich ihr ganz besonders dankbar und auch denen, die ihr diesen Gedanken geschickt haben.

Bitte beachten:  Wenn ich innerhalb dieses Blogs über Gesundheit und Krankheit schreibe, so seien Sie bitte gewahr, dass ich Gesundheit aus der Perspektive meiner Tätigkeit als Heilpraktikerin für Psychotherapie betrachte und der Heilung von Krankheiten durch Gott. Ich bin keine Ärztin und in wissenschaftlicher Medizin nicht ausgebildet. Ihr erster Ansprechpartner für die Diagnose und Behandlung von Krankheiten ist zunächst Ihr Arzt, vor allem, wenn rasch gehandelt werden muss. Erst begleitend dazu ist die Beschäftigung über psychische Ursachen von Unwohlsein und Krankheiten sinnvoll.

Alle Nutzungs- und Kopierrechte liegen ausschließlich bei den Autoren.

Für Ihre Kommentare, über die wir uns sehr freuen, benutzen Sie bitte die „Gästebuch“-Seite, damit der Blogtext kontinuierlich gelesen werden kann, vielen Dank!

Karte unseres Caminos:

Die Silberlade des Apostels Santiago

Unter dem Altar der Kathedrale von Santiago des Compostela betete ich vor der Silberlade mit den sterblichen Überresten des Apostels Santiago el Mayor, der heilige Jakobus der Ältere. An diesem Tag war ich auf meiner Pilgerreise von Lourdes aus in Santiago nach 900 km angekommen.

Ich fühlte mich wie ein Blatt im Wind: um auf diese Pilgerreise auf dem Jakobsweg zu gehen, hatte ich meine Wohnung aufgegeben und meine Habe verkauft oder eingelagert, meinen beruflichen Standort riskiert, meine Praxis als Heilpraktikerin verwaisen lassen, mein allerletztes Geld eingesteckt. Auch meinen 13-jährigen Sohn hatte ich aufgegeben: Er war vor 1 ½ Monaten auf eigenen Wunsch für ein Jahr zu seinem Vater nach Kanada gezogen und ich wusste nicht, ob er danach wiederkommen würde.

Mit meinem Freund Santiago bin ich von Berlin nach Lourdes getrampt und dann sind wir von dort 32 Tage lang fast ständig den ganzen Tag lang gelaufen, manchmal 12 bis 14 Stunden am Tag. Wir haben in den einfachsten Herbergen und im Freien übernachtet, in den 4,5 Wochen von 400 Euro gelebt. Unterwegs haben wir unzählige Rosarios gebetet, waren wohl in jeder offenen Kirche und haben jeden abendlichen Gottesdienst besucht. Jeden Abend war ich erschöpft und nur „Handlauflegen sei Dank!“ mit einer Stunde abendlicher Selbstbehandlung, vor allem der schmerzenden Beine und Füße, am nächsten Tag wieder abmarschbereit. Meine Füße waren voller Blasen, 8 Kilo hatte ich abgenommen. Auch Santiago hatte ich zwischenzeitlich aufgeben müssen. Ich stand vor dem Nichts.

Und nun war ich in Santiago. Ich hatte mir alles ganz anders vorgestellt. Meine Intention der Pilgerreise war es, Jesus Christus noch näher zu kommen und seine Form der Heilung noch besser zu verstehen und mich mit Santiago auf unser neues Leben einzustellen. Doch die Realität und damit Gott hatten mir ein anderes Gesicht des Camino bereitet. Ohne Zweifel war ich Jesus Christus sehr nahe gekommen, weil ich versuchte, ihm täglich in den Kirchen zu begegnen, um meine aktuellen schmerzlichen Erfahrungen an Körper und Seele zu ertragen und Antworten auf meine Fragen zu erhalten. Und nun: ich hatte nichts mehr außer mir selbst, ein paar Möbeln und Kartons und ich war in Santiago.

Und nun saß ich dort im Halbdunkel, das Gesicht der Silberlade zugewandt. In stillem Zwiegespräch wandte ich mich an den Heiligen Santiago. „Ich bin hier hergekommen, um auf dem Weg mehr über das Heilen in der christlichen Tradition zu lernen, doch das alles hat sich nicht erfüllt. Kannst Du mir jetzt etwas über das Heilen sagen?“ Da hörte ich die Stimme des Apostel in mir: „Du bist schon lange eine von uns! Du heilst schon auf die Art, wie wir heilen. Du bist doch schon da!“

Lukas 14 (Hoffnung für alle): Jesus fordert alles: Ist das zuviel?
25 Wie schon oft, war Jesus von einer großen Menschenmenge umlagert. Bei dieser Gelegenheit machte er seinen Zuhörern deutlich: 26 «Wenn einer mit mir gehen will, so muss ich für ihn wichtiger sein als alles andere in seinem Leben: wichtiger als seine Eltern, seine Frau, seine Kinder, seine Geschwister, ja wichtiger als das Leben selbst. Nur so kann er mein Jünger sein.27 Wer nicht bereit ist, diese Lasten um meinetwillen auf sich zu nehmen und mir nachzufolgen, der gehört nicht zu mir. … 33 Überlegt es euch vorher, ob ihr wirklich bereit seid, alles für mich aufzugeben und mir nachzufolgen.

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Barceloneta am Strand

Zum Jahreswechsel 2006/2007 machte ich drei Wochen Ferien in Barcelona. Mein Sohn besuchte in dieser Zeit seinen Vater in Kanada und Santiago seine Familie in Barcelona, da hatte ich mich ihm angeschlossen. Die ersten acht Tage hatte ich mir von einer Italienerin eine süße, kleine Jungmädchenbude unterm Dach in der Altstadt in dem angesagten Stadtteil Born, ganz in der Nähe der Kirche Santa Maria del Mar, gemietet. Es war sehr schön warm tagsüber, 17 Grad und sonnig, doch auf die Dauer war es in der Wohnung recht kalt, da ich die Heizung trotz Beschreibung nicht anbekam. Aus einer Email an meine Familie und Freunde stammen diese Zeilen:

„Ich bin gleich am ersten Tag raus, um all dies hier zu entdecken. Ich fühle mich hier wie Alice im Wunderland, staunend auf Entdeckungsreise. Hinter jeder Ecke taucht etwas Neues auf, ein romantisches Plätzchen, eine Kirche, ein altes Kastell, Prachtbauten, enge Gässchen, trotzdem mit Bäumen, ein kleiner Markt, ein herrschaftlicher Platz mit Cafés und Palmen. Göttlich, das gefällt mir.

Ich fühle mich hier in Barcelona wirklich einfach sofort heimisch, als ob ich hier schon einmal gelebt hätte und finde mich in dem Gassen-Gewirr schnell zurecht. Alles ist nicht weit und prima zu erlaufen. Barcelona ist wie mit Santiago zusammen sein: es lädt mich auf und macht mich glücklich.

Catedral St. Eulalia aus Wikicommons

Plötzlich tauchen vor mir Kirchentürme auf und ich laufe darauf zu, es ist die Kathedrale von Barcelona. Das zieht mich immer an, denn die Atmosphäre alter Gotteshäuser, in denen viel gebetet wird, hat ihren eigenen Charme und eine spürbare umsorgende und herzerhellende Atmosphäre. In einer der kleinen Kapellen hinter dem Hauptaltar finde ich meine erste Gebetsstation „Sagrado Corazón de Jesus“ steht da „das heilige Herz Jesu“. Und eine Sammelbox: Por los Pobres: Für die Armen. Er zeigt mit beiden Händen auf sein Herz, als wenn er sagen wollte: darauf kommt es an. Sein Herz prangt glänzend golden auf seiner Brust, es zieht mich sehr an. Ich hole mir eine Kerze, um sie hier für Santiago und mich anzuzünden und all die, mit denen ich in Liebe verbunden bin. Ungefähr eine Stunde verharre ich hier betend. Ich verbinde mich mit seinem geheiligten Herz, das ist eine unfassbare Erfahrung.

Ich lasse diese Energie in mein Herz fließen und ich spüre ganz, ganz deutlich die Aussage: Es war absolut richtig, hier herzukommen, um all die neuen Themen für das nächste Jahr anzugehen. Da mein erstes Seminar des kommenden Jahres sich um Liebe und Partnerschaft dreht, ist dieser Orts- und Perspektivwechsel jetzt wichtig. Die Kernbotschaft, die ich beim geheiligten Herz Jesu erhalten habe, heißt: Liebe einfach, alles andere wird sich finden und regeln. Einfach nur lieben und nicht denken! Eine wunderbare Botschaft!“

El Sagrado Corazón de Jesus St. Eulalia Barcelona

Ab diesem Tage war ich in der Kathedrale Stammgast, da ich mich hier immer in Ruhe und in aller Beschaulichkeit und – das war wichtig – ohne Geld aufwärmen konnte. Stunden verbrachte ich dort, intensiv verbunden in stiller Zwiesprache mit Jesus. Ich stellte ihm all die brennenden Fragen, die ich hatte, redete mir allen Kummer von der Seele und erhielt Antworten. Und wer ihn noch nicht antworten gehört hat: es sind klare und einfache Antworten, die eben wirklich vom Herzen kommen. Oft beginnt er mit „Das ist ganz einfach…“ und das ist es dann auch. So als ob man auf dem Boden ankommt und das tut, was das Nahe liegende ist: ohne Gedankenkonstrukte, ohne Wertungen, gerecht und entspannt. Wir schauten uns gemeinsam die Realität an und anhand der Realität erklärte er, was denn nun am sinn- und liebevollsten zu tun wäre. Es ist nicht immer einfach, das umzusetzen, schon weil man sich manchmal erschreckt fragt, ob es denn überhaupt so klar geht.

Ich habe mir aus der Kathedrale eine Votiv-Kerze mit seinem Foto mitgebracht, die über Wochen immer wieder bei mir brannte, wenn ich Rat oder Trost brauche. Und das war in diesem so jungen Jahr eine ganze Menge, weil es meinem Sohn nicht gut ging. Ich habe mich immer wieder im Licht der Kerze mit „El Sagrado Corazón de Jesús“ verbunden und mir seine Energie in mein Herz fließen lassen, was sehr, sehr heilend war und meine innere Unruhe und meine Sorgen und Ängste linderte.

Mein Herzenswunder

In der Nacht zum Valentinstag hat die Kerze wieder einmal lange gebrannt. Als ich dann tagsüber in mein Zimmer trat, da war die Kerze zwischendurch umgefallen und hat mir auf dem Nachttisch ein Herz aus Wachs hinterlassen. Seht her, das ist für mich (m)ein Valentinstag-Wunder! Es ist einfach unglaublich berührend und beglückend, von Jesus direkt ein Herz geschenkt zu bekommen.

In der Folgezeit habe ich ihn ständig aufgesucht und – ich habe ihm häufig Reiki[1] geschickt und zwar auf die Zeit[2] seines Leidensweges, zu dem Tag, als er das Kreuz durch Jerusalem und nach Golgatha getragen hat, als er am Kreuz hing. Als ich es das erste Mal tat, hörte ich in mir die Worte: „Na endlich bist Du da!“. Ich habe ihm immer wieder zu dieser Zeit Reiki geschickt und in die Zeit nach der Auferstehung Reiki auf seine Hände und seine Füße. Nicht dass ich denke, dass er nicht selbst über Heilkräfte verfügt, selbst Gott ist, aber ich weiß, es ist auch schön, wenn man selbst mal in einer schweren Situation diese wunderbare Energie bekommt. Einmal habe ich auch direkt seinen Tod mit meinen Händen miterlebt. Zunächst hatte ich sehr starke Energieempfindungen in meinen Händen, sie glühten förmlich und dann spürte ich plötzlich etwas sehr, sehr Helles, Leichtes, Feines in Richtung Himmel entweichen. Dann wurden meine Hände langsam kalt. Das einzige, was ich dann noch fühlte, war, als ob in seinem Körper „eine Art Notstromversorgung angeschaltet wurde“.

Er ist mein Halt, mein Ratgeber, jemand, der es immer freundlich mit mir meint, der immer meint, was er sagt, er ist immer für mich da, meine Quelle.

Auf dem Camino, in Arzua in Galizien, suchten wir eine Quelle, denn wir hatten Durst und nichts mehr zu trinken. Ich wiederholte in mir die ganze Zeit: „Wir brauchen eine Quelle, wir brauchen eine Quelle“. Wir fanden eine Kirche mit Ihm (und im Gemeindebüro ein Büchlein über die Erscheinungen von Fátima). Jesus ist die primäre Quelle, das lebendige Wasser. Das wurde mir dort wieder bewusst. Nach dem Rosario-Gebet in seinem Angesicht fanden wir hinter der Kirche einen Brunnen mit Wasser.

Selbst in schweren Stunden sagt er zu mir: Ich bin hier bei dir, ich bin da! Er tröstet mich. Ich empfinde „El Sagrado Corazón de Jesús“ als meinen geliebten Freund, der mich durch meinen Freund als menschlichen Stellvertreter auch in der Realität liebt und der durch mich liebt. Wir sind täglich in Kontakt, kein Tag vergeht ohne ihn, ich richte viele meiner Fragen an ihn. Auch auf dem Camino de Santiago suchte ich immer wieder „El Sagrado Corazón de Jesús“ in den Kirchen und Klöstern und freute mich immer wieder riesig, wenn ich ihn sah. Ich habe jede Gelegenheit genutzt, mich mit ihm in Verbindung zu setzen und mit ihm zu sprechen. Hier eine Sammlung von unserem Weg.:

El Sagrado Corazón de Jesús

Auch die Gemeinde, in der ich jetzt zuhause bin, ist eine Herz-Jesu-Gemeinde. Wenn ich mich mit ihm in einer Kirche oder mit seinem Bild unterhalte, dann wird seine Statue oder das Bild oft lebendig. Die Umgebung der Statue verklärt sich, wie Luft, die über einem Feuer brennt, und beginnt die Statue beginnt, sich zu bewegen. Das bleibt dann so bis zum Ende des Gesprächs. Ähn­liches ist mir später auch mit Santa Maria Virgen passiert. Bei Gottesdiensten geschieht dies – vor allem in Kirchen mit Hochaltar – mit dem gesamten Altargebiet und dies verstärkt sich besonders in den Momen­ten, wo gebetet oder gesungen wird. Die göttliche Energie wird für mich deutlich sichtbar und spürbar.

In vielen Zwiegesprächen hat er mir viele der Zusammenhänge und Übungen erklärt, die ich in einer An­leitung zum Handauflegen niederschrieb. Ich habe mir angewöhnt, regelmäßig zu ihm zu beten und ihn in mein Leben integriert. Und dies ist mein persönliches Gebet an ihn, (seit dem Camino bete ich noch immer in Spanisch, was mir mehr zu Herzen geht als das Deutsche) das ich aus einem Fátima-Gebet abgeleitet habe: Jesus Christus, te amo, te adoro, te necesito, te espero y te confio, te agradezco por todo con que tu llenas mi vida, te sigo. Te pido por tu amor, tu resurrección, tu guía, tu ayuda,  tu protec­ción  y tu bendición – Ich liebe Dich, ich verehre Dich, ich brauche Dich, ich hoffe auf Dich und ich vertraue Dir, ich danke Dir für alles, womit Du mein Leben füllst, ich folge Dir. Ich bitte Dich um Deine Liebe, Deine Auferstehung, Deine Führung, Deine Hilfe, Deinen Schutz und Deinen Segen. Amen.

Nach dem Camino hat er immer mehr von meinem Leben Besitz ergriffen, er will einen zu 100 %, das wird wohl jeder Christ bestätigen können. Er ist kein Hobby, er ist ganztags, 24/7, immer. Ein deutliches Bekenntnis – darunter geht es nicht. Vor kurzem erhielt mein Sohn eine Tüte T-Shirts geschenkt, eines gab er gleich an mich weiter: „I ♥ Jesus and Jesus ♥’s me“ stand da drauf. Manchmal muss ich tief durchatmen, doch:

Lukas 9 (Hoffnung für alle)

26 Wer sich schämt, sich zu mir und meiner Botschaft zu bekennen, den wird auch der Menschensohn nicht kennen, wenn er in seiner Macht und in der Herrlichkeit des Vaters und der heiligen Engel kommen wird.

Als ich dann jedoch in dem T-Shirt am Alexanderplatz an einer Gruppe Hare Krishna Jünger vorbeikam, die dort singend in ihren langen orangenen Gewändern tanzte, da musste ich – wieder – über mich selbst lachen… Ich mache mir einen Kopf um das T-Shirt und die singen und tanzen da, mit Verstärker,  für ihren Glauben als junge Männer in langen, orangen Gewändern. Das ist Glauben, das ist Verehrung, zum Abgucken, zum Fühlen, in aller Deutlichkeit!  So finde ich in der Form, wie Jesus mir im Außen zeigt, wie ich mich selbst verhalte, auch viel Humor.

Es ist keine Angst, die mich bewegt, diesen Weg weiterzugehen. Durch seine Präsenz erhalte ich so viel, dass ich gar nicht anders kann, als ihm zurückzugeben und dazu zu stehen, was ich tue. In keiner Zeit habe ich so kondensiert über die Liebe gelernt wie unter seiner Führung, so viel erfahren, so viel verstehen können. Er stellte meine ganze bisherige Welt auf den Kopf.

Über Liebe reden ist eine schöne Sache, Liebe jedoch in Gemeinschaft, z.B. in Familie zu leben eine ganz andere. Da kommen nämlich erstmal all die kleinen unfeinen eigenen Ecken und Kanten hoch, mit denen wir uns Fragen stellen, wo wir den anderen tatsächlich oder für uns im Stillen anklagen, uns beschweren, Fragen wie „Warum muss denn immer ich…?“ oder „Kann der/die nicht auch einmal…?“, all das „den Anderen nicht für gut halten“. Wer nicht in der engsten Gemeinschaft mit anderen Liebe, Zugewandtheit, uneingeschränktes Teilen und Frieden halten und leben kann, der hat in der Liebe noch viel Wachstumspotential, das habe ich in dieser Zeit an mir selbst intensiv gemerkt. All diese inneren Fragen führten mir immer wieder meine eigene Lieblosigkeit vor Augen, meine sture Erwartungshaltung darüber, wie Liebe sich anfühlen sollte, meist ungeachtet dessen, wie der Andere sich fühlte.

Er hat mir die Frage aller Fragen gegeben, um meine Denkweisen und Gedanken zu sortieren, Entscheidungen zu treffen und zu erkennen, wohin mein Weg führt, wo es voran geht: „Ist das wirklich Liebe? Fördert dieser Weg die Barmherzigkeit unter den Menschen, fördert er deine eigene Barmherzigkeit, die Barmherzigkeit des oder der Anderen?“

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Santiago wird an dieser Stelle etwas über seine Herkunft, seinen Weg nach Europa und seine Motivation schreiben.

 

Meine Kindheit in Quito

Ich bin ein 50-jähriger Mann und bin am 28. Dezember 1965 in Quito geboren, der Hauptstadt Ecuadors in Südamerika. Heutzutage lebe ich in Berlin, Deutschland und dies war mein größter Lebenstraum.  Mein Vater war von Beruf Zimmerman, aber aufgrund von Geschehnissen im Leben eines menschlichen Wesens ergab es sich, dass er als Kurier und Briefträger der staatlichen Post Ecuadors in Quito arbeitete.

Als ich 7 Jahre alt war, hatte ich das Glück ihn zu verschiedensten Gelegenheiten seiner täglichen Routine begleiten zu können, wo ich die Entwicklung seiner Arbeit beobachten konnte. Die Post hatte ihm ein Fahrrad zur Verfügung gestellt für eine tägliche Fahrstrecke von ungefähr 20 bis 30 km am Tag, so ganz genau weiß ich es nicht mehr. Aber diese Strecke hatte er vor dem Fahrrad täglich zu Fuß bewältigt. Als ich ihn begleitete, fuhr ich auf der Fahrradstange mit, die den Sitz mit dem Lenker verbindet. Heute frage ich mich, warum er, so wie er war, ein sehr geschickter Mann nie sich darum kümmerte, hinten am Fahrrad einen  Gepäckträger anzuschweißen. Auf jeden Fall war es sehr abwechslungsreich, mit Quitos Panorama vor der Nase auf dieser Stange zu sitzen.

Wenn ich ihn zu begleiten hatte, musste ich am Abend vorher früh zu Bett gehen, damit ich am nächsten Morgen auch früh aus dem Bett kam. So nahmen wir Kurs auf seine Dienststelle, um die Post abhzuholen, sortierten sie nach Straßen oder Namen und machten uns auf die Verteilungstour, die ungefähr 6 bis 8 Stunden dauerte. Schon auf der Strecke, erinnere ich, machen wir auch mal Pause, suchten ein Laden, um etwas zum Essen zu kaufen, meistens gab es Brötchen und um eine Coca Cola zu trinken. Ich erhielt ein Glas Cola und er trank die übrige Hälfte direkt aus der Flasche. Der besondere Genuß für ihn war es, seine Cola zu trinken und dazu eine Zigarette zu rauchen, eine Kombination, die ich nie verstehen werde.

Aber ich begleitete ihn nicht nur morgens, sondern er nahm mich auch öfters mit am Nachmittag, wo er gelegentlich als Zimmermann arbeitete. Ich erinnere mich daran, dass wir einmal das Haus eines Elektronik-Ingenieurs besuchten, der der Rektor eines Ausbildungsinstituts war, wo meine Eltern Hausmeistertätigkeiten versahen. Ich muss wohl so 3 oder 4 Jahre alt gewesen sein. Das allererste, was mir besonderes Wohlbehagen schenkte, war, dass dieser Ingenieur uns mit seinem Lieferwagen mitnahm, der sehr geräumig war und der einen intensiven Geruch nach einem sehr teuren Herrenparfum verströmte, da dieser Ingenieur eher wohlhabend war.

Sein Haus war sehr schön möbliert und still, völlig anders als ich es bisher kannte. Seine Hausangestellte rief uns, um uns Kaffee zu servieren und ich war überrascht, dass der Kaffee mit Milch zubereitet war- Das kannte ich bisher nicht, da unsere Familie aus Papa, Mama und 5 Geschwistern bestand. Das Gehalt meines Vaters reichte nicht, um Kaffee zu trinken, der mit reiner Milch zu trinken war. Dieser Ingenieur verstand sich darauf, Flugzeuge aus Balsaholz zu bauen und sie zu verkaufen. Eines Tages, als mein Vater wieder die Arbeit fortsetzte, die er an seinem Haus zu erledigen hatte, erhielt ich als Geschenk ein Flugzeug aus Balsaholz.

Ich konnte es kaum glauben, dass war so wundervoll, als dass es eigentlich war sein könnte. Es war ein sehr leichtes Spielzeug, ganz prachtvoll hergestellt. Ich erinnere den Moment, als er mir das Flugzeug gab und mir sagte, dass er es bewaffnet hatte und ich ihm mal meine Meinung dazu sagen sollte. Als wir wieder zuhause ankamen, hatte ich es ausgestattet und machte mich daran, mit meinen Geschwistern und Freunden aus unserem Viertel damit zu spielen. Was ich nicht erinnere ist, wie es dazu kam, dass ich es verlor und wie viel Zeit ich es hatte, aber ich glaube, dass ich es eine lange, lange Zeit an meiner Seite hatte.

Diese Geschichte wird irgendwann weitergehen…einfach in ein paar Wochen noch einmal nachschauen…

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5 Mose 4 (Lutherbibel 1984)

29 Wenn du aber dort den HERRN, deinen Gott, suchen wirst, so wirst du ihn finden, wenn du ihn von ganzem Herzen und von ganzer Seele suchen wirst. 30 Wenn du geängstet sein wirst und dich das alles treffen wird in künftigen Zeiten, so wirst du dich bekehren zu dem HERRN, deinem Gott, und seiner Stimme gehorchen.

Am 13. August 2007 gab ich die Schlüssel für meine gekündigte Wohnung der Hausverwaltung zurück, brachte die Reste meiner Habe zur Möbeleinlagerung in den angemieteten Container und fuhr zu Santiago. Am 14. August packte auch er seinen Rucksack und seine Zampoña[1] und wir brachen mittags auf, um unsere Reise nach Santiago de Compostela anzutreten. Wir wollten gleich ab Berlin die Kontrolle über unseren Weg aufgeben und sie Gott überlassen und haben – natürlich auch des Geldes wegen – uns entschlossen, nach Lourdes zu trampen, wo wir unseren Pilgerweg beginnen wollten. Auf dem Alexanderplatz gab es als letzte warme Mahlzeit gebratene chinesische Nudeln. Mit der S-Bahn fuhren wir nach Nikolasee zur Autobahnraststätte Grunewald an der Avus, einem bekannten Tramperplatz. Zunächst hielten wir direkt an der Autobahnauffahrt den Daumen und unser Schild „Köln – Frankfurt – Stuttgart“ raus, doch dann liefen wir zur Tankstelle und begannen, Autofahrer anzusprechen, weil wir sahen, dass andere damit erfolgreich waren. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Santiago spielte noch immer mit dem Gedanken, wieder nach Hause umzukehren…

Ein Autofahrer, den ich wegen der Mitfahrgelegenheit ansprach, fragte mich: „Was sind sie denn von Beruf?“ „Ich bin Heilpraktikerin und mein Freund ist Musiker und Altenpflegehelfer.“ Das war offensichtlich unsere Fahrkarte! Mit den Worten „Solche Leute sollte man unterstützen!“ öffnete er uns sein Auto und nahm uns mit – nicht weit – bis zur Autobahnraststätte Michendorf auf dem Berliner Ring. Auch dort sprachen wir wieder Autofahrer an und einer, ein bekennender Christ namens Jochen (hebräisch: Gott richtet auf), räumte sein Auto schnell für uns auf und nahm uns mit bis nach Hannover. Damit war also die Richtung entschieden, unser Weg würde über das Ruhrgebiet und Richtung Paris führen. Unser Fahrer  war von Beruf Marketingtrainer. Auf dem Weg hielt er uns einen Schnellkurs in „Lokales Marketing“. Nach meiner Rückkehr nach Berlin fand ich das Seminar-Skript, das zwischenzeitlich im Briefkasten meiner ehemaligen Praxisräume gelandet war. Was ich mir bis heute gemerkt habe: Finde und lebe Deine spezielle Nische. Danke dafür!

Auf dem Rastplatz kurz vor Hannover sprach uns sogar schon ein Pärchen mit einem Hund an, ob wir mitfahren wollen. Sie nahmen uns mit nach Dortmund. Santiago ist wahrlich kein Freund von Hunden, da er als Kind mehrfach gebissen wurde, doch dieser Hund legte sich auf seinen Schoß und blieb dort bis Dortmund. Es war Santiagos erste Hundebegegnung des Camino. Unterwegs schrieb ich eine SMS an meine Schwester, die in Essen wohnt, ob wir bei ihr übernachten könnten. „Ja klar“, schrieb sie, „wann kommt ihr an?“

Freundlicherweise wurden wir in Dortmund bis an die S-Bahn gebracht und von dort aus waren es nur ein paar Stationen bis Essen, wo meine Schwester am Bahnhof wartet. Sie ist ganz bestimmt ein Engel! Bei ihr konnten wir die Nacht in einem richtigen Bett schlafen und wurden reich bewirtet. Mit einem großen Fresspaket  versehen brachte sie uns am nächsten Tag wieder zur Autobahn.

Schon nach 5 Minuten waren wir wieder unterwegs, ein Ägypter aus Brüssel, Händler für Wasserpfeifen auf Musikfestivals, nahm uns in einem verbeulten Ford-Transporter – Santiago musste hinten auf dem Fußboden sitzen – mit nach Liége in Belgien. Auf einer Tankstelle bei Liége warteten wir viele Stunden, fragten viele Leute – doch nichts. Irgendwann sahen wir ein anderes Tramper-Pärchen, das mit einem Schild vom Tankstellenbereich zur Ausfahrt lief und dann schnell mitgenommen wurde. Das machten wir nach. Ein deutscher Brummifahrer namens Wolfgang aus Suhl nahm uns mit. Wolfgang fuhr mit zwei anderen Brummifahrern im Konvoi und es wurde über Funk viel gescherzt, weil die Kollegen Santiago wegen seiner langen Haare auch für eine Frau gehalten hatten und nun natürlich neugierig waren, wie das mit den Frauen so wäre. In der gemeinsamen Rastpause spielte Santiago auf dem Parkplatz auf seiner Zampoña für alle „La Lambada“. Auf dem letzten Parkplatz in Belgien in der Nähe von Mons kurz vor der französischen Grenze war erstmal Schluss für Wolfgang. Da es der Feiertag Maria Himmelfahrt war, war die französische Grenze bis 22.00 Uhr abends für Lastwagen geschlossen. Der Konvoi musste pausieren, die turnusgemäße Ruhepause war zudem erreicht.

„Paris“ stand jetzt auf unserem Pappschild. Auf dem Rasthof bot uns ein Lastwagenfahrer, Sergio, die Mitfahrt an: Nicht nur bis Paris sondern sogar bis kurz vor Bordeaux! Das passierte so: Wir sprachen immer wieder Autofahrer und Lastwagenfahrer an, doch keiner sagte Ja. Plötzlich sprang an einer der Tanksäulen der voll gepackte Wagen einer kinderreichen, französischen Familie nicht an und wir boten sofort unsere Hilfe an und schoben mit an. Direkt danach wurde Santiago von Sergio angesprochen, Lohn einer kleinen, guten Tat. Wieder waren wir über Nacht versorgt! Einer von uns konnte komfortabel in der Couchette des sehr gepflegten, neuen Mercedes-Lasters schlafen, der andere auf dem Beifahrersitz. Gegen Mitternacht passierten wir Paris. Mit den kärglichen Überresten meines Schulfranzösisch tauschten wir uns über unser Woher? Wohin? aus. Sergio war ein eindrucksvoller Mann mit einer markanten Kopfform, dunkel, lange, kräftige Haare, fast ein wenig animalisch. Er stammte deutlich von den australischen Ureinwohnern ab, seine Heimat war Neu-Kaledonien[2].  Als wir am nächsten Morgen uns auf dem Parkplatz nahe Chagnas von Sergio verabschiedeten, lasen wir, dass oben auf der Frontscheibe des Lasters mit Riesenlettern das Wort „Angellines“ = Engellinie angebracht war. Gott hatte uns seine Engel als Begleiter und Führer für unsere Reise geschickt! Wow! Das prickelte, war eine gewaltige Gänsehaut wert!

Auf dem Parkplatz suchten wir uns eine neue Pappe und malten in Riesenlettern „Bayonne“ und „Lourdes“ drauf.  Es war ein wunderschöner, warmer Sommertag in Südfrankreich, Santiago stellte sich an die Auffahrt und ich legte mich auf meiner Isomatte in die Sonne. Schon nach kurzer Zeit hielt ein portugiesischer Lastwagenfahrer namens Miguel an, also sogar ein Erzengel, der uns auf der Fahrt – von unseren Pilgerplänen erfahrend – begeistert auf Spanisch von Fátima erzählte, wohin er gepilgert war. Auch in seinem Laster durfte ich wieder eine Weile in der Couchette schlafen. Miguel setzte uns in Bayonne, kurz vor der Spanischen Grenze ab.

Von dort nahm uns ein Gabriel, ein weiterer Erzengel, in seinem Auto mit zur Raststätte von Artiz. Er bat uns, die „La Vierge“, die Jungfrau, in Lourdes von ihm zu grüßen und dort für ihn zu beten. Auch in Artiz dauerte es nur Minuten, denn von dort nahm uns ein aus Deutschland stammender David (hebr. der Geliebte) nach Tabres mit. Er setzte uns an einem Kreisverkehr direkt an der Landstraße nach Lourdes ab. Dort hielt – fast wie bestellt – eine Adelina an, die uns die letzten 20 km direkt nach Lourdes hineinbrachte und dort auf der Hauptstraße absetzte, wo wir gegen 21.00 Uhr ankamen.

Wir hatten innerhalb von 55 Stunden von Berlin aus Lourdes (2000 km!) erreicht, hatten beide Nächte warm, trocken, bequem schlafend und gut verpflegt verbracht. Wir hatten jeder 6,30 Euro für die Fahrt ausgegeben, jeweils für 2 S-Bahn-Tickets, der Rest war uns von Engeln und Heiligen und einfach wunderbaren Menschen geschenkt worden. Für uns war bestens gesorgt worden: Danke dafür!

Nach einer warmen Mahlzeit gingen wir als erstes ins Sanktuarium und zur Grotte der Vierge Maria, la Santa Maria Virgen[3]. Als es schloss, entschieden wir, die Nacht draußen zu schlafen. Es war schon sehr spät, eine Pilgerherberge hätten wir nicht mehr gefunden. Wir suchten eine Weile im Dunkeln und fanden dann einen Weg in einem Parkgelände, ein wenig den Berg hinauf, der in einer ruhigen und dunklen Sackgasse endete, direkt an einem Felsen. Dort legten wir uns mit Isomatte und Schlafsack in einer Wegbiegung, geschützt unter Bäumen, an den Wegesrand. Was wir nicht wussten und erst am Morgen entdeckten, war, dass wir nur wenige Meter unterhalb der Kalvarie auf dem Chemin de Croix, dem Kreuzweg von Lourdes, geschlafen haben. Es war ein stiller und abgeschiedener Ort unmittelbar am Berg. Es war für uns im Dunkeln gar nicht erkennbar, dass wir auf dem Kreuzweg waren. Wir haben so dicht wie möglich bei Jesus, zu seinen Füßen geschlafen und ganz sicher in seinem Schutze. Er hat uns zu sich geholt. So sorgte Gott für uns. Unser Camino begann mit einem Paukenschlag. Man möge es uns in Lourdes nachsehen.

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[1] Südamerikanische doppelreihige Panflöte

[2] Zu Frankreich gehörige Inselgruppe im Nordosten Australiens

[3] La Vierge (franz.) = die Jungfrau, Santa Maria Virgen (spanisch) = heilige Jungfrau Maria

Santiago vor der Grotte in Lourdes

Den 17. August verbrachten wir ganz in Lourdes, nahmen an verschiedenen Messen, an einer Führung von freiwilligen Helfern durch das Sanktuarium und zu den Lebensstationen der heiligen Bernadette und an der abendlichen Lichterprozession teil. Im Cachót, dem ärmlichsten Wohnort der Bernadette, hörte ich das erste Mal das Ave Maria, das dort ein junger, bayrischer Freiwilliger für uns betete. Ein riesiger Rosario hing dort über dem Kamin. Uns wurde erzählt, dass die Familie ihn jeden Abend gebetet hatte. In Lourdes erhielten wir den ersten Stempel in unserem Credencial und verbrachten die erste Nacht in einer Pilger-Herberge, im Ave Maria in der Avenue du Paradís – was für Namen! Bei der gegrüßten Maria im Paradies! Im Ave Maria gibt es morgens sogar noch Frühstück, ein schöner Morgen! Am nächsten Morgen kauften wir uns Andenken – ich mir einen Rosario[1] -, dann füllten wir uns unsere Wasserflaschen mit dem heiligen, heilenden Wasser im Sanktuarium auf und machten uns auf unsere 1. Etappe auf dem Jakobsweg, dem Camino de Santiago. Wir hatten dafür im Infohäuschen des Sanctuariums Etappenbeschreibungen für den Voie de Piemont erhalten.

Wir wanderten die wunderschöne Vorpyrenäen-Etappe bis nach Asson: Frische Luft, sanfte Waldwege mit plätschernden Bächen, weite Bergpanoramen. Auf einer Lichtung spielt Santiago auf seiner Zampoña – wie ein Waldelf.

Santiago und seine Zampoña

Altar in der Kirche von Bétharram

Was für eine schöne Welt! Ein tiefgrüner Gebirgsfluss, der Gave du Pau, begleitete uns lange. In Bétharram goutierten wir die wunderschöne Kirche mit einem Sternenzelt an der hohen Holzdecke. Direkt danach stiegen wir unseren ersten vollständigen Kreuzweg hinauf. Steil war es! An jeder Station, es waren jeweils kleine, weiße Kapellchen, hielten wir, schon weil ich kaum noch Luft kriegte, andächtig an. Wir hatten zwar nur unseren Rucksack auf dem Rücken und kein Kreuz, doch die Anstrengung des Kreuzweges haben wir hier auch erfahren! Die Sonne stach heiß. Ich merkte, dass ich mein neues Wanderbasekap gleich am ersten Morgen in Lourdes am Frühstückstisch liegen gelassen hatte – schade auch!

Ziel des Kreuzweges von Bétharram: Die Kalvarie

Kirche von Bétharram

Am Wegesrand pflückte ich frische Minze. Die krümelte ich mir in meine Wasserflasche und hatte fortan Lourdeswasser mit Minzgeschmack. Direkt am Ortsschild von Asson fragte mich ein Autofahrer, wie ich erfuhr der Küster des Ortes, ob ich denn in Asson in der Herberge übernachten wollte, was ich ihm bejahte. Er bat mich, erst in einer halben Stunde dort vorbeizukommen, er hätte noch eine Besorgung zu machen. So wartete ich vor der Kirche. Santiago wollte nicht in Asson bleiben, denn die Strecke, 24 km, war ihm viel zu kurz. Ich konnte nicht mehr, mir taten meine Beine wirklich weh. Ich spürte die Knochen in meinem Oberschenkel, als wollten sie aus den Hüftpfannen springen. 300 Höhenmeter Aufstieg und 440 Abstieg hatte ich an diesem 1. Tag bezwungen. Ich war stolz darauf, was ich geschafft hatte, das war genug! Unsere Wege schienen sich schon an diesem ersten Tag zu trennen. Erst ließ Santiago mich tatsächlich nach dem Einkaufen in Asson zurück. Wir verabschiedeten uns. Dann überlegte er es sich anders, hatte mit mir Einsehen und kam zu mir zurück.

Die Herberge in Asson ist ganz klein, jedoch wunderschön: es gibt ein Zimmer mit einem Doppelstockbett, Kochgelegenheit, Esstisch und Badezimmer. Es war schon ein Pilger dort, den der Küster vorher wohl schnell an einem anderen Schlafplatz untergebracht hatte, wie wir hinterher merkten. Wir waren zahlende Pilger, er konnte nichts bezahlen. Wir haben gemütlich miteinander gekocht, gegessen und uns unsere Geschichten erzählt.

Olivier war in seinem Wohnort Albi[2] losgepilgert und ebenfalls über Lourdes gewandert. Sein Gepäck bestand aus einem kleinen Rucksack, einem Schlafsack, einer Isomatte und eine Schultertasche, in der er sein Schreibzeug mitführte. Er erzählte uns, dass er sehr wenig Geld hätte und er immer fragte, ob er kostenlos irgendwo schlafen könnte. Wenn er nichts fand, dann schlief er draußen, bei Regen suchte er sich ein überdachtes Plätzchen. Er war recht schnell bis Lourdes gelaufen, denn er wollte am 15. August dort bei den Feierlichkeiten zu Maria Himmelfahrt dabei sein, was wir leider verpasst hatten. Doch ab jetzt wollte er langsamer laufen, am Morgen war er in Betharram aufgebrochen. Er sagte über die Streckenwahl seinen Leitsatz: „Wenn dein Pferd einen langen Weg zurücklegen soll, dann geh gut mit ihm um.“

Und dieser Olivier entpuppte sich als ein Spezialist des Rosarios, er trug drei verschiedene mit sich. Er betete ihn jeden Morgen vor dem Aufstehen. Er erzählte uns von den 20  Mysterien, wie die einzelnen Stationen des Rosarios aussehen, d.h. was wo gebetet wird. Am Morgen kaufte ich einen Rosario, am Abend schickte mir Gott bereits den Lehrer dafür! Oder: Wenn der Schüler bereit ist, dann ist der Lehrer da! Da war es offensichtlich, dass gebetet werden sollte, oder?

Am nächsten Tag besuchten wir den Sonntagsgottesdienst in Asson, ein ganz familiärer Gottesdienst. Beim Wandern begann Santiago mir das Vaterunser und das Ave Maria auf Spanisch beizubringen, da ich den Rosario eben selbst beten lernen wollte. Das deutsche Vaterunser hätte ich noch zusammen bekommen, aber das Ave Maria kannte ich ja gar nicht, hatte es nur in Lourdes einmal gehört. Ich benutzte an diesem Tag das erste Mal meinen Teleskopwanderstock, Santiago schnitt sich am Weges­rand, als wir uns wegen Regen unterstellten, mit dem Taschenmesser einen Haselnussstock als Wanderstab ab. Wir haben sie immer wieder unterwegs  gut brauchen können.

An diesem Tag wollte Santiago weiter wandern als am Tag zuvor, also waren wir um 20.00 Uhr immer noch auf der Straße, als wir in Buzy ankamen. Dort fing es an zu regnen und wir suchten nach einem Schlafplatz. Alles, was wir sahen und wo wir fragten, war für uns zu teuer, 35 Euro, 50 Euro. Santiago suchte für uns etwas zu Essen, während ich mich in einem Bushäuschen ausruhte. Er fand eine Pizzeria, wir hatten beide großen Hunger. Doch wohin, wo nun schlafen? In der Pizzeria fragten wir die Wirtin, ob sie einen preiswerten Schlafplatz für uns wüsste. Während des Essens – unsere letzte gemeinsame warme Mahlzeit in einem Restaurant bis Fátima, das wusste ich damals nur noch nicht! – wurde ich immer ängstlicher und begann zu beten, während ich das Kreuz meines Rosarios fest umklammert hielt: BITTE HILF UNS, WIR BRAUCHEN EINEN PLATZ, WO WIR IM TROCKNEN ÜBERNACHTEN KÖNNEN! Kurz bevor wir wegen Geschäftsschluss aufstehen mussten, kam ein Mann an unseren Tisch, der Küchenhelfer der Pizzeria. Er bot uns an, mit ihm in seinem Zelt zu übernachten. EIN TROCKENER ORT ZUM SCHLAFEN: Mein Gebet war erhört worden. Gott hatte uns einen rettenden Engel geschickt! Mein Herz sprang vor Freude und Erleichterung. Matte und Schlafsack hatten wir ja dabei! Dieser Mann hatte, wie er uns erzählte, selbst längere Zeit auf der Straße verbracht und wusste daher, wie man sich fühlt, wenn man am Ende des Tages ohne Schlafplatz dasteht. Der Mann hieß Christophe, ein Bote des Christus und des heiligen Christophorus, der der Schutzpatron der Reisenden und Pilger ist! Danke, Christ(oph(orus))!

Am nächsten Morgen sah ich, dass nachts eine dicke Nacktschnecke auf Santiagos Schulter geklettert war. Ich dachte mir, vielleicht oder hoffentlich flüstert sie ihm ins Ohr: „Renn mal nicht so schnell, lang­samer kommt man auch an, erinnere dich an Oliviers Leitspruch.“ Hat er es vernommen? Eher nicht!

Auf dem Campingplatz konnten wir sogar warm duschen. Christophe brachte uns mit dem Auto zum Camino zurück. An diesem Tag wanderten wir weiter in Richtung Oloron Sainte-Marie. Unterwegs trafen wir Olivier auf einem Rastplatz wieder und teilten unsere Verpflegung mit ihm, er hatte in der regnerischen Nacht in einem Waschhäuschen übernachtet.

Zauberhafte Panoramen in den Vorpyrenäen

In der Nähe von Herrere ging mir das Wasser aus. Ich fragte eine Bäuerin, die in ihrem Garten arbeitete, ob sie mir meine Wasserflasche auffüllen könnte, was sie gerne tat. Und sogar noch mehr: Sie lud uns auf eine Tasse Kaffee ein!

Gegen Abend kamen wir in der Kathedrale von Oloron Sainte-Marie an, einer wunderhübschen, uralten, ehemaligen Bischofsstadt, wo wir den Abendgottesdienst besuchten. An einer großen Weltkarte konnten wir mit Nadeln unseren Herkunftsort markieren. Santiago steckte seine Nadel stolz nahe des Äquators in Quito ein, da war noch keiner hergekommen, aus Berlin schon mehrere. Ich war müde und wollte nicht mehr weiter und betete um Einsehen bei Santiago.

Nach dem Gottesdienst fragte er zum Glück den Küster, ob er wüsste, wo man hier übernachten könnte, die Herberge, an der wir vorbeigekommen waren, war sehr teuer gewesen. Die Übernachtungs­möglichkeiten im Zugriff des Küsters waren schon belegt. Doch er hieß uns warten und kurz darauf holte uns zu unserer Überraschung der Pfarrer einer anderen Kirche mit dem Auto ab und brachte uns im Salle de Catechesme (Katechismusraum) der Kirche St. Croix unter, wo wir auf dem Fußboden schlafen konnten. Herzlichen Dank dafür!

Romantisches Oloron Sainte Marie

Und – dort trafen wir Olivier wieder! Zum Waschen konnten wir einen Toilettenraum mit Kaltwasser benutzen, die nötigste Wäsche wurde schnell gewaschen und im Hof unterm Dach aufgehängt. An diesem Abend vertieften wir unser Wissen über den Rosario, schrieben die 20 Mysterien auf einen Zettel, den Santiago ab diesem Tag in seiner Hosentasche trug. Santiago brachte Olivier das spanische Vaterunser und Ave Maria bei, weil Olivier ab nun auch in Spanisch weiterbeten wollte, es für das gemeinsame Rosario-Gebet in den Kirchen brauchte. So tauschten sie ihre Fähigkeiten aus. Der Küster von St. Croix versorgte uns währenddessen mit Gemüsesuppe, gekochten Eiern, Brot und Nüssen. Was für ein Festmahl, wir genossen die Barmherzigkeit der Kirche, ihrer Menschen! Die ganze Nacht goss es wie aus Eimern. Wir lagen im Trocknen, was schadet uns das! Am nächsten Morgen trafen wir Olivier, der vor uns aufgebrochen war, wieder in einer Klosterkirche zum Gottesdienst. Bei strömendem Regen brachen wir auf. Olivier haben wir seither nicht mehr gesehen, denn er wollte viel langsamer als wir pilgern, doch unterwegs haben wir immer wieder von ihm gesprochen. Olivier war unser Engel des Rosarios!

Es regnete und regnete, mehr als unseren Plastikponchos gut tat!

Beim Verlassen von Oloron verloren wir die Pfeile des „Voie de Piemont“, denn durch Oloron Sainte Marie läuft als Hauptweg der Voie d’Arles. Wir wanderten auf der Landstraße nach der Karte weiter. In einer Käserei kaufen wir frischen Landkäse und Baguette für unsere nächste Pause. Es regnete und regnete. Unsere Plastikponchos waren nicht wirklich in der Lage, diese Wassermassen von uns fernzuhalten. In Aramits, dem Ort, wo der Musketier Aramis herkommt (wir sind an seinem Schloss vorbeigelaufen), kehrten wir in der Casa de Nuestro Señor ein, im Hause unseres Herrn, in der Kirche. Wir warteten dort  2 – 3 Stunden den Regen ab, ruhten uns aus, aßen unser Brot und versuchten, trocken zu werden. Wenn wir als Pilger auf dem Weg zu Ihm kein Zuhause haben, dann muss doch Sein Haus für uns da sein, oder?

Wir waren sehr dankbar für die offene Tür. Als es aufhörte zu regnen, liefen wir weiter, denn wo wir auch fragten, es gab keinen Platz zum Schlafen. In Hotels fragten wir nicht. Weiter durch Lanné und Montory, bergauf und bergab in der feuchten Abenddämmerung. Am Ortseingang von Tardets, es war mittlerweile 21 Uhr und schon dunkel, schnaufte ich zu Santiago: „Da hast Du Deine Pension.“

"Unsere Pension" in Tardets Sourholus

Auf der anderen Straßenseite stand ein Bushäuschen aus Holz. Erst dachte ich, es genügt, wenn ich die Rettungsdecke und meinen Schlafsack über uns decke, doch Santiago breitete bald seine Isomatte auf dem Boden aus und legte sich in seinen Schlafsack zum Schlafen. Gegen Mitternacht war ich durchgefroren, von der Rettungsdecke nass und durfte dann zu Santiago in den Schlafsack kriechen, zum Glück! Zu Zweit pilgern hat viel Gutes, z.B. eine lebendiges Heizkissen!

Am Morgen liefen wir nach Tardets hinein, ein sehr schönes altes Städtchen. Ich trank am beschaulichen Marktplatz eine dampfende Tasse Café au Lait in der Sonne, das hatte ich mir nach der Nacht verdient. So kann man auch immer in Ruhe die Toilette im Café benutzen, immer eine große Erleichterung für den Pilger. Wir studierten unsere Karte, wie ging es nun weiter? Pfeile hatten wir nicht mehr. Wir entdeckten einen Weg nach St. Jean, doch konnten nicht erkennen, ob er schon in die Berge führt. Wir fragten im Tourismusbüro nach, wie hoch der Weg führt: 400 m Höhendifferenz soll er haben. Tardets liegt auf ca. 210 m. „Das schaffe ich!“ sagte ich mir. In einem Supermärktchen kauften wir Verpflegung ein und setzten uns in den Park zum Frühstück.

Frühstück im Park von Tardets Sorholus

In einem Landhandel erstanden wir für je 6 Euro richtige Regenmäntel, denn unsere Plastikregenponchos bekamen schon Risse, mit so viel Regen hatten wir im Hochsommer nicht gerechnet. Die Mäntel sind grün und schwer, wohl für Jäger gemacht. Wir nennen sie unsere Elbenmäntel, denn sie hatten spitze Mützen und wir sahen damit aus wie Frodo und Sam. In der Natur sind wir darin kaum auszumachen.

Bei unserer nächsten kurzen Pause kam ein freundlicher, weißer, wuscheliger Hund zu mir und ließ sich von mir streicheln, war ganz anhänglich, kletterte mir auf den Schoß. Santiago hielt weiterhin Abstand. Der Hund sah – bis auf die Farbe – aus wie Schorsch, der verstorbene Pudelpointer meiner Ex-Schwiegereltern, der eine Weile auch bei mir gewohnt hatte. Schorsch sah aus wie ein laufender, weiß-brauner Flokati und er hatte die Gabe zu lächeln; jetzt also ein freundlicher reinweißer Flokati mit Ohren und Füßen und ebenfalls einem Lächeln.

Santiago und Blanco am Col de Lecharia

Schon im nächsten Ort kam wieder ein weißer Hund auf uns zu, er sah aus wie der große Bruder des Ersten. Da ich fremde Hunde, die auf mich zukommen, immer freundlich anspreche, begrüßte ich ihn mit den Worten: „Na, musst Du hier mal ganz wichtig gucken?“ Beim Gucken blieb es wahrlich nicht. Der Hund hatte sich wohl entschieden, uns zu begleiten. Uns begegneten Mountainbiker, wir fragten sie nach der Strecke. Sie sagen: jetzt geht es für uns erstmal 10 km bergauf. Na ja, 400 m, das wird ja gehen. Doch 400 m, das war nur die erste große und steile Steigung. Man konnte den Streckenverlauf nicht erkennen, es ging um viele Biegungen. Viele Hügel und hohe Bäume verdecken den Weg. Der Abstand zwischen Santiago und mir wurde größer. Der Hund, wir hatten ihn inzwischen Blanco, „Weißer“, getauft, überbrückte regelmäßig die Distanz zwischen uns, mal lief er vor, mal zurück.

Wasser!!!

Nach einer Weile begann ich, vor Anstrengung zu zittern, es war wirklich sehr steil. Ich setze mich an den Straßenrand, aß noch eine Extraportion meiner L-Carnitin-/Magnesium- und Vitamin-Tabletten und Joghurt,  B-Vitamine: das brauchte mein Körper. Blanco und Santiago warteten auf mich, bei beiden keine Spur von Erschöpfung. Weiter und weiter ging es bergauf. Blanco sprang in eine Viehtränke am Wegesrand und soff. Ich füllte meine Wasserflasche an einem Wasserhahn daneben auf. Irgendwann erreichten  wir an eine Kuppe mit einem Schild: Col de Lecharria Altitude 832 m. Schon klar, exakt 400 m Höhendifferenz. Von wegen! Von dort aus stiegen wir ab in ein Tal mit vielen Findlingen. Nur um wieder bergauf steigen zu können. Uns fängt an, die Musik der Berge zu umklingen, das vielfache Läuten der Glocken der Weidetiere.

Die Vegetation änderte sich, die Bäume werden weniger, das Strauch- und Wiesenland begann. Wir begegneten sanftbraunen Kühen, Schafherden und freilaufenden Pferden. Bergauf, bergauf! Ahusquy, der Ort, den wir auf der Karte gesehen haben, liegt auf ca. 1100 m.

Santiago und Pferd kurz vor dem Gipfel von Ahusquy

Beim Aufstieg nach Ahusquy zeigte sich mir eines, wenn man im Leben einen steilen Weg aufwärts, ein hohes Ziel hat. Die beste Blickperspektive ist auf direkt auf die Straße vor uns. Wenn wir immer nur auf das Ziel sehen, dann verstärkt sich der Gedanke „Oh, das ist anstrengend, noch so hoch, noch so weit!“ Wir dürfen allerdings uns gern immer mal wieder umdrehen und zurückschauen und dann merken: „Oh, soviel habe ich schon geschafft! Prima!“ Denn das gibt Kraft, allerdings kommt man dabei nicht weiter. Der Blick auf den Weg vor uns und auch mal nach rechts und links bringt uns vorwärts und lässt uns die Landschaft intensiv erfahren.

Nach Ahusquy stieg der Weg noch weiter an – bergauf in die Hochebene. Santiago setzte sich irgendwann wegen des frischen Windes eine Plastiktüte auf den Kopf: „El frio del paramo“ nannte er es – die Kälte der Hochebene, das kannte er aus seiner Heimat. Am Boden waren

El frio del páramo - Berge und Blanco

nur noch Bodendecker und Flechten zu sehen, runde Bergkuppen umgaben uns, das Panorama war atemberaubend, wie für mich der Aufstieg. Santiago war hier ganz in seinem Element, er liebt die Berge, die weite Aussicht! Er ist in den Anden groß geworden, Quito liegt auf 2800 m, Bergsteigen gab es täglich – von Kindesbeinen an. Wahrscheinlich sind auch seine Lunge und sein Blut ganz anders ausgelegt als bei mir. Er war begeistert über die unerwartete Bergetappe, glücklich, zufrieden. Er erzählt mir von „Hazañas“, Prüfungen, Aufgaben, durch deren Bewältigung man persönlich wächst, Heldentaten! Der ganze Camino wird für uns eine Hazaña. Doch hier freute er sich über diese Hazaña. Da hat er  „Schwein gehabt“! Ohne die kenntnisarme Dame im Tourismus-Büro hätte er mich nie jetzt schon so hoch in die Berge gekriegt. Doch auch ich gewann, und zwar das Selbstbewusstsein, dass ich das auch schaffen kann. Der höchste Punkt dieser Bergetappe lag bei 1300 m. Mehr als 1000 m Höhendifferenz!

Pause in den Bergen - barfuß, Baguette und Tomate

Blanco blieb die ganze Zeit bei uns, immer freundlich, eben als ob er lächelte, legte sich zu uns, wenn wir Pause machten, nahm aber kein Fressen an, ließ sich auch nicht nach Hause schicken. Er war häufiger bei Santiago als bei mir, Santiago lernte mit Blanco wirklich die Güte, Freundlichkeit und Treue der Hunde kennen. Weiter ging es auf langen Geraden in den Abstieg nach Mendive. Hier hätte man den Weg erkennen können… Am späten Nachmittag begann es wieder zu regnen, Zeit für unsere neuen Elbenmäntel, Zeit für den Rucksack­regen­schutz. Auch hier fanden wir zunächst nichts zum Übernachten, wenn wir bei Gîtes[3] klingel­­ten, war alles besetzt. Es wäre wahrscheinlich sowieso zu teuer gewesen. Wir liefen und liefen, ich konnte nicht mehr, egal, ich konnte ja nicht im Stehen einschlafen. Es wurde später und später, es wurde duster. Trotzdem setzten wir einen Fuß vor den anderen. Inzwischen hatten  wir wieder die Landstraße erreicht.  Und jetzt geschah etwas Erstaunliches: Als wir im Dunkeln und strömenden Regen die Straße entlang wanderten, da rannte Blanco, der leuchtend weiße Hund, immer in die Mitte der Straße, um die vorbei­fahren­den Autos in ihrer Geschwindigkeit zu stoppen, damit uns in unseren dunklen Elbentarn­mänteln nichts passierte und wir nicht noch nässer wurden. Er riskierte ständig sein Leben für uns. Zunächst hielten wir ihn für einen Hunde-Engel, aber sicher hatte hier der heilige Santiago diese Hundegestalt angenommen, um uns sicher zu geleiten.

Gegen 22 Uhr kamen wir in St.-Jean-le-Vieux an, ein hübscher Ort  fünf Kilometer vor St.-Jean-Pied-de-Port, dem bekannten Pilgerort. Wir mussten ca. 50 km gelaufen sein, eine 14-stündige Pilgerschicht. Vor Ort fanden wir wieder ein Bus-Häuschen, eine Art Fachwerkhäuschen, diesmal schöner als in Tardets, wesentlich geschützter. Es hatte vier Wände und nur an einer Seite einen schmalen Eingang. Gegenüber war eine öffentliche Toilette, für alles war gesorgt. Wir legten unsere Isomatten aus, und Blanco legt sich in den Eingang, um uns die ganze Nacht zu bewachen.

St. Jean Pied de Port - Einkehr im Regen

Und genau so fanden wir ihn am nächsten Morgen auch. Blanco blieb an unserer Seite und lief mit uns die nächsten fünf Kilometer bis nach St.-Jean-Pied-de-Port hinein, was auf ca. 270 m ü. d. M liegt. Die Menschen schauten alle auf den Hund, er wartete auch vor dem Pilgerbüro auf uns. Dort suchten wir uns unsere Pilgermuschel aus, erhielten zwei essentielle Blätter, nämlich ein Herbergsverzeichnis und eine Übersicht der Etappen mit Höhenprofil für den Camino Francés, und einen kleinen Zettel mit einer Nummer für unser Bett für die Nacht in der Pilgerherberge. Wir konnten auch noch ein wenig das Internet nutzen und schickten erste Grüße an unsere Familien und Freunde. Der Camino Francés mit seinem geregelten Herbergssystem tat sich für uns auf. Und zum Unterschied zur Stille auf dem Voie de Piemont: Überall Pilger!

Nach der Kurzetappe von fünf Kilometern konnten wir den Rest des Tages ausruhen und St. Jean entdecken, ein beschauliches, mittelalterliches Städtchen mit schmalen Gassen, Zitadelle, Stadtmauer und verwunschenen Treppen, einem reißenden Fluss, der durch den vielen Regen gewaltig angeschwollen war und lautstark brausend St. Jean durchquerte. Blanco wartete überall auf uns, vor dem Café und der Herberge, wo wir unsere Rucksäcke gegen ein Uhr endlich abgeben konnten. Als wir die Kirche betraten, machte Santiago Blanco klar, dass er dort nicht mit hinein konnte. In diesem Moment hat uns Blanco verlassen, er hat uns sozusagen bis an die Kirchentür von St. Jean begleitet, bei Gott abgeliefert. Was für ein wundervolles Tier! Was für eine wunderbare tätige Sorge Gottes!

Schönes St. Jean - Pilgerpause

In der Kirche erlebten wir das erste Mal das gemeinsame Rosario-Gebet in der Kirche, bei dem ein Mädchen mit glockenheller Stimme ein Gesätz[4] lang das Ave-Maria mehr sang als betete:

„Je vous salue, Marie pleine de grâce,
le Seigneur est avec toi. Tu es bénie entre toutes les femmes
et Jésus, le fruit de tes entrailles, est béni.
Sainte Marie, Mère de Dieu,
prie pour nous, pauvres pécheurs,
maintenant et à  l’heure de notre mort.”

Das Gebet packte mich tief im Herzen mit dieser Kinderstimme und hält mich noch heute in seinem Bann. Die Messe anschließend war weniger der erbaulich, der Pfarrer wirkte schlecht gelaunt, dann fehlte auch noch die große Oblate, die er in der Eucharistie symbolisch zu zerbrechen hatte und er begann Streit mit seinem Adlatus. In der Kirche entdeckten wir noch einen anderen Pilger mit einem hölzernen, altmodischen Pilgerstab, den wir unterwegs häufig wieder treffen sollten, nennen wir ihn jetzt mal zum Wiedererkennen den Kanadier. In der Herberge zurück  fand ich auf dem mir zugeordneten Bett Rucksack und Klamotten eines anderen Pilgers. Es dauerte eine Weile, bis das alles geklärt war und ich mich ein wenig ausstrecken konnte. Wir wuschen – nach drei Pilgertagen war wieder alles dreckig, schweißig, matschig und klebrig – unsere Wäsche und trockneten unsere eingeregneten Klamotten und nassen Schuhe. An jedem Fenster, jedem Haken, jeder Stuhllehne, jedem Bett hingen in den mit Betten vollgestellten Herbergszimmern nasse Wäsche und Regenbekleidung und dampften vor sich hin.

Meine Füße waren schon mit ein paar Blasen bestückt, vor allem von der langen Bergetappe. Es gab eine Küche und wir bereiteten uns aus eingekauften Vorräten unser Abendessen. An langen Tischen saßen wir Pilger beisammen, die Sprachen tönten bunt durcheinander. Eine einzelne deutsche Pilgerin aus Hamburg setzte sich zu uns und erzählte, sie hätte die Etappe über die Berge Richtung Spanien in der Frühe schon begonnen, war aber wegen des Regens wieder umgekehrt und hatte sich einen Regenponcho gekauft. Santiago erfand einen Spitznamen für sie, der hier nicht verraten wird. Wir haben uns oft unterwegs gefragt, wo sie jetzt eigentlich wäre. Durch die Hazaña des vergangenen Tages wusste ich, ich würde am nächsten Tag nicht umkehren, ich wusste, ich schaffe das!

Hier geht es hier weiter mit dem Camino Francés!


[1] Rosario (spanisch) = Rosenkranz, Rosenkranzkette. Der Rosario ist das bekannteste Mariengebet der katholischen Kirche. Ich werde im Folgenden bei diesem spanischen Begriff bleiben. Im Anhang findet sich eine Gebetsanweisung in Deutsch und Spanisch.

[2] Ort in Südfrankreich

[3] Herberge

[4] Abschnitt von 10 Perlen auf dem Rosario

Ab hier nur noch vorwärts - St. Jean Pied de Port - Port d’Espagne

Am nächsten Morgen brachen wir auf den Camino Francés, den traditionellen Jakobsweg, auf und durchquerten gegen neun Uhr die Port d’Espagne, das spanische Tor. Jetzt ging es bergauf, von 270 m auf über 1400 m nach dem Etappenplan. Zunächst liefen wir gemeinsam, doch die Steigungen wurden steiler, härter und härter. Eine Lücke reißt zwischen uns beiden ein und der Abstand wird weiter und weiter, bald war Santiago nur noch ein Punkt in der Höhe. OK, diese Etappe würde ich wohl weitestgehend allein laufen. Allerdings: So konnte ich meine Kräfte selbständig einteilen und Pausen nach meinem Gusto machen. An der Herberge von Orisson schöpfte ich neues Wasser und kam erstmals darauf, dass ich mit meinen Händen ja das Wasser aufladen, aus Wasser Heilwasser machen konnte. Hätte ich auch schon früher darauf kommen können!

Nun wurde der Weg etwas flacher, die Musik der Berge begann wieder mit ihrem Glockenklang, es hatte wahrlich etwas Heiliges. Und was für Aussichten!

Und immer weiter hinauf! Bergpanorama auf der Pyrenäenetappe

Hier gibt es die Musik der Berge zu hören!

Pause und Ave Marias bei "La Vierge d'Orisson"

Meine erste größere Pause machte ich bei der Vierge d’Orisson, einer Marienstatue auf einer Felsenkuppe mitten in der Landschaft. Ich betete ein paar Mal das Ave Maria, das ich inzwischen auswendig gelernt hatte und bat sie um Kraft und Durchhaltevermögen. Der Camino führte bald über Wiesen – an einem Pferdekadaver vorbei – auf vom Regen am Vortag aufgeweichten, matschigen Wegen. Einmal rutschte ich aus und fiel auf die Seite in den Matsch. Egal, einfach weiter! Santiago war nicht zu sehen. Unterwegs sah ich immer wieder Paare, die gemeinsam liefen und wurde doch etwas neidisch darauf.

Frisches Wasser an der Fontaine de Roland!

Ich passierte die Rolandsquelle, wo ich natürlich meine Wasservorräte wieder auffüllte, und die spanische Grenze, einem roten Sandsteinobelisk mit der Jakobsmuschel und dem Wort „Navarra“ darauf. Im Wald war ich froh, meinen Wanderstock dabei zu haben, um auf einem Trampelpfad neben dem glitschigen und von Pfützen übersäten Weg vor dem Matsch mich schützend abstützen zu können. Erst am Nachmittag, am Alto de Lepoeder, dem höchsten Punkt, traf ich Santiago wieder, wo er auf mich gewartet hatte. Ich legte mich ins Gras und die Füße lagerte ich hoch auf meinen Rucksack, 1200 m Aufstieg waren geschafft, ich wahrlich auch.

Santiago traf ich wieder auf dem Col de Lepoeder

Von hier an hatten wir Aussicht auf Roncesvalles, ja –  ganz Spanien legte sich uns zu Füßen, das wir komplett von Ost bis nach West durchqueren sollten! Auf dem Abstieg verloren wir uns beide wieder aus den Augen, meine Blasen waren beim Weg bergab wesentlich stärker zu spüren als beim Bergaufwandern. Der Weg war so schön, doch vor Schmerz kaum genießbar. In Roncesvalles suchte ich erstmal Santiago in der Jugendherberge, dort hatte man ihn nicht gesehen. Als Latino mit starkem Indioeinschlag ist er ja gut zu erkennen und zu beschreiben. Als nächstes kam ich am Pilgerbüro vorbei und fragte dort nach ihm. Wieder nichts! Egal, ich packte mein Credencial für die Registrierung und Bettvergabe im Refugio aus und – plötzlich – stand Santiago in der Tür. Er war noch einmal zurückgegangen, um mich zu suchen, hatte in der Jugendherberge erfahren, dass ich nach ihm suchte, und hatte meine Spur aufgenommen. Wieder vereint!

Vor dem Refugio empfing uns ein holländischer Hospitalero, der uns gleich den Bettenzettel aus dem Pilgerbüro wieder abnahm. Das Refugio in Roncesvalles gleicht einem Hühnerstall für Menschen. In einem riesigen, alten Gewölbesaal steht Doppelstockbett neben Doppelstockbett, wohl um die 100 Stück. Wir fanden noch zwei freie obere Betten nebeneinander. Der Pilger unter uns, ein recht beleibter Franzose, der mit jeder Bewegung das Bett zum Beben brachte, hatte sich mit seinen Utensilien sehr breit gemacht. Er war schon lange unterwegs. Von Amiens war er über Le Puy gelaufen bis nach Santiago und war jetzt wieder auf dem Rückweg nach Le Puy und Amiens, so erzählte es sein Rucksack. Eine dicke Bibel lag drauf. Wow! So viel hatten wir nicht vor. Im Keller unter dem Saal befanden sich – ganz im Kontrast zum Gewölbesaal –  ganz moderne Wasch- und Aufenthaltsräume.Vor den Duschen bildeten sich schnell lange Schlangen.

Nach der heftigen Bergetappe war ich hungrig und entschied ich mich für das Pilgermenü im Restaurant, auch um für mich als Belohnung meine große Leistung der Pyrenäenüberquerung zu feiern. Santiago wollte nicht. Er sammelte unsere Lebensmittelvorräte ein und blieb im Refugio zum Abendessen. Am Tisch saß ich mit zwei Pilgerinnen aus der Nähe von Bremen zusammen, die den Weg eher läuferisch angehen wollten. Sie sprachen über ihr Marathontraining und dass das ja wohl eher ein Spaziergang werden würde! Zum Glück aßen sie nicht viel, so dass ich meinen Riesenhunger nach einigen Tagen ohne warme Mahlzeit an Forelle und Pommes stillen konnte, in denen sie zwar rumstocherten, doch nicht mit Appetit aßen. Den hatte ich wohl für den ganzen Tisch allein wohl gepachtet. Sie tranken dafür den Rotwein, den ich ihnen gern überließ, während ich das Wasser leerte.

Als ich aufstand, um rechtzeitig zum Pilgersegen zu kommen, sagten sie: „Ach, da kommen noch so viele Pilgersegen unterwegs, jetzt müssen wir uns nicht bewegen.“ Innerlich fasste ich mich an den Kopf, meine Güte, geht’s noch? Den Pilgersegen gerade in Roncesvalles auslassen? Warum pilgern sie dann überhaupt? Dies war der Tag, an dem ich begann zu merken, dass für viele der Camino ein Urlaub, eine preiswerte Wanderstrecke, eine nette Abwechslung vom Alltag war. Nicht so für uns…

765 km bis nach Santiago...

Mit Santiago strebte ich zur Kirche. Die Pilgermesse war überaus feierlich, fünf Padres lasen und sangen gemeinsam, die Eucharistie war voller Andacht. Der anschließende, sehr innige Pilgersegen, zu dem wir Pilger alle vor den Altar geladen wurden, tat, was er tun sollte: er erfüllte uns mit Vorfreude und dieser besonderen Kraft und Überzeugung im Innern, es bis Santiago zu schaffen, komme was da wolle. Am Abend vor dem Einschlafen sagte mir Santiago: „Es macht mir keinen Spaß, mit dir zu pilgern, du bist mir zu langsam.“ Im Einschlafen hörten wir nach einer Weile einen Menschen lange noch an die Tür des Refugios klopfen, bis er eingelassen wurde. Ein später Gast? Einer, der die Schließzeit verpasst hatte? Ein wenig gruselig klang es schon. Ich war froh, dass ich schon drin war, schon im Bett lag, und das auch nicht allein… Der Pilger aus Le Puy schnarchte die ganze Nacht durch. Liebe Pilger, wenn ihr ruhig schlafen möchtet: meidet die räumliche Nähe von älteren Herren mit erhöhtem Leibesumfang und großem Resonanzkörper, sie sind recht sichere Schnarchkandidaten. Bei allen anderen kann man es nicht wissen…und es kann jeder sein, auch Frauen, die nachts ihre ausführlichen Konzerte ertönen lassen.

Spanien - wir kommen! Grenzstein nach Navarra

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Der nächste Morgen war turbulent, 100 fast gleichzeitig aufstehende Pilger. Ich war schnell fertig, da mein Rucksack durch sein extra Schlafsackfach schnell zu packen war. Santiago brauchte für das Packen den ganzen Camino lang immer viel Zeit, da er seinen Rucksack erst völlig ausleeren musste, um den Schlafsack unterzubringen und den kompletten Rest wieder dazu zu ordnen. Während er packte, nahm ich schon meinen Rucksack mit zum Eingang, denn ich hatte dort eine Waage mit einem Haken zum Rucksackwiegen entdeckt. Ich war richtig neugierig, wie schwer mein Rucksack war: 10 kg!! Ich stellte meinen Rucksack an den Eingang und meine Stiefel dazu, damit Santiago wusste, wo er mich treffen konnte. So hatte ich noch Zeit, im Aufenthaltsraum im Keller mein Handy aufzuladen und oben eine Tasse Kaffee zu trinken, die die Hospitaleros auf einem Tisch an der Kellertreppe anboten.

Als ich wieder aus dem Keller auftauchte und Santiago suchte, war er nicht mehr da, nicht an seinem Bett, seine Stiefel nicht, sein Rucksack nicht. Was war das denn? Ich lief zur Kirche, zum Restaurant, in den Keller, fragte die Hospitaleros und jeden Pilger, der mir in den Weg kam. Nach einer halben Stunde Suche gab ich auf. Er hatte es wohl wahr gemacht und war allein aufgebrochen, weil ich ihm zu langsam war!!

So machte auch ich mich im Frühdunst auf den Waldweg auf, den Pfeilen hinterher, Spanien würde für mich ab nun wohl allein sein. Egal, wie traurig das Ganze war, der Weg durch den frischen, grünen Morgenwald unter hohen Bäumen war eine Pracht. In Burguette, dem nächsten Ort fragte ich nochmals beim Bäcker beim Brotkaufen und auf der Straße, ob irgendjemand Santiago gesehen hätte. Nichts! Einmal dachte ich, ihn in der Entfernung zu sehen, doch – wieder nichts. Es begann zu regnen, es gab immer wieder kleine, steile Anstiege zwischendurch. An einem traf ich – schwer atmend – den Pilger aus der Kirche in St. Jean wieder. Hier erfuhr ich, dass er Kanadier war. Wir trafen uns an diesem Tag immer wieder, einmal half ich ihm, seinen Regenponcho über den Rucksack zu ziehen, mal läuft er an mir vorbei, als ich mir meine ausführliche Frühstückspause auf einer Bank kurz vor Viskarette gönne. In mir höre ich einen Satz aus dem I-Ging[1]. „Wenn dir dein Pferd wegläuft, dann laufe ihm nicht nach. Wenn es dein Pferd ist, wird es zu dir zurückkommen.“ Auf dem Alto de Erro passierte ich das erste Pilgergrab des Weges, ein Japaner, dem noch einige folgen würden. Menschen fallen um, sterben einfach auf dem Camino…

Das letzte Mal an diesem Tag traf ich den Kanadier auf dem Abstieg wenige 100 m vor Zubiri. Dort war die nächste Herberge. Wir überquerten gemeinsam die Brücke über den Fluss, sie heißt „Puente de la Rabia“, Brücke der (Toll-)Wut. In der Herberge direkt nach der Brücke war schon alles besetzt, doch es soll noch eine weitere in Zubiri geben. Der Kanadier und ich liefen weiter. Da sah ich plötzlich hinter einer Hausecke Santiago am Pilgerbrunnen stehen, er quatschte weiter mit zwei anderen Pilgern. Er lächelte mir freundlich zu, als ob nichts gewesen wäre! Haut ab und tut so, als ob er mich kaum kennt. Ich ging einfach weiter, an dem kleinen Platz vorbei, mal muss ja gut sein! Doch dann kam mir Santiago hinterher und fragte mich zornig, was das soll! Der Kanadier wollte eingreifen und mich vor Santiagos Wut beschützen, doch ich sage zu ihm „It’s ok!“, dankte ihm und wandte mich Santiago zu. „Wieso, du bist doch abgehauen und hast mich in Roncesvalles zurückgelassen. Ich habe Gott und die Welt gefragt, wo du bist. Eine halbe Stunde habe ich dich gesucht. Ja, denn mach doch deinen Kram alleine!“ Der Kanadier ging weiter, zur Herberge. Noch heute hält mir Santiago den Kanadier vor…

Santiago nahm mich fest in den Arm und entschuldigte sich, schilderte mir seinen Morgen. Er hatte gedacht, ich bin vor ihm aufgebrochen, weil ich mit meinem Rucksack so schnell zur Tür gelaufen war. Sehr schnell war er ebenfalls aufgebrochen und gelaufen, um mich wieder einzuholen, doch – ich war gar nicht vor ihm. Im Regen hatte er in Viskarette lange auf mich gewartet, dort hatte er von später eintreffenden Pilgern gehört, dass ich nach ihm gesucht hätte. Meinen Rucksack hatte er zwar wahrgenommen, doch irgendwie innerlich seine Anwesenheit nicht ausgewertet. Komisch: An dem Morgen hatte ich auch mal kurzfristig gedacht: „Was würde wohl passieren, wenn ich vor ihm loslaufen würde? Er ist ja doch schneller, vielleicht muss ich dann nicht so rennen.“ Die Antwort kam prompt. Tücke der Gedanken!

Allein ist man schneller, gemeinsam kommt man weiter...

Wir blieben natürlich an diesem Tag nicht in Zubiri, wäre ja auch zu einfach und bequem gewesen! Nein, wir überquerten wieder die Puente de la Rabia, die Wutbrücke, und liefen noch weitere 6 km bis nach Larrasoaña. Unsere Wut hatten wir inzwischen ja abgearbeitet.  Wir durchquerten ein riesiges Industriegelände einer Magnesitfabrik, das extra dem Camino einen Pfad freigegeben hatte, dann fanden wir wieder zurück auf buschumwachsene Naturwege und kleinen Dörfchen – Ausgleich! Auch nach Larrasoaña hinein führte wieder eine alte Brücke über den Arga, diesmal die Puente de los Bandidos, die Banditenbrücke. Es war wieder sonnig, eben Spanien!

In einer Dependance der städtischen Herberge kamen wir unter. Die sanitären Anlagen befanden sich in einem Container vor dem Haus, doch da wir hier zu den Ersten gehörten, war alles noch ok, sauber und appetitlich. Hier trafen wir eine französische Mutter mit ihren zwei Töchtern, von denen die Jüngere wegen Fußschmerzen buspilgerte. Wir begegneten ihnen noch mehrfach unterwegs. Was ich an ihnen bewunderte: sie schliefen nur mit einem Seidenschlafsack und Hemdchen, sie schienen nie zu frieren.  Im Ort gab es keinen Laden, sondern nur ein Restaurant mit Pilgermenü, doch im Haupthaus der Herberge kann man ein paar Lebensmittel kaufen. In Larrasoaña begann sich unser Standardessen des Caminos zu etablieren: Spagetti mit Tomaten-Thunfisch-Sauce. Santiago bestand von jetzt an darauf, dass ich ihm das Kochen überließ, den ganzen Weg lang. Beim Essen im Hinterhof der Herberge gesellte sich ein Spanier zu uns, Jesús aus Burgos, mit dem Santiago sich gut verstand. Abends sahen wir amüsiert vor dem Haupthaus, wie einige deutsche Pilger, Rotweinflasche in der Hand, anfingen, die allein pilgernden Frauen anzubaggern.

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[1] I-Ging Übersetzung von R. Wilhelm. Aus dem Zeichen 38 „Der Gegensatz“. Altes chinesisches Weisheits-Buch, das als Orakel, als Ratgeber benutzt wird. Das I-Ging geht davon aus, dass nur der stetige Wandel von Dauer ist.

Auf dem Weg nach Pamplona

Die Tagesstrecke nach Pamplona hinein war eher kurz. Jesús schloss sich Santiago an und beide legten einen strammen Schritt vor, was meine blasigen Füße nicht so unendlich freute. An der nächsten Wasserstelle packte ich mein Dilemma aus und Santiago stach mir die Blasen auf. Wir kamen mit einem spanischen Paar aus Pamplona ins Gespräch, die heute auf ihrer letzten Etappe ihrer 14-tätigen Pilgertour unterwegs waren. Sehr schnell erreichten wir über die Brücke von Trinidad de Arre die Vorstadt von Pamplona. Es war Sonntagmorgen, die Kirche gleich nach der Brücke war überfüllt.  Über die alte Brücke Puente de la Madalena und durch das Festungstor Puerta de Francia betraten wir Pamplonas bezaubernde Altstadt. Wahrscheinlich laufen alle Pilger auf eine ähnliche Weise durch Pamplona. In einem großen Strom Menschen taumelt man kreiselnd durch die Straßen, verzückt ob der Schönheit, die man mit den Augen einfangen will, und immer sich wendend und nach oben schauend auf die Pfeile und Muscheln. Es ist, als ob man im Mittelalter einkehrt. Auch wenn es viele moderne Geschäfte dort gibt, an diesem Sonntag war fast alles geschlossen und der Charakter und Charme der alten Gemäuer rückte in den Vordergrund.

...immer wieder bergauf...

Die erste große Stadt am Weg: Einkehr durch die Puerta de Fráncia in Pamplona

Wir blieben, nach nur 16 km Laufpensum! Pamplona wollten wir uns genauer ansehen. „Jesús y Maria“ hieß die nigelnagelneue Herberge in einem alterwürdigen Kirchengebäude [1] in Pamplona. Die Etagenbetten waren auf mehreren offenen Stockwerken halbkreisförmig um einen Mittelsaal angeordnet. Luxus! Jedes Bett hatte seine eigene Lampe, seine eigene Steckdose für da

Jesús y María in Pamplona

s Aufladen der Handys. Es gab sogar eine Waschküche mit Waschmaschine; aufgrund unserer frühen Ankunft konnten wir ausführlich alles durchwaschen, wir waren ja schon 13 Tage unterwegs. Auch die Küche war schick eingerichtet in Pamplona – echtes Ikea – und Santiago kochte „Arroz con habichuela“, Reis mit Linsen. Dies ist gleichzeitig auch einer unser Lieblings-Salsa-Hits von „El Gran Combo de Puerto Rico“ und ein Sinnbild für uns als Paar, meine Haut ist weiß wie Reis, seine Haut braun wie Linsen. Santiago traf Markus und André wieder, die beiden Freunde vom Col de Lepoeder. Sie zogen sich gegenseitig kräftig auf, beide hatten das Doppelstockbett neben uns.

In Pamplona unterwegs

Es war Sonntag, inzwischen war es heiß und wir entschieden uns nach einer Pause auf dem beschaulichen Innenhof der Herberge für einen geruhsamen Nachmittag an der Zitadelle, im Grünen, mal ohne Rucksack unterwegs sein. An der Westseite der Zitadelle entdeckten wir eine große Gruppe von Ecuadorianern, die dort ihren Sonntagnachmittag verbrachten. Wir setzten uns dazu und so konnte mir Santiago zeigen, wie in seinem Land die Freizeit am Wochenende verbracht wurde. Die ganze Familie war gemeinsam unterwegs und hatte Picknick dabei, die Frauen unterhielten sich, die Kinder wuselten spielend drum herum, die Männer betätigten sich sportlich bei Volleyball, Fußball, beim Zuschauen und Anfeuern. Eine von Grund auf friedliche Gemeinschaft. Eines Tages werde auch ich mit Santiago Ecuador kennen lernen, ganz sicher.

Auf dem Rückweg von der Zitadelle kehrten wir zur Abendmesse in die Iglesia de San Nicolás ein. Hier erlebte ich zum ersten Mal, ganz in die Messe und meine tiefe Dankbarkeit versunken, dass sich meine Wahrnehmung veränderte. Ich sah den Altarraum plötzlich ganz verschwommen, wie durch die wabernde Luft über Feuer. Konnte es sein, dass der Heilige Geist so sichtbar wurde? „El señor esté con vosotros.“ „Y con tu espíritu. “[2] Kein Spruch, sondern Wahrheit?! Eine neue Zeit begann, Glaube begann sich in Wahrnehmung zu wandeln.

Der sanft-laue Abend klang im romantischen Lichterzauber der Plaza de Castillo aus. Viel Volk war auf den Beinen, Familien und Pärchen spazierten um den Platz, die Tischreihen vor den Restaurants waren gut gefüllt, Gläser klangen, hier und da ein Fetzen Musik. Ahhh – Süden! Genau so!

Und: Pilger müssen unvermeidlich um 22 Uhr ins Bett!

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[1] La Iglesia de Jesús y María in der Calle de la Compañía

[2] „Der Herr sei mit Euch.“ „Und mit Deinem Geiste.“

Der nächste Tag war nochmals Pamplona gewidmet – Pilgerfreizeit, die schönen spanischen Städte wollten wir unterwegs kennen lernen. Nur nachmittags wollten wir ein paar Kilometer laufen, um in Cizur Menor, 4 km von Pamplona, das nächste Bett zu bekommen, denn die Herbergen sind nach einer Nacht immer wieder zu verlassen.

Wir begannen diesen Montag in der Kathedrale Santa María la Real morgens um 9 Uhr mit den Laudes. Nur vereinzelt waren Gläubige in dem großen gotischen Kirchenschiff mit den hohen gefächerten Säulen aufgetaucht, im Halbdunkel war einzig der Altar erleuchtet. Plötzlich setzten gregorianische Gesänge ein und 12 Padres schritten – mit sonoren Stimmen singend – zum Altar, um das Morgenlob zu zelebrieren. Die Töne, so miteinander im Einklang, schwebten fast anfaßbar durch die hohe Halle. … Ich spüre, wie Santiago neben mir beginnt zu beben. Er lehnt sich bei mir an, seine Tränen beginnen zu fließen… eine große Kraft ergriff ihn, der er sich nicht erwehren konnte.

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Frühstück auf der Plaza San Francisco in Pamplona

Für unser typisches Pilgerfrühstück fanden wir eine Bank auf der Plaza San Francisco, während wir auf die Öffnung des Tourismusbüros warteten. Das urbane Leben hastete an uns vorbei, während Santiago sein Schokolädchen trank, und wir uns das Brot belegten und entspannt unseren Hunger stillten. Wir kauften uns eine Prepaid-Handykarte für Spanien, damit wir erreichbar waren und im Notfall auch jemanden erreichen können, ohne an den Auslandsgebühren zu verarmen. Dann versuchten wir, unsere Rucksäcke am Busbahnhof zwischenzulagern, doch das klappte nicht – also gaben wir uns dem Pilgerlos hin und liefen den ganzen Tag mit den Rucksäcken.

„Die Erste am Camino“ war das Motto einer Reihe von kulturellen und touristikfördernden Aktivitäten der Stadt Pamplona in diesem Sommer. Dieses Geschenk war dabei für uns: An einem Stand konnten wir Postkarten in Form einer Muschel mit Pamplona-Motiven schreiben und die Veranstalter übernahmen das Porto. Klar, dass wir die gute Gelegenheit ergriffen und uns eins, zwei Stunden auf dem Platz des reizvollen Gebäude des Ayuntamiento[1] mit seinen vielen Balkons, Balustraden, Figuren und Glocken verweilten, um komplett unsere Familien und Freunde mit Post und unserer neuen spanischen Telefonnummer zu versorgen. Die Pilgerfreizeit, die wir in Pamplona hatten, war in die Weite wirksam genutzt. Mein Sohn hat die Karte mit dem Bild von San Fermin noch immer als Lesezeichen. Ja, San Fermin war allgegenwärtig: Der Lauf mit den Stieren in der Zeit vom 6. – 14. Juli, das ist die große Attraktion von Pamplona. Wir liefen die ganze Strecke von den Ställen „Corrallies“ bis zur „Plaza de Torros“, der Stierkampfarena ab und staunten, gruselten uns über die Bilder in den Fotoläden. Als wir dabei wieder den Platz am Ayuntamiento überquerten, stoppte ein Wagen direkt vor uns. Ein Mann winkte, es war der Mann des spanischen Pärchens, das wir noch gestern auf dem Weg getroffen hatten. Der Alltag hatte sie bereits wieder. So schnell kann es gehen!

Auf der Plaza del Castillo

Gegen Nachmittag brachen wir auf, der Tag war unglaublich heiß, 40° C, so, wie ich es für Sommer und Spanien immer erwartet hatte. An der Zitadelle vorbei liefen wir wieder unseren gelben Pfeilen nach. Beim Ortsausgang holten wir uns noch einen Sello, einen Stempel der Santiago-Universität von Navarra. Im eigenen Schweiß dampfend ging es hinauf nach Cizur Menor, einer alten Burg auf einem Hügel direkt oberhalb von Pamplona. Schon weit sah man das Banner der Malteser auf dem Burgturm. Doch entgegen unserer Absprache, meinen persönlichen Vorstellungen und trotz der Hitze war doch für heute noch nicht Schluss. Santiago wollte weiter: „Hier bleibe ich nicht!“ Er forderte mich auf, meine mentalen Kräfte zu benutzen, um nicht so früh schon aufzugeben. Er war ein anspruchsvoller Pilgerpartner, kein Weichei, er hat mich wirklich immer wieder herausgefordert, Grenzen der Lauheit zu überschreiten!

Doch schon am Ortsausgang von Cizur Menor hatte die Hitze mich erlegt, ich setzte mich einfach unter einen Baum. Das hatte ich schon in Berlin irgendwann erwartet, die große Hitze. Jetzt ging es also los. Ich hatte mich immer gefragt, wie wird es dann sein? Wie kann man bei solcher Hitze am Tag so viele Kilometer laufen? Wir verschenkten unsere Elbenmäntel aus Tardets, weil sie doch ein ganzes Kilo wogen, an eine Frau, die sie in der Herberge an andere weitergeben wollte, sollte es wieder mal regnen. Das Wetter sah nicht mehr nach Regen aus. Sommer in Spanien, olé!

Nach Cizur Menor stieg der Weg durch Wiesen, Felder, kleine Orte weiter an, es ging hinauf zum Alto de Perdón, der Höhe der Vergebung. Wir trafen Frauen schwatzend beim trauten Abendspaziergang unter Bäumen. Die drückende Hitze ließ langsam nach. Wir atmeten auf. In der beginnenden Abenddämmerung entzündeten sich die Lichter von Pamplona. Wo würden wir an diesem Abend schlafen? Es war warm, warm genug und trocken. Eine Nacht unter dem Sternenhimmel war jetzt genau das Richtige! Auf einem Stoppelacker ein Stück oberhalb des Caminos fanden wir ein von den Blicken des nächsten Ortes verborgenes Plätzchen. Wir schütteten das umliegende Stroh zu einer weichen Matratze auf, breiteten unsere Isomatten und Schlafsäcke aus und baten den Erzengel Michael, wie in jeder Nacht draußen, um Schutz für die Nacht.


San Miguel al frente,

San Miguel atrás,

San Miguel arriba,

San Miguel abajo,

San Miguel a la derecha,

San Miguel a la izquierda,

San Miguel, San Miguel,

Donde quiere que voy:

Yo soy Su amor protegiendo aquí,

Yo soy Su amor protegiendo aquí,

Yo soy Su amor protegiendo aquí![2]

Bitte schütze unseren Schlafplatz

vor den Blicken und dem Zutritt anderer,

bitte schütze uns vor allem,

was uns in der Nacht stören und erschrecken könnte

und schenke uns einen erholsamen Schlaf!

Und dann genossen wir von ganzem Herzen: eine abendliche Pilgervesper mit Wasser und Brot, den Blick auf das leuchtende Pamplona, den lauwarmen Atem einer leichten Brise. Das tat so gut nach dem heißen Tag! Ein kugelrunder Vollmond goss goldenes Licht über uns aus. Kein schöneres Bett als unser weiches, duftendes Strohlager, das einschläfernde Raunen der Windkrafträder des Perdón und das Summen der Natur, das sanfte Getragensein durch die noch warme Erde, das himmelhohe Sternenzelt, unsere Geborgenheit ineinander und in Gott. Nach 4 Tagen Herberge waren wir wieder ganz für uns und schliefen aneinandergekuschelt ein.

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[1] Stadtverwaltung

[2] Heiliger Michael vor mir, Heiliger Michael hinter mir, Heiliger Michael über mir, Heiliger Michael unter mir, Heiliger Michael rechts von mir, Heiliger Michael links von mir, wohin Er möchte, dass ich gehe: Ich bin Seine Liebe, die zu schützen ist.

Nach einer stillen und erholsamen Nacht standen wir am nächsten Morgen auf, baten darum, dass der Schutz für den Platz wieder aufgehoben wurde, damit er auch anderen wieder zur Verfügung stünde. Wir schritten jetzt zügig weiter voran; das frühe Aufbrechen schenkte uns auch die Frische des Morgens nach dem gestrigen, heißen Tag. Der Anstieg war gut zu bewältigen. Kurz vor dem Gipfel des Perdón kreuzte ein deutsches Wohnmobil unseren Weg. Was wir hier noch nicht wussten: Es sollte uns künftig noch häufig begegnen! Wir fanden kurz unterhalb des Plateaus eine Quelle, damit war auch der erste Teil unseres Frühstücks geschenkt, eine kurze Katzenwäsche war auch drin, noch war niemand nahe bei uns.

Oben auf dem Perdón steht eine bekannte Metallskulptur eines mittelalterlichen Pilgerzuges vor einem Panorama der Sonderklasse: auf der einen Seite der Blick in das Tal von Pamplona, auf der anderen Seite Kilometer über Kilometer das weite hüglige Land, das wir ab jetzt zu durchqueren hatten. Dies hat mich immer erstaunt auf dem Weg: wir standen erst vor einem weit ausgebreiteten Landstrich und schon nach einigen Stunden hatten wir ihn durchquert, hatten eine ganze Landschaft durchquert! Zu Fuß, nur so!

Der Abstieg war recht einfach. Das Land war hier viel trockener als bisher auf der ganzen Reise, eher so, wie ich mir Spanien immer vorgestellt habe. Die erste Pause gab es mangels Einkaufsgelegenheit in Uterga und Murzábal in Obanos. Dort herrschte emsiges Treiben auf den Straßen. Weißgekleidete junge Männer mit roten Schärpen stolzierten durch die Straßen. Abends sollte ein großes Fest zu Ehren des Johannes des Täufers, Juan le Bautista, stattfinden. Ob wir bleiben würden, wurden wir gefragt. Im Laden wurde für den Festtag eifrig eingekauft, erst nach einer Weile Zusehens beim lokalen Leben konnten wir unser Frühstück erstehen. Vor der Kirche von Obanos gab es einen grünen Platz mit Bänken unter Bäumen. Perfekt! Neben uns frühstückte eine vergnügte, spanische Pilgergruppe, die wir noch eine Weile hören sollten: eine zugegeben sehr rundliche Frau, die mit drei jungen Männern unterwegs war, die auch ihr Gepäck trugen – prima, wenn es auch so geht. Einer der Jungs hatte eine gewaltig laute Tröte dabei, die er bei jeder sich bietenden Gelegenheit und darüber hinaus ertönen ließ.

In Obanos durchquert der Camino einen Torbogen direkt neben der Kirche, da sahen wir auch schon die Stände der Schausteller, das würde wirklich ein großes Fest werden! Doch der Camino zog uns voran. Es ging an diesem Tag weiter nach Puente la Reina, wo der navarrasche und der aragonesische Weg vom Somportpass kommend zusammentreffen. Obwohl es erst Mittag war, als wir dort ankamen, saßen schon viele Pilger vor der Herberge. Da würden wir uns nicht anstellen, wir schritten durch die langestreckte Hauptstraße und kehrten in der Santiago-Kirche ein, holten uns seelische Erfrischung und körperliche Abkühlung in der halbdunklen Kirche und natürlich den nächsten Sello für unser Credencial. Ob der Hitze und mangels des in Lourdes liegengelassenen Basekaps erstand ich in einem winzigen Laden für 4,50 Euro einen weißen Stoffhut mit schwarzem Band. Santiago lachte über meinen „Oma-Hut“, aber egal, er war mir von da an bis Fátima ein hilfreicher, leichter Begleiter. Kurz vor der namensgebenden Puente, wieder einer Brücke über den Rio Arga, machten wir am Brunnen Halt, füllten unsere Wasserflaschen und trafen drei Frauen, die sich auch anschickten, den weiteren Weg in Angriff zu nehmen. Im Tourismusbüro direkt daneben fanden wir sogar ein echtes, klimatisiertes Luxusklo, ein Glückstreffer und eine buchstäbliche Erleichterung für den Pilger – ganz andere Dinge werden wichtig, wenn man unterwegs ist. Da erwachten die Lebensgeister!

Nach der Flussüberquerung auf der alten römischen Brücke trafen wir an der ersten Steigung – hier wurde der Weg laut Schildern umgeleitet – die ersten zwei der drei Frauen beim Picknick, kurz danach die dritte, die gerade eine Wasserflasche aus ihrem Rucksack nahm. Und dann kam er, in brütender Hitze, der steilste, anstrengendste Anstieg, den ich in Erinnerung habe, ganz dicht neben der Autobahn. Santiago konnte mein Elend damit nicht mehr mit ansehen und stieg stetig voran und war bald außer Sichtweite. Mehrfach setzte ich mich auf große Steine unter Bäumen, trank und legte mir die Hände auf, um wieder Kraft zu sammeln. Die dritte der drei Pilgerinnen aus Puente la Reina stieg recht leichtfüßig an mir vorbei, ihr Rucksack sah so klein und leicht aus. Wie macht die das? Mein Wasser ging langsam  zur Neige, fiese Stelle, mir wurde mulmig.

Am Ausstieg aus dem Aufstieg war sehr schlecht zu erkennen, wo der Camino nun weiter ging. Ich suchte nach Pfeilen, ich rief nach Santiago, doch der tauchte nicht  auf. Ich entschied mich für den rechten Weg und nach einer Weile fand ich dort erleichtert die Abdrücke von Santiagos Schuhen, also hier musste er auch entlang gegangen sein. Ihn traf ich wieder am nächsten Brunnen. Hemmungslos begann ich dort zu trinken und hielt meinen ganzen Kopf lange unter den Wasserstrahl – was für eine Hitze, ich glaube, ich habe dort 3 Liter getrunken und gleich wieder ausgeschwitzt. Während wir uns noch auf der Bank ausruhten, rannte ein Spanier – wohl auch fast verdurstend – auf den Brunnen zu und „wässerte“ sich in ähnlicher Manier. Er drehte sich zu uns um und sprach: „Que cuesta, la puta[1] que le parió!“ – „Was für ein Aufstieg, die Hure, die ihn gebar!“ Dieser Spruch würde uns noch lange amüsieren und begleiten.

Zeichen am Weg

Mit vollen Wasserflaschen ging es zunächst bergab und dann wieder ordentlich bergauf – hatten wir ja lange nicht! – nach Cirauqui. Dort gab es zwar eine schöne Herberge, doch offensichtlich nicht für uns. Wir blieben bis zum Ende der Siesta im Schatten der Kirche auf einer Steinbank, damit wir uns ausruhen, abkühlen und anschließend im Laden noch etwas einkaufen konnten. Santiago spielte ein wenig für mich auf seiner Zampoña, das brachte mich immer wieder auf die Beine. Damit lockte er – wie einst der Rattenfänger von Hameln – auch ein paar Kinder an, die sich mit ihm lange unterhielten. Wir erfuhren: Sie kamen aus Pamplona und waren in ihren Sommerferien bei Oma auf dem Land – und vieles mehr!

Ein wenig weiter ging es für uns noch: gegen Abend kamen wir in Lorca an. Dort liegen sich zwei private Herbergen direkt gegenüber. Wir nehmen natürlich die preiswertere, die offensichtlich von einem jungen Spanier allein betrieben wurde. Er brachte uns in einem Vierbettzimmer unter, doch da sahen wir noch ein leeres, gemütliches Zweibettzimmer. Das sei schon telefonisch von zwei Frauen reserviert, bedauerte der Hospitalero, ein Rucksacktaxi hätte sogar schon das Gepäck gebracht.

Ein wenig später treffen zwei junge Mädchen aus USA ein. Die eine ist völlig aufgedreht. Sie hatte von der Tomatina gehört, die in der Nähe von Valencia am nächsten Tag stattfinden soll. Wir hörten, die Tomatina ist ein Fest in einem Ort namens Buñol, bei dem die Menschen sich mit überreifen, zerdrückten Tomaten bewerfen, bis der ganze Ort und alle darin rot, matschig, glitschig und glücklich sind. Bis dahin sind das zwar von Lorca aus zwar nur winzige 500 km, doch die Mädchen entschieden sich tatsächlich, sofort nach Valencia aufzubrechen: Wenn man schon mal während der Tomatina in Spanien ist, muss man da auch hin! Zwei müde Pilger, die es wohl verdient hatten, kamen so an ein schönes Zweibett-Zimmer. Danke, dass es die Tomatina gibt, vielleicht werden wir irgendwann mal in unserem Leben hinfahren.

In Lorca packte ich aus meinem Rucksack alles aus, was ich wirklich nicht mehr brauche: Ein Buch über das WuWei – das Handeln durch Nichthandeln, ich legte die asiatische Lehre ab. Meine graue Moleskin-Hose reklamierte der Wirt gleich für sich und war damit überglücklich. Das Buch und noch ein wenig Kleinkram lege ich in ein Regal im Aufenthaltsraum, damit es jemandem diente, der es brauchen kann. Es wurde leichter!

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[1] „Puta“ oder besonders „Puta madre“, Hure oder Hurenmutter, ist wohl das gängigste spanische Schimpfwort, in Spanien und in Südamerika. Ich konnte es selbst den spanischen Fußballspielern bei der Fußball-EM 2008 von den Lippen lesen.

Noch im Dunkeln ging es in Lorca wieder los, bei solcher Hitze ist im Dunkeln Losmarschieren die Devise. Am beständig plätschernden Brunnen mitten in Lorca füllten wir unsere Wasserflaschen auf, unser Hauptnahrungsmittel, unser Lebensretter! Noch am Ortsausgang von Lorca steht leuchtend ein Selbstbedienungs-Kaffeeautomat. 50 Cent, Café con Leche, erwachende Lebensgeister! Danke dem freundlichen Menschen, der mir eine unerwartete Morgengabe bereitet.

In Estella kamen wir gleich am Ortseingang am Refugio vorbei, erkennbar an einer riesigen Holzmuschel. Der Stempel lag auf einem Tisch direkt neben dem Eingang und so dokumentierten wir im Credencial unseren Durchmarsch durch diese zauberhafte Stadt. Ein Fluss teilt sie in zwei Hälften. In der örtlichen Bibliothek fanden wir eine praktische Toilette, anschließend wurde Frühstück gekauft. Neben der Treppe an der Kirche St. Pedro auf der Plaza San Martin mit Schatten spendenden Platanen und einem großen Brunnen hielten wir unsere Frühstückspause. Mächtig ragten hier in Estela die alten romanischen Gebäude, Königspalast, Justizpalast, in die Höhe. Die Türme sehen eher aus wie Wehrtürme als Kirchtürme, die Felsen treiben sie weiter in die Höhe. Spanien zum tief einatmen…und wir sitzen ganz einfach auf einer Bank, essen krümelnd unser Brot, Santiago trinkt sein geliebtes Schokolädchen, Alltäglichstes vor eindrucksvollster Kulisse.

Beschaulicher Klostergarten in Estella

Ein Deutscher mit einem Dackel sprach uns an. Wir lernten so „Heinrich“ und „Waldi“[1] kennen. Heinrich wartete hier samt Dackel auf seine Frau. Er selbst konnte wegen seines Rückens nicht mehr pilgern, aber seine Frau hatte es sich selbst sehr gewünscht. So begleitete er sie samt Dackel in einem Wohnmobil, konnte am Camino und an der Gemeinschaft der Pilger teilhaben, transportierte ihr Gepäck, kaufte regelmäßig ein, wartete auf sie an vereinbarten Stellen, machte dort Mittag und versorgte sie mit gekühltem Wasser und pflegte ihre Füße. Das ist Liebe, oder? Dafür entging ihr das Leben in den Refugios. Dann war es also „Friedelotte“1, die am Tage vorher mit ihrem Leichtrucksack mich am Anstieg abgehängt hatte. Das Wohnmobil hatten wir ja schon am Alto de Perdón gesehen…

Die Bezeichnung „Teilzeitpilger“ wurde geboren. Wir erfanden unterwegs überhaupt so einige Pilgerklassifizierungen. „Buspilger“ sind die ganz Üblen, Schummelpilger, ebenso wie die Autopilger. Dann gab es die „Leichtpilger“, die ihre Rucksäcke transportieren lassen, es gab „Luxuspilger“, die in Hotels und Pensionen übernachten und mittags und abends Pilgermenüs einnahmen, die „Pilgerdiven“, d.h. Frauen, die andere dazu brachten, ihr Gepäck zu tragen, die „Pilgerurlauber“, die den Jakobsweg als gut organisierten, preiswerten Wanderweg nutzen, die „Kurzzeitpilger“ oder „Ratenpilger“, die nur einen kurzen Streckenabschnitt pilgerten, die „Nordic Pilger“, die Landplage des Caminos mit der ewigen Klackerei ihrer Nordic Walking Stöcke. Was waren wir? Hardcorepilger!

Heinrich machte uns auf den Kreuzgang des Klosters von St. Pedro aufmerksam. Von der Straße oberhalb des Platzes aus konnte man in den romantischen Klostergarten mit Rosen und Buchs sehen, der an zwei Seiten von einem überdachten Säulengang eingefasst war, darüber eine riesige Rosette in der mächtigen Kirchenwand. Und siehe da, auch wir sahen die eine Säule, die aus dem Rahmen fällt, da in ihr sich drei Steinsäulen umeinander winden. Solche kleinen Ausblicke am Wege machten für uns einen der besonderen Zauber des Caminos aus.

Das Kloster Irache aus der Distanz: Genau, erst bergab, dann wieder bergauf

Fuente del Vino - Weinbrunnen - in Irache

Nach Estella erreichten wir eine der großen Attraktionen des Jakobsweges, das Kloster von Irache mit dem Weinbrunnen der Bodega Irache. Zwei Hähne gab es dort an einer Hauswand, einen für Wein, den anderen für Wasser. Da ich mir keinen Plastikbecher am Automaten ziehen wollte, trank ich meinen Schluck Rotwein aus meiner Pilgermuschel, Santiago blieb beim Wasser. In der Bodega ließen wir unser Credencial stempeln, das musste natürlich auch sein. In der Mittagshitze besuchten wir das alte Kloster Santa Maria Real de Irache mit einem traumhaften, stillen, kühlen Kreuzgang – es ist wie aus der Welt gehen!

Stiller Innenhof des Klosters Santa María Real in Irache

Der Pilgerschutzheilige Christophorus, "der Christus trägt", in Irache

Auf dem Weg hatten wir viele Pilger um uns herum gesehen, hierher hatte niemand gefunden. In der Klosterkirche fand ich eine sehr schöne Statue des Sagrado Corazón de Jesús. Welch eine Freude und Erleichterung! Die Zeit mit Ihm, bei Ihm, nahm mir viel Last des Tages ab, trocknete meinen Schweiß, immer wieder auch mal Tränen und schenkte mir neue Kraft. Wer seine Pausen lieber im Café als in der Kirche verbringt, verpasst den Teil des Pilgerns, der uns am wahrhaftigsten stärken kann: Kein Koffein oder Nikotin kommt einer „Dosis“ Seiner Zuwendung, Seiner Gnade gleich.

Wir sind im berühmten Weinanbaugebiet Rioja angekommen und durchquerten die ersten Viñeros, Weinberge, probierten die ersten Trauben, passierten die „Fuente de los Moros“, die Maurenquelle. Dies ist ein nach vorn durch zwei Steinbögen offenes Haus mit einem tiefen Wasserbecken innen. Wir genossen einen Schluck kühle Luft darin, das Wasser sah nicht so einladend  aus. Auf der anderen Seite des Weges lag mächtig eine riesige Weinkellerei, sah aus fast wie ein Kastell. Wir pausierten in Villamayor de Monjardin, wo wir in eine Kirche aus großen Steinquadern traten. Jemand begann dort im Halbdunkel zu singen zu, damit man die ungewöhnlich guten Akustik erfahren konnte, wahrlich beeindruckend! Das letzte Teilstück des Tages, noch ca. 12 km, verlief in einem lang gestreckten Bogen nach Los Arcos.

Fuente de los Moros

Santiago hatte sich angewöhnt, mich über Menschen und Begebenheiten aus meinem Leben zu befragen, damit ich die Entfernungen nicht so merkte und von der Anstrengung der Lauferei abgelenkt wurde. So erzählte und erzählte ich, viele, viele Stunden lang, so lernte er mit den Kilometern viel mehr von meinem Leben kennen. Sein zweites Zaubermittel war seine Musik. Wenn ich mich in den Pausen erholte, dann holte er seine Zampoña hervor und spielte für mich. Diese Musik ist so leicht und fein, uralte Folklore aus den Anden. Als ob sein Atem, den er durch diese Flöte schickte, in meinen Lungen ankam, um mir wieder neue Puste zu verschaffen. Als ob der fremde Rhythmus meinen Herzschlag balancierte; die Flötentöne entführte meinen Geist aus dem „Was ist das anstrengend! Ich kann nicht mehr!“ in ein „So, es kann wieder weitergehen!“

Weg nach Los Arcos

In Los Arcos kamen wir in der städtischen Pilgerherberge unter, da ist man schon fast wieder raus aus dem Ort. Sie ist recht groß, wirkte eher wie eine Turnhalle, die Matratzen sind mit blauem Plastik überzogen. Die Hospitaleros, diesmal Belgier, waren sehr freundlich, aufmerksam, hilfsbereit und überaus gesprächig. Als Pilgermahl gab es – mal wieder – Tomatenthunfisch­spagetti. Die Küche wurde insgesamt stark frequentiert, ein vielsprachiges Stimmengewirr, ein buntes Menü von Mixsalat über Tortilla zu Nudelsalat und Gemüsesuppe, ein friedliches und fröhliches Nebeneinander von Kochen, Essen und Abwaschen.

Im Schlafraum lag auf dem Nebenbett ein kleiner Spanier, über und über behaart, mit dem sich Santiago unterhielt. Wir hatten ihn unterwegs schon beobachtet, eifrig im Gespräch vertieft und sehr zügig mit einer älteren Dame wandernd. Ich hatte ihn im „Verdacht“, einer der Camino-Gigolos zu sein. Überhaupt, diese Damen haben echt was drauf, oft mehr als die jungen. Zwei davon hatten wir inzwischen den Omi-Express getauft, weil sie morgens so zeitig aufstanden, früh losliefen und abends oft die gleiche Strecke zurückgelegt hatten wie wir. Wir überqueren wieder die Brücke des Odrón zum Rosario in Santa Maria. Vor der Kirche trafen wir den Kanadier wieder. Sicherlich hat er uns wieder eingeholt, als wir uns Pamplona ausführlich gönnten.

Los Arcos ist eigentlich gar kein so großes Städtchen, die Kirche jedoch ist riesig. Ein gewaltige Kuppel, viel, viel Gold, üppig ausgemalt, hohe Bögen mit mächtigen Säulen, ein majestätischer Hochaltar mit vielen Statuen, natürlich gekrönt von Santa María. In der Kirche fiel mir auf, dass die Frauen alle so steif und verknöchert wirkten. Die Messe war opulent mit Personal ausgestattet, fünf Padres samt Beisitzern. Hier erlebte ich erstmals klar das Confiteor, das katholische Schuldbekenntnis mit dem dreimaligen „Mea culpa, mea culpa, MEA GRAN CULPA“ – „Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch MEINE GROSSE SCHULD“, wobei sich die Padres auf die Brust schlugen.

Yo confieso ante Dios todopoderoso
y ante vosotros, hermanos,
que he pecado mucho
de pensamiento, palabra, obra y omisión.
Por mi culpa, por mi culpa, por mi gran culpa.
Por eso ruego a santa María, siempre Virgen,
a los ángeles, a los santos y a vosotros, hermanos,
que intercedáis por mí ante Dios, nuestro Señor.[2]

Ich musste tief durchatmen, das wirkte zunächst gruselig auf mich. Nachdem ich so lange mich bemüht hatte, mich von Schuldgefühlen zu befreien! Meine langjährige Psychotherapeutin versicherte mir einmal: „Schuldgefühle sind so sinnvoll wie ein Kropf!“ Viele neuere Psychotherapiemethoden vermeiden den Schuldbegriff, damit der Mensch wieder zu sich stehen kann. Und hier kam das Bekennen der Schuld – in breiter Ladung, Mir blieb der Mund offen stehen! Zwischen Psychotherapie und Seelsorge tat sich hier für mich ein breiter Graben auf. Welcher der Wege hilft wirklich weiter?

Santiago überraschte den Pater bei der Eucharistie, der ihm mit einem Gesichtsausdruck von verblüfft bis entsetzt hinterher starrte. Lag es an seinem Kopftuch, das er noch aufhatte? War es, weil er seine Hostie nicht sofort runterschluckte, sondern mit zum Platz nahm? Den anschließender Pilgersegen gestaltete der leitende Padre, der vorher so „mit Stock verschluckt“ wirkte, dagegen erstaunlich locker und aufgeräumt, scherzte mit uns. Wir wurden gefragt, aus welchen Nationen wir kommen. Der Pater fragte Santiago sogar ganz persönlich nach seiner Herkunft – Ecuador, eines der ärmsten Länder dieser Erde. Sein so typisch indigenes Gesicht war doch eine seltene, außergewöhnliche Erscheinung auf dem Camino.

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[1] Das waren die Namen, die wir ihnen gaben. Wie sie wirklich heißen, wissen wir bis heute nicht!15

[2] Ich bekenne Gott, dem Allmächtigen und Euch Brüdern und Schwestern, dass ich Gutes unterlassen und Böses getan habe. Ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken, durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld. Darum bitte ich die selige Jungfrau Maria, alle Engel und Heiligen und Euch, Brüder und Schwestern, für mich zu beten bei Gott, unserem Herrn.

Morgens um halb fünf begann es, neben mir hektisch zu rascheln. Der haarige Spanier fing an zu packen und hatte offensichtlich all seine Habe in knistrigen, weißen Supermarkt-Plastiktüten verstaut. Immer wieder rannte er raus und rein, um in der Zwischenzeit drinnen oder draußen nur noch ausführlicher rumzuknistern. DAS geht nicht! Ich stand auf und erwischte ihn im Flur „Nehmen sie Ihre Sachen aus dem Schlafsaal und packen Sie hier im Flur weiter, andere wollen noch schlafen!“  Erst motzte er, doch dann ließ er uns weiterschlafen. Doch nicht lange: Um halb sechs meinte ein nachts schwer schnarchender Spanier, es wäre Aufstehzeit und macht die Deckenlichter im Schlafsaal an. Das sorgte bei allen für einen frühen Aufbruch, draußen war es noch dunkel.

María Magdalena, die Schutzheilige von Viana

Unterwegs unterhielt sich Santiago mit einer spanischen Familie, ich lernte währenddessen weiter das Ave Maria auf Spanisch zügig  zu beten. Schnell erreichten wir über hüglige Landschaft die zwei nächsten Zwillingsörtchen, Sansol und Torre del Rio. In Torre del Rio kaufen wir in einem winzigen Laden unser Brot und frühstücken auf einer Bank auf einem

Der Tänzer Santiago, hinter ihm Logroño in der Distanz

mittelalterlichen Platz. Es ist immer noch ein wenig duster. Schon um 11 Uhr hatten wir die 19 km bis Viana geschafft, der Weg schlängelte sich immer wieder um die Landstraße. In der Kirche Santa Maria entdeckten wir eine Statue der Maria Magdalena, ihr Oberkörper ist nackt dargestellt. Das ist sehr selten, sie habe ich weder vorher noch nachher in einer Kirche wieder so entdeckt. Sie ist die Schutzheilige von Viana, da sie in Zeiten der Pest geholfen hatte. Im Café del Peregrino rasteten wir – Kaffeepause.


Kurz vor Logroño erreichen wir den Stand von Felisa, die dort Stempel verteilt „Higos, agua y amor“ – Feigen, Wasser und Liebe – und essen unsere traditionelle Feige. Ich liebe Feigen! Leider findet man am Camino Francés nur leergepflückte Bäume, andere Pilger lieben sie offensichtlich auch.

Blick auf Logrono - Ebrobrücke

In Logroño kamen wir – einen Fluss über­querend – an. Da wir ohne Buch pilgerten, wusste ich noch nicht einmal, was für ein Fluss das war: Der Ebro war es, so hörte ich später auf meine Frage, der bedeutendste Fluss Spaniens. Bald sahen wir schon eine Gruppe von Pilgern, die vor dem städtischen Refugio warteten, es war erst Mittag, aber wir hatten schon ca. 30 km zurückgelegt, denn wir waren früh aufgebrochen und zügig gelaufen. Auf dem ganzen Weg hatte ich geübt, das Ave Maria auf Spanisch schnell zu beten. Santiago wollte mit mir zusammen den Rosario beten und er meinte, je mehr Geschwindigkeit, umso stärker die spirituelle Schwingung des Gebetes. Noch war ich ihm, wie beim Laufen, zu langsam…


An diesem Tage sollte jedoch schon in Logroño für uns Schluss sein. Zuerst ruhten wir uns ein wenig aus, dann gingen wir Einkaufen und Santiago kochte Nudelsuppe mit Gemüse, die er selbst für ungenießbar hielt. Beim Verlassen des Refugios kam uns ein Pilger entgegen mit den Worten „So eine hässliche Stadt! Das lohnt sich überhaupt nicht, da rauszugehen!“

Angekommen in der munizipalen Herberge von Logroño

Santiago findet sich in Logroño

Wie gut, dass wir uns nicht beirren ließen und uns trotzdem an die Stadtbesichtigung machten. Ganz in der Nähe des Refugios waren eine Calle Santiago, eine Plaza Santiago und eine wunderschöne Santiagokirche. Über ihrem Portal trohnt eine große Steinstatue des Santiago als Matamoros, beritten und als Maurentöter. Natürlich traten wir sofort in die Kirche ein. Sie enthielt das große rote Santiago-Schwert an der Rückseite und in den Fenstern, wundervolle Santiago-Altarbilder auf einem riesigen, goldenen Hochaltar. Ein riesiges romanisches Sternengewölbe überdachte uns und für mich gab es natürlich auch einen Sagrado Corazón de Jesús.

Rómulo, ein Filipino in Logroño

Wir beteten zunächst unseren gemeinsamen Rosario und dann vertiefte ich mich in das verbundene, stille Zwiegespräch mit Jesus, während wir auf den Beginn des Gottesdienstes warteten. Plötzlich sprach mich ein zierlicher, asiatischer Mann an, und fragte, ob ich Spanisch spräche, damit ich ein Teil der Lectura, der Lesung während des Gottesdienstes, auf Spanisch halten könnte. Sofort gab ich diese Aufgabe an Santiago weiter, der nun in der Kirche seines Namens in Spanien das erste Mal eine Lectura lesen konnte. Santiago übernahm diese Aufgabe würdevoll und wundervoll und ich war sehr stolz auf ihn und unheimlich glücklich für ihn. Denn es bedeutete ihm viel.

So kamen wir mit Romulo Espina Jr. y Zaldarriaga ins Gespräch, philippinischer Seminarist am internationalen Seminario bei Pamplona und zurzeit im Dienste der Santiago-Kirche in Logroño. Da Santiago das Credo, das spanische Glaubensbekenntnis, nicht mehr auswendig konnte, fragte ich Romulo danach. Nach dem Gottesdienst nahm er uns mit ins Gemeindehaus, wo ebenso ein Refugio war, in dem wir uns leider nicht untergebracht hatten (danach haben wir immer nach Refugios Parroquiales gefragt). Er zeigte uns Bücher und schenkte uns dann eines seiner Bücher: Oraciones y Devociones mit vielen Gebeten und Teilen der Liturgie der katholischen Kirche, damit wir das Credo bei uns hätten. Ich habe dieses Buch, obwohl es immerhin 300 Gramm wiegt (viel für einen Pilger), den Rest der Reise in meinem Rucksack getragen. Nun hatte ich alle Gebete des Rosarios zusammen und in dem Buch gab es zusätzlich eine Kurzbeschreibung aller Mysterien des Rosarios.

Alles da, sogar eine Calle Santiago in Logroño

Romulo lud uns zum gemeinsamen Abendessen mit dem Pfarrer in das Parroquia[1]-Refugio ein, es gab ein herrliches Essen, das die Hospitaleras volontarias[2] aus Barcelona gekocht hatten: gemischter Salat, so etwas wie Flammenkuchen, Chorizo-Kartoffelsuppe und Melone, wir hätten sogar Riojawein – Logroño ist die Hauptstadt der Region La Rioja – dazu trinken können, wenn wir gewollt hätten, doch Santiago trinkt gar nicht und ich fast nicht. Es war ein opulentes Festmahl für uns, die wir nicht jeden Tag eine warme Mahlzeit hatten! Schade, dass wir nicht bis hierher weitergelaufen waren.

Santiago fühlt sich in Logroño ganz bei sich

Damit man lesen kann, was da steht: Plaza Santiago

Während des Essens unterhielt ich mich mit Romulo auch über meine Pläne, durch den Camino nach den christlichen Ursprüngen zu suchen, einem christlichen Zugang des Handauflegens zu finden. Er sagte, die katholische Kirche würde inzwischen versuchen, solche Dinge nicht zu fördern. allerdings andere Glaubensformen durch den christlichen Glauben als umfassendste Form des Glaubens zu umarmen. Gott gebe es!

Nach dem Essen ging es um 21.00 Uhr dann noch durch die Katakomben des Gemeindehauses zurück in die Santiago-Kirche zu einer Pilgermesse. Auch diese wurde in verschiedenen Sprachen gelesen und wir haben uns alle im Kauderwelsch von Deutsch, Französisch, Englisch und Spanisch über den Camino unterhalten. Es war die wärmste Pilgermesse, die wir auf der ganzen Reise erlebt haben. Kurz vor 22.00 Uhr ließ uns Romulo aus der Kirche, damit wir es pünktlich bis Torschluss noch in die andere Herberge schafften. Wir haben uns beim Abschied umarmt und uns gegenseitig alles Gute gewünscht. So schnell war uns dieser körperlich kleine, doch geistig große Mann ans Herz gewachsen. Am nächsten Morgen trafen wir ihn nochmals auf der Straße und konnten uns nochmals bei ihm bedanken, bevor wir unseres Weges zogen. Noch heute schreiben wir uns manchmal. Danke Romulo, unser Engel des Credos.

Als wir in unsere Herberge zurückkehrten, sahen wir den Pilger, der uns vor Logroño gewarnt hatte, betrunken im Patio der Herberge sitzen. Jedem sein Logroño!

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[1] Pfarrgemeinde

[2] Die Hospitaleros volontarios, nicht nur Spanier, sondern Ex-Pilger aus vieler Herren Länder, führen die meisten der preiswerten munizipalen und parroquialen Herbergen auf dem Camino, freiwillig, kostenlos, meist für zwei Wochen, weil sie dem Camino dankbar etwas zurückgeben wollen. Sie sind gute Ratgeber, engagierte Gastgeber und dem Pilger ein wirkliches Geschenk.

Am Stausee hinter Logroño

Der Weg aus Logroño heraus führte uns – nach einem schönen Stück an einem Stausee – lange an der Autobahn entlang, Lust auf Pausen bekam man nicht. Diese ist auch eine Etappe der Camino-Traditionen. Um den Weg von der Autobahn abzuschirmen, bastelt jeder Pilger aus Ästen ein Kreuz in den Zaun und so ist der ganze Weg gepflastert von kleinen Holzkreuzen. Dies würde uns immer wieder begegnen, doch nirgends so intensiv wie hier. Natürlich basteln wir auch eines! Als wir endlich von der Straße weg waren, machen wir auf großen, glatten Felsplatten am Weg eine lange Pause mit Schläfchen, die warmen Platten sind so einladend.

Die zweite Tradition ist das Aufschichten von Steinmännchen, kleinen Steinpyramiden. Tausende sind hier auf den Feldwegen fern der Straße zwischen Navarette und Nájera zu sehen. Und natürlich bückten auch wir uns, um unser Steinmännchen zu errichten. Insgesamt ist heute auch  ein Weg der Aussichten und des weiten Blicks.

Ruinen eines alten Pilgerhospizes nahe Ventosa

Unterwegs gibt es heute viel zu sehen, kleine Steinhäuschen und das sehr bekannte Pilgergedicht an einer langen Betonwand. Zur Abwechslung gibt es hier bei uns die spanische Version.

Pilgergedicht: Warum machen wir das eigentlich? Wer ruft uns?

Pilgergedicht: Welche geheime Kraft zieht uns an? Doch nicht der Hahn von Santo Domingo de la Calzada

Pilgergedicht: Nur der von Oben, der weiß es!

In Nájera finden wir einen offenen Supermarkt und im Park am Fluss gibt es eine reichhaltige Siesta mit den nackten Füßen im frischen Gras. Und das Panorama Nájeras dahinter besticht durch rote Sandsteinfelsen. Eine Bilderbuchpause.

Pause am Rio Najerilla in Nájera

In der Nachmittagsschicht sind wir beim Pilgern meist allein, die anderen sind schon eingekehrt. Unser letztes Teilstück von Nájera nach Azofra ist ein Gedicht! Nach einem Anstieg in Nájera wandern wir durch im Abendlicht orange-rot leuchtende Sandsteinformationen, später durch leicht hügelige Viñeros auf einem angenehm zu laufenden Sträßchen bis nach Azofra.

Sandsteinfelsen und Camino ins weiter Land hinter Nájera

Bilderbuchnachmittag auf dem Weg nach Azofra

Dort begegneten wir Markus und André ein letztes Mal wieder, die schon auf der Plaza beim Absacker sitzen. André ist wegen seiner Schmerzen inzwischen Buspilger.

Eine Frau an ihrem Tisch wollte nicht glauben, dass Santiago Santiago heißt und fragte nach seinen Pass. Mit einem „Für 5 Euro gern“ beendete er die Diskussion. Die supermoderne, schön eingerichtete Herberge besteht aus lauter Zweibettkabinen, supersaubere Duschen und Toiletten – das ist sehr erfreulich für den Pilger. Es gibt einen großen, praktisch eingerichteten Speisesaal: vorn stehen die Tische vor den verkleideten Rückseiten der Küchenzeile. So kann man in Ruhe essen, während die anderen ihren Küchendienst außerhalb des eigenen Blickfeldes erledigen! Ein kleiner Ort, dafür eine mächtige Herberge. Wie passt das zusammen? Das reiche Rioja?

Zum Abendgottesdienst erreichen wir die Kirche Nuestra Señora de los Angeles. Im Gegensatz zu Los Arcos sind hier die Frauen durch die Bank locker und entspannt. Woran mag so etwas liegen?

Santiago repariert seine Panflöte in der Herberge von Azofra

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Früchte der Viñeros des Rioja

Auch der Omi-Express war in Azofra beherbergt und brach wie immer frühzeitig auf. Auf der Strecke nach Santo Domingo de la Calzada sind kaum Orte, keine Chance auf Frühstück, denn in Azofra war noch alles geschlossen, als wir aufbrachen! An diesem Morgen kamen wir rasch durch die Viñeros von Rioja voran, diese Wegstrecke war wie für uns gemacht. An den Weinstöcken hingen üppig die dunkelroten Reben, bald würde wohl Ernte sein.

Unterwegs kamen wir durch ein merkwürdiges Geschwisterstädtchen, Ciriñuela und Cirueña. Das eine ist ein ganz normales Camino-Dörfchen, etwas verfallen, Altes und Neues gemischt.  Dann eine eine schicke Vorstadtsiedlung mit uniformen, jedoch luxuriösen Reihenhäusern rund um einen riesigen Golfplatz – mitten in die Landschaft gespuckt oder wie mit einem Ufo gelandet -, dann geht es wieder mit einem Dörfchen weiter. Und alle Pilger mitten durch. Die nächste Großstadt ist Burgos – ca. 100 km weg. Wer geht denn da hin? Wer wohnt denn da? Und wann? Außer den strömenden Pilgern ist kaum ein Mensch zu sehen, eine Bar, keine Geschäfte. Wer kauft sich denn so ein Häuschen? Vor dem Eingang des Golfclubs saß bettelnd ein Pilger mit seiner Muschel vor sich stehend, ein gut aussehender, hochgewachsener junger Spanier, dem ich das nie zugetraut hätte… Wir hatten ihn am Abend vorher mit den Anderen in der Kneipe in Azofra gesehen.

Viñeros von Rioja

Nach 16 km waren wir schon weit vor der Mittagszeit in dem bekannten Pilgerort St. Domingo de la Calzada. Im örtlichen Supermarkt gab es frische Verpflegung und endlich Frühstück! Neben der Kathedrale trafen wir eine Spanierin aus der Herberge von Logroño wieder, deren dort liegen gelassenen Unterwäschebeutel wir ihr seither hinterhertragen. Sie war  froh, ihre Ausrüstung wieder ergänzt zu sehen.


Die Kathedrale ist zum großen Teil dem Tourismus vorbehalten und nur über Eintritt zu erreichen. Nur ein kleiner „Käfig“ für Gläubige erlaubt die christliche Pilgereinkehr im Sinne des „Culto“, schade auch… Aber wenigstens ist sie offen! Über Santo Domingo de la Calzada erzählt man sich die Legende, dass ein schon gebratenes Paar Hühner wieder lebendig wurde, um die Unschuld eines Verurteilten zu beweisen. Daher werden hier in der Kirche auch ein Paar Hühner gehalten. Im Souvenirshop neben der Kathedrale gab es den Stempel. Das mittelalterliche Pilgerhospital von St. Domingo ist heute ein Parador, ein Luxushotel, die heutige Pilgerherberge ist im Kloster untergebracht.

Frühstück auf der Plaza de España in Santo Domingo de la Calzada

Den materiellen Teil unserer Pause, das Frühstück, genossen wir in der Sonne auf einer Bank an der Plaza de España. Diese „spanischen Plätze“ sind oft der Höhepunkt der Orte.  Auch hier ist es ein großer Platz hinter der Kathedrale, eingerahmt von traditionellen Herrenhäusern und aufgelockert mit Schatten spendenden Bäumen. An der Pilgerstatue machten wir die unvermeidlichen Fotos, dann geht es wieder auf die Strecke.

Diesmal mit Santiago El Mayor: Zwei Pilger in Santo Domingo de la Calzada

Es ist nicht mehr so heiß wie in Pamplona, das Laufen ist wesentlich einfacher geworden, wir können gut voranschreiten, den ganzen Tag lang. Wie auf einer Perlenschnur liegen heute die Orte zwischen den Weizenfeldern an der Strecke, oft auf Hügeln gelegen und von Hügelketten umgeben, weiche Rundungen, so weit das Auge sieht:

  • Grañon
  • Redecilla del Camino
  • Castildelgado
  • Viloria
  • Vilamayor

Kleine, gewachsene Orte, eine Kirche, hier meist massiv und aus großen Steinquadern, ein Pilgerbrunnen, viel Stein, dann sind wir wieder draußen in den Feldern, immer wieder dazwischen etwas Grün durch einzelne Bäume und, Buschreihen. Langsam aber sicher nähern wir uns der Meseta. Wir überschritten hinter Grañon die Grenze nach Castilia y León. Am hohen Grenzpfeiler mit Landkarte pausierten wir, eine Landmarke für die Pilger. Wir entdecken, was in Kastilien auf uns zukommen wird – eine Menge!  Als ich dort erzählte, dass ich für das Pilgern meine Wohnung aufgegeben habe, nicht nur mal so im Urlaub unterwegs bin, erntete ich überraschte Blicke. In Viloria entdecken wir ein Schild: noch 547 km bis Santiago. Wow, haben wir was geschafft! Jetzt merkt man schon richtig in Hunderten von Kilometern, dass wir vorwärts kommen. Wir machen Bilder, Santiago wirkt frisch mit freiem Oberkörper, ich kann kaum noch aus den Augen gucken, so verquollen wirke ich. Das waren heute bisher auch schon 30 km und es ist HEISSSSS!

Santiago in seinem Element in Viloria de Rioja

An der Kirche setzen wir uns in den Schatten auf eine Bank zum Auskühlen, ich lege die Beine hoch. Im Ort ein schläfriger Samstagnachmittag. Nur aus einem nahen Restaurant vernehmen wir die Känge einer großen Familienfeier, vielleicht wurde geheiratet? Gläserklingen, Fetzen von Musik, Gelächter, Stimmengewirr. Draußen springen und spielen auf dem sonst menschenleeren Platz nur einige Kinder in Sonntagskleidung.

An diesem Tag wurde mein Pilgerdasein geadelt, auf dem Weg fand ich eine silberfarbene Brosche, eine Pilgermuschel. Dafür verlor ich auf dem letzten Wegstück mein Schaumstoff-Sitzkissen, was ich in Portugal noch sehr vermissen würde. Auch dies zeigte mir ein Bild des Geschehens: das Pilgerdasein wird zum Schatz, die Bequemlichkeit muss dafür weichen.

Una Peregrina

In jedem der Orte gibt es eine Herberge, doch Santiago stürmte voran durch die Weizenfelder, die nun die Viñeros abgelöst hatten, er will weiter…weiter… weiter. Seit wir in Logroño die parroquiale Herberge gefunden und dort so viel Gnade erfahren haben, möchte er weder in einer privaten noch in einer munizipalen Herberge einkehren. Und die nächste parroquiale gab es erst in Belorado, nach fast 40 km. Die munizipale Herberge in Belorado, hier sogar mit Swimmingpool, passierte er, ohne davon Notiz zu nehmen. Kurz nach sechs Uhr kehrten wir ein, ich war völlig erschöpft. Die Herberge war in einem alten Theater direkt neben der Kirche Santa Maria untergebracht. Steile Treppen, kleine Räume, sehr einfache Ausstattung, jedoch ganz liebenswürdige Hospitaleros aus Frankreich. Auf der ehemaligen Bühne des Theaters war eine Küche eingerichtet. Wir durchforsteten die Schränke, ob es noch etwas Essbares gab, denn Einkaufen ging nicht mehr, es war Samstagabend – zu spät. Wir fanden eine Tüte Kartoffelpüreepulver und eine Dose Sardinen, im Kühlschrank war noch etwas Milch, ein schnelles, perfektes, stärkendes Pilgermenü mit ordentlich Salzersatz für das ausgeschwitzte.

Eine Brasilianerin bat mich, ein Foto von ihrer hühnereigroßen Blase am Fuß zu machen. Von so nah wollte ich mir das – glaube ich – eigentlich nicht ansehen! Sie sollte mir noch öfter auffallen: das erste Mal am selben Abend während der Messe, die ich fast aufgrund meiner Müdigkeit nach der langen Etappe verpasst hätte. Sie hielt in allen Gebeten die Hände hoch zum Himmel ausgestreckt und während des „La Paz“ flitzte sie durch die ganze Kirche, um möglichst allen die Hand zum Friedensgruß auszustrecken. Der Padre wartete eine Weile etwas irritiert, bis sie wieder zu ihren Platz zurückkehrte und er mit dem Abendmahl fortfahren konnte. In einer Seitenkapelle fanden wir Pilger nach der Messe anschließend zu einem erhebenden Pilgersegen zusammen: wir lasen, sangen und beteten mehrsprachig zusammen, tauschten uns aus, erhielten die Hand aufgelegt. Dafür ließen wir gern den Swimmingpool links liegen. Nach der Pilgermesse fiel ich einfach nur ins Bett und schlief wie eine Tote, nichts konnte mich aufwecken. Und dafür gab es eine Menge: in Belorado wurde in dieser Nacht ein großes Erntedankfest mit viel Musik und Knallerei gefeiert, wie Santiago mir am nächsten Morgen verschlafen berichtete.

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In der Herberge von Belorado – und das ist oft der Vorteil von parroquialen Herbergen – gab es am nächsten Morgen Frühstück. Wir lernten dabei eine junge Frau aus Barcelona kennen, die – ebenso wie wir – jeden Tag große Strecken zurücklegte. Sie war sehr ruhig, natürlich, bescheiden. Auch sie erzählte von mit Blasen übersäten Füßen: „Ich vermeide das Anhalten, da wegen der Blasen das wieder Loslaufen so weh tut. Und so laufe ich einfach immer weiter und weiter.“ Es war nicht ihr erster Pilgerweg, der Camino zog sie immer wieder unausweichlich an. Einmal Pilger – immer Pilger. Wir nannten sie für uns „La Barceloneta“, wie das Barrio am Strand von Barcelona.

Die Straßen von Belorado waren um sieben Uhr morgens noch drängend voll junger Menschen, die in den Morgen hinein feierten, tranken, Musik hörten. wir drängelten uns durch die herumstehenden Grüppchen. Alle Stilrichtungen heutiger Jugenkkultur waren dabei vertreten: von gepiercten Punks über tiefschwarz geschminkte Gothics und vernieteten Ledertypen zu bauchfreien Babes, das hätte auch bei mir hier um die Ecke Schönhauser Allee in Berlin sein können. Spanien ist doch ein modernes Land, das vergisst man manchmal, wenn man auf einem so alten Weg läuft.

Von Belorado ging es stetig bergan und noch im Morgendunst kamen wir über Tosantos nach Vilafranca Montes de Oca. Wir trafen am Ortseingang einen der baggernden Pilger aus Larrasoaña wieder, Capri-Sonne trinkend, der sich uns anschloss. Bis Agés wollte er an diesem Tag laufen. Der Aufstieg direkt nach Vilafranca war steil, doch er führte uns auf einen der schönsten Abschnitte des Caminos: Der Höhenweg nach St. Juan de Ortega. Knorrige Eichen, duftende Kiefern, Farne und Heidekraut, Felsen und vernebelte Ausblicke.

Auf dem Weg nach St. Juan de Ortega

Feucht und frisch war es, nicht nass, eine willkommene Abwechslung nach den warmen Tagen. Eine Panoramakarte am Wegesrand erklärte uns, was wir sahen. Die Berge in der Distanz wurden immer höher. An einem kleinen Denkmal machen wir Rast. Doch schon nach fünf Minuten brach Santiago wieder mit einem „Man sieht sich!“ auf und ließ den anderen Pilger – verblüfft –  hinter uns, er wollte mit mir lieber alleine weiter  wandern. Eine große Brandschneise teilte den Wald. Noch sah es wie ein Radikalschnitt aus, eine Wald-Wunde aus rötlicher Erde, bald würde es sich wieder verwachsen haben.

St. Juan de Ortega war unsere nächste Station, eine Klosterkirche mit einer tief berührenden Atmosphäre. Stille umfing uns, jeder zog sich zum Gebet, in Meditation zurück, wir sprachen nicht miteinander. Wir konnten uns nicht entziehen, uns hier Jesus Christus, Gott zuzuwenden. Er holte uns ab und nahm uns mit in Sein Reich. Mehr als eine Stunde währte die Stille in uns.  Waren wir noch bewusst, gab es einen Zeitsprung? In der düsteren, lautlosen Krypta mit dem einzelnen, blauen Licht  unterhalb der Kirche war Geist fast anfassbar. Es heißt, dass in diesem Kloster spezielle Fenster eingebaut sind, die nur zur Tag-und-Nacht-Gleiche Tageslicht auf Bilder der Geburt Christi fallen lassen. Die Wunder der Alten, die keine Rechner und Simulationsprogramme besaßen, dafür aber Geduld und Kunsthandwerk beherrschten.

Kloster San Juan Ortega, frei benutzbares Bild aus Wikipedia von Jaume

Wir ließen in der Herberge unseren Credencial stempeln und weiter ging’s. Bald lichtete sich der Wald und offeneres Grasland mit vielen einzelnen Baumgruppen und weiter Sicht lag vor uns. Tiefe Freude über die Schönheit des Landes verstärkte das ohnehin erhobene, kreisende Gefühl im Herzen. Dieses alte Lied gilt auch hierfür:

Geh aus mein Herz und suche Freud
In dieser schönen Sommerzeit
An deines Gottes Gaben
Schau an der schönen Gärtenzier
Und siehe wie sie mir und dir
Sich ausgeschmücket haben

Hilf mir und segne meinen Geist
Mit Segen, der vom Himmel fleußt,
Daß ich Dir stetig blühe;
Gib, daß der Sommer Deiner Gnad
In meiner Seele früh und spat
Viel Glaubensfrücht erziehe

Mach in mir Deinem Geiste Raum,
Daß ich Dir werd ein guter Baum,
Und laß mich Wurzeln treiben;
Verleihe, daß zu Deinem Ruhm,
Ich Deines Gartens schöne Blum
Und Pflanze möge bleiben

Erwähle mich zum Paradeis,
Und laß mich bis zur letzten Reis
An Leib und Seele grünen;
So will ich Dir und Deiner Ehr
Allein und sonstern Keinem mehr
Hier und dort ewig dienen

Bis Agés ist das Laufen wirklich eine Pracht. In Agés entdecken wir wieder einen Hinweis auf unsere Distanz zu Santiago: 518 km. Agés könnte als Filmkulisse eines alten Dorfes verwendet werden, so wenig wirkte es von der Neuzeit geküsst. Im Ort gibt es eine gemütliche Bar mit dem vielsagenden Namen „El Alquimista“, wie das bekannte Buch von Paulo Coelho. Dieser Alchimist hieß übrigens auch Santiago. Es war Sonntag, mit Einkaufen war es also schon den ganzen Tag schlecht, aber der Alchimist, bei dem es Bocadillos und andere kleine Mahrzeiten gab, war gegenüber dem Ort preislich so neuzeitlich – wie eine Salumeria in Berlin Mitte – dass wir lieber davon absahen dort einzukehren.

Santiago und der Atapuerca-Mann

Von  Agés ging es durch Weizenfelder weiter nach Atapuerca, einem Ausgrabungsort für Frühzeitfunde. Ein Schild mit dem Atapuerca-Mann war von weitem zu sehen, Atapuerca von Wochenend-Touristen und Familienausflüglern übersät. Kurz vor dem Ortseingang treffen wir auf „Heinrich“ mit seinem Wohnmobil und halten für ein Schwätzchen an. Er hatte Burgos schon ausgekundschaftet und einge­kauft und würde „Friedelotte“ von hier aus nach Burgos mit hinein mitnehmen. Zum Ausruhen setzten wir uns auf eine Bank, aber als ein Mann mich ansprach und über unser Pilgerdasein mehr wissen woll­te, brach Santiago schnell auf und wir passierten Atapuerca im Nu. Hier blieben wir nicht, obwohl wir schon über 30 km intus hatten. Stattdessen erklommen wir die Hügelkette der „Sierra de Atapue­rca“. Oben auf der Hochebene fanden wir nahe bei einem Kreuz eine riesige Steinspirale vor. Jeder Pilger sucht wohl ein paar Steine und legt sie an der Spirale an, so auch Santiago. Eine Spirale ist ein uraltes Mittel zu Erzeugung eines Energiesoges. Wer sich in den Mittelpunkt dieser Spirale stellt, wird ihn  spüren.

Oben auf dem Berg liegt das Tal von Burgos vor uns, die Stadt noch in weiter Entfernung. Heute erledigen wir also eine Doppeletappe. Zwischen Atapuerca und Burgos liegt keine einzige Herberge auf 21 km, sondern der Hinterhof von Burgos, kleine, ungepflegte Orte ohne Brunnen. In Cardeñuela-Riopico machten wir an einer Bar halt, wir leisteten uns ein kaltes Getränk in der Nachmittags-Hitze. Und wie in Deutschland saßen die Männer in der Kneipe und schimpften mit ohrenbetäubendem Lärm. Wir konnten auf der Terrasse jedes Wort verstehen: sie schimpften auf die Ausländer, vor allem die Migranten aus Lateinamerika, die ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen und die Mieten verteuern würden. Ja, Ihr lieben Spanier, da habt Ihr nun über Jahrhunderte deren Länder unterworfen und leergeplündert, sie ausgenommen und Euch deren Gold angeeignet und unendlich viele Menschen sinnlos ermordet. Jetzt sind sie arm und kommen zu Euch, das hat auch etwas von Gottes Gerechtigkeit. Zum Teilen seid Ihr aufge­fordert, denke ich, zur Barmherzigkeit…vielleicht sogar noch mehr zur Sühne, zur Wiedergut­machung, oder?

An einer Wegkreuzung gab es zwei Wegalternativen. Wir entschieden uns gegen die Landstraße und passierten daraufhin auf einen steinigen Weg entlang die Baustelle des Flughafens von Burgos. Teilweise erkannten wir nur durch die in den Bauzaun gesteckten Kreuze, dass wir noch auf dem richtigen Weg sind. Am Ortseingang von Burgos wurde es nicht besser: eine weite Strecke ging es an der stark frequentierten, vierspurigen Einfallsstraße entlang, bis wir sogar diese und eine Autobahnauffahrt überqueren mussten. Dann folgte Industriegebiet und graue Vorstadt. Keine so tolle Visitenkarte, Burgos! Dein Eingang ist für den Weg eine Schande, so empfanden wir es! Unser Unmut gab uns jedoch neue Kraft, doch sie entzweite uns auch. Durch ein Missverständnis beim Brotkaufen setzte Santiago sich plötzlich ab und ich fand ihn nicht mehr.

Was machte ich jetzt? Weiter zur Herberge, ja, da würde ich ihn wieder finden! Plötzlich verschwanden auch die Pfeile von den Straßenpfählen, jetzt wurde es haarig.  Ich hielt mich weiter in Richtung „Centro“. An einer Ecke fragte ich einen Mann nach der Pilgerherberge. Er begann mir, mit ratterndem Spanisch den Weg zu erklären. Mein Hirn kam dem nicht hinterher, ich verstand nix, nicht einmal Bahnhof. Doch da sah ich plötzlich aus den Augenwinkeln, Santiago an uns vorbeilaufen: „Momento, otra vez con el!“ Rettung im richtigen Zeitpunkt: Santiago verstand den Mann natürlich und wir fragten uns Stück für Stück weiter, bis wir uns – wieder einmal kreiselnd wie in Pamplona – auf der Plaza Mayor wieder fanden.

Unsere Desorientierung war uns wohl deutlich anzusehen: Ein Deutscher sprach uns an und machte uns klar, dass das nächste freie Herbergsbett noch ca. 2 km ortsauswärts lag, die winzige Herberge im Stadt­zentrum, die man uns beschrieben hatte,  sei immer schon 5 Minuten nach ihrer Öffnung belegt. Als er mein entsetztes Gesicht sah, bot er mir an, meinen Rucksack bis dorthin zu tragen. Er war in Burgos „gestrandet“. Von Burgos aus wollte er seinen Camino vom letzten Jahr fortsetzten, aber seine EC-Karte war vom Geldautomaten „gefressen“ worden. Am Wochenende war einfach nichts mehr zu machen. So musste er bis Montag früh warten. Erst um 21.30 Uhr erreichten wir die Herberge, eine Art Baracke in einem großen Park namens El Parral. Der Herbergsvater fand unser Verhalten gefährlich, so lange in den Abend hinein zu laufen und schimpfte mit Santiago.

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Catedral de Burgos

Nach der Megaetappe vom Vortag und den Erlebnissen in der Kathedrale Santa María de Burgos (siehe Bei sich selbst ankommen) ließen wir es an diesem Tag langsam angehen. Wir liefen den Weg zur Herberge zurück und frühstückten nochmals im Park. Der Weg heraus aus Burgos war wesentlich besser zu laufen als der Weg hinein.

Wir ließen die große Stadt hinter uns; und schon waren wir wieder von gelben Feldern umgeben, ein Stück Landstraße, dann Feldwege.

Nach Burgos beginnt so richtig die Meseta, von der man sagt:


Nueve meses de invierno, trés meses de infierno[1]

.

Felder, so weit das Auge reicht.

La Meseta

Kaum ein Baum,

kaum ein Strauch,

langezogen

kurviger

Weg,


Anhöhen mit etwas Brise …

… flirrende Luft, Hitze…

…in den neuen Tälern,

steinige Wege…

…ein weiter, weiter Himmel,


…lose Wolkenwege…


…distanter Horizont…

…Geist entspannt…

…Leere…

…der Weg lief uns

…die Erde glitt unter uns hinweg …


…ein Zustand der Hingabe war erreicht.

Kein Widerstand  … kein Wille…

…die Asaña des Vortages hatte alles aufgebraucht.

Hagase tu voluntad en la tierra como en el cielo …[2]


Hagase tu voluntad en la tierra como en el cielo …


Hagase tu voluntad en la tierra como en el cielo!

Kein Gedanke ans Anhalten…wie auch…


…kein wo, wie, was, wann…

Camino – caminar – caminante – caminando[3]

sonst nichts…

In Hornillos de Camino liefen wir erst an der Herberge vorbei, Pilger saßen entspannt an den Tischen eines Cafés, manche schon beim Wein, schrieben in ihre Büchlein oder Ansichtskarten oder lasen, plauschten. So hatte ich mir das Pilgern vorher auch vorgestellt. 20 bis 25 km am Tag pilgern, danach entspannen. Offensicht­lich bin ich auf einem anderen Weg:


Hagase Tu voluntad,

en la tierra como en el cielo.


Wir trafen meinen Rucksackträger vom Vortag wieder. Er suchte Anschluss bei uns und fand ihn nicht. Wir waren nach diesem Tag nicht in der Lage dazu, unser innerer Prozess war dominanter, die Flut der Tränen war abgeflossen, die Meseta brachte unserem Geist die Ebbe. Leben ist. Punkt.

Die Herberge in Hornillos war schon voll…eine kurz angebundene Hospitalera brachte uns im Hinter­zimmer der Bürgermeisterei unter…die Duschen waren schon kalt… ich rutschte in der Dusche aus…es machte keinen Unterschied…Gleichmut. Die Küche konnte man vergessen, Brot … Wasser … eine  stille Aussicht an der Kirche ins weite Land, bis die Sonne ging …

Stiller Blick von der Kirchenmauer von Hornillos del Camino

…weite Blicke …

…Santiago hörte Salsa …

…wenige Worte …

…frühe Nachtruhe…

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[1] Neun Monate Winter, drei Monate (Hitze-)Hölle

[2] Dein Wille geschehe auf der Erde wie im Himmel

[3] Weg – laufen – Laufender – laufend

Hontanas, das Dorf in der Mulde

Frühes Fortschreiten am nächsten Tag. Es geht durch eine weite, weite Fläche. An einem Berg liegt eine kleine Herberge mitten in der Landschaft – Sanbol. Diese Einsamkeit wäre gestern Abend auch passend für uns gewesen. Weite vor uns, kein Ort zu sehen. Eine Stunde später steht ein Schild am Weg: Hontanas 0,5 km. Ich sehe keinen Ort, doch plötzlich öffnet sich vor uns eine weiche Mulde, in die sich der Ort Hontanas schmiegt, nur die Kirchturmspitze lugt ein wenig hervor. Ein steiler Abstieg, kleine Häuschen, enge Gassen. Wir suchen einen Laden für unser Frühstück, es gibt nur Bars zum Frühstücken, nichts für uns, also weiter. Ich liebe es, solche ursprünglichen, in sich harmonischen Orte zu durchqueren, wie eine Welt, die neben unserer Welt existiert, sie gaben mir Kraft. So war Frühstück auch hier nicht unbedingt nötig.

Hügel folgten auf Täler, meine ecuadorianische Lokomotive zog und zog voran. Zurück auf der Landstraße passierten wir das alte Kloster St. Anton, danach ging es bergauf nach Castrojeriz. 21 km seit Hornillos, für viele eine ganze Etappe, für uns lediglich die Frühstückspause. In einem kleinen Laden bekamen wir knuspriges Ciabatta und Käse, Schinken, einen Apfel, am Brunnen frisches Wasser. Auf dem baumbestandenen Platz finden wir einen Absatz, auf dem wir uns ausbreiten, frühstückend die Beine baumeln lassen können.

Beim Herausgehen aus Castrojeriz durchquerten wir eine enge Gasse mit einem unfreundlich-kalten Luftzug, wir laufen an der Rückseite einer Kirche vorbei. Da sahen wir unerwartet: eines der Fenster ist ein umgekehrtes Pentagramm[1], keine Ahnung, warum jemand das in eine Kirche baut, hier herrscht keine gnadenvolle Atmosphäre, es ist, im Gegenteil, unheimlich und abweisend… Schnell weiter…

Santiago tiene su Agosto

Nach Castrojeriz folgte ein gnadenlos steiler Anstieg auf einen Tafelberg, den ich konsequent voran­schreitend und ohne Pause bis zum Gipfel durchhielt. Mir kam dieser Berg vor wie eine Mauer, mit dem sich der Rest des Landes vor der dunklen Energie aus Castrojeriz schützte. Das wir hier nicht blieben, das war für mich ein Segen. Doch Castrojeriz hatte seine Wirkung getan. Santiago eröffnete mir, er vermisse sein altes Leben, er wollte es wieder aufnehmen. Rannte er deswegen so?  Wir standen vor unserer Trennung. Innerlich zerbrach ich… das kam so unerwartet, nachdem er mir fast zwei Monate vorher das „Gabriele y Santiago por siempre“ versprochen hatte.

Scheidewege!?

Ich schlug ihm kraftlos vor, ich würde warten und er weiterlaufen, dann wäre auch die äußere Trennung einfach, weil er ja sowieso schneller war, da waren wir kurz vor dem Templerhospital San Nicolás am Río Pisuerga. Doch das wollte er auch nicht. Auf die Frage, was er wollte, sagte er: „Ich will, dass wir trotzdem zusammen bis Fátima laufen, ich will mit Dir beten, ich will, dass Du mir weiter erklärst, was das für Pflanzen am Weg sind.“ Eine Busreisegruppe hatte das Templerhospital mit Beschlag belegt, bot jedoch Kaffee für die vorbeilaufenden Pilger an. Ein Kaffee… zum Festhalten…eine Pause auch in einer Bar in Itero de la Vega…

An der Brücke des Río Pisuerga

Wie betäubt lief ich weiter, ich konnte es nicht fassen. Auf dem Camino mit Santiago, was ich mir schon so lange gewünscht hatte, und doch allein.

Äußerlich und innerlich zerzaust in der Meseta

In Boadilla del Camino pausierten wir im Grünen, es war sehr windig an diesem Platz, dann schenkte uns die letzte Strecke nach Fromista einen frischen Treidelweg am Canal de Castilla. Kurz vor Frómista, an einer Schleuse, machten wir Fotos, Santiago am unteren Schleu­sentor, ich am oberen Schleusentor. Da ließ sich eine schneeweiße Taube bei mir nieder, nur einige Schritte entfernt. Der Tröster war gekommen…Der Heilige Geist hatte sich bei mir eingefunden! Danke!

An der Schleuse von Fromista

In Frómista kauften wir im Supermarkt Tomaten, Brot und Käse aus Burgos, wir hatten Appetit auf etwas Frisches. In der Herberge bekamen wir im letzten Raum noch ein Bett. Dort trafen wir auch La Barceloneta wieder, auf einem Bett liegend. Ihre Füße waren weiterhin mit Blasen übersät. Gut, dass wir uns für Tomatensalat entschieden hatten, es gab keine Küche, nur einen Speisesaal. Nach dem Abend­brot verschwand Santiago plötzlich. Eine Journalistin hatte ihn in ein Café eingeladen und zum Camino interviewt.  Und dann – wollte ich nur noch schlafen, mochte die Welt wollen, was sie wollte – ohne mich.

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[1] Das kannte ich als Symbol des gehörnten Satans.

An diesem Tag wünschte ich mir seit dem Loslaufen – es war ein richtig frisch-kalter Morgen – offene Kirchen. Ich war Jesu dringend bedürftig, die Casa del Nuestro Señor sollte für mich und mein Herz geöffnet sein. Und es geschah: in Vilarmentero de Campos kam sogar eine alte Frau winkend auf uns zu und fragte uns, ob sie uns die Kirche aufschließen sollte. Sie zeigte uns jedes Detail und erklärte jeden Heiligen. Sie war stolz auf „ihre“ Kirche und wir waren sehr gern dort zu Gast. So kehrten wir in jeder der vier Kirchen unterwegs ein und ich schüttete mein Herz aus, wollte überhaupt Luft bekommen. Ich betete für eine Antwort, was ich jetzt tun sollte. Zurückbleiben, allein einen geruhsamen Camino laufen? Doch alles, was ich wahrnahm, deutete auf einen gemeinsamen weiteren Camino. Geh mit ihm weiter!

In Villalcázar de Sirga trohnte eine gewaltige, romanische Kirche aus hellen Steinquadern über dem Städtchen, ebenso gewaltig war das von 5 Bögen umkränzte Kirchportal, über das die Jungfrau, Engel und Heilige wachten.

Villalcazar de Sirga, Santa María la Blanca

An der Seitenwand taucht eine beeindruckende, vielfarbige Rosette den Innenraum in buntes Licht. Die Atmosphäre innen war irgendwie weiß, leicht, ich fühlte mich wie an meinem Scheitelpunkt angehoben. Der Schmerz in meinem Herzen versiegte langsam. Erst fühlte ich mich leer, leer, leer, wie ausgegossen. Dann trat, floss dieses weiße Gefühl in mein Herz und breitete sich aus. Das muss Maria, La Immaculata, die Reine, Weiße gewesen sein.

Dios te salve Maria, llena eres de gracia,

El Señor es contigo,

Bendita Tú eres entre todos los mujeres

Y bendito es el fruto e Tú vientre Jesús

Santa Maria, madre de Dios, ruega por nosotros, hijos y hijas de Dios,

Ahora y en la hora de nuestra victoria,

Sobre el pecado, la enfermedad y la muerte.[1]

In der Kirche kam eine andere deutsche Pilgerin auf uns zu und fragte: „Spürt Ihr hier etwas? Man hat mir gesagt, diese Kirche soll eine ganz besondere Atmosphäre haben. Aber ich merke gar nichts!“ Santiago pflichtete ihr bei, er spürte nichts Besonderes. Ich erzählte von meinem Erleben des Weißen. Erst zurück in Deutschland erfuhr ich, dass die Kirche Santa María la Blanca, die Weiße, heißt. Am Vortag die weiße Taube, und nun María la Blanca, der Camino aktivierte alle seine Protagonisten für mich, um mich zu trösten und mir den Weg zu erleichtern.

Psalm 94 (Lutherbibel 1984)

19 Ich hatte viel Kummer in meinem Herzen, aber deine Tröstungen erquickten meine Seele.

Psalm 147 (Lutherbibel 1984)

3 Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden.

Pilger!

Mit Blick auf die Kirche sitzt ein eiserner Pilger in traditioneller Kluft an einem Tisch auf dem Kirchvorplatz. Wir setzten uns ein wenig zu ihm. Der Weg führte auf einem Sendra an der Straße entlang, das Land platt, Stoppelfelder auf beiden Seiten der Straße, im Norden Berge in der Distanz. Auf einem großen Straßenschild mal wieder eine Zahl: 463 km bis Santiago, schon wieder bald 100 km seit Viloria  geschafft.

Wir kommen sichtbar und spürbar weiter...

An diesem Tag erlebte ich schon früh die Einkehr, in Carrión de los Condes, eine sehr große, moderne parroquiale Herberge. Ich sah viele alte Männer dort. Na, das würde in der Nacht einen Chor der Schnarch­barritone geben! Wir suchten ein Bett auf der entgegengesetzten Seite des großen Schlafsaales.

Im kleinen Gärtchen hinter der Herberge hängten wir unsere Wäsche auf, schauen uns das Städtchen an, verbrachten einen sanften, stillen Nachmittag im Gras unter schattenspendenden Bäumen im Park am Río Carrión, der das sonst so trockene Land hier in eine grüne Oase verwandelte. Was konnten wir jetzt viel sagen? Wir gönnten uns – nach all der Strecke – einmal ein Eis. In einem Sportgeschäft kaufte ich mir neue Socken, da ich die dicken Socken zurückgelassen hatte, die immer nur zu noch mehr Blasen geführt hatten. Nur dünne Baumwollsocken schonten meine Füße. Ein kaltes Abendmahl – wie in Fromista, da es nur eine Mikrowelle in der Küche gibt, die wollen wir nicht benutzen. Tomaten, Käse, Oliven, Brot – mediterrane Kost.

Beschauliches Carrión de los Condes

Beim Pilgergottesdienst in der St. Maria del Camino hatte ich den Eindruck, dass der Pfarrer betrunken, zumindest einigermaßen angesäuselt war. Er erzählte uns in der Predigt eine Geschichte von Martin Luthers Mutter. Auf die Frage hin, ob sie die evangelische oder die katholische Kirche vorziehe, sollte sie ihm gesagt haben: „Wenn du das Volk retten willst, dann wähle die evangelische Kirche, wenn du deine Seele retten willst, dann wähle die katholische Kirche.“ Den in der Herberge  angekündigten Pilgersegen verpeilte der Padre völlig, er ging einfach nach der Messe. Santiago war enttäuscht, doch ich nahm spontan beide seiner Hände in meine und sprach das erste Mal zu ihm den (wie ich heute weiß – aaronitischen) Segen: „Der Herr segne und behüte dich, der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig, der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ Das – half uns beiden.

Übrigens: das angekündigte, nächtliche Konzert fand statt – mehrstimmig, wenn auch unkoordiniert, die Akustik des hohen Raumes hat ihm zusätzlich Raum gegeben. Ich hatte mir – wie überall angeraten – Ohrstöpsel mitgenommen, sie jedoch nicht gebraucht. Wie gut, wenn der Pilger nachts richtig müde ist, so oder so schläft.

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[1] Ave Maria auf Spanisch, so wie Santiago es mir beigebracht hatte

Noch im Morgengrauen brachen wir auf und überquerten nun auf der massiven, alten romanischen Brücke den Rio Carrión, passierten ein riesiges, altes Kloster. Die Stadt war  nicht sehr groß, die sakralen Bauten, zwei Klöster und drei Kirchen, wirken überdimensioniert.

Nur kurz währte der Streifen grüner Vegetation, dann wurde die Landschaft wieder trocken und gelb und ocker, ein steiniger Weg führte schnurstracks in die Weite, nur ein paar Büsche mal am Wegesrand, etwas weiter weg sieht man die Autobahn und den Strom der Fahrzeuge. Wir kamen voran, es gibt nichts außer einen Fuß vor den anderen zu setzen, 15 km lang. Der Himmel – hoch und weit. Irgendwann taucht in der Ferne ein Kirchturm auf, Calzadilla de la Cuesta, ein paar flache Häuser, eine Pause und dann waren wir schon durch.

Unsere Ankunft in Sahagún war geprägt von einem weiteren heißen Tag in der Meseta, einem Tag der Weizenfelder: durch Ledigos, Terradillos de los Templarios, Moratinos, San Nicolás del Real Camino. Die Orte verschmelzen mit der Landschaft. Flache, lehmfarbene Häuser, gelb, beige, orange, ocker, rotbraun, braun, graugrün, oliv, das ist die vorherrschende Farbpalette zu dieser Jahreszeit. Eine lang gestreckte Landstraße, eingefasst von Ginsterbüschen, führte auf Sahagún zu,  die Silos und Türme schon in der Weite zu sehen. Heute würden wir den Zettel mit dem Herbergsverzeichnis wenden können, die letzte Zeile der ersten Seite war erreicht.

Kurz vor Sahagún entfernte sich der Camino von der Landstraße und machte in einem weiten Bogen einen großen Umweg zur Ermita de la Virgen del Puente, ein zerfallenes, kleines Kapellchen an einer alten Brücke, geschlossen. Zwei, drei Bäume, ein paar Bänke. Mir taten mir die Füße von dem steinigen Weg und dem Asphalt der Landstraße so weh, dass ich mich vor der kleinen Kapelle auf die blanke Erde legte und meine Beine und Füße auf eine Bank, um sie etwas von dem Schmerz und der Schwere zu entlasten. Das Maß meiner Blasen war an einem Höhepunkt angekommen. Jedes Wiederanlaufen war geprägt vom Schmerz und dem Versuch, die Blasen sich im Stiefel wieder zurechtschieben zu lassen, damit der Schmerz etwas nachlässt. Irgendwie mochte ich gar nicht mehr anhalten, so wie „La Barceloneta“ es beschrieben hatte, um das nicht wieder durchmachen zu müssen, aber manchmal ging es nicht anders. Der Schmerz meiner Füße half mir jedoch, einen anderen Schmerz auszuleben.

Kurz vor Sahagún sahen wir Zettel, dass auch im Kloster Pilger aufgenommen würden. Und so ließen wir die Albergue Municipal rechts liegen und suchten das Kloster. An der Klostertür empfing uns Pilar, eine Hospitalera aus Madrid. Als sie erfuhr, dass ich Deutsche sei, gab sie mir gleich die Hausordnung und die Messe-Zeiten zur Übersetzung und übertrug mir die Aufgabe, am nächsten Morgen Kaffee für alle zu kochen. Irgendwo las ich mal diese spanischen Camino-Maximen:

  • „Peregrino, deja lo que puedas; toma lo que necesites“
  • ”Pilger, lass das, was du kannst; und nimm (nur), was du brauchst”
  • „El turista exige, el peregrino agradece“
  • ”Der Tourist fordert, der Pilger dankt“

Diese Maxime kann man sich auch für den Rest des Lebens merken, oder?

Die Herberge im Kloster ist wunderhübsch mit einem lauschigen Innenhof der Ruhe und des Friedens, ein kleine, symmetrische Gartenanlage mit einem kleinen Springbrunnen in der Mitte. Ich legte mich erstmal hin und ließ Santiago allein für das Abendessen einkaufen, denn ich hatte gar keine Kraft mehr und meinen Füßen wollte ich auch keinen Meter mehr zumuten. Santiago bereitete Salat, ich wusch die Wäsche und hängte sie auf. Gleich am ersten Tag hatten die neuen, weißen Socken den gelbgrünen Ton meiner Stiefel angenommen (richtig weiß sind sie bis heute nicht mehr geworden). Pilar setzte sich beim Abendessen zu uns und berichtete lange über ihre eigenen Erfahrungen auf dem Camino. Sie war so dankbar für ihren Camino, dass sie immer wieder als Hospitalera auf dem Camino arbeitete. Sie sagte: Der Camino gibt einem so viel, dass man dem Camino unbedingt wieder etwas zurückgeben will. Und so erfuhren wir, dass es in Galicien viel regnet (für uns nicht!). Sie warnte uns vor dem Cebreiro, den sie nur mit großen Anstrengungen erstiegen hatte.

Am späteren Abend besuchten wir die Vispera der Klosterkirche der schweigenden Benediktinerinnen, die sich nur über Klopfzeichen verständigten. Der Hochaltar der Kirche war atemberaubend, vielgestaltig, üppig, geschwungen – ein Traum – ein riesiger Kontrast nach all der optischen Kargheit der letzten Tage. Sahagún war mal ein sehr bedeutendes Kloster gewesen.

Warum gingen wir jeden Abend in die Kirche? Es war  einfach eine Sammlung am Ende des Tages, eine Reinigung des Inneren, ein Einkehren, ebenso notwendig wie die Dusche für die Reinigung vom Straßenstaub, eine Nahrung für die Seele, ebenso so dringlich nährend wie das Abendessen. Wie ein Kind war ich, das abends in die Arme seiner Eltern heimkam. Ich war so klein geworden. Ich brauchte Geborgenheit und Aufnahme, auch Gutenachtlieder. Kann es sich  jemand vorstellen,  nachvollziehen, der es nicht gemacht hat, ob nun als Zuhausegebliebener oder als Pilger ohne diese Einkehr? Am Schluss der Vispera gab uns die Klostervorsteherin persönlich unseren Pilgersegen, eine sehr warmherzige Frau, jünger als alle anderen Nonnen, die wir dort gesehen hatten. Es ist schön, in die Augen dieser Frauen zu schauen. Was für eine Kraftquelle nach einem langen und heißen Pilgertag! Danke dafür!

Ein komplett bilderloser Tag bei uns, daher hier ein public domain Foto des Benediktinerinnenklosters aus Wikipedia-es

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Am nächsten Morgen wurden wir klösterlich mit gregorianischen Gesängen von Pilar geweckt. Ich bediente, wie versprochen, die Kaffeemaschine, und wir bekamen in der Dämmerung des Klosterinnenhofes ein Frühstück kredenzt. Das ist ziemlich unüblich in den Herbergen, aber wenn, dann gibt es das in kirchlichen Herbergen. Dankbar machten wir uns wieder auf den Weg. Zwei Engel sollten uns an diesem Tag begegnen.

Frühmorgens am Río Cea

Über den Río Céa führten uns die Pfeile zur Landstraße, wieder ein Tag des Sendra, extra für die Pilger angelegten Schotterweges direkt neben der Landstraße. Um unsere Füße zu schonen, liefen wir trotzdem oft auf dem Asphalt, den irgendwann drückten die Steine auch durch eine dicke Sohle. Neu gepflanzte Bäume mit einem Bewässerungssystem schenkten dem Pilger unterwegs ein wenig Schatten. Ein paar Jahre noch, und eine Allee wird gewachsen sein.

Cruz de Santiago am Rande des Sendra

Mittags kamen wir nach 18 Kilometern in El Burgo Ranero an, die Kirche war offen, eine Körper und Seele erfrischende Pause in Aussicht. Doch von Ruhe keine Spur. Eine ältere Frau und ein Mann, die die offene Kirche beaufsichtigten, waren in einen heftigen Disput verwickelt, laut und schnell, das verstand ich schon nicht mehr. Ich nahm ihr lautstarkes Gespräch, meditationstrainiert, als Atem der Erde an und ging in meinen Rosario, das brauchte ich mehr als alles andere. Santiago klärte mich später über den Inhalt ihres Wortschwalls auf, es war kein Streit: Sie hätten über einen Mann diskutiert, der nach ein paar Jahren auswärts wieder in die Heimat zurückgekehrt sei und sich nun in ihren Augen unmöglich aufführen würde und so zum Stein des Anstoßes wurde.

Ein Musiker in der Meseta - ansonsten viel Nichts

Leider fanden wir in El Burgo Ranero den Brunnen nicht, was sich als fatal herausstellte. Die weitere Strecke nach Reliegos wurde lang, lang und länger. Keine andere Wegstrecke hat sich so hingezogen, es war einfach nichts zu sehen außer Feldern, einzelnen Gehöften, wir sahen nicht wie sonst am Horizont die Anzeichen des nächsten Ortes, ein Kirchturm, ein Silo, nichts, 13 km sollten es sein. Unser Wasser ging zur Neige, was die Hitze aber nicht bemerkte und uns trotzdem weiter austrocknete.

Felder …

…Durst…

…..Hitze…..

Felder…

…Durst

….Staub….

….

Wo bleibt Reliegos?

….

Der nächste Brunnen?

WASSER!

Mann, ey!!!

Nix…

…nada…

…desierto…


…da sehen wir in der Entfernung ein weißes Wohnmobil. Tatsächlich, es war „Heinrich“, der dort Ausschau nach „Friedelotte“ hielt. Gott sei Dank! Wir baten ihn um etwas Wasser. „Heinrich“ schenkt uns einen Liter, sogar frisch gekühlt aus dem Kühlschrank. GOTT SEI DANK!! Und: was für ein Luxus! Sendra laufen, das verträgt sich gut mit Beten. Beten verträgt sich gut mit Danken. Der Rest der Strecke bis Reliegos verging wieder im Rosario. Am Eingang nach Reliegos sahen wir einige in die Erde eingelassene, grasbewachsene Gebäude. Lagerstätten? Hatte man Reliegos deshalb nicht gesehen, die Hügelchen die Häuser verdeckt hatten?

Der Platz von Reliegos bot Schatten unter Bäumen und einen Brunnen, den hatten wir hier zum Glück gleich gefunden, wenn auch eine Schar Wespen ihn umsummte. Meine Blasen mussten einfach an die Luft und ich hielt sie lange unter das kalte Wasser, besonders die inzwischen Cherry-Tomaten-große Burgosblase an meinem linken Hacken. Ein spanisches Pilger-Pärchen kam währenddessen vorbei und sie sprach mich auf meine Blase an: Die sähe ja furchtbar aus und ob sie sie verarzten dürfte. Das war mir in der Tat recht! Schnell entschlossen ging sie in die Herberge zurück und holte Nadel, Faden, Kompresse und Desinfektionsmittel. Geschickt fädelte sie einen Faden in die Nadel, desinfizierte alles, durchstach die Blase an zwei Stellen und ließ den Faden in der Blase zurück. Dann drückte sie mit der Kompresse auf meine Blase und fragte: „Todo bien? Duele?”[1] Gequält – das tat fiese weh! – antworte ich: „Si, pero es una muy buena idea!“[2] Als alle Flüssigkeit aus der Blase raus war, kam tatsächlich keine mehr zurück, der Druckschmerz beim Loslaufen verschwand. Der Faden wirkte wie eine Drainage, es konnte sich nichts mehr sammeln. GEMERKT haben wir uns das! Blasen hatten bei uns keine Zukunft mehr. Danke für diese praktische Art von Heilung, diesen Camino-Engel aus Barcelona! Ihr Mann hieß übrigens auch Santiago. Wir haben beide noch einmal in León getroffen, wo sie ihre diesjährige Etappe des Caminos beendeten.

Von ihnen erfuhren wir, dass die Duschen im Refugio in Reliegos kalt waren, da sparten wir uns das Einkehren und die Euros, um uns wieder einmal einen Schlafplatz im Freien zu suchen. Zunächst blieben wir auf einem Rastplatz zwischen Reliegos und Mansilla de Mulas. Dort war eine ausführliche Beschreibung des Cruz de Ferro und seiner Bedeutung für den Pilger aufgestellt. Es gab Bäume, eine schützende Hecke, Steintische und Stühle und eine Holzrampe, das sah wirklich gut aus für uns als Nachtlager. Doch als auch nach 20 Uhr der Baulärm hinter der Hecke des Rastplatzes nicht aufhörte, liefen wir weiter und fanden unter Bäumen auf einer Wiese nahe der Straße – ca. 1 km vor Mansilla – ein geschütztes Plätzchen für uns. Wieder baten wir um den Schutz des Erzengels Michael. Wenn wir uns in seinem Schutz befanden, nahm uns keiner wahr, das haben wir immer wieder bemerkt. Die Pilger liefen vorbei, sahen uns aber nicht. In der dunstigen und feuchten Morgendämmerung legte sich der Tau auf uns, leider auch auf unsere Stiefel. So wird man schlauer: Beim nächsten Mal würden die Stiefel im Schlafsackabteil des Rucksackes übernachten.

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[1] „Alles gut? Tut es weh“

[2] „Jaaa, aber es ist eine sehr gute Idee!“

Frisch und früh war der Morgen, ein gemütliches Café in Mansilla schenkte etwas Luxus nach der Außenübernachtung, heißer Kaffee und ein fettiges, schokoladiges Pastel schmeichelten unserer Seele. In Mansilla hatte es am Abend vorher eine große Fiesta gegeben, das war allenthalben zu sehen. Wir ließen die dicken Stadtmauern hinter uns,  über die mittel­alterliche Brücke überquerten wir den Río Esla und passierten Villamoros, Puente de Vilarente und Arcahueja mit einem steilen Aufstieg. Auch nach León hinein muss man eine Weile durch ein Industriegebiet, vorbei an vielen Autohändlern und durch die Stadt, aber es ist meilenweit besser als in Burgos, auch wenn es auf dem Weg vor kurzem gebrannt haben musste. Aufgrund der Kurzetappe von lächerlichen 20 km kamen wir sehr früh in León an. Die Herberge war wieder in einem Benediktinerinnen-Kloster untergebracht, diesmal riesig, über 200 Betten. Es war unheimlich eng zwischen den Betten. Trotzdem schmissen einige Pilger rücksichtslos ihre Rucksäcke in den Weg, so dass es für alle nur noch enger wurde. Zunächst war Wäschewaschen angesagt, eine Übernachtung draußen macht klebrig und muffig. Im Bad traf ich meine „Krankenschwester“ aus Reliegos wieder. Sie erzählte mir, dass sie Reikimeisterin ist, aber noch nicht die Lehrerausbildung hat. Ich erklärte ihr den „Marketing-Trick“, mit dem man ihr weiter Geld aus der Tasche ziehen wollte und dass sie im Grunde schon alles konnte. So hat unsere Begegnung – denke ich – uns beiden etwas gebracht.

In Flip-Flops, unseren Zweitschuhen, ging es auf zur Kathedrale von León. Auf dem Vorplatz gab es etwas zu Essen, Erbsensuppe aus dem Glas mit Aussicht auf die Kathedrale. Und was für eine wunderschöne Kirche das ist!

Catedral de León

Schon kurz nach dem Betreten der Kirche begann in einer Seitenkapelle der Gottesdienst. Und an diesem Tag verstand ich die spanische Lesung und Predigt ganz wunderbar deutlich und ohne jegliches Problem. Die Lesung war besonders für mich und meine Situation passend, denn es ging um die Nachfolge der Apostel, den Text aus Lukas 14, der auch auf der 1. Text-Seite dieses Buches abgedruckt ist: Alles aufgeben für die Nachfolge Jesu Christi. Das war die Erweckungs­nachricht für mich, der Heilige Geist hatte mir das Verstehen ermöglicht; offensichtlich erleichtert er nicht nur das Reden in fremden Zungen, sondern auch das Verstehen dieser.

Con León en León

Direkt weiter ging es in dem brechend vollen Hauptschiff der Kathedrale mit einem Rosario, der anlässlich einer Novena, einer neuntägigen Gebetsreihe, gesprochen wurde, und dieser Rosario ging dann direkt in die nächste Messe über, so dass wir die Kathedrale erst nach ca. 3 Stunden wieder verließen. Wir gaben ein wenig den Touristen, kauften uns neue Plastikregenponchos für 1 Euro in einem China-Bazar für Galizien, Pilars Berichten folgend. An einem Fotogeschäft sahen wir im Schaufenster eine große Sammlung unglaublich hässlicher Kinderbilder. Eigentlich sind ja alle Kinder schön, aber was die dort hingekriegt hatten! Da würde ich nicht hingehen mit meinem Kind!

Am Abend besuchten wir die Vispera des Klosters. Dies hier war ganz anders als in Sahagún. Zur Überbrückung der Wartezeit hatten die Hospitaleras die Pilger aufgefordert, nationenweise Lieder zu singen. Zuerst war eine Gruppe von polnischen Radpilgern an der Reihe, dann forderten sie die Deutschen auf zu singen. Wir mussten uns auf ein Lied einigen und eine Frau schlug vor: „Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen“ zu singen, das wäre zwar eigentlich ein Geburtstagslied, aber es passte auch zu unserer Situation „auf all unseren Wegen“ „viel Glück und viel Segen“ zu haben. Anschließend holte uns eine Benediktinerin, eine entschiedene und ganz patente Nonne, ab und übte mit uns ein wenig für die Gesänge der Vispera. Mit den Worten „más o menos“ (na ja, mehr oder weniger!) brach sie irgendwann diese Übung ab, die Frau hatte Humor. Der Spruch ist noch heute ein geflügeltes Wort bei uns. Warum wir jedoch das Geburtstagslied gesungen haben, erfuhren wir in der Vispera. Es war der Geburtstag der Santa Maria Virgen und wir hatten ihr mit dem Lied unser Geburtstags­ständchen gesungen.

Feliz Cumpleanos, Santa María! Gloria Dei...

In diesem Gottesdienst trafen wir auch die verzückte Brasilianerin mit der Riesenblase aus Belorado wieder. Sie quetschte sich ganz zum Schluss neben mich in die Bank und verfledderte immer wieder suchend mein Liederheft, ohne etwas zu finden, wenn sie gerade nicht ihren piepsenden Fotoapparat benutzte, den sie der Vorsteherin sogar direkt blitzend ins Gesicht hielt. So viel Selbstversenktheit habe ich selten erlebt, ein ganz anderes Temperament als meines, das hätte ich mich alles nicht getraut.

Die Vorsteherin erteilte uns abschließend den Pilgersegen. In ihr habe ich eine erleuchtete Frau gesehen, ihr inneres Leuchten, ihre zurückhaltende, beseelte Schönheit und ihre Sanftmut strahlten so weich und doch unerschütterlich aus ihrem Gesicht, aus ihren Augen, aus ihrer Haltung. Sie war sicher ein glück­licher Mensch in Gott. Danke dafür!

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Zwei ungleiche Pilger in León

Am nächsten Morgen besuchten wir die sonntägliche Frühmesse in der Kirche San Isidro in einer dunklen, urigen

Prächtiges León

Seitenkapelle, dann rief uns wieder der Camino. Pilgern ist eine Zeit ohne jegliches Wochenende, seit Burgos ist schon wieder eine Woche vergangen. Man bricht wirklich jeden Tag wieder auf und geht weiter und weiter und weiter. An diesem Tag habe ich besonders eine Ruhepause, eben Wochenende, vermisst, doch das ist auch Pilgern.

Die Orte nach León sind hauptsächlich Straßendörfer, der Weg begleitet die Landstraße N 120 auf weiten Teilen. Klingende Ortsnamen,  La Virgen del Camino, Valverde de la Virgen, San Miguel del Camino, Villadangos del Páramo, San Martin del Camino.

Nickerchen in St. Martin del Camino

An diesem Tag rief mich das erste Mal mein Sohn auf dem Handy an. Lange hatten wir uns nicht gehört! Meine Lebensgeister erwachten, na endlich! Es geht ihm gut, die Schule hat angefangen, er ist eine Klasse höher als erwartet. Santiago und ich liegen zu diesem Zeitpunkt auf einer Wiese im hohen Gras unter Bäumen, damit wir wenigstens ein wenig das Gefühl von Sonntagnachmittag bekommen. Das Sendra- und Landstraßengelaufe geht uns reichlich in die Füße. Irgendwann ging uns wieder das Wasser zur Neige, dabei waren es noch 8 km bis Hospital d’Orbigo. „Ich brauche eine Quelle“, das war mein Wandertakt. Bald tauchten am Sendra Moras auf, Brombeerbüsche. Reichhaltig gab es die dunklen, großen, reifen Beeren. Vitamin C und Feuchtigkeit, wenn auch kein Wasser, so doch ein süßer Ersatz. Die Moras halfen mir, bis Hospital d’Orbigo durchzuhalten, wo wir erst recht spät am Abend ankamen.

Orbigo

Die zwanzigbögige römische Brücke über den Orbigo führte uns hinein in das traditionsreiche Pilger-Städtchen.

Die vielbögige Brücke über den Orbigo in der Abendsonne

Die Pilgermesse war gerade zu Ende, als wir vor der Kirche eintrafen, schade! Neben der Kirche fanden wir eine der schönsten Herbergen am Camino, auch ein parroquiales Haus. Eine deutsche Gemeinschaft namens „Karl Leissner“ unterstützt dieses Haus mit und sorgte für ökologisch-hölzerne Doppelstockbetten und eine Solar-Warmwasserbereitung.

Traum-Herberge in Hospital d'Orbigo

Der Innenhof empfing uns mit einem zugedeckten Brunnen voll Obst und Gemüse, wo wir uns bedienen durften! Insbesondere die grünlichen Reneclauden hatten es mir angetan! Immer wieder fand ich mich dort wieder, um diese seltene Köstlichkeit, die uns Pilgern dargeboten wurde, zu naschen. Der Brunnen mit gusseisernem Zuggestell lag in einem lauschigen Innenhof mit gemütlichen, mit grünen Kletterpflanzen umwachsenen Sitzplätzen unter einer mit weißblau eingefassten Butzenscheiben verglasten Hochveranda am oberen Stockwerk. Weiße hohe Staudenblumen und liebevoll dekorierte Blumentopfe begrüßten und begleiteten duftend die Pilger, die in Grüppchen in den Abend hineinplauderten. Ein Wandgemälde mit einer Berglandschaft bedeckte eine sonst leere Wand. Wir wurden von anderen Pilgern angesprochen, die uns freundlich begrüßten, als ob sie uns kennen würden. Erst nach ein paar Momenten fiel der Groschen, es waren die belgischen Hospitaleros Volontarios aus Los Arcos, die sich noch eine Teiletappe des Caminos vor der Rückkehr nach Hause gegönnt hatten.

Wir kochten uns aus in der Küche vorhandenen Vorräten Nudeln mit Gemüse vom Brunnen, und als wir noch hungrig waren, „Spagetti Ajo y Aceite“. Eine Brasilianerin mit hüftlangen Haaren ermahnte uns eindringlich, die Küche ordentlich zu verlassen, was wir längst getan hatten. Das warme Wasser der Solarduschen war leer geduscht. Während Santiago kalt duschte, kochte ich mir, nicht willens auf zumindest lauwarmes Wasser zu verzichten, einen Topf Wasser auf. Mit einer Waschschüssel und einem Plastikbecher kam ich zu meiner warmen Behelfsdusche. Noch im Dunkeln beteten wir im Garten den vierten und letzten Rosario, an diesem Tag für Giovanni, Santiagos älteren Bruder. Wir hörten das Schnauben eines Pferdes. Im Garten war  ein Pferd einer Pilgerin untergebracht, wie wir hörten. Ein berittener Camino geht also auch.

Aufbruch am Morgen in Hospital d'Orbigo

Um 8 Uhr war die freundliche Herberge zu verlassen. Als wir um halb acht Licht im Schlafraum machten, hatte die Brasilianerin wieder schnell eine Ermahnung bereit; sie deutete auf eine Pilgerin, die noch schlief. Da auch sie um 8 Uhr raus musste, dachten wir, es wäre kein Fehler, wenn sie nun aufwachte und ließen das Licht an. Nach einem Tag mit viel Landstraße ging es an diesem Tag wieder mehr über Land, einen angenehmen, augen- wie fußschmeichelnden, natürlichen Camino. In den folgenden Dörfern Vilares de Órbigo, Santibánez de Valdeiglesias, San Justo de la Vega gab es viel Landwirtschaft, jedoch keinen Laden, Frühstück musste warten. Die Landschaft war – nach der Meseta – abwechslungs­reich: Felder, Wiesen mit hohem Gras, Eichenwäldchen, Obstbäume und kleine Viñeros, Brüche mit leuchtend orangefarbener Erde.

Steinbruch hinter Hospital d'Orbigo

Anstiege waren inzwischen Routine, keinen Widerstand gab es mehr in mir, einzig das Reden stellte ich an solchen Strecken ein, um mehr Luft zu haben. An einem Kreuz auf der Passhöhe legte sich uns Astorga zu Füßen, das wir am späten Vormittag erreichen sollten.

Da hinten liegt irgendwo Astorga!

Dort hielten wir eine Art Brunch im Schatten der Kathedrale und des Gaudi-Bischofspalastes dank eines nahen Supermarktes. Kurz „besuchten“ uns zum Abschied die zwei Hospitaleros, deren Reise hier zu Ende war. Sie wollten von Astorga aus die Heimreise antreten. Die Kathedrale war für „Culto“, für das Gebet schon geschlossen. Drei Euro Eintritt war uns zu teuer, keiner ließ sich erweichen. Sehr schade auch! So ließen wir Astorga schneller hinter uns als erwartet. Die Mittagshitze setzte brütend ein, bildete eine dicke Wand, die das Fortschreiten lähmte.

Voll fett - Die Kathedrale von Astorga

Eintritt nur für Touristen - nicht für Peregrinos

In Murias de Rechivaldi durchtränkten wir uns Haare und T-Shirts mit dem kalten Wasser des Pilgerbrunnens, damit die Verdunstungskälte uns das Weiterlaufen erleichterte. Der Weg führte ganz leicht aufwärts, ohne dass es uns belastete. Die Landschaft, genannt Maragatería, bot weite Aussicht über Büschen und kleinen Bäumen.

La Maragateria

Die alten Häuser und Örtchen in rötlichen Erdfarben waren weithin sichtbar. Irgendwann überholte uns die Brasilianerin mit leichtem Gepäck, ihr hinterher lief ein schwer mit Einkaufstüten und mehr bepackter junger Mann mit Rastalocken. So geht es auch! Unsere Rosarios an diesem Tag waren Santiagos Schwester Catalina gewidmet; überrascht waren wir, als wir uns dann vor dem Ortschild von St. Catalina de Somoza wieder fanden, für sie machten wir schnell ein Foto.

Schöne Grüße an Catalina in Barcelona aus St. Catalina de Somoza: Oremos para ti!

Die Brasilianerin und ihr Adlatus blieben in St. Catalina, wir wollten noch weiter laufen, mindestens bis El Ganso, „der Ganter“.

In der kleinen, lehmfarbenen Herberge von El Ganso, einem bis auf eine Cowboybar unscheinbaren kleinen Ort mit alten Häusern und viel Eingestürztem trafen wir trotz Rufens keine Menschenseele an. Auf einem Schildchen lasen wir: 8 Euro für die Übernachtung, das war nicht unsere Hutgröße. Bis Rabanal noch 7 km laufen? Nein, auch das nicht mehr heute, dafür hatte die Sonne zu sehr unsere Kräfte verbrannt. Eine weitere Nacht unterm Sternenhimmel war unsere. Das Wetter war warm und hinter El Ganso fanden wir einen bewachsenen breiten Weg zwischen zwei mit Steinmauern abgetrennten Gärten, wo wir einen geschützten Platz im weichen Gras ausmachten. Erst picknickten wir, ein paar Frauen mit großen Hunden kamen auf ihrem Abendspaziergang vorbei. Später richteten wir uns auf die Nacht ein, baten erneut um Schutz für unseren Platz.

Im Dunkeln neigte sich die Kälte auf unseren Weg in einer Senke herab und ganz dicht schmiegten wir uns aneinander; wir waren jetzt schon wieder auf 1000 m Höhe, die Ausläufer der Montes de León nahten. Während der Nacht hörten wir oft die Hunde ganz nahe bellend an uns vorbei durch das Dorf laufen, doch sie störten und stöberten uns nicht auf. Immer wieder wachte ich auf und blickte empor. Ein Märchen war der tiefdunkle, funkelnde Sternenhimmel der Neumondnacht; seit Pamplona und dem goldenen Vollmond waren schon zwei Wochen vergangen. Immer, wenn ich die Augen aufschlug, war in tiefer Klarheit ein anderes Sternzeichen über mir, berückend und beruhigend, der ewige Kreislauf des Himmels zog sichtbar an meinen Augen vorbei und begleitete unsere Nacht mit leuchtenden Engelsaugen. So hatten sich den Menschen in der Vorzeit der Himmel und das Firmament erschlossen. Mit unseren sicheren, verdunkelten Schlafzimmern in den nachtbeleuchteten Städten verpassen wir den Zauber Seines Himmelzeltes, der ewigen Präsenz der unendlichen Größe der Schöpfung!

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Ein frisch-kalter Morgen, ein früher Aufbruch! Heute war die nächste Bergüberquerung dran, das Cruz de Ferro auf 1500m, der höchste Punkt des spanischen Jakobsweges, 500 Höhenmeter noch bergauf und dann noch mal bergab. Die ersten Kilometer auf einer weitgehend leeren Landstraße inmitten von Heidelandschaft und kleinen Baumgruppen war ein Camino zum Küssen: Stille, weite Sicht, die Bergkulisse, Lauflust pur!

Wir kamen an einer riesigen Eiche vorbei, so groß wie ein Einfamilienhaus! Auf einem Zaun davor fanden wir vermeintlich die Spuren eines Pilgerschicksals in Filzstift auf Holz: „Zapatero!!! Anti-Christ! Anti-Judío! Anti-Todo!“ was soviel heißt: „Zapatero!!! Anti-Christ! Anti-Jude! Anti-Alles!“ Das war schriftlich geschrieen. Zapatero ist, wie ich heute weiß, Ministerpräsident von Spanien.

Santiago und die Rieseneiche bei Rabanal

Erst hatte ich gedacht, das Wort Zapatero meint tatsächlich Schuster (Ist das peinlich!).  Und da hätte ich den Satz noch viel besser verstanden. Es ist einfach so: wenn die Schuhe nicht stimmen, versaut es einem den ganzen Weg. Die Stiefel waren unsere Wohnung für die zwei Monate, unsere Füße unser entscheidendes „Werkzeug“ des Pilgerns. Wenn die Füße ausfallen, geht es nicht weiter, wenn die Füße schmerzen, wird jeder Schritt zur Qual. Meine Stiefel hatte ich inzwischen eingepilgert, doch ich erinnerte mich noch gut an die erste Zeit in Frankreich und die ersten Abstiege. Santiago hatte anfangs keine Fußprobleme, er trug seine Tanzschuhe, die Schuhe, die er trug, als ich ihn kennen lernte! Es waren zwar halbhohe Lederschuhe, doch die Sohle war auf die Dauer nicht dick bzw. stabil genug, um den Fuß vor spitzen Steinen auf dem Weg zu schützen, daher trat ich ihm meist den ebeneren, steinloseren Weg ab, wenn wir nebeneinander wanderten.

Rabanal ist eine Sirga, ein Ort wie eine Perlenkette. Ein Weg, links und rechts Häuser. Trotz der frühen Morgenstunde war die Kirche schon offen, wenn auch mit einem Gitter geschützt, vor dem für die Pilger einige Bänke standen. Wir beteten unseren ersten Rosario des Tages, heute für Santiago, in beschaulicher Ruhe. Im Lädchen von Rabanal erstanden wir unser Frühstück und konsumierten es gleich auf dem Steinbänkchen davor. Nachkommende Pilger, auch die Brasilianerin mit ihrem Adlatus zogen an uns vorbei.

Hinter Rabanal entdeckten wir auf dem Weg eine kleine Steinstatue des heiligen Santiago, in einer Natursteinmauer eingelassen. Die Statue kannten wir schon, sie war auf einem Poster für eine Ausstellung über den Camino in Ponferrada, die sich „Yo camino“ – ich laufe –  nannte. Sie war viel kleiner, als wir erwartet hatten. Hier entstand das für mich schönste Foto von dem Pilger Santiago auf dem Camino, das oben in der Bildleiste auch immer zu sehen ist.

Trotz des Aufstieges schritten wir beide an diesem Tag locker aus, die höchste Erhebung des Caminos war nicht so anstrengend wie der Weg nach Roncesvalles oder später am Cebreiro. Die Strecke kam uns kurz vor, die Kilometer schwanden schnell unter unseren Füßen.

Weiter sanft bergauf nach Foncebadon und zum Cruz de Ferro

Die Frische der Höhe war ein willkommener Kontrast zur Hitze des vorangegangenen Tages. Der Ort Foncebadón war sehr beeindruckend, Paulo Coelho hatte über diesen Platz eine spannende Hundeszene geschrieben.

Am Kreuz von Foncebadón

Ein zerfallenes Dorf inmitten der Hochebene, einige Häuser zwar sichtbar bewohnt, doch auch diese nicht weniger ruiniert. Die lokale Herberge, eine mit Verpflegung, war sehr urtümlich. Ein hochgewachsener Spanier im Alternativlook und seine rührige Mutter sorgten in dem Gastraum mit Küche für die Pilger. Sie bearbeitete mit einem scharfen Messer einen großen Schinken in seinem Schneidehalter, die Scheiben wurden im Halbrund herausgeschnitten, um Bocadillos con Jamón[1] zu reichen. Das obere Stockwerk beherbergte die Schlafplätze. So war es sicher vor vielen Jahren in den meisten Pilgerherbergen gewesen. Eine Thermoskanne mit Kaffee stand auf dem Tisch, man konnte sich bedienen und eine Spende zurücklassen. Das war für mich eine gute Pause!

Am Cruz de Ferro

Gegen Mittag tauchte es vor uns auf, das Cruz de Ferro: Ein Holzmast mit einem kleinen Eisenkreuz darauf, auf einem ca. 10 m hohen Steinhaufen. Davor ein Parkplatz mit Bussen. So einfach kann man also auch hierher kommen! Der Steinhaufen war gerade belegt, der erste Unterstand dort war von einer großen Gruppe lautstarker Pilger besetzt. So setzten wir uns in den zweiten, überdachten Rastplatz ins Abseits, um uns auf das Ablegen unserer Steine einzustimmen. Wir beteten unseren zweiten Rosario des Tages. Da ich von dieser Camino-Tradition gelesen hatte, hatte ich mir einen Herzstein aus meinen letzten Urlaubstagen mit meinem Sohn mitgebracht. Trotzdem hatte ich auf dem Camino immer weiter Herzsteine gesammelt. Das machte ich schon seit Jahren, vor allem im Urlaub am Strand, ich habe eine ganze Sammlung. Irgendwann hatte sich unterwegs auch Santiago diese Angewohnheit zu Eigen gemacht und eine erkleckliche Anzahl von Herzsteinen gefunden. Das Prachtstück war ein großer dunkelockerfarbener Herzstein, über eine Hand groß, den er nun schon über zwei Tage lang in der Hand getragen hatte.


Steine wegwerfen hat seine Zeit

Als sich der Trubel am Kreuz gelegt hatte, schritten wir gemessenen Schrittes hinauf, erst Santiago, der lange dort oben verharrte und mit viel Sorgfalt seine Herzen auslegte. Sein tief gerührtes Gesicht sah ich, als er herabstieg. Nun stieg ich hinauf, und dieser besondere Ort holte auch mich ein. Ablegen, abgeben, loslassen, hier war es dran, an Ihn alles abzugeben. Jeden einzelnen Herzstein hatte ich einer Person, einer Beziehung, einem Kreuz gewidmet. Jeden legte ich mir ans Herz und gab das Vergangene, Loszulassende, zu Vergebende in diesen Stein hinein. Mein Herz schmerzte und wurde gleichzeitig offen. Mir stiegen die Tränen in die Augen, die Kehle wurde mir eng. Noch unterdrückte ich das Weinen, ich stieg wieder hinab zu Santiago.

Zusammen kehrten wir wieder zu unserem Sitzplatz zurück, setzten uns eng aneinander und dann flossen bei uns beiden die Tränen – endlich. Was raus muss, das muss raus, auch im geistig/emotionellen gibt es den Energieerhaltungssatz. Wir halten in uns fest, was wir noch nicht zugelassen und ausgedrückt haben. Erst wenn wir es dann ausdrücken, dann kann es auch gehen, uns verlassen. Hier hat Er von uns in der Form der Steine angenommen und uns zur Erleichterung, Entlastung und Lösung die Tränen geschickt. Wir lassen es geschehen, geben uns hin, dafür sind wir hier. Unser Platz ist geschützt, keiner kommt, um uns in dieser Zeit zu stören.

Prediger 3 (Lutherbibel 1984):

Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit!
1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: 2 geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; 3 töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; 4 weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; 5 Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; 6 suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; 7 zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; 8 lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

Tränen sind anstrengend und machen leer. Benommen machen wir uns auf den Weg. Doch schon nach wenigen 100 Metern ist die neue, große Leichtigkeit zu spüren; und das lag nicht nur an den paar Steinen, die nun nicht mehr im Rucksack zu tragen waren, Tränen nahmen uns auch Gewicht ab, nämlich die Steine, die uns durch das Weinen vom Herzen fallen. Sie entsorgen das Salz in der Seele.

Aus einem der Busse war eine Reisegruppe geklettert, die auf ihrer Busrundreise nun den Programmpunkt „Pilgern auf dem Jakobsweg“ bewältigten. Sie pilgerten vom Cruz de Ferro nach Manjarín, so ca. 2,5 km leicht bergab auf dem befestigten Seitenstreifen, von der Straße durch Ginsterbüsche getrennt. Sie trugen Halbliterfläschchen mit Wasser, Sandalen oder Freizeitsneaker. Was uns anrührte: alle trugen hübsche gelbe Schärpen und ein Namensschild. Trotzdem überholten wir sie mit unseren schweren Wanderstiefeln und Rucksäcken im Nu. Sie freuten sich sicher, echte Pilger zu sehen, fotografierten uns im Vorbeigehen. Wir jedoch waren nicht mehr zu halten.

Wir spielten die ganze Zeit „Busreiseveranstalter“, die sich die verschiedensten, kostenpflichtigen Extras zu den Zielen und Aktivitäten ausdachten und mit einer Menge individueller Charaktere und Persönlichkeiten umzugehen hatten. Insbesondere Frau Schiller samt Neffen und die ewig flirtende Frau Müller sind mir in Erinnerung geblieben, wahre Busterroristen. Nie konnten sie bei der Gruppe bleiben oder das tun, was für uns praktisch und daher verabredet war. Wir lachten, bis wir uns den Bauch hielten. Auf dem Camino  begegneten wir ihnen an den verschiedensten Touristenattraktionen wieder, besonders, wenn wir bunte Schärpen sahen. Und ja, wir schämen uns, auch auf dem Kreuzweg in Fátima überkam es uns kurzzeitig und wir mussten Frau Schiller doch noch mehrfach deutlich zurechtweisen: „So geht das nicht! Insbesondere hier nicht, das ist doch völlig ohne jede Pietät!“

Santiago - Roma - Jerusalem - Wohin immer unser Herz uns tragen mag!

Vorbei an Manjarín, vorbei an dem knallebunten Wegweiser. Es sind genau noch 222 km bis nach Santiago, 2475 km bis nach Rom, 5000 km bis nach Jerusalem und 9453 bis zum Machu Pichu in Perú: An allen diesen Orten werden wir sicher noch einmal landen!

Am folgenden Anstieg konnte sich mein Andinischer Steinbock nicht mehr beherrschen. Der Pilgerweg führte in einem Halbkreis um den Berg herum, ein anderer Weg führte steil über den Gipfel. Santiago musste seinen Gipfel, den Cerezeales auf 1532 m erklimmen, den höchsten Berg hatte er für sich allein. Ich wählte die gemäßigtere Strecke. Jedem, was er braucht! Wir trafen uns auf der anderen Seite wieder, ich zufrieden, er überglücklich. Und sofort begann auch Frau Schiller wieder mit ihren Sperenzien und kichernd setzten wir Fuß vor Fuß. Vor uns breitete sich ein unglaubliches Panorama aus. Während wir durch Flechten, Ginster, duftende Gewürzkräuter und trockenes Gras schritten, konnten wir vor uns die Strecke der nächsten 3 Tage sehen, und die umliegenden Gipfel der Montes de León.

Montes de León - Ginster & Co.

Das liebliche Bierzo lag nun vor uns. Wir hatten von diesem Teil Spanien noch nie etwas gehört vorher. Der Bierzo ist ein bezaubernder Talkessel, in dessen Mitte die Stadt Ponferrada liegt. Wir sahen die Stadt in der Ferne, eine Dunstwolke schwebte über ihr.  Die Orte ähnelten denen im Schwarzwald oder in Südtirol, Häuser aus Naturstein, teilweise mit Fachwerk, Holzveranden im 1. Stockwerk, heimisch, niedlich, ein Augenschmaus. Während der Aufstieg heute sehr gemächlich und schonend von statten gegangen war, merkten wir den Abstieg deutlich in unseren Knien, 300 Höhenmeter auf 3 Kilometern. Und so bewirkten unsere Knie ein frühes Pilgerende in El Acebo, einem bezaubernden Bergdorf. Vor einer Kneipe saß ein deutscher Pilger. Als er Santiagos Zampoña sah, forderte er ihn gleich auf, doch etwas zu spielen. Mit „Fünf Euro!“ wiegelte Santiago ab, wir waren reif für die Herberge.

Auch hier fanden wir ein parroquiales Haus, sauber mit exzellent ausgestatteter Küche und einem Hinterhof zum Wäschewaschen. Im Essraum fand ich einen Stapel mit Bibeln in verschiedenen Sprachen, wo ich endlich einiges nachsehen konnte, was mir bisher aufgefallen war. Die Rosario-Geheimnisse, die Nachfolge Christi aus der Messe von León. Die kleine Kirche war für ein Abendgebet offen, dann spazierten wir zu einem großen Holzkreuz an einem Abhang am Rande von El Acebo, wo sich uns das Tal mit einem fantastischen Ausblick im Licht eines tiefroten Sonnenuntergangs zu Füßen legte. Wir lagerten auf den Steinen am Fuße des Kreuzes. In Santiago kamen wieder Gefühle und die Tränen vom Besuch am Cruz de Ferro hoch und ich legte ihm die Hände aufs Herz. Er beruhigte und fasste sich, die Schmerzen verklangen. Jetzt gab es nur noch die Abenddämmerung des Bergdorfes, Stille und unsere Schicksalsgemeinschaft. Doch kurz darauf klingelte das Handy, Santiagos Mutter war dran. Wie schön für ihn an diesem Tag!

Trotzdem gab es eine frühe Nacht nach einem körperlich und seelisch anstrengenden Tag. Ich räumte Santiago mein Bett an der Wand, damit er ein wenig mehr für sich wäre und übernahm sein quietschendes Hochbett weiter in der Raummitte. Auf dem Flachbett neben mir lag ein älterer Pilger. Als das Licht verlöscht war, ließ er unglaublich laut die Luft fahren, was ich mit einem hörbaren „Na so was!!!“ kommentierte. Wer’s nicht glaubt: Das machen die da, völlig ungeniert! Echt!

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[1] große Schinkenbrötchen, ähnlich wie Baguette

morgendlicher Abstieg von El Acebo - schöne Grüße von unseren Knien...

Recht früh brachen wir nach einem freundlichen Frühstück heute auf: 600 m Abstieg durch steindurchsetztes Buschland war die erste Herausforderung des neuen Tages. Irgendwo in der Nähe von Riesgo de Ambros kam uns der nächtliche Pupser entgegen, er steigt wieder auf!?  Schon gegen 9 Uhr erreichten wir Molinaseca, ein Städtchen mit grauen Natursteinhäusern. Eine lange, vielbögige Steinbrücke führt über den malerischen Fluss.

Ich find's schön in Molinaseca!

Alle Kirchen waren geschlossen, wir waren wohl zu früh. Durch enge Gassen mit Balkons aus Holz, mit Butzenscheiben verglast oder schmiedeeisern verziert, und gemütlichen Cafés durchquerten wir den stimmungsvollen Ort.

Beschauliche Gassen in Molinaseca - auch ein Pilgersegen!

Schade, wäre man mit dem Auto unterwegs, würde man hier wohl eine Nacht bleiben und Molinaseca in Ruhe genießen. Doch um 9 Uhr morgens, da hält kein Pilger an.

La bonita Molinaseca

An der Straße entlang und später in einem großen Bogen um die Stadt geht es nach Ponferrada, die Stadt, die wir schon von den Bergen aus im Tal gesehen hatten.  Da der Morgen noch frisch ist, haben wir einen kräftigen Schritt am Leib. Plötzlich kommt uns der Pupser schon wieder entgegen. Wie hatte er das gemacht? Über eine große Brücke, auf spanisch EL Puente, geht es in die Stadt hinein. Dieser Artikel ist für mich immer schwer zu merken. Zwei wichtige Caminoworte sind fast gleich, puente=Brücke und fuente=Brunnen, doch es heißt el puente und la fuente. Santiago macht es viel Freude, mich mit meinem Spanisch aufzuziehen und nachzuäffen. Invierno, Infierno, Bierzo, all diese Wörter spreche ich für seine Ohren so ungewöhnlich aus, dass er sie immer wieder wiederholt, und ich kann da eigentlich gar nichts dran finden!

Ponferrrada liegt auf 500 m, über 1000 Meter Abstieg haben unsere Knie bewältigt. Bald erreichen wir die Innenstadt mit der mächtigen Templerburg. Zunächst ist sie für die Besichtigung nicht geöffnet, später entdecken wir, dass der Eintrittspreis mal wieder außerhalb unserer Reichweite liegt. Vor allem Santiago hätte sie gern gesehen, da er schon viel über die Templer gelesen hat. In der Basílica de Nuestra Señora de la Encina und der Iglesia de San Andrés ist nun endlich die große Pilgerausstellung, deren Plakate wir schon so häufig unterwegs gesehen hatten:

Yo Camino.

Ich laufe. Die Basílica ist als Kirche ganz außer Betrieb. Für Pilger ist gut gesorgt, es gibt kostenlos einen beaufsichtigten Abstellplatz für unsere Rucksäcke. Kostbare Kirchengüter, Statuen vor allem von Jesus und Santiago, Malereien und historische Bücher aus ganz Spanien und vielen Epochen zeigen uns einen enormen Ausschnitt der Kulturgeschichte des Caminos. Eine Multimedia-Schau zeugt vom Leben der Kirchen-Künstler. Das Alter des Caminos, die enorme Zeitspanne des christlichen Glaubens war hier so greifbar, in jedem Exponat und im Geiste des Raumes, in dem die Ausstellung untergebracht war. Es hat sich bewahrheitet in all dieser Zeit, dass der christliche Glauben von Gott stammt, wie es einst Gamaliël im Hohen Rat in den Raum gestellt hatte.

Apostelgeschichte 5 (Einheitsübersetzung):

34 Da erhob sich im Hohen Rat ein Pharisäer namens Gamaliël, ein beim ganzen Volk angesehener Gesetzeslehrer; er ließ die Apostel für kurze Zeit hinausführen. 35 Dann sagte er: Israeliten, überlegt euch gut, was ihr mit diesen Leuten tun wollt. 36 Vor einiger Zeit nämlich trat Theudas auf und behauptete, er sei etwas Besonderes. Ihm schlossen sich etwa vierhundert Männer an. Aber er wurde getötet und sein ganzer Anhang wurde zerstreut und aufgerieben. 37 Nach ihm trat in den Tagen der Volkszählung Judas, der Galiläer, auf; er brachte viel Volk hinter sich und verleitete es zum Aufruhr. Auch er kam um und alle seine Anhänger wurden zerstreut. 38 Darum rate ich euch jetzt: Lasst von diesen Männern ab und gebt sie frei; denn wenn dieses Vorhaben oder dieses Werk von Menschen stammt, wird es zerstört werden; 39 stammt es aber von Gott, so könnt ihr sie nicht vernichten; sonst werdet ihr noch als Kämpfer gegen Gott dastehen.

Durch einen Sternengang, ein langer Korridor mit Sternenhimmel, mit den Namen aller Orte des spanischen Jakobsweges läuft nochmals unsere bisherige Wegstrecke namentlich und im Geiste vor uns ab und wir waren stolz auf uns, wie weit wir schon gekommen sind. „Bald sind wir in Galicien!!!

Am Fuße der Templerburg ist der Ausgang der Ausstellung, dort setzten wir uns im Schatten auf die Mauer für ein ausführliches Mittagsmahl, diesmal gibt es sogar Avocado zum Brot, Luxus! Viele spanische Bustouristen schlenderten an uns vorbei, wir wurden wieder fotografiert mit dem Burgpanorama. Es war heiß geworden, reichlich heiß.

Templerburg in Ponferrada

Bald brechen wir auf und entdeckten ein Grafitti, dem wir von Herzen zustimmen können, vor allem nach dem Camino:

“Vive como piensas, o acaba pensar como vives!“

Leb, wie du denkst, oder hör auf, darüber nachzudenken, wie du lebst.

Wie wahr! Vom Gedanken machen ändert sich nichts, nicht nur träumen, sondern machen, so wie wir mit unserem Camino! Wir wollten ihn, wir schafften ihn…

In der Hitze der Siesta-Zeit schwitzten wir uns durch die Stadt. Eine Senke wie der Bierzo hat ein ganz eigenes Klima, wenig Wind, hohe Luftfeuchtigkeit. Fällt erst einmal ein Wetter herab, so bleibt es. Bald wurde der Weg aus Ponferrada heraus recht freundlich, durch Gärten und kleine Parks. An jedem Brunnen, in Columbrianos, in Fuente Nuevas und in Camponaraya hielten wir an und durchnässten Haare und T-Shirt als Hitzeschutz, selbst wenn die Leute sich wunderten.

Camponaraya

Wir  tranken große Mengen Wasser. Durch flaches Land und später viele Viñeros hatten wir eine erholsame Etappe. Wir kosteten ein paar Weintrauben am Weg, von weitem sahen wir große Weinkellereien des Bierzo. Unser Zielort Cacabelos beherbergte eine mittelalterliche Altstadt, es war eine echte Freude, sie zu durch­laufen. So wünschten wir uns Camino. Als wir eine Brücke überquerten, kamen uns Pilger auf abendlicher Stadterkundung entgegen: „Na, ob ihr noch ein Bett kriegt, die Herberge ist, denk ich, schon voll!“ Dank unseres guten Gottes bekamen wir das letzte Zimmer der Herberge, später ankommende Pilger schliefen auf Bänken und Matratzen im Innenhof. Die Herberge in Cacabelos ist als hölzerner Flachbau rund um die Kirche Nuestra Señora de la Quinta Angustia herumgebaut und bot mal wie­der Zweibett­kammern, allerdings nur abgeteilt durch Bretterwände, die nicht bis zur Decke reichten, so dass zumin­dest eine akustische und olfaktorische Gemeinschaft mit den anderen Pilgern bestand.

Auch wir gingen zum Einkaufen noch in die Stadt, ich wollte jedoch nur trinken, und zwar kein Brunnen­­wasser mehr, mir war nach bitzeliger Kohlensäure und Geschmack im Getränk, um den fiesen staubigen Schleim in meinem Mund loszuwerden, der sich durch den heißen Nachmittag auf meinen gesamten Rachenraum verteilt hatte. Auf dem Kirchhof stand ein Walnussbaum und wir fanden viele, viele reife Walnüsse, sehr nahrhaft für den amen Pilger: Linolsäure, Kalium, Magnesium, Eisen, Kupfer, Zink, Mangan, Vitamin B1, B6 und E!

Bei der Abendmesse in der Kirche waren viele Damen aus dem gegenüberliegenden Altersheim anwesend. Viele von ihnen himmelten ganz augenscheinlich den stattlichen Padre an, der, sich dessen bewusst, eine sehr anregende, ausdrucksvolle Messe zelebrierte. Eine frühe Abendeinkehr und lange, trennende Gespräche in unserer Klausurzelle führten in eine unruhige Nacht, in der sich das erste Mal das Kruzifix von meinem Rosario löste. Oje!

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Wir brachen in Cacabelos im Dunkeln auf, da wir so weit wie möglich an den Cebreiro heranlaufen wollten, um ihn am nächsten Morgen dann frisch zu überqueren. Ich hatte den letzten Abend noch nicht verdaut, und mit meinen Füßen liefen weiter die Tränen.

Villafranca del Bierzo - Santiagokirche - auf der Rückseite ist die Puerta de Perdón

Wir kamen durch das schöne Villafranca de Bierzo an der Puerta de Perdon[1] vorbei, doch wir waren natürlich noch fit. Ein vorzeitiges Perdón war für uns unnötig, sie war auch verschlossen. Im Refugio Fenix, einer von einem Brasilianer betriebenen gemütlichen Herberge, kauften wir uns ein neues Credencial, denn unseres war inzwischen voll von Sellos/Stempeln.

Am Ausgang von Villafranca del Bierzo

Tag der Pilgerdenkmäler

Den ganzen Morgen sprachen wir über das Thema Leere und Fülle auf dieser Erde und wie sie zurzeit die großen Probleme über unsere Welt brachte; über das Wesen und die Natur des Teufels. Der Camino ermöglicht, ein Thema wirklich über Stunden von allen Seiten zu beleuchten.

Der Weg stieg stetig bergan, denn heute sollte die letzte große Bergetappe kommen, doch der erste Teil des Weges war nicht schwer. Wir umwanderten die Autobahn, die sich in die Berge schraubte, an Pereje, Trabadelo,  La Portela de Valcarce, Ambasmestas vorbei.

Erst in Vega de Valcarce, nach 25 km, konnten wir Frühstück einkaufen und so hatte ich einen ganzen Tag – bis auf die Wallnüsse – gefastet, da ich am Abend vorher in Cacabelos nicht essen, sondern nur trinken wollte. Allerdings stand an diesem Tag andere Nahrung zur Verfügung, da viele Kirchen offen gewesen waren.

Ein heißer Tag...

Santiago und Santiago - Beim Stempeln des Credencials in Vega de Valcarce

Über kleine Straßen führte der Weg weiter durch Dörfer Ruitelán und Herrerías, vorbei an Obstbäumen und alten Häusern und einem Kapellchen, eine beschauliche Strecke nach der Zeit an der Autobahn.

Am Fuße des Cebreiro rasteten wir nach einer bisherigen Tagesdistanz von ca. 30 km noch an einem Bach und kühlten unsere Füße im klaren, eiskalten Wasser.

Ständchen am Fuß des Cebreiro - anklicken, wer es hören und sehen will

Santiago spielte dabei wie ein Bachelf auf seiner Panflöte, während der Pilger aus El Acebo vorbeilief, der ja damals schon Santiago spielen hören wollte. Nun kam er zu seinem Konzert. Hier begann der steile Teil des Cebreiro. Wie eine Bergziege aus den Anden verschwand Santiago schon nach kurzer Zeit aus meiner Sicht, ich traf ihn erst in La Faba vor der Herberge auf einem Stein sitzend wieder. La Faba, eine von Deutschen betriebene Herberge, liegt auf halber Höhe am Berg. „Hier bleibe ich nicht!“ Die Berge breiten sich mit grünen Kuppen um uns herum aus. Je höher man kommt, umso weiter, vollendeter wird die Sicht, prachtvoll !

Por fín! Wir sind in Galizien!

Es ging weiter, immer den Weg hinauf, bis wir schließlich in Galicien ankamen. Andere waren ohne Rucksack unterwegs, wir nahmen den Weg, wie er kam.

Arriba, arriba!

Und auch hier ging es weiter, an atemberaubenden  Panoramen entlang, bis wir auf dem Cebreiro auf ca. 1300 m ankamen. Wir dachten an Pilar und sagten uns: So, den Cebreiro haben wir nach einer ganzen Tagesetappe, sozusagen zum Nachtisch geschafft. Aber meine „ecuadorianische Lokomotive“ aus den Anden hätte natürlich nicht vor dem Gipfel anhalten können. Und ich habe es auch geschafft, langsam aber sicher, unterwegs zur Stärkung reife Brombeeren pflückend.

Oben angekommen besuchten wir zunächst die stäbige, graue Naturstein-Kirche Iglesia St. Grial. So trutzig muss wohl eine Kirche auf einem Berggipfel aussehen. Völlig unvermutet sind wir dort einem Heiligen Gral begegnet und waren davon sehr beeindruckt. Ich erinnere aus einem dort ausliegenden Heftchen: „Im Winter während eines Schneesturmes, eventuell sogar am Weihnachtstag, stieg ein frommer Mann auf den Cebreiro, um dort an der Messe teilzu­neh­men. Der Padre hatte jedoch keine Lust, für einen einzelnen Gläubigen eine ganze Messe zu zelebrieren. Der Mann drang darauf; der Padre begann missmutig die Messe. Doch plötzlich verwandelten sich Hostie und Messwein in echtes Fleisch und Blut Christi.“ Das Wissen um den Gral ist der Gipfel der Erkenntnis Gottes.

O Cebreiro ist ein graues, weitgehend traditionell belassenes Steindorf, vielfach mit Schieferdächern, an dessen Ende die Amigos[2] eine neue Herberge errichtet haben. Nun lag Galizien uns zu Füßen – weit ausgebreitet. Hier lernten wir das Donativo-System der galizischen Herbergen kennen. Jeder gibt, was er kann. Das fühlte sich gut an. Wir duschten und wuschen wieder Wäsche, die im Bergwind schnell trocknete. Es gab Einzelbetten, selten für den Camino, aber auch mal sehr angenehm. Wir stellten unsere Betten dicht nebeneinander, konnten uns mal wieder anlehnen, das lud mich auf. Die Küche der Herberge war sehr schick und hochmodern eingerichtet, hatte jedoch kaum Ausrüstung mit Töpfen, Geschirr und Besteck. Wir borgten uns von drei Engländerinnen, die mit einem Pferd unterwegs waren, einen Topf aus und kochten uns damit einen Pfefferminztee mit frisch am Wegesrand gepflückter Bergminze und aßen Kekse dazu. Trockene Kekse aus der Rolle, das war zu einer neuen Gewohnheit geworden, schnell verfügbar und süß. Ein kühler Nachtwind am Berg trieb uns schnell zu Bett.

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[1] Puerta de Perdón: Kranke und geschwächte Pilger, die es nicht mehr über den letzten Gebirgszug am Cebreiro schaffen, können hier schon auf ihre Bitte hin die Ablassweihen Santiagos erhalten.

[2] Amigos = kurz für Associaciones de Amigos del Camino de Santiago

Frühmorgens am Gipfelkreuz des O Cebreiro

Nächste Landschaft liegt zum Durchschreiten vor uns: Galicia

Am nächsten Morgen brachen wir früh auf und stiegen zunächst in der Morgendämmerung zur stillen Höhe des Gipfelkreuzes des Cebreiro. Beim Abstieg verloren wir einander, weil ich einen einfacheren Weg wählte. Santiago war vor mir, das sah ich nach einer Weile wieder an den Abdrücken seiner markanten Schuhsohlen. Wir trafen uns wieder am Alto de San Roque bei einem riesigen Pilgerdenkmal. Auf diesem Weg erzählte mir Santiago, dass er in seiner Jugend sehr erfolgreich eine Mädchenbaskettballmannschaft trainiert hatte. Es ist klasse, dass man einmal so viel Zeit hat, einander die kleinen und großen Dinge aus dem dem Leben zu erzählen.

Pilgerdenkmal auf dem Alto San Roque

Nach ein paar weiteren Aufstiegen, zum Beispiel zum Alto de Poio, der Schweinehöhe auf schweinisch steilen 1337 m Höhe wanderten wir nun wieder bergab, allein 666 Höhenmeter nur von dort bis nach Triacastela auf 671 m. Der Camino läuft zunächst entlang der Straße, durch kleine Kiefern und Ginster abgetrennt. Unterwegs bekamen wir von einer Bäuerin, die auf dem Weg gegen eine Spende Eierkuchen verteilt, ein wunderbares Frühstück. Dicke alte Bäume markierten die Landschaft.

Wie viele Jahre ... wie vielen Pilgern mag dieser Baum den Weg gewiesen haben??

An einem Bauernhof wurden frische Himbeeren verkauft, oft ist der Camino vom Viehmist verziert. Ein Bauer zankte lautstark mit seiner Frau, viel Vieh ist am Weg zu sehen.

Vor der Santiago-Kirche in Triacastela begegneten wir dem Parroco Augusto Losada López und kamen mit ihm ins Gespräch. Er nahm uns mit in die Kirche, drückte uns in der Kirche jeweils ein langes Papier in unserer eigenen Sprache über den Camino in die Hand. Hier war wirklich einer der Orte, an dem tatsäch­lich auf dem Camino Seelsorge für den Pilger betrie­ben wurde. In der Kirche beteten wir unseren Rosario und haben uns mit Augusto Losada Lopez so lange, tief und gut unterhalten, dass danach schon alle Geschäfte geschlossen waren und wir tatsächlich einmal in einem Restaurant ein „bocadillo con queso“[1] essen mussten, da unsere Vorräte nach der Bergwanderung erschöpft waren.

Auch hier noch einige von seinen eindringlichen Worten, seine Worte über die Nachfolge gibt es hier:
Vom Ωmega zum Αlpha

„Der Camino bedeutet auch, nach allen Seiten hin offen zu sein. Heute, wo wir so viel über die Welt als universelle Gemeinschaft sprechen, schließen wir uns manchmal in uns selbst oder in unserer eigenen Natur ein mit der fixen Idee, dass es das Beste sei. Somit öffnen wir den anderen weder Empfindungen noch Kultur, und so ersticken wir dabei. Wir selbst sind die Schuldigen. Wenn Ihr nicht das Gefühl haben wollt, dass Ihr allein in der Einsamkeit des Lebens lebt, öffnet euch den anderen, und so könnt Ihr immer von ihnen lernen. Jeder ist das was er erhält, gibt und was er ist.
Wir können den Camino auch als Brüderlichkeit bezeichnen. Miteinander teilen können, das Leben und die Ruhelosigkeit, den Überfluss und die Knappheit, die Werte verteilen und steigern, und ebenso unsere Fehler miteinander teilen und überwinden. Es ist ein sehnlichster Wunsch und eine Hoffnung, dass jeder selbst aus dem Kampf all das überwinden wird, was ihn daran hindert, sich zu freuen, um eine bessere Welt zu schaffen.

Wir wollen eine Werteskala erstellen und das Vorrangige vom Zweitrangigen unterscheiden, um das in unser Leben einzulassen, was wir am nötigsten brauchen. Es ist, sich selbst zu erkennen und Jesus von Nazareth näher kennen zu lernen. Mit ihm und neben ihm auf dem Lebensweg zu wandern, damit diese gerechtere Gemeinschaft, wofür er kämpfte, Wirklichkeit auf dieser Welt wird, jetzt, hier und heute.

Wir haben es entstellt, wenn wir es mit der Gemeinschaft vergleichen, die er sich vorgestellt hatte und wofür er kämpfte. Christus kam, um uns zu erlösen. Es war, ist und wird immer seine Friedensmission sein. Es ist für uns notwendiger, die Liebe, die uns mit Jesus vereint, tiefer zu erleben als die Kleinigkeiten des Alltags.

Glaubt an die Jesusliebe und liebt Euch selbst der Liebe wegen und nicht aus Angst oder Furcht. Denn die Furcht in der Liebe führt uns zu einer Gemütslähmung. Ihr wisst, dass die Lähmung eine Rehabilita­tion erfordert, und Ihr wisst selbstverständlich auch, dass es unter klinischen Gesichtspunkten schwierig ist, wieder so zu sein, wie wir es einmal waren. Deshalb rate ich Euch, nicht zu stagnieren. Fordert von Euch nicht mehr, als Jesus von Euch verlangt. Überlastet Euch nicht mit der Zukunft, denn es gibt keine sorgenfreie Tage. Seid glücklich und versucht dabei, den anderen glücklich zu machen. Kämpft um Euer Glück und das Glück der anderen, ohne Euch zu verausgaben und den anderen zu überfordern. Befreit Euch von Schuldgefühlen und seid Jesus und seinem Auftrag treu. Es ist wirklich eine befreiende und zutiefst menschliche Aufgabe.
Er braucht uns nicht, wir brauchen ihn, aber um eine bessere Welt zu schaffen, werden wir alle gebraucht.

Seid stark und einfach wie Jesus. Wenn Ihr den Camino beendet habt und imstande seid, Jesus die Frage zu beantworten: Wer bin ich für Euch, für Dich konkret? Dann seid Ihr einen enormen Schritt in Eurem Leben vorangekommen…“ Danke für Ihr Engagement, Ihre Liebe zur Pilgerei und Ihre Worte, Parroco Augusto! Ich werde die Frage im Folgenden beantworten…

Beim Bocadillo trafen wir im Restaurant wieder den Pilger, der Santiago schon in El Acebo auf seine Flöte angesprochen hatte. Wir hatten ihn am Fuße und kurz vor dem Gipfel des Cebreiro, in Laguna, wieder gesehen. Fred hieß er, ein Unternehmer aus der Lutherstadt Wittenberg. Bald brachen wir wieder auf, um uns freudig unserer Nachmittagsschicht zu widmen. Die Nachmittage sind in Galizien die schönste Pilgerzeit, denn morgens gleicht der Aufbruch oft einer Volkslaufveranstaltung, so voll ist der Camino inzwischen. Wir waren nun wieder allein auf weiter Flur, die Sonne schien, doch in Galizien gab es immer eine leichte Brise. Über eine einsame Straße ging es hinauf nach Sant Xil, durch alte traditionelle Dörfer aus grauem Stein, in denen noch Leben ist. Die Hórreos, die galizischen Maisspeicher sind allerorten zu sehen. Insgesamt war Galizien eine Landschaft, bei dem wir auf dem Camino das Gefühl hatten, dass hier wirklich Jahrhunderte lang die Pilger entlang gezogen waren, die Wege waren noch ganz natürlich, selten Straße, oft durch Natursteine von Feldern abgegrenzt. Riesige alte Bäume am Weg, von vielen Füßen geschliffene Natursteine unter uns. Viele Wälder durchquerten wir, alte Eichenwälder wechselten sich mit frischen Eukalyptuspflanzungen ab, in denen unsere Lungen saubere, nahrhafte Luft atmen konnten. Und dann wieder Landwirtschaft, Felder, Gemüsepflanzen, Weiden, Ginster und Moras am Feldrain. Ach diese Moras, was für ein Segen, tiefschwarze, dicke Brombeeren, süß und intensiv an Geschmack, Lebenselixier, Vitaminspender – oft hielten wir an zum Pflücken und Genießen, erst gegessen, dann noch eine Handvoll für den Weg. Und selbst, wenn wir satt waren, dann waren immer noch genug da für die Pilger nach uns.

In Galizien gibt es weniger Pfeile, dafür kleine Steinsäulen, auf denen sogar mit einer Stelle hinter dem Komma die Entfernung nach Santiago angegeben war, manchmal auch der Name des Ortes. An diesen Nachmittagen sprachen wir die ganze Zeit, erzählten uns gegenseitig aus unserem Leben, was wir glaubten, was wir für Gott hielten, beteten unsere Rosarios, im Laufen wie in den Pausen. Glückseliges Pilgern, Pilgern als Sein…ohne Sorgen, ohne Morgen. Sonne, Himmel, Luft, der Boden glitt leicht  unter unseren Füßen dahin. Leben im Augenblick, Leben für den Augenblick. Jetzt – im Moment des Schreibens – weiß ich, dass ich das wieder und wieder pilgern werde, meine Stiefel rufen, locken mich…

Ganz plötzlich kommen wir in Calvor an, unserem geplanten Ziel für diesen Tag. Doch … hier blieben wir nicht! Angesichts der grauen Herberge direkt an der Straße verging uns die Lust. Da ist auch nichts, wo wir einkaufen könnten, unsere Vorräte sind lamge aufgebraucht. Also weiter nach Sarria! Und jetzt beginnt so richtig Pilger-Country. Sarria ist der Startpunkt für die 100-km-Pilger, die Mindestpflicht für die Compostela.[2] In Sarria gibt es 6 Pilgerherbergen, die nicht-kommerzielle ist natürlich schon seit mittags belegt, der Rest ist uns zu teuer. Also erst ein kurzer Kirchenbesuch in der Santa Marina, wo wir einen jungen, dunkeläugigen Pilger treffen, dann auf zum Supermarkt, der Rest, unser Platz unterm Sternenzelt, würde sich später finden. In einem kleinen Stadtpark fanden wir eine gemütliche Bank, um uns herum pulsierte der spanische Abend voller prallem Leben, die Familien, auch mit kleinen Kindern, blieben noch lange an der frischen Luft und umspielten uns. In der öffentlichen Toilette konnten wir uns umziehen und waschen.

Als die Dämmerung einsetzte, machten wir uns auf die Suche nach unserem Schlafplatz. Schon fast am Ortsausgang fanden wir ein kleines Wäldchen, in dem wir einen geschützten Platz fanden. Zwar bellte in der Nähe noch lange ein Hund, der uns wohl wahrgenommen hatte, doch wir fanden – dank des Erzengels Michael – völlig ohne Störung zur Ruhe. Im Wäldchen war es angenehm lau, durch die Baumwipfel blinkten die Sterne. Die Nacht schenkte uns einen geruhsamen Schlaf.

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[1] Übersetzung: Käsebrötchen. Das war so ein halbes Baguette, mit 5 Käsescheiben belegt. Ich habe es nicht geschafft, den Rest eingepackt.

[2] Compostela = Urkunde in lateinischer Sprache, die den Pilgern im Pilgerbüro in Santiago ausgestellt wird für das erfolgreiche Pilgern auf dem Camino de Santiago, dabei müssen mindestens 100 km zu Fuß oder 150 km zu Pferd oder Fahrrad zurückgelegt werden.

Noch in der Dämmerung packten wir unsere Rucksäcke. Unauffällig glitten wir aus unserem Wäldchen auf die Straße und reihten und bald auf der Straße in den Strom der Pilger ein. Eine ausgesprochen gut laufbare und landschaftlich attraktive Wegstrecke begann durch Wälder mit alten Bäumen und kleine, urtümliche Orte am Weg. In Barbadelos, dem 1. Dorf des Tages, sprach uns auf der Straße der Padre an, ob wir in die Kirche wollten. Klar doch, ein morgendlicher Rosario in der alten Santiago-Kirche aus großen Steinquadern war ein guter Anfang des Tages.

An diesem Tag passierten wir den Kilometerstein mit der 100. Nur noch 100 km bis nach Santiago! Das war überschaubar! Drei Tage schätzten wir noch bis zu unserem großen Ziel! Ab jetzt gilt es auch, regelmäßig die Sellos zu sammeln, denn die letzten 100 km zählen vor allem für die Compostela, wir haben gehört, dass jetzt mindestens 2 Stempel am Tag gebraucht werden.

Ein strahlender Santiago: Noch 100 km nach Santiago !!!

Siesta in Portomarin

Von einer Anhöhe aus öffnete sich unser Blick auf einen breiten Fluss, den Minho mit seiner Brücke. Noch ahnten wir nicht, dass wir den Minho noch ein zweites Mal überqueren sollten. Auf der anderen Flussseite ist Portomarin schon zu sehen. Vor der Brücke liegt allerdings auch ein mächtig steiler Abgrund. Von dem großen Abstieg vom Cebreiro sind unsere Knie noch lädiert, das tut richtig weh, aber als Pilger so kurz vor dem Ziel nimmt man das hin wie Regen und Sonnenschein. Der Weg geht eher uns. Die Brücke ist gewaltig hoch und oft bleiben wir stehen, um hinunterzuschauen. Der Fluss liegt träge in der Sonne, nur wenig Bewegung auf dem Wasser, denn ein Stauwehr bildet eine anscheinend unpassierbare Barriere. Auf Treppen geht es in die Stadt. In einem Park unter Bäumen mit Aussicht auf den Fluss ist Zeit für unsere mittägliche Siesta, für die wir vorher in einem kleinen Supermarkt eingekauft haben. Nach dem Essen lege ich mich auf meiner Matte in den Halbschatten, es ist so richtig, richtig  heiß. Ich war geschafft und müde und wünschte und genehmigte mir ein kleines Schläfchen, während Santiago sich Portomarin anschaute.

...noch mehr Siesta...

Zu meiner Überraschung kehrte er mit dem Vorschlag zurück, hier in Portomarin in der Herberge zu bleiben! Herr, endlich Einsehen! Danke! In der städtischen Herberge fanden wir zwei Betten neben­einander auf der oberen Etage, wo ich mein Mittagsschläfchen ausführlich fortsetzen konnte. Die beiden vorhergehenden Etappen mit 36 und 38 km und unsere Gipfelstürmerei hatten in uns Spuren hinter­lassen. Nach dem Wäschewaschen erkundeten wir das Städtchen mit der würfelförmigen Johanniter-Kirche St. Juan.

Unsere Cena nahmen wir in der Küche der Herberge ein. Dort trafen wir Margarete aus Polen, sie isst lecker Linsen mit Mayo, auch eine ungewöhnliche Kombination. Sie ist mit ihren zwei Schwestern aufgebrochen, doch nun sind sie alle einzeln unterwegs, die eine, die Fitte, vor ihr, die andere, die schon früh nur ihrem eigenen Tempo gerecht werden konnte, hinter ihr. Sie wollen sich alle in Santiago wieder treffen und –  wenn dann noch Zeit wäre – nach Finisterra weiter. Wir unterhalten uns lange, die Polen sind ein gläubiges Völkchen. Margarete wollte am nächsten Tag bis nach Palas de Rei laufen.

Iglesia San Juan in Portomarin

Zur Abendmisa finden wir uns wieder in der schönen Kirche ein und wir beschließen mit einem trauten Spaziergang in der milden Abendluft unseren Tag in Portomarín. Danach werden noch ein wenig die schmerzenden Füße behandelt…

Regelmäßige Fußbehandlungen sind das A und O beim Pilgern

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...über den Wolken...

Noch im Dunkeln brachen wir in Portomarin auf, alle liefen im Pulk, denn die Pfeile waren im Dunkeln schwer zu erkennen. Taschenlampen waren Mangelware, doch Santiago trug eine praktische Kopflampe. Mit der Dämmerung löste sich der Pulk immer mehr in kleine Grüppchen auf. Bei jedem Café schwenkten einige Gruppen ab, um zu pausieren, der Weg für uns wurde wieder freier. Xacobeo[1] in Galizien, das ist wundervoll, das Laufen eine Pracht, Wäldchen, sanfte Hügel. Wir passierten eine Camino-Steinsäule, die den Ort als „Alto de Rosario“ auswies.

Alto de Rosario - ein Ort prädestiniert zum Beten

Dort beteten wir natürlich einen – wenn man schon mal da ist! Es war wieder einmal Sonntagmorgen. In Palas de Rei besuchten wir einen familiären Gottesdienst, ach, diese Pausen liebte ich. Wir blieben natürlich nicht, es war ja erst Mittag, während Margarete hier schon die Herberge ansteuern würde.

Auf dem Marktplatz machten wir Frühstückspause auf einem Steinbänkchen an einem großen Platz. Menschen in Hülle und Fülle waren unterwegs, saßen am trauten Sonntag zusammen. Plötzlich hörten wir aus der Distanz Marschmusik. Ein Blasorchester marschierte direkt vor unsere Füße, gab ein Konzert. Und was hörten wir? „Jesus Christ Superstar“ und „I don’t know how to love him“. Wer’s nicht glaubt: ich habe es mit meinem Handy per Video aufgenommen. Nach dem Konzert ging es weiter. Ein sanfter Weg führte uns weiter durch Wald und Flur, Steinwälle, umwachsene Hohlwege, Bauerndörfer, Horréos.

Galizienpilger ohne Horreofoto - unmöglich!

Hier gab es alle paar Kilometer Herbergen, San Xulian, Ponte Campana, Leboreiro, viele private dabei, vorbei, vorbei! Unser Tagesziel hieß Melide, eine Herberge der Amigos. Am Wegesrand fanden wir oft Hortensiengärten, bestimmt bietet Galizien für die „Wasserschlürferin“[2] genug Regen.

Hydrangea - die Wasserschlürferin - schöne Hortensiengärten

Am Nachmittag rief mich meine Schwester an, der Sonntagnachmittag verführte die Daheimgebliebenen zum Anrufen, vor genau einer Woche hatte mein Sohn das erste Mal angerufen.

Der Weg nach Melide hinein war unendlich. Zum Anfang sah man moderne Türmchen, der bisher romantische Weg des Tages geht verloren. Man läuft an einem langen Industriegebiet nach Melide hinein, wo die Amigos eine Menge Gedenktafeln aufgerichtet haben. Am Ortseingang kommt man durch ein kleines Stück hübsche Altstadt, ist aber auch genau so schnell wieder draußen. Und dann zieht sich Melide einfach wie Kaugummi hin, keine sehr schöne Stadt, anders als so viele andere am Camino. Wir fragten picknickende Galizierinnen am Weg nach der Herberge, sie haben keine Ahnung. An der Straße liefen wir an einem Straßencafé vorbei. Auf einem der Tische lag ein Pilgerführer. Tatsächlich, hier bekamen wir unsere Wegweisung : die Herberge liegt kurz vor dem Ortsausgang. Die zwei Männer könnten Österreicher sein…Die Melider Herberge war groß und voll, erst unterm Dach fanden wir noch zwei freie Betten. Wir gingen zum Gottesdienst in die Kirche und – waren entsetzt. Einen solchen Gottesdienst hatten wir in ganz Spanien nicht erlebt. Der Pastor war unheimlich missmutig, schnarrte seinen Gottesdienst herunter, keinerlei nonverbale Geste der Freundlichkeit. Wir denken, Gottes Botschaft ist eine Botschaft des Glücks und der Freude! Am Ausgang der Kirche fanden wir ein Gästebuch und wir hinterließen diesem Pastor unseren Eindruck von seinem Gottesdienst.

Als Unternehmensberaterin hatte ich häufig erkannt: Wenn die Führungskraft nicht gut ist, dann geht die ganze Abteilung den Bach runter. Es ist, wie es in dem deutschen Sprichwort heißt: Der Fisch fängt am Kopf an zu stinken. Und so kam uns Melide vor: ein ungepflegter, schlecht geführter Ort, der sich kaum Mühe mit sich selbst gibt. Selbst der Brunnen für die Pilger war kaputt. So kann es sein, dass ein Pastor, der nicht mit Freude und im inneren Glück der Beziehung zu Gott stehend der Weide seiner Schafe nachgeht, eine deutlich lebensmindernden Einfluss auf die Entwicklung der ganzen Stadt haben kann. Ich weiß es nicht, ob es tatsächlich so ist, aber hier könnte es so sein.

An einer Palme neben einem Kapellchen und einem Cruzeiro beteten wir einen weiteren Rosario. Wir sind noch nicht durch und an diesem Tag war mein Sohn dran. Und an diesem Tag erlebte ich beim Beten das Verständnis der Mysterien, des Leidensweges Jesu. Die freudenreichen Mysterien erinnerten mich sehr an meine Zeit mit meinem Sohn. Das Glück zu erfahren, dass ich mit ihm schwanger war, es anderen zu erzählen, die Geburt. An dem Tag, als ich mich  – nach langen Jahren der Kinderlosigkeit – gerade über einen positiven Schwangerschaftstest freute, klingelte bei uns der Schornsteinfeger!  Mein Sohn ist im November geboren und als dann der Advent herankam, da konnte ich eines meiner Lieblingslieder nur mit einem dicken Kloß im Hals und Tränen in den Augen singen: „…der Sohn ist uns gesandt!“

In Melide waren wir schon bei den schmerzreichen Mysterien und mir war so klar: Jesus hat geglaubt, bei allem Leiden hat er geglaubt, gewusst, dass er auf dem richtigen Weg ist. Er ertrug es mit Langmut. So ist er zur Auferstehung gekommen, weil sein Glaube ihn durch den Tod trug. Doch davon später mehr!

In der Herberge setzte ich mich zu Santiago aufs Bett und behandelte noch seine Füße, die ihm inzwischen schon sehr weh taten. Er spürte beim Laufen zwar kaum Anstrengung, aber seine Schuhe schützten seine Füße nicht ausreichend vor der Härte des Weges. Er schlief ein, und irgendwann machte auch ich mich auf ins Bett.

Abend ward, bald kommt die Nacht...

Zwar wollten ein paar Damen doch auch noch um 23 Uhr Licht wieder anmachen, um noch ein wenig in ihren Rucksäcken zu kramen, doch sie wurden niedergezischt. So geht das nicht bei uns Pilgern. Frühe Nachtruhe ist ein Grundrecht des Pilgers!

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[1] Galizisches Wort für Jakobus

[2] Der lateinische Name der Hortensie ist Hydrangea, das bedeutet Wasserschlürferin

Die Quartals-Raschler hatten am Abend vorher spät aufgehört, begannen dafür den Tag aber früh. Da machte es keinen Sinn, lange im Bett zu bleiben. Den tiefroten Sonnenaufgang im Rücken brachen wir auf. In Boënte, an der Santiagokirche, machen wir unsere erste Pause. Wir beteten unseren ersten Rosario und holten uns unseren Stempel. Der Pfarrer freute sich so, dass wir „richtig“ gebetet hatten: er war ganz anhänglich und nahm mich immer wieder in den Arm. Heute landeten wir auch selbst einmal wieder in Ribadiso im Café auf der Strecke. Das war neu, wir machten richtig Pause, ich genoss es sehr, wieder Kaffee zu trinken. Ich entschloss mich, ab nun Santiago häufiger zum Kaffee einzuladen, dann hatte ich selbst etwas davon. Hier in Galizien konnte ich es mir leisten, 80 Cent, ein Euro pro Kaffee, das war noch drin!

Alte Wege in Galizien, die Steine glattgeschliffen von den Füßen so vieler Pilger?

In Arzúa waren wir beide sehr durstig, unser Wasser war uns ausgegangen. Und so durchforsteten wir die Stadt nach einem Brunnen. Auf dem Weg fanden wir das Pfarrbüro, dort gab es den nächsten Stempel und wir fanden ein kleines Büchlein über die Marien-Erscheinungen von Fátima und die Hirtenkinder. Das war für uns bestimmt! Das nahmen wir uns zur Vorbereitung unserer inzwischen geplanten Fátimastrecke mit! Kurz hinter dem Pfarrbüro ging es auch in die Kirche von Arzúa, wo wir den Spender des lebendigen Wassers fanden und uns daran sättigten. Hinter der Kirche, auf einem großen Platz, fanden wir endlich den Pilgerbrunnen der Stadt, tranken und füllten unsere Flaschen wieder auf – Wasser in beiden Gestalten ist immer immens wichtig für den Pilger!

Johannes 4 (Bibelübersetzung Neues Leben): 14 Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, der wird niemals mehr Durst haben. Das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zu einer nie versiegenden Quelle, die unaufhörlich bis ins ewige Leben fließt.

Ein paar Schritte weiter sahen wir vor der Pilgerherberge – und es war erst zur Mittagszeit – schon eine ganze Reihe von Pilgern sitzen, die auf die Öffnung der Herberge warteten. Das war noch nicht unsere Zeit, wir hatten noch 19 km auf dem Zettel unserer vorletzten Etappe vor Santiago. Die Dörfer reihten sich eins nach dem anderen auf die Strecke: Preguntono, Tavernavella, Calzada, Calle Boavista, Salceda, Ras.

Santiago fragte mich: „Was machst du denn, wenn du wieder in Berlin bist?“

KEIN gutes Thema!

Es war, als ob mir der Boden unter den Füßen wegglitt… In meiner Magengegend tat sich ein riesiges Loch auf. Mein Herz wurde kalt. Ich wusste ehrlich nicht, was ich in Berlin wieder tun würde. Ich wusste es einfach nicht. Ich wollte auch nicht darüber nachdenken. Noch nicht mal  vorstellen mochte ich es mir. Wenigstens noch ein paar Wochen nicht. Ich hatte mich zwischenzeitlich mit den Worten getröstet: „Wenn ich nur diese Wochen mit Santiago habe, dann will ich sie genießen und nicht die ganze Zeit innerlich oder äußerlich darüber jammern, dass sie vorbei sein werden.“ Noch sind wir am Pilgern, wenn auch für den Rest des Tages recht schweigsam. Das war ein Moment, dessen Güte ich erst viel  später erkenne. Ein Moment, an dem man seine Zukunft weder kennt noch planen kann oder möchte. Ein weißes Blatt Papier. Ca. 600 km Aufschub hatte ich noch, bis dieses Blatt vor mir läge und ich es unweigerlich mit der Fortsetzung meines Lebens beschreiben musste. Ich bat Santiago, das Thema für den Rest des Weges nicht mehr anzuschneiden. Mir blieb die Luft weg und mir wurden dabei die Knie weich. Meine Lungen fühlen sich an, als ob sie unten zwei extra Löcher hatten, an denen die Luft entweicht, das konnte ich beim Laufen nicht brauchen, kann ich mich ja gleich hinsetzen und hier sitzen bleiben. Eine ungesunde Mischung von kräftezehrendem Gedankenmüll, von Schwarzseherei und spirituellem Trotz! Kann man trotzdem nicht ausziehen wie eine Jacke, schade auch, hätte ich in dem Moment  gern gemacht.

Ein Tag vor Santiago de Compostela: Eigentlich hatte ich gedacht, ich würde nun vor Euphorie platzen, doch meine Laune war auf einem Tiefpunkt. Wir redeten kaum noch miteinander. Dabei war der Weg angenehm, durchs Grüne, wenig Autoverkehr, eigentlich nichts zu meckern. Ich habe vom Weg eine Antwort erwartet, eine Revelation, etwas Lichtvolles, große Erkenntnisse. Stattdessen stand ich vor dem Nichts… es war viel anstrengender gewesen als erwartet, unglaublich überhaupt nicht so, wie ich es erwartet hatte. Trotzdem glitt der Weg unter meinen Füßen weiter, egal, wie es in mir aussah. Es war ein schweigsamer Nachmittag, brütendes Wetter in mir – fotofreie Zone.

Die Herberge lag in Pedrouzo neben der Straße, etwas unterhalb des Straßenniveaus. Wir kauften uns im Supermarkt nebenan das Übliche zum Abendessen, Brot, Thunfisch, Pulpo, Käse, Schinken. Stimmt, Pulpo ist neu seit Galizien. Es gibt hier sogar Restaurants, die heißen Pulperia, wo es hauptsächlich Pulpo = Tintenfisch gibt. Das schmeckt gut, ist eine Abwechslung und zu dem Preis gibt es das nur hier. Eine Gruppe Spanier kochte unter Gejohle ausführlich größere Mengen totes Huhn mit Tomaten und viel Knoblauch, die ganze Herberge war von dem Geruch erfüllt. Alle wirkten freudig, erwartungsvoll, gespannt. Morgen würde es soweit sein: Ziel erreicht!

Santiago taten wieder die Füße mächtig weh, ich behandelte ihn abends in der Herberge wie auch schon am Abend vorher in Melide. Auch er war dabei den Tränen nahe. Ich beschrieb ihm seinen erspürten, körperlichen Zustand, mehr war zwischen uns nun nicht drin. Wir beschlossen, am nächsten Morgen sehr früh aufzubrechen, so um halb sechs, damit wir mittags um zwölf Uhr zur Pilgermesse rechtzeitig in Santiago wären. Pilar hatte uns in Sahagún ausführlich gebrieft. Sie war am vorletzten Tag bis zum Monte Gozo gelaufen, damit es nur noch 5 km sind. Gemäß den Steinsäulen waren es nur noch ca. 20 km, das müsste doch mit links zu schaffen sein.

Klar, jeder braucht sein eigenes Horreo-Bild

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Wie ein Blatt im Wind - Ankunft in Santiago

Am 18. September waren wir früh im Dunkeln in Arca de Pino aufgebrochen, jeder weiterhin in seine eigenen Gefühle und Gedanken vertieft. Ein kleiner Streit über den Weg kam noch hinzu. Das Schweigen zwischen uns addierte die Kilos auf unserem Rucksack, Finsternis und Stille um uns. Da wir nicht zurücklaufen wollten und Santiago meinte, am Vortage einen Pfeil entdeckt zu haben, liefen wir auf der Landstraße in Richtung Santiago de Compostela los. Den Pfeil fand Santiago nicht wieder, so blieben wir zunächst auf der Landstraße.

Irgendwann nach ein paar Kilometern entdeckte Santiago den Camino und es ging wieder durch die Natur, unter Eukalyptusbäumen entlang und über einen Hügel  und dann am Flughafen vorbei. Wieder steckten im Zaun viele Kreuze, willkommen auf dem Camino! Wir schritten zügig aus, der Weg zog sich hin. Irgendwann verschwanden auch die uns in Galizien so vertraut gewordenen Steinsäulen mit den Restkilometern, der letzte zeigte noch 8 km an. Eigentlich mussten wir es nach unserem zwischenzeitlich entwickelten Zeit-/Distanzgefühl schon geschafft haben. Haben die uns inzwischen ein paar Kilometer dazu geschmuggelt? Wir liefen an den Gebäuden des galizischen Fernsehens vorbei, ein paar berittene Pilger mit Hund überholten uns, wir sahen sie später in der Kathedrale wieder. Und wo ist denn nun Monte Gozo, der Berg der Freude, die letzte Herberge vor Santiago? Wir durchquerten einen riesigen Gebäudekomplex mit gleichförmigen Glasflachbauten. Das also war Monte Gozo! 3000 Leute können hier unterkommen. Alles wirkte super organisiert, doch etwas kühl. War wohl gut für uns, wie es war!

Um 9.30 Uhr erreichten wir das Ortsschild von Santiago de Compostela. Ich war innerlich und äußerlich zerzaust. Was hatte die Reise für uns bedeutet? Ich fühlte mich eben wie ein Blatt im Wind. Und wo würde der Wind mich hintreiben? Ich wusste es nicht. Ich war völlig bindungslos. Mein Kind würde erst in 10 Monaten wiederkommen, eventuell. Es gab nur Gott! Und jetzt? Am Ortseingang leisteten wir uns einen Kaffee, kamen an einem Monument vorbei, von dem wir lernten, dass auch Papst Johannes Paul der II. den Camino gepilgert hatte. Wir liefen durch die Stadt, immer weiter auf den Kern zu. Im ehrwürdigen, jedoch überfüllten Pilgerbüro bekamen wir recht unspektakulär unsere Compostela ausgestellt.

Meine Compostela

Pilgerlohn: Die Compostela – Eine lateinische Bestätigung, dass wir aus Glaubensgründen bis zur Kathedrale gepilgert sind – in Andacht und aus Gründen der Verehrung. Die Compostela ist jedoch – zumindest in diesem Jahr – keine Ablassurkunde.

Pilgerglück: Wir konnten unsere Rucksäcke im Büro unterstellen.

Santiago vor der Kathedrale, wie man ihn unschwer in dem roten Kreis erkennen kann!

Pilgersegen: direkt gegenüber war der Seiten-Eingang zur Kathedrale, unser Pilgergottesdienst wartete auf uns. Wir setzten uns ganz nach vorn und hatten noch Zeit für einen Rosario, bis eine Nonne begann, mit uns singen zu üben. Der dunkeläugige junge Pilger aus Sarria saß in der Nähe, lächelte mir zu. Gut!

Wie betäubt erlebte ich an Santiago gelehnt den Gottesdienst. Nur als wir „Desde Lourdes: uno de Alemania, uno de Ecuador“ hörten, da drückten wir uns fest an den Händen. Wir waren in Santiago angekommen! Ganz anders, als ich erwartet hatte. Ich hatte gedacht, ich würde gemächlich und innerlich gestärkt, mit einer klaren Vision, hier ankommen, und nun war ich mit 48 Jahren den Camino Frances in nur 26 Tagen gelaufen und fühlte mich wie im freien Fall. Würde ich irgendwo aufschlagen oder würde ich beginnen zu fliegen?

Wie in jedem Gottesdienst umarmten wir uns fest beim Paz Christi. Noch teilten wir den Weg, noch hatten wir vor, bis Fátima zu laufen. Wäre hier unser Weg zu Ende gewesen, dieses ohnmächtige, leergeblasene Gefühl wäre wahrscheinlich noch intensiver gewesen. Vielleicht möchte Gott einen mal so haben im Leben, damit man danach völlig neu und wieder von null anfangen kann. Neu-Installation des Lebens: Festplatte löschen und alles neu konfigurieren. Ich hatte in den letzten Tagen Gespräche über meine Zukunft nicht mehr führen wollen, um mich nicht herunter zu ziehen, hatte Santiago gebeten, dieses Thema einfach ruhen zu lassen.

Vor dem Camino hatte Santiago mir geschrieben:

Gabriele & Santiago por siempre!

Und jetzt? Was hatte Gott mit mir nun vor? Haben wir Angst vor der völligen Unsicherheit und Ungewissheit über unsere Zukunft? Wie weit sind wir in Gott sicher, dass er uns führt, uns führen wird? [1]

Wir folgten den Ritualen der Kathedrale: Hinter dem Altar kletterten wir ein Treppchen hinauf und durften den großen, goldenen, mit vielen bunten Steinen besetzten Santiago umarmen. Dann stiegen wir hinab in eine Krypta unter dem Altar. Hinter einer Glasscheibe befand sich eine Silberlade mit den sterblichen Überresten des Apostels. Dort war es leer in diesem Moment und ich hatte Zeit, in aller meiner Bedürftigkeit und  in Ruhe in stille Zwiesprache mit dem Apostel zu gehen, ihn anzusprechen und zu hören, ob er auch antwortet. Er antwortete.

In der Kathedrale trafen wir auch eine „alte Bekannte“ wieder, die unseren Zieleinlauf in Santiago nun auch miterfahren und mitbegleiten konnte: María und ihre Grotte aus Lourdes.

Eine Lourdesgrotte im Seitenschiff der Kathedrale in Santiago

Nach dem Gottesdienst spazierten wir – endlich mal befreit von der Rucksacklast – durch Santiago, durch die kleinen Gassen, schauten in Andenkenläden und genossen die Stadt. Immer wieder trafen wir Pilger, blieben zum Schwatzen stehen. Wir trafen sogar „Heinrich, Friedelotte und Waldi“ wieder, das deutsche Pärchen, das wir seit dem Alto de Perdón kurz hinter Pamplona immer wieder getroffen hatten.  Auf der Praza de Obradoiro schoss Heinrich das einzige Foto des Caminos mit meinem Handy, das Santiago und mich gemeinsam zeigt.

Wir beide in Santiago vor der Kathedrale - Heinrich sei Dank!

Am Nachmittag stiegen wir zur Herberge auf, zum Seminario Menor, ein beeindruckender Steinbau auf dem Hügel über Santiago. Hier durften wir zwei Tage bleiben! Wir erhielten unsere Betten im 4. Stock zugewiesen, die Aussicht über die Stadt war ein wahres Geschenk! Für ein großes Fest – Party, wie es von vielen anderen gehört hatten – dafür war kein Geld da und in mir nicht die Seelenstimmung. Santiago konnte meinen Zustand ebenso kaum aushalten und nahm mich lange, lange und fest in den Arm. Wir ruhten uns aus und überließen uns der Pilgerpflicht des Wäschewaschens. Santiago nähte seine Hose, die unterwegs einen langen Riss bekommen hatte.

Im Seminario Menor

Am Abend besuchten wir um 21.00 Uhr wieder die Kathedrale zur Pilgeran­dacht, die durch den Leiter des Pilgerbüros geleitet wurde. Nach einer mehrsprachigen Lectura durch die Teilnehmer stellte er uns zwei Fragen, zum einen: „Was ging uns am ersten Tag unseres Weges durch den Kopf?“ Jeder durfte nach vorn an den Leseplatz treten und von sich berichten.

Meine Antwort auf die erste Frage finden Sie im Kapitel über Gottes Reich. Die zweite Frage war: „Was denken wir jetzt?“ Und hier sagte ich: Die Kirche kümmert sich viel zu wenig um die Pilgerei, die Kirchen sind so oft verschlossen. Wir haben unterwegs kein Zuhause und würden dann gern in die Casa de Nuestro Señor, in das Haus unseres Herrn, einkehren. Ora et camina (statt labora)! Nur für das Ora ist oft zuwenig Raum, es tut auch gut, in Kühle zu rasten. An manchen Tagen  haben wir gar keine offene Kirche gefunden.

Nur selten gibt es wirklich Gespräche mit den Geistlichen auf dem  Weg, dabei sind unsere Beispiele aus Logroño, Belorado und Triacastela wirklich ein glückliches Gegenstück (es gab einige mehr davon). Das hätten wir uns mehr gewünscht, vielleicht mehr gebraucht. Die Herbergen werden häufiger von den Städten als von der Kirche betrieben. Der Camino de Santiago wäre für viel Menschen mehr ein Glaubensweg, wenn die Kirche ihn intensiver nutzen würde. Hunderttausende werden vor die Türen der Kirche geleitet für die Neu-Evangelisierung. Und dies wäre eine Aufgabe nicht nur der spanischen Kirche. Es gibt so viele Pilgerstatistiken, man könnte schnell feststellen, wer, welche Nation den Bedarf produziert und Mittel für diese Aufgabe nach Spanien transferieren.

Der Leiter führte uns noch einmal ausführlich unter den Altar an das Grab des Apostels Santiago. Jeder durfte noch eine persönliche Fürbitte leisten. Meine persönliche Bitte galt den Kindern dieser Welt. Dann war auch dieser Weg vorbei. Diese Abendandacht und die internationale Gemeinschaft der Pilger habe ich ganz, ganz positiv in Erinnerung. Einige andere Teilnehmer drückten mir die Hände, sagten, sie hätten ähnlich empfunden wie ich. Danke, Apostel Santiago, danke der Pilgerorganisation, danke all denen, die uns auf dem Weg unterstützt haben, vor allem die Organisatoren der Pilgerherbergen in Galizien.

Am nächsten Tag schlenderten wir – luxuriöserweise wieder  ganz rucksackfrei – durch Santiago, frühstückten in einem Café, genossen die Stadt, kauften kleine Andenken. Schon seit langem hatte ich am frühen Vormittag immer Santiago um sein langärmeliges Funktionsshirt beneidet. Morgens liefen wir immer mit Jacke los, doch der Übergang von der Jacke zum kurzärmeligen T-Shirt war immer etwas zu frisch anfangs. Santiago zog immer erst seine Jacke aus und später dann das langärmelige Hemd, wenn es richtig warm wurde, um dann kurzärmelig weiterzuwandern. Und schon häufiger hatte ich unterwegs nach einem solchen Hemd Ausschau gehalten, doch es war immer zu teuer gewesen. Hier in Santiago fand ich ein schwarz-grünes Shirt für 15 Euro. Nun war  ich für den portugiesischen Weg gerüstet. In zwei Tagen war ja Herbstbeginn!

Santiago vor der Kathedrale

Auf der Praça de Obradoiro winkte uns Margarete aus Polen mit ihrer wieder gefundenen Schwester aus dem luxuriösen Café des Paradors zu. Sie lud uns an ihren Tisch ein, wir selbst wären nie allein hinein­gegangen. Nach einer Weile kam auch Fred aus der Lutherstadt Wittenberg hinzu, und Stück für Stück fand sich eine bunte Gruppe zusammen. Santiago spielte für uns auf seiner Panflöte und einige für uns neue Pilger waren stolz darauf, in Santiago de Compostela einen leibhaftigen Santiago kennen gelernt zu haben. Erinnerungsaustausch, Erinnerungsfotos und Aufbruchstimmung: Fred war kurz vor seinem Weg zum Flughafen.

Ich behandelte im Café eine Frau, die wegen einer Knochenhaut­entzündung am Knöchel den Camino nicht zu Fuß beenden konnte. In Palas de Rei hatte sie einige Tage verweilt, um sich zu kurieren, doch es ging zu Fuß einfach nicht weiter. Sie hatte auch darin ihren Frieden gefunden. Nun wartete sie auf ihren Mann, der extra herflog, um sie aus Santiago wieder nach Hause zu begleiten. Aus einem Internet-Café schrieben wir einige Nachrichten in die Heimat, dass wir angekommen seien. Es fiel mir sehr schwer, diese Nachrichten zu formulieren. Ich hielt sie sehr unbestimmt, ich war nicht bereit, zu zeigen, wie es mir ging.

Hallo Ihr Lieben,

gestern sind wir heil nach ca. 1000 km in Santiago angekommen, wir sind am 18. August in Lourdes losgelaufen und am 18. September waren wir hier. Es ist eine Erfahrung, fuer die es keine Worte gibt.

Wir werden jetzt erstmal noch bis Finisterra laufen und dann weitersehen. Bisher waren wir sehr sparsam und haben pro Person weniger als 400 Euro seit Berlin ausgegeben, billiger als allein Miete. Daher geht alles noch. Meine letzte warme Mahlzeit ist zwar schon 10 Tage her, aber alles laeuft. In letzter Zeit haben wir ca. 30 – 40 km am Tag gemacht. Heute ist unser erster Ruhetag seit dem 18. August. Hier gibt es kein Wochenende, nur jeden Tag Rucksack packen und loslaufen. Hier in der Herberge in Santiago de Compostela duerfen wir mal 2 Tage bleiben, daher unser Pausentag, und natuerlich fuer diese tolle Stadt und zum Verdauen der Ankunft.

Santiago de Compostela ist wundervoll, der Norden Spaniens eine Schoenheit, die Staedte wundervoll, die Landschaft von urig bis atemberaubend. Insbesondere Galicien und der Bierzo sind ein Gedicht. Ich fuehle mich wie ein Blatt im Wind.

Ich hoffe, es geht Euch allen gut, auch dem kleinen Kater, hoffentlich habt Ihr auch schoenes Wetter, seit Pamplona hat es hier nicht mehr geregnet und es war nur 1 1/2 Tage bedeckt.

Herzliche Gruesse aus Santiago de Compostela

Gabriele & Santiago

In der Nacht lernten wir in der Herberge eine kreative, neue Methode kennen, mit Schnarchern umzugehen. Junge Spanier leuchteten mitten in der Nacht einem deutschen Rentner mit Riesen-Resonanzkörper mit einer Taschenlampe mitten ins Gesicht und forderten ihn auf, mit dem Schnarchen aufzuhören. Seine Frau beschwerte sich: „Der kann doch nichts für das Schnarchen. Und wer das Schnarchen nicht hören mag, der kann doch in eine Pension gehen, wenn er das weiß!“ Ich schlug ihr vor, mit ihrem schnarchenden Mann in die Pension zu gehen. Sie wüssten ja auch beide, dass er schnarcht. Das Problem lag ja nicht bei den jungen Spaniern, sondern in der Schnarcherei ihres Mannes. Sie hätten sicher mehr finanzielle Mittel als die Spanier!

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[1] Jetzt in der Rückschau weiß ich, wie wichtig dieser Moment war, dass ich vor dem Nichts stand.


Abschied von der Kathedrale

Am dritten Tag verabschiedeten wir uns mit der morgendlichen Messe von Santiago de Compostela, bevor wir nach Finisterra aufbrachen. Dieser Weg war wesentlich leerer als der Camino Frances, doch er ist sehr, sehr schön. Hier endlich gab es noch reife Feigen an den Bäumen, von denen ich schon seit „Feliza: Higos, Agua y Amor“[1] träumte. Wir bekamen Aprikosen von einem zahnlosen Greis zugesteckt, danke! Ein sehr steiler Aufstieg führte uns zu einer Quelle, Trasmonte de Maria, vor der ich dürstend in die Knie ging, nichts ging mehr.

Trasmonte de María

Obwohl sie mit Algen bewachsen war, traute ich mich zu trinken, denn ein Symbol des „Sagrado Corazón“ zierte sie. Das Wasser war frisch und belebend.

Das Motto des Tages lautete wohl: „Ich bin das Wasser des Lebens“.

Puente Maceira

In Puente Maceira fanden wir einen der schönsten Orte des ganzen Camino: Santiago ging ausführlich und überglücklich in dem Fluss schwimmen, während ich meine Füße – zum Schwimmen zu erschöpft – im Wasser badete.

Erfrischung in der Hitze

In Negreira kauften wir ein, mein Körper zitterte mal wieder vor Anstrengung. Santiago wollte in Negreira nicht in der Herberge bleiben, schon weil er weitere Kosten vermeiden wollte. Wir blieben auf dem Weg, um wieder in der Natur zu schlafen. Oberhalb der Herberge am Kreuz hielten wir noch auf ein Schwätzchen mit einem Pilger an, der dort die Abenddämmerung und Aussicht genoss. Unser Abendessen gab es hinter der kleinen Kapelle am Berg ein. Schweigend liefen wir weiter, zum Sprechen reichte es nicht mehr. Mitten im Wald fanden wir eine grasweiche Lichtung, wo wir 20 m vom Camino entfernt unsere Matten ausbreiteten, unser Pilgervesper hielten und geruhsam und gut geschützt einschliefen. Das Himmelszelt war wieder unsere Herberge für diese sanfte Nacht, von kleine Bäumen zart bedacht. Und wieder sah kein Mensch zu uns hin, obwohl wir einige morgens an der Lichtung vorbeilaufen sahen.

Am nächsten Tag ging es in aller Frühe weiter. Der Weg heute war anfangs sehr hübsch und verlief durch Wälder und kleine Orte: A Pena, Kaffeepause in Vilaserío, Cornado, As Maronas, Geima, Pilar, Lago, Ponte de Olveira, wo wir den Fluss Xallas überqueren. Die Landschaft lag wellenförmig vor uns, eine Welle nach der anderen mussten wir überqueren, Berg, Tal, Berg, Tal, den ganzen Tag. In einem Tal trafen wir einen kahlköpfigen, spanischen Radpilger wieder, der sich vorgestern auf der Praça de Platerias hinter der Kathedrale lange mit Santiago unterhalten hatte.

Unterwegs gab es keine Möglichkeiten zum Einkaufen. Gegen vier erreichten wir nach 32 km die Herberge in Olveiroa ein, ein altes Natursteinhaus mit türkis gestrichenen Türen und Fensterläden. Auch hier gab es keine Verpflegung zu kaufen, wie uns ein älterer Pilger erzählte, der sich gerade dort eingetragen hatte.  Das Café war wegen dringender Familienangelegenheiten geschlossen. Naja, wir konnten ja wieder draußen schlafen!

Also ging es weiter: zunächst ein unangenehmer Weg über spitze, grüne Steine, später an Bauernhöfen vorbei. Ein paar Kilometer nach Olveiroa verpflegten wir uns in Hospital in der letzten Bar vor Ceé – wie außen ein Schild uns verkündete. Sie lag einsam an einem stinkenden Industriegelände, über dem ein hoher Schornstein riesige Schmutzwolken ausstieß. Der Wirt klärte uns auf, dass es jetzt nur noch 15 km bis Ceé seien, nur noch bergab. Also wieder weiter! Der Weg ging weit häufiger bergauf als bergab und wir fanden keinen Schlafplatz. Es hatte auf diesem Wegstück viel gebrannt. Die geschützte, schöne Stelle, die wir im Sinne hatten, gab es nur ebendort: in unserer Vorstellung. Das letzte Stück, der Abstieg nach Cée war weit, steil und gefährlich, über große, glatte Steine zu erklettern. Unten angekommen trafen wir auf der Straße auf einen sehr großen, freilaufenden Hund. Santiago war weiterhin kein Hundefreund und traute sich nicht an ihm vorbei. Ich ging zurück, nahm ihn an der Hand und führte ihn, dem Hund direkt ins Auge schauend und munter auf ihn einquatschend, hinter mir an ihm vorbei.

Der erste Blick aufs Meer in der Abendsonne

In Cée war die Albergue schwer zu finden. Nach langem Suchen und mehrmaligem Nachfragen fanden wir sie:  sie lag in einem modernen Zweckbau im Keller. Das Büro war nicht besetzt. So bekamen wir keinen Stempel. Es war ist nur ein Raum mit ein paar Matten auf dem Fußboden, dafür mit warmen Duschen. Andere Pilger, ein Pärchen und eine Frau aus Deutschland, halfen uns mit Chips und Geträn­ken für unser Abendessen aus, denn es war schon nach 20 Uhr, die Geschäfte schon zu. Das Pärchen erzählte uns, dass sie zwischenzeitlich auf den Camino Primitivo, dem ursprünglichsten aller Caminos von Oviedo nach Palas de Rei, gewechselt waren, weil ihnen der Camino Francés zu überlaufen war. Der spanische Radpilger war schwer überrascht, als er uns – von seinem Abendessen zurück­kehrend – in der Herberge wieder traf. Wieder mal hatten wir eine 50-km-Etappe bewältigt!

Mit viel Zeit machten wir uns am nächsten Tag auf die letzten 16 km nach Finisterra. Der Morgen war noch regnerisch, so gönnen wir uns einen Frühstückskaffee in einem schicken Café kurz vor dem Strand, wo wir noch einige Mitpilger trafen, z.B. die Frau, die uns am Abend vorher Orangensaft gespendet hatte. Die Kellnerin stellte uns gratis – weil sie uns als Pilger erkennt? – ein paar Churros con Chocolate hin, das sind unglaublich sündige, in Fett gebackene Spritzteigstangen mit Trinkschokolade, in die man die Churros stippt. Mmmmhhhhhh – wovon ein Pilger sonst nur träumen kann! Wo wir unterwegs schon öfter mit hängendem Magen dran vorbeigelaufen waren! Endlich konnten wir sie auch probieren. Herzlichen Dank!

Das müssen Sie probieren: Churros con Chocolate. Freies Bild aus Wikicommons von Alpha

Hinter dem Café war ein riesiger Supermarkt in dem modernen Gebäude untergebracht. Wir versorgten uns für die Strecke, dann ging es am Strand los in Richtung Concurbión. Langsam und träge sind wir heute nach der langen gestrigen Etappe. Am Strand von Estorde hielten wir für unser zweites Frühstück mit Schokolädchen und Schinkenbrot, mit Meeresblick, Sandstrand und Möwengeschrei. Noch durch Sandineiro, einen weiteren Berg und dann endlich: der Abstieg nach Finisterra.

Am Strand von Finisterra

Das letzte Stück schwingt sich in einem weiten Bogen am weißen Strand von Finisterra entlang. Wir warfen alle Last ab und liefen überglücklich ins Meer.  Das Wasser war GANZ schön kalt, egal, so etwas muss sein!!  Nun schulterten wir auch unsere Stiefel und liefen barfuss am Strand bis zum Ortseingang von Finisterra vom Meer her. Ich fand eine wunderschöne, große Jakobsmuschel, die ich Santiago schenkte, und für mich eine kleine, die ich auch um den Hals tragen kann.

Muschelsucherin

Und: auch so sorgt Gott für einen guten Pilger-Abschluss am Ende der Welt. Nach dem Barfuß-Strandspaziergang über schmirgelnden Sand und durch die Ausläufer der Wellen hatten sich alle Blasen und Blasenhäute von meinem Fuß gelöst ebenso wie der Fußnagel, unter dem sich auch einmal eine Blase gebildet hatte. Meine Füße waren nun blasenfrei und praktisch wie neu! Danke dafür! Als wir in Finisterra in der Herberge ankamen, gab es Ärger: Wir hatten ja unterwegs keinen Stempel auf dem Weg von Santiago bis Finisterra sammeln können. Für Buspilger sind die Herbergsplätze nicht gedacht, man misstraute uns. Doch während der Diskussion mit den Hospitaleros tauchten plötzlich in der Herberge innerhalb von Sekunden vier Menschen auf: der Pilger vom Kreuz in Negreira, der ältere Pilger von der Herberge in Olveiroa und das Pärchen vom Camino Primitivo, das uns in Ceé die Chips gespendet hatte. Alle vier bezeugten, dass wir von Santiago aus gewandert sind. Nun konnten wir bleiben und bekamen auch unsere Pilgerurkunde von Finisterra! Danke dafür!

Die Urkunde aus Finisterra

In der Herberge trafen wir auch den Kanadier wieder, ein letztes Mal. Wir benutzen die Waschmaschine, um unsere komplette Wäsche mal wieder richtig sauber zu kriegen, dann machten wir uns auf zum Hafenspaziergang, Stadtbummel und Einkauf.

In Finisterra vor Anker

Endlich gab es auch wieder eine warme Mahlzeit, das hatten wir schon seit ein paar Tagen nicht mehr: Nudeln mit Tomaten-Thunfisch-Sauce,  als Krönung hier mal mit Bohnen.

Am Kreuz

Am Abend gehen wir zum traditionellen Sonnenuntergang zum Leuchtturm, doch wir verbrannten nichts, denn es ging ja weiter! Eine riesige Menge Menschen ist dort. Wir suchten uns einen Platz auf den Felsen. Santiago setzte seine Zampoña an und spielte.

Sonnenuntergang in Finisterra

Was für ein romantischer Moment: Am Ende der Welt sein mit zarter, sphärischer Musik aus dem Atem des geliebten Mannes. Es wird dunkel, als wir zur Herberge zurückkehren. Wir hörten von anderen, dass sie jetzt feiern gehen würden. Wir feierten diesen Abend auf leise Weise miteinander. Morgen würde ein neues Abenteuer beginnen.

Und hier geht es weiter mit dem Camino Portugués!


[1] Feigen, Wasser und Liebe. Eine Dame, die kurz vor Logroño einen Tisch am Camino stehen hat und dort Credenciale stempelt, und eben Feigen, Wasser und Liebe freigebig an die Pilger verteilt. Danke!


 

Gegenüber von der Pilgerherberge trafen wir viele Mitpilger zu einem gemütlichen Frühstückskaffee mit Blick auf den Hafen. Wir saßen draußen und begnügten uns mit unserem eigenen Brot. Heute gönnten wir uns eine Busfahrt, denn die Strecke nach Santiago wollten wir nicht wieder zurücklaufen. Wir entdeckten an der Bushaltestelle, dass um 11.45 Uhr ein Bus fuhr, wir hatten noch Zeit für einen beschaulichen Sonntagvormittag am Meer.

 

Beim Bäcker trafen wir einen Österreicher, der sich uns als Don Giovanni vorstellte. Er schien schon längere Zeit in Finisterra zu wohnen, die Bäckereiverkäuferin deutete uns lächelnd an, dass sie wohl nicht so viel mit ihm anzufangen wüsste. Don Giovanni wollte gern Santiago beim Zampoña-Spielen aufnehmen, also verabredeten uns für 11 Uhr an der Bushaltestelle. Noch einmal kehren wir zum Strand zurück, klettern dabei über die Felsen und schafften uns damit noch eine Hazaña, eine Anstrengung, denn die Zeit wurde uns knapp, ich kam ganz schön ins Pusten.


Kurz nach 11 Uhr erreichten wir wieder die Busstation und trafen Don Giovanni, der Santiago mit der Webcam seines Computers beim Spielen filmte und Fotos von uns machte, uns handbemalte Wäsche­klammern und mit eigenen Bildern beklebte Streichholzschachteln mit seinem Namen und seiner Webadresse schenkte.

 

 

Dann kam der Bus. Im Bus – ganz vorn auf der ersten Bank mit einer wunderbaren Aussicht – genossen wir die Fahrt am Meer entlang ca. 80 km bis nach Noia, von wo aus wir weiterlaufen wollen nach Padrón, der 1. Station des Camino Portugués. Von Noia nach Padrón war es ungefähr genauso weit wie von Santiago nach Padrón, da konnten wir uns 4 Euro Fahrgeld sparen und trotzdem genauso viel laufen – so dachten wir jedenfalls.

 

Auf der Fahrt sah Santiago den Kanadier das letzte Mal vom Bus aus, der nun die Küstenstraße entlang lief. In Noia, dem letzten Küstenort vor Santiago, fragten wir uns bei einem Kiosk und Passanten durch, wie es jetzt weiterginge. Es gab zwei Alternativen für uns: eine schmale Straße durch kleine Dörfer und die Landstraße nach Padrón. Wir entschieden uns für die Tour über die Dörfer. Und dann begann der Aufstieg, Kilometer um Kilometer, von Meereshöhe bis auf 600 m. Es gab keinen Laden, keine Wasserstelle am Berg. Einmal sind wir einfach in einen Garten mit offener Tür hineingegangen und haben uns am Gartenschlauch bedient, zum Trinken, Auffüllen unserer Wasserflaschen und zum Durchnässen unserer Haare, damit wir den Aufstieg in der Sonntagshitze besser bewältigen konnten.

 

Diesen Aufstieg hatten wir allerdings nicht geahnt und aus dem Kartenmaterial, das wir hatten, auch nicht erahnen  können. Von Noia konnte man auch nicht  auf das Ausmaß des Berges schließen, immer sah es nur nach noch „ein wenig mehr“ aus, nach jeder Kurve jedoch zeigte sich eine neue Höhe der Aussicht. Über 17 Kilometer ging es nur bergauf! Ich taufte diesen Weg nach einer Weile „Montaña de Engaños“, Berg der Täuschung, weil: Immer denkt man, man hätte es geschafft mit dem Aufstieg, doch: getäuscht! Weiter bergauf!

 

Nach dem Montaña de Engaños, den oben eine Stein-Säule mit einer kleinen Jesusstatue beschloss, führte uns der Weg in der beginnenden Dämmerung 10 km lang in engen Kurven nach Padrón, dem Ort, wo das Schiff mit den sterblichen Überresten des Apostel Santiago in Spanien angelegt hatte. Der Ort musste vor 2000 Jahren noch einen Zugang zum Meer gehabt haben. Padrón ist übrigens auch der Ort, nach dem die „Pementos de Padrón“ benannt sind, winzige grüne Paprikaschoten, die man in Spanien in den Supermärkten kaufen kann und die, komplett in Olivenöl gebraten und gesalzen, ein typisch Galizisches Gericht darstellen.

 

Wo in Padrón die Herberge war und wie wir sie fänden, wussten wir nicht, da wir ja von einem unbepfeilten Weg kamen. Es war schon dunkel. Wir fragten ein Pärchen beim Abendspaziergang. Sie wiesen uns an, einfach nur bis zur nächsten Kreuzung geradeaus zu gehen, dann würden wir sie, rechts auf einer Anhöhe, schon sehen. Es war wirklich nicht mehr weit, wir waren automatisch auf den richtigen Weg gekommen. Die Herberge war in einem ehemaligen Kloster untergebracht, dem Convento del Carmen. Ein Hospitalero war nicht mehr da, auch die am Tresen ausgehängte Telefonnumer war nicht mehr zu erreichen. Wir fanden noch zwei freie Betten in dem großen Schlafsaal. Eine Dose Ravioli, die ich seit Negreira mit mir trug, war neben dem Brot, was wir in einem kleinen Ladencafé oberhalb von Padrón gekauft hatten, unser luxuriöses Abendbrot. Eine tschechische Dame, die sich den Camino Portugués mit einer größeren Reisegruppe mit Gepäcktransport ab Valença erlief, freute sich über uns, weil wir Santiago de Compostela schon kannten. Sie fragte uns ein Loch in den Bauch über alles Mögliche: die Herberge, den Pilgergottesdienst, den Parador, was man machen und nicht verpassen sollte. Sie war aufgeregt, hatte am nächsten Tag den Einzug in Santiago vor sich. Ich empfahl ihr die Pilgermesse abends in der Kathedrale.

 

Erst lag Santiago im Schlafsaal ganz weit weg von mir, doch dann beanspruchte ein anderer Mann das Bett, in dem er lag, sagte, dass das Bett ihm schon lange zugeteilt war. Santiago war nicht auf Streit aus und suchte weiter und fand sein neues Bett dann sogar neben meinem! Danke dafür! Wie sehr dieser Tag und auch sein Ende ein Bild für unser Ankommen im folgenden Jahr sein würde, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst.

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Am nächsten Morgen besuchten wir die Santiago-Kirche und nahmen an der morgendlichen Messe teil. Anschließend erschienen dienstbare Damen, die die Kirche aufräumten und die Blumen erneuerten. Ein paar andere Pilger fragten sie nach einem Stein, den sie in ihrem Pilgerbüchlein entdeckt hatten. So konnten wir den Original-Stein, den Pedrón, an dem das Schiff mit den sterblichen Überresten Santiagos angelegt hatte, unterm Altar besichtigen. Der Reiseführer Zufall hatte uns eine neue Seite aufgeschlagen. In der Innenstadt von Padrón fanden wir viele neuzeitlichere Kollegen dieses Steines wieder.

Jetzt kam die neue Aufgabe auf uns zu, den Camino gegen den Strich zu finden. Zum anderen war die nächste Herberge erst in Pontevedra, also eine ca. 40 km lange Etappe lag vor uns. Bisher waren wir ja mit den Pfeilen gelaufen, am gestrigen Tag durch Nachfragen geleitet. Nun würden die gelben Pfeile ja wieder nach Santiago de Compostela zeigen, wir hätten aber genau in der Gegenrichtung zu laufen, d.h. aus der Positionierung des Vorwärtspfeiles auf die Rückwärtsroute zu schließen. Ganz schnell zeigte sich, dass dies eine anspruchsvolle Aufgabe war. Im Pilgerbüro von Santiago hatten wir eine Liste der Orte erhalten, durch die wir zu laufen hätten, mehr nicht. Schnell verliefen wir uns und dann traf es uns doch, was wir immer zu vermeiden gesucht hatten: wir mussten umkehren. Zunächst hatten wir einige Pfeile gefunden, die uns am Wasser entlang führten und so auf eine Halbinsel geraten. Am Ende des Weges lag ein sehr schöner Picknickplatz, eine wundervolle und romantische Aussicht am Wasser, doch es ging nicht weiter. Umkehren! Wir trafen auf einen Radfahrer, der uns den Weg beschrieb, wir fanden Pfeile und verloren sie wieder. Insgesamt verbrachten wir mehr Zeit auf der Landstraße als auf dem Camino. An einer Brücke sahen wir Pfeile, die uns über die Brücke halfen, dann verpassten wir sie wieder. Auf der Landstraße donnerten die Lastwagen an uns vorbei. Das Landstraßengetippel war anstrengend und ermüdend.

In Caldas de Reis, es war schon Nachmittag, kamen wir an der Kirche vorbei und rasteten auf den Bänken unter Bäumen, Santiago spielte für mich auf seiner Zampoña, ich breitete meine Rolle aus, um mich etwas hinzulegen. Da begann es zu nieseln und schon bald artete es in Regen aus, erst suchten wir Schutz in der Kirche, doch da war nur ein kleiner Vorraum offen. Alsdann gönnten wir uns einen Cafébesuch, um den Regen abzuwarten und unsere verdiente Ruhepause zu genießen.

Weiter ging es auf der Landstraße. Plötzlich sah ich ein kleines Hinweisschild auf eine Herberge. Wir hatten laut unseren Unterlagen erst eine Herberge in Pontevedra erwartet. Gern nahmen wir das Angebot an und fanden innerhalb von Viñeros eine schöne, moderne, fast leere Herberge. Außer uns waren nur noch zwei Spanierinnen aus Barcelona dort. Wir teilten uns die Räume auf, sie nahmen den Mädels­schlaf­raum, wir breiteten uns im Männerschlafsaal aus. Es war kein Hospitalero da, so trugen wir uns selbst ein. Am Empfangstisch fanden wir einen Pilgerführer der galizischen Jakobus-Gesellschaft „Xunta Xacobea“ für die Strecke des portugiesischen Weges in Galizien, wie wunderbar, danke! Jetzt würde es für uns bestimmt etwas leichter, den Camino weiter zu finden.

Santiago war erledigt für heute, die Montañas de Engaños gestern hatte ihn geschafft. Sofort legte er sich in der Herberge hin und schlief ein. Ich lief los, um etwas zum Essen für uns zu finden, mal anders herum! In einem Hinterhof von Portas, einem langezogenen Straßendorf,  fand ich einen kleinen Landhandel, und natürlich gab es das mangels anderer  Optionen das Übliche: Spagetti mit Tomaten-Thunfischsauce und Schinken, Käse und Brot für den nächsten Tag. Inzwischen kauften wir uns abends immer häufiger gezuckerte Getränke, Cola oder Orangensprudel oder ähnliches. Tagsüber tranken wir zwar meist noch Wasser, aber irgendwann mag man das auch nicht mehr runterbringen, sehnt sich nach etwas Geschmack, und der staubige Schleim im Rachen verschwindet auch besser durch das Gebitzel der Kohlensäure. Auf dem Rückweg stiebitzte ich uns noch ein paar dunkle Weintrauben zum Nachtisch. Ich kochte mit dem spärlichen Geschirr, was wir in der ansonsten superschick ausgestatteten Küche fanden, dann weckte ich Santiago für unser Abendessen. Er war tief in seinem eigenen seelischen Prozess eingetaucht. Ich bot ihm erneut eine Behandlung seiner Beine an, die er gern annahm und während der er wieder umgehend einschlief und durchschlief bis zum nächsten Morgen.

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In der Morgendämmerung brachen wir in Portas auf und liefen in der frischen Morgenluft durch die Viñeros, der Camino hatte uns wieder – leider immer nur kurzzeitig. Wir verloren den Weg immer wieder und Santiago machte es auch nicht so viel aus, auf der Landstraße zu laufen. Die Landstraße war neben der Autobahn die zweite große Verbindung von Santiago über Vigo zur portugiesischen Grenze und entsprechend heftig war auch der Verkehr. Der Standstreifen war kein sehr sicherer Ort und wir riefen den Erzengel Michael herbei, um den Weg für uns zu sichern und uns vor schlingernden Lastwagenanhängern mit Tempo 100 zu schützen. Es ist segensreich, sich in diesen Situationen beim Laufen in den Rosario zu flüchten. Man nimmt die Landstraße nicht mehr so sehr wahr. An diesem Tag lief ich für Santiago auch nicht schnell genug, er wurde ärgerlich und lief weit voraus, bis ich ihn nicht mehr sah. Doch der Weg war ja nicht zu verfehlen, die Landstraße schmiegte sich zunächst eng an den Berghang hinauf durch ein enges Tal. Ich hätte hier gern den Camino gefunden, denn die Landschaft sah wundervoll aus: Gärten, Vineros, Wäldchen. Das Teilstück, das wir zwischenzeitlich entdeckt und erlaufen hatten, war viel versprechend gewesen. An diesem Vormittag rief Santiagos Mutter an und begeistert telefonierte er, so dass ich ihn wieder ein wenig einholen konnte. Es hatte ihm gut getan.

Die Landstraße führte direkt nach Pontevedra hinein. Da ich inzwischen schon eine Weile allein lief, besorgte ich mir erstmal beim Bäcker frisches Ciabatta und eine fett gezuckerte Schnecke, denn mein Körper zitterte mal wieder und ich war sehr hungrig. An der großen Brücke über den Rio Lérez wartete Santiago auf mich – allerdings sauer, dass er so lange hatte warten müssen. Ich war auch nicht viel besser gelaunt, ich fand das nicht so toll, immerhin waren wir vor 12.00 Uhr schon 20 km gelaufen.

Die Puente von Pontevedra

Die Innenstadt von Pontevedra war ein Schmuckkästchen. Über eine massive, geschwungene Steintreppe stiegen wir zur Basilika Santa Maria A Grande auf und kamen rechtzeitig zur Mittagsmesse an. Was für ein prachtvolles, dreifschiffiges Haus: eine mit riesigen Blütenmustern und Bögen gefasste Gewölbedecke, ein raumgreifender, reichbebildeter Hochaltar, viele Capillas am Rande, eine Virgen, welche eine besänf­tigende Stimmung ausstrahlte. Trotzdem setzten wir uns an unterschiedliche Stellen im Kirchenschiff, um die Messe zu erleben. Erst nach dem Gottesdienst, beim weiteren Besichtigen der Basilika, kamen wir zum Paz Christi zusammen und vertrugen uns wieder. Maria bringt vieles in Ordnung, ebenso der Paz Christi, auch wenn uns die Landstraße und der jeweils Andere aggressiv gestimmt hatten.

Schönes Pontevedra

In Pontevedra gönnten wir uns unterhalb des großen Francisco-Klosters einen Kaffee, dann schauten wir uns noch die kleine Kapelle Virgen de la Peregrina an, ein rundes, kleines Kirchlein mit einer Maria in dunkelblauer Pilgerkluft. Rote Templerkreuze zierten die Wände. Eine kleine Verschnaufpause im Kühlen noch, bevor es weiterging. Vor der Kirche gab es einen großen Brunnen in der Form einer Jakobsmuschel, Pontevedra muss schon eine Weile Pilgerstadt gewesen sein, früher war der portugiesische Weg sicherlich stärker frequentiert.

Wir fanden Pfeile, der Weg hatte uns wieder. Jetzt ging es durchs Grüne, durch Felder und Wälder, wie schön! Irgendwo musste es eine Umleitung des Caminos gegeben haben, denn plötzlich hörte der Weg an einem Bach einfach auf, die Brücke war eingestürzt, der Weg mit Plastikbändern versperrt. Egal, wir stiegen an einer flachen Stelle über Steine durch den Bach, kletterten an der anderen Seite wieder hinauf und dann hatte uns der Camino wieder, der an dieser Stelle tatsächlich schon wieder ein wenig zugewachsen war. In Ponte Sampaio fanden wir im Ort noch die Camino-Steinsäulen, und schon waren sie wieder weg. Über die neue Brücke überquerten wir den Río Verdugo, in der Entfernung konnten wir die ehrwürdig-schöne, alte, römische Brücke bewundern, die dem Ort den Namen gegeben hatte. In Arcade, direkt nach der Brücke, wurden wir auf wunderbare Weise gestärkt und verwöhnt. In einer kleinen Nebenstraße entdeckte uns eine Familie, die gerade von der Weinlese gekommen sein musste. Der Kofferraum ihres Autos war voller Körbe mit Weintrauben. Sie befragten uns nach unserem Woher und Wohin und beschenkten uns mit einer ganzen Tüte Weintrauben, weiße und rote. Aromatischere Trauben hatten wir beide nie gegessen, sie hatten einen intensiven Muskatellergeschmack. Den ganzen Nachmittag futterten wir die Trauben, endlich Vitamine und natürliche Ballaststoffe, was für ein Fest! Herzlichen Dank dafür!

Hinter Arcade wurde der Camino zunächst kurzzeitig an der Landstraße entlang geführt, dann ging er wieder in den Wald. Und egal, dass es jetzt steil bergauf ging: lieber Camino mit Subida (Aufstieg) als Landstraße. Und es WAR steil, das kann ich wohl sagen. Oben auf dem Berg entdeckten wir die wild überwachsenen Ruinen einer alten Poststation, dann führte uns der Weg über am Berg gelegene Wohnstraßen nach Redondela hinein. Die Herberge lag ganz in der Innenstadt, diesmal in einem historischen Gebäude aus dem 16. Jahrhundert namens „Casa da torre“, das Turmhaus. Spät kamen wir nach der langen Etappe an, doch es gab noch Betten und superheiße Duschen! Das Duschen war fast wie Blanchiertwerden, krebsrote Haut, es ließ sich leider nicht anders einstellen, aber nicht meckern, besser als kalte! Wir fanden noch etwas zum Kochen: Santiago kochte für uns Suppe, wunderbar, Abendessen gesichert.

Die Herberge war diesmal gut besucht. Wir trafen im Speisesaal – ja, das gab es da – zum einen Miguel aus Madeira, einen kernigen portugiesischen Pilger mit einer sehr rustikalen Ausrüstung. Er war schon in Portugal losgelaufen und konnte uns gute Tipps für den Caminho in Portugal geben, vor allem den Hinweis, dass wir bei den Bombeiros Volontarios[1] nach einem Schlafplatz fragen konnten, und wo wir in Fátima übernachten könnten, nämlich im Pão da Vida. Miguel kreuzte auf unserem Zettel an, in welcher Stadt es Herbergen oder Bombeiros gab. Er hatte allerdings einige Abstecher in Portugal unternommen, zum Beispiel zum Bom Jesus nach Braga. Miguel hatte noch einen weiten Weg vor sich, denn er wollte von Santiago de Compostela den Camino Francés rückwärts laufen und von dort aus weiter nach Rom. Wir trafen ihn Ende September, ob er wohl in den Wintermonaten den weiten Weg, auch über die Alpen, geschafft hat? Auch er war ein eifriger Rosariobeter – das sah man auch seinem Rosario an – auf der Strecke, wenn er die Mühsal der Landstraße, die er lange gelaufen war, hinter sich lassen wollte. Gleichgesinnte!

Zum anderen trafen wir einen deutschen Pilger, der in Deutschland eine Webseite über Jakobswege betreibt und einiges von uns wissen wollte. Weil er aber insgesamt sehr penetrant, aufschneidend und unangenehm wirkte, hielten wir uns lieber an Miguel, der uns auch gern von seiner Flasche Rum abgegeben hätte, wenn wir denn trinken würden… Ein kleiner Abendspaziergang noch durch die Altstadt von Redondela, dann war es gut für diesen Tag.

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[1] Freiwillige Feuerwehr

Bitte beachten:

Dieser Text entstand zwischen 2007 und 2010. Inzwischen habe ich in einigen Punkten theologisch und glaubenspraktisch dazugelernt. Leider habe ich nicht die Zeit, diesen Text permanent meinen sich entwickelnden Erkenntnissen anzupassen. Bitte sehen Sie dies daher als eine Momentaufnahme zur Zeit der Veröffentlichung des Textes in 2010, vielen Dank.

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