Häufig sahen wir auf dem Weg Pilger, vor allem Deutsche, die mit einem Reiseführer unterwegs waren, auf dem Weg sich immer danach richteten, ihn auf dem Weg in der Hand hielten und in den Herbergen darin lasen. Um ehrlich zu sein: ich hatte das auch vorgehabt. Doch Santiago war schon in der Vorbereitungszeit strikt dagegen: „Das Ziel ist doch klar: Santiago. Ich will keinen Camino aus zweiter Hand erleben, so wie ein anderer ihn schon gelaufen ist und aufgeschrieben hat. Ich will meinen ganz individuellen Weg laufen und selber sehen und finden, was für mich da ist.“ Also liefen wir ohne Buch, nur nach den gelben Pfeilen und Jakobsmuscheln. Für Frankreich hatten wir ein paar Etappenpläne aus Lourdes und eine Karte und in Spanien zwei Zettel, einen mit den Höhenprofilen der Etappen, den anderen mit den Herbergen. Für den portugiesischen Weg bekamen wir im Pilgerbüro in Santiago de Compostela eine Liste der Orte, durch die wir kommen würden. Wir haben den Weg gefunden, jeden Tag von neuem, wir sind so weit gelaufen, wie wir wollten oder konnten, oder sogar  noch weiter…

 

 

Es machte gar keinen Sinn, am 10. Tag schon zu wissen zu wollen, wie man die Etappe vom 16. Tag bewältigen würde,  wo wir dann schlafen würden und welchen Tag wir in Santiago de Compostela oder Fátima ankommen. Wir hätten ja gar nicht gewusst, wo wir am 16. Tag loslaufen und wo wir ankommen. Und – ehrlich gesagt – im normalen Alltag ist das auch so. Unser Weg beginnt mit unserer Geburt und das Ziel ist der Weg mit Gott, zur Liebe. Wie könnte das jemand planen und vorab in Etappen einteilen?

Auf meiner Pilgertour in Hessen habe ich mir vorab zwei Übernachtungen gebucht,  im Kloster in Hünfeld und im Kloster in Fulda, was ich noch nie vorher beim Pilgern gemacht hatte. Wie kam ich dazu? Ich hatte einfach vorher bei den Klöstern nachgefragt, ob sie Pilger aufnehmen und wie viel das kosten würde. Sofort wurde ich gefragt, wann ich denn käme. Ich überschlug mal die Kilometer und nannte einen Tag. Für die erste Wegstrecke hatte ich eine Kilometerangabe, aber nicht für den Tag der Ankunft in Hünfeld, wo ich bis spätestens 18.30 Uhr anzukommen hatte, die Kloster-Pforte würde sonst geschlossen. Ich wusste nur, zwischen Vacha und Hünfeld bis Fulda ist ein Weg mit Jakobsmuscheln markiert. In einem Routenplaner war die Entfernung für Fußgänger mit 27 km angegeben, das ist eine schaffbare Tagesetappe. Ich rechnete mit ca. 30 km oder kurz darüber, das schaffe ich auch.

In Vacha fragte ich in einem Buchladen nach, der Buchhändler stempelte auch mein Credencial. Ich befragte ihn über die Strecke und meine vermutete Länge von 30 km. Er sagte, die ersten 10 km wären gut markiert, vielleicht hatte er es selbst getan, und für die restlichen 20 vermutete er dasselbe. Gegen ½ 10 machte ich mich nach einem ausführlichen Rosario auf den Weg. Das Wetter war außerordentlich pilgertauglich, nicht zu heiß, nicht zu kalt. Der Weg war ein einziger Genuss, ein Augenschmaus, toll zu laufen, still, weitab der Straßen. Gottes schöne Welt in Reinkultur!! Gegen Mittag war ich noch nicht in Bremen angekommen. Am Rande des kleinen Ortes Otzbach traf ich auf ein älteres Ehepaar und erzählte ihnen, dass ich auf dem Jakobusweg pilgere. Der Mann sagte: „Na, den Rhönklub kenne ich! Gehen Sie mal an der Wegkreuzung mit dem Holzunterstand rechts den geschotterten Weg nach Bremen und nicht den markierten Weg.“ Noch wusste ich nicht, was er meinte. Aber bald.

 

Als ich in Bremen ankam, ich hatte den Wegvorschlag des älteren Herrn nicht umsetzen können, weil ich mir nicht sicher war, da war es schon zwei Uhr durch.  Die markierte Hauptstraße in Bremen war eine einzige Baustelle, doch wenn ich da nicht entlang lief, wie sollte ich meinen Weg weiterfinden? Mit den Worten: „Wo kommen SIE denn her?“ sprach mich der Bauleiter an. „Aus Vacha komme ich und will nach Hünfeld!“ „Um Gottes Willen“, sagte er, „was haben Sie sich denn da vorgenommen? Das schaffen Sie nicht mehr heute, das sind noch 25 Kilometer! Kommen Sie, mein Mitarbeiter fährt jetzt nach Geisa, der nimmt sie mit. Und dann laufen sie von dort weiter!“ Eigentlich geht das ja völlig gegen meine Pilgerehre. Doch gerade in diesem Moment setzte ein heftiger Platzregen ein. So ließ ich mich in den Kleinlaster bugsieren und fuhr die 6 km in wenigen Minuten mit nach Geisa. Wundersame Wegvermehrung!

 

Um Klarheit zu gewinnen, wie es von Geisa aus weiter ging, betrat ich im Rathaus das Tourismusbüro. Dort drückte mir der zuständige Bearbeiter einen Kurzprospekt des Jakobusweges von Bremen bis Herbststein in die Hand. Danach waren es noch 20 km bis nach Hünfeld. Ich fragte den Herrn, wie ich denn nun am schnellsten zu Fuß nach Hünfeld käme. Er erklärte mir einen Weg, der nur 15 km lang war, weil ich mir damit Point Alpha und die zugehörige Bergbesteigung ersparen würde. Dann sagte er, in einer Mischung zwischen gönnerhaft und altväterlich: „Die 15 km, die schaffen Sie in einer Stunde! Wir machen das immer so!“ 15 km in einer Stunde! Wie das denn? Das schaffe ich noch nicht mal auf ebener Strecke und ohne Rucksack in einer Stunde, das schaffen olympiareife Geher auf gerader Fläche und ohne Rucksack, aber keine Pilger den ganzen Tag lang! Und hier war Rhön, Mittelgebirge. Nur in Gedanken zeigte ich ihm einen Vogel, ein Pilger ist ja höflich und bescheiden.

 

Es war schon 3 Uhr, als ich das Rathaus verließ. Am liebsten hätte ich jetzt einen Kaffee getrunken. Aber 15 km, da musste ich mich beeilen, es noch bis 18.30 Uhr bis Hünfeld ins Kloster zu schaffen. Ich folgte meinen Notizen. Aber schon nach einem Kilometer fand ich mich damit nicht mehr zurecht, als ich auf der Landstraße die notierte Abkürzung suchte, legte mir innerlich die Karten. Kurz entschlossen gab ich auf und beschloss, zum zweiten Mal an diesem Tag „schummelzupilgern“.

 

Ich hielt den Daumen raus und SOFORT hielt ein rotes Auto. Eine Frau in meinem Alter lud mich ein, mich nach Hünfeld zu bringen. „Wir Katholiken müssen uns untereinander ja helfen!“ sagte sie. Bei Aldi in Hünfeld hätte sie noch was umzutauschen, da könnte sie mich mitnehmen. Ich wollte nicht ganz bis Hünfeld mitfahren, sondern von Haselstein aus weiterlaufen, um nicht zu viel zu schummeln. Sie schlug mir vor, kurz mit zu ihr nach Hause zu kommen. Wir könnten ja noch einen Kaffee trinken, sie sagt dann ihrem Mann Bescheid und dann ginge es weiter. Super, Kaffeepause, das war ganz in meinem Sinne, auch meine unausgesprochenen Wünsche werden immer wieder erhört – was man so braucht!  Hilfe von Glaubensgenossen! Während der Kaffeepause, sogar mit Kuchen,  erfuhr ich, dass sie auch längere Zeit in Berlin gelebt hatte und im Krankenhaus Friedrichshain als Krankenschwester gearbeitet hätte, das sind sogar nur  ca. 2 km Luftlinie von meiner Wohnung, Sie kannte auch einen der Mönche im Kloster Hünfeld und trug mir auf, ihn zu grüßen, falls ich ihn sähe. Wir fuhren wieder los, sie setzte mich in Haselstein ab. Das war eine schöne Begegnung, danke! Von Haselstein sollten es laut Plan nochmals 9 km sein. Das würde ich schaffen, ich hatte ja eine erholsame Pause gehabt.

 

In Haselstein brauchte ich eine Weile, um meine Markierungen wieder zu finden, lief fast zweimal um den Berg herum, bis mir klar war, wo der Weg weiter ging. Ein Stück hinter Haselstein traf ich auf einen Wegweiser:  nach Haselstein 1,2 km und nach Hünfeld entweder 5,5 km oder 6,7 km als Fahrradweg über Großenbach. OK, 5,5 km, den nahm ich, noch etwas über eine Stunde. Der Weg war unfassbar schön, Wald, Bergwiesenblumen und Gräservielfalt satt , weich geschwungene Bergkuppen in der Distanz, ein, Panoramaausblick zum Sattsehen, Natur so weit man blicken konnte, die Wegführung weitab von Straßen und Ortschaften. Gott und die Welt: Ein Traum! Nach einer Stunde kam ich an einen anderen Wegweiser. Hier waren es 5,5 km bis nach Haselstein und 4,5 km nach Hünfeld. Ich war doch nicht nur einen Kilometer gelaufen! Wiederum wundersame Wegvermehrung. Nur sehr schade, dass ich immer wieder zwischendurch, anstatt nur zu genießen, innerlich mit dem Weg, der wundersamen Wegvermehrung und dem Herrn in Geisa rumzickte. Wirklich schade!

 

 

 

 

 

Da wurde mir bewusst: Wenn ich wieder, wie sonst, mich ohne festes Ziel allein dem Weg hingegeben hätte, dann wäre der Tag viel stressfreier, viel, viel schöner gewesen und ich hätte alles noch viel mehr genießen können. So kann es kommen. Wenn wir den Weg nicht kennen, dann können wir auch das tägliche Zwischenziel und die Etappe nicht von uns aus festlegen. Es ist ja so! Wir kennen den Weg unseres Lebens nicht, wir wissen ja gar nicht, was alles dazu gehört, welche Zwischenschritte, welche Ausblicke und Perspektiven, welche Erfahrungen. Vielleicht werden wir an etwas ganz besonders Schönem vorbeigeführt, zu purem Genuss, wofür wir Zeit brauchen. Er kann irgendwo eine wichtige Lektion, eine bedeutsame Begegnung für uns bereithalten. Es mag zwar nicht auf dem direkten Weg zwischen A und B liegt, sondern in der Nähe. Doch anscheinend sollen wir es auf keinen Fall verpassen sollten. Leben ist jetzt. Auf jeder Etappe, an jedem Tag. Jede Etappe ist wichtig, jeder Tag ist wichtig, Genauso wichtig wie die Zieletappe, genauso wichtig wie der Zieltag.

 

 

Erst um 18.00 Uhr konnte ich Hünfeld von oben sehen. Da ich um einen großen Gefängniskomplex herumlaufen musste, war ich erst kurz nach 18.30 Uhr in Hünfeld. Ja, das war mir auch ein Zeichen. Wir sperren uns manchmal in unseren Zielen wie in einem Gefängnis ein. Haben dann keine Chance auf Rundumblick, um vollständige Wahrnehmung, nach rechts oder links zu schauen, nur ein kleines Fensterchen nach draußen…

 

Im Zentrum von Hünfeld angekommen tauchte neben mir ein Steinkreuz aus rotem Sandstein auf. In goldenen Lettern stand auf dem Sockel: Es ist vollbracht! Bitte halte mich keiner ob der Kreuzigung Jesu für pietätlos, doch in diesem Moment prustete ich los vor Lachen. Es war mir, als ob Jesus mir von dort oben zuzwinkerte und flüsterte: „So, es ist vollbracht. Hast’s endlich geschafft für heute!“ Mehr als  9 Stunden unterwegs, da ich ja ein Stück vor Vacha geschlafen hatte. Später sah ich mir im Routenplaner nochmals die Route an: fast 50 km, d.h. ich war trotz meiner Schummelpilgerei ca. 35 km gelaufen, eine kapitale Etappe. Auch mein Körper sagte mir an diesem Abend ebenfalls deutlich Bescheid, weil ich – wie schon einmal auf der Wilsnack-Tour – einen steifen Hals bekam. Auch dort konnte ich aus Zeit- bzw. Kilometer­druck, damals von Santiago, nicht mehr rechts noch links schauen. Dabei geht es doch gerade beim Pilgern um das umfassende Erleben von Gottes schöner Welt: Wachsein, sie wahrnehmen, sie erfahren. Ich bat um Heilung. Für den Rest der Tour nahm ich innerlich den Fuß vom Gas, um mir mehr Zeit für all das zu nehmen, was Gott mir zeigen wollte. Und das war sehr viel!

 

Und was hatte es mit den Markierungen des Rhönclubs auf sich, die der Herr bei Otzbach ansprach?

Man merke den feinen Unterschied: Ich pilgerte den Jakobusweg, der durch den Rhönclub markiert ist als ein Weg, der die Spuren des Jakobus/Santiago in der Region aufzeigt, was mir vorher nicht klar war und was im Internet auch so nicht beschrieben war. Und der Rhönclub markiert anscheinend die schönsten Wege. Das bedeutet, dass der Weg mit vielen Schleifen zu jeder noch so kleinen Jakobusfigur oder Jakobuskirche in der Umgebung führt, darüber hinaus viele andere religiöse Stationen aufsucht wie Mariengrotten und -kapellchen, Steinkreuze, Orte der lokalen Volksfrömmigkeit wie den Steinhauck in Rothemann. Wer ihn als Jakobsweg, als Zubringerweg nach Santiago de Compostela benennt oder sieht, der wird hier viele Umwege hinnehmen müssen und viele Berge hochklettern, die dafür „nicht sein müssten“.

An einem Gartenzaun nahe Döllbach sagte mir ein Mann, der ein Teilstück markiert hatte: „Ob das nun der alte Weg ist, das weiß ich nicht. Aber wenn in Büchenberg eine Jakobuskirche ist, da muss man den Weg doch da auch vorbeiführen.“ In Strecke gerechnet waren das statt notwendiger 3 km schon mal 7 km, ganz nach dem Motto: die Rhön ist schön… Ist sie auch, ganz gewiss! Auf dem Weg steht nahe Oberweißenbrunn am Jakobsbrunnen als Entfernung nach Santiago: 2385 km. Wenn alle so den Jakobsweg markieren würden, dann wären es vielleicht 4000 km nach Santiago…

„Mein“ Teilstück des Jakobusweg lohnte sich sehr als lokaler Pilgerweg, auf dem sich hier vor Ort schnell durch ein Einlassen auf die Frömmigkeit vor Ort erfüllende Tage erleben ließ, je intensiver, je mehr man sich entschleunigte und geschaffte Kilometer keine Rolle spielen. Ich wollte ja diesmal gar nicht nach Santiago! Auf diesem Jakobusweg konnte ich direkt hier vor Ort „ankommen“ und erleben, was ich für meine Seele brauchte. Ich vollzog die Erfahrung des Herrn Goethe nach:

 

Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
Denn das Glück ist immer da.

 

Wenn wir  jedoch die Augen permanent auf ein Ziel, eben auf unser persönliches Santiago gerichtet haben, sind wir wohl schnell mal konfrontiert von wundersamer Wegvermehrung und überraschenden Wundern am Weg, so viel Gnade kann vor unseren Füßen ausgebreitet werden. Die Führung Gottes ist so fantastisch, das durfte ich erfahren, doch eigene Ziele lassen uns mit dieser Führung, diesen Wundern  sogar unzufrieden werden, sie können zu bitteren Enttäuschungen führen. Diese Unzufriedenheit, diese Enttäuschung schaffen wir uns selbst. Lassen wir uns durch jeden einzelnen Tag führen! Beim Pilgern, in unserer Arbeit, in unserer Beziehung, in unserem Glauben… Ich selbst hatte in diesem Jahr ein Wunschziel gehabt, es jedoch nicht erreicht. Es stimmt, ich war enttäuscht gewesen, vielleicht habe ich zu wenig genossen und gewürdigt, was tatsächlich da war, vielleicht habe ich sogar einiges verpasst in meiner Orientierung auf mein Ziel. Ab diesem Zeitpunkt war die Enttäuschung wie weggeblasen und ab diesem Zeitpunkt habe ich mir mein Leben leichter gemacht.

 

Was war das Endziel dieses Weges? Statt Santiago, der Stadt des Apostels der Spanier, war es diesmal Fulda, die letzte Ruhestätte des Heiligen Bonifatius, den man auch den Apostel der Deutschen nennt!

Es geht gar nicht darum, uns selbst so weit in die Zukunft zu werfen, die doch in Gottes Hand liegt. Was wir in der Hand haben, ist eine „ab heute“-Entscheidung, ein Prinzip anzuwenden. Ein volles Commitment, ein ausschließliches Ja zu einer Haltung, einem Glauben, einer Aufgabe, einer Person, einer Lebensweise. Vollendete Hingabe – wie katholisch Heiraten – bis dass der Tod uns scheidet, in guten wie in schlechten Tagen – keine Lebensabschnittspartnerschaft, kein Versuch, kein sowohl als auch, kein „Schaun wir mal“.

Palmen…

Paulo Coelho hat dies in seinem Buch „Der Alchimist“,  Diogenes Verlag, so beschrieben (der Alchimist heißt übrigens auch Santiago 🙂

„Bevor ein Traum in Erfüllung geht,
prüft die Weltenseele all das,
was auf dem Weg gelernt wurde.
Sie macht das nicht aus Bosheit,
sondern damit wir mit unserem Traum
auch die Lektionen in Besitz nehmen,
die wir auf dem Pfad dorthin gelernt haben.
Das ist der Moment, wo die meisten aufgeben.
In der Sprache der Wüste nennen wir das
„verdursten, wenn die Palmen am Horizont sichtbar werden“.
Eine Suche beginnt immer mit dem Anfängerglück.
Sie endet immer mit der Prüfung des Eroberers.“

Schauen wir einfach mal nach, wenn wir die Dringlichkeit spüren, uns ein Ziel zu setzen, wir nicht viel besser mit einem Commitment für ein Prinzip bedient sind, ob gerade dies in unserem Leben ansteht. Welches mag es sein? Oder welche? Denn manchmal steht dies sogar auf mehreren Ebenen gleichzeitig an: Einem Glauben, einem Menschen, der eigenen Geschaffenheit und einer Aufgabe.

Ein Ziel, hinter dem immer wieder ein neues folgt, ist kein Ziel, dem man sich committed, denn man geht ja weiter, darüber hinaus. Es ist ein Ziel, auf das man sich zwar einstellt, das man aber dann hinter sich läßt. Wie viele endgültige Ziele gibt es, hinter denen kein neues folgt? Meines Erachtens nach eben genau eines, auch wenn wir ihm viele Namen geben mögen. Einer davon heißt „Ich bin der ich bin“.

Was ich meine, das heißt beispielsweise:
Ab jetzt gehe ich meinen Weg mit xy, egal, wo es hinführen mag, kein Netz und kein doppelter Boden. Wir entscheiden ab jetzt gemeinsam, was wir zusammen angehen und wann es dran ist, wann es für uns beide gut ist, selbst wenn ich manchmal auch warte. Prinzip: Allein ist man schneller, gemeinsam kommt man weiter.

Oder ein:

Ab jetzt beschränke ich mich auf das, was ich wirklich brauche. Ich nehme keinen Kredit mehr auf, ich zahle alle meine Schulden zurück, komme mit dem aus, was ich habe, entsorge alles, was ich nicht brauche. Und wenn zufällig mal mehr auf mich zukommt, als ich brauche, dann gebe ich es dem, der es braucht. Das Prinzip heißt: Weniger brauchen ist besser als mehr haben.

Oder ein:

Ab heute werde ich ausnahmslos nach den Prinzipien des Anstandes, der 10 Gebote, – des Win-Win – der goldenen Regel, mein Leben,  alle meine Geschäfte führen.

Wenn ich irgendetwas als Ziel mir setze, dann setze ich es in die Distanz, in die Zukunft. Wenn ich mich jemandem oder etwas hingebe, dann beginnt es sofort, dann bin ich schon da, mitten drin, Gegenwart. Ich wende dieses Prinzip treu und zuverlässig auf alles an, auch auf kommende Pläne. Gott schweigt eben manchmal, Phasen der sog. Trockenheit, bis wir Ihm endlich die Antwort geben, die Reife zeigen, die er braucht, um uns etwas Neues zu geben. Erst wenn diese Hingabe in tiefem inneren Wissen geschehen ist und wir bereit sind, diese Richtung einzuschlagen, koste es, was es wolle, dann geht die nächste Tür auf.

In letzter Zeit geht vor allem ein ganz starker Trend in die Nutzung der Gedankenkraft, um eigene Ziele, Wünsche und Vorstellungen zu realisieren: The Secret, The Miracle, Law of Attraction, Bestellungen beim Universum. Dafür gibt es inzwischen Anleitungen der verschiedensten Art, um das Universum oder Gott dazu zu bringen, nach eigenem Plan zu funktionieren: Wenn ich A tue, dann passiert B. Aber nur wenn ich C. Man hat das Gefühl, sie hätten den Schöpfercode entschlüsselt, hätten das Passwort herausge­funden und könnten alles erreichen, was sie sich vornehmen. Man wünsche sich etwas und es wird erfüllt oder nicht erfüllt oder es gibt noch eine Zeit zu warten.

Die Essenz klingt in meinen Ohren wie in dem Lied:

Heut kommt der Hans nach Haus,

freut sich die Lies.

Kommt er aber über Oberammergau

oder aber über Unterammergau

oder ob er aber überhaupt nicht kommt,

ist nicht gewiss.

Ich habe diese Techniken auch einmal eine Weile auf unterschiedlichste Weise probiert und ich fand es sehr anstrengend, meinen Geist so stark zu fokussieren. Und egal, wel­ches System ich auch anwendete, es gab keine Sicherheit, dass eintraf, was ich mir wünsch­­te, vorstellte oder plante. Was ich immer bekam, war das, was ich wirklich brauchte. Und wenn ich bekam, was ich mir wünschte, dann habe ich hinterher oft festgestellt, dass ich mir völligen Quatsch gewünscht habe. Ein Beispiel:

 

 

Zu Silvester war ich bei meiner Freundin zu Besuch und wir malten gemeinsam jeder ein Bild über unsere Wünsche für das neue Jahr. Das vergangene Jahr war anstrengend gewesen, ich hatte mich die ganze Zeit wie ein Hamster im Rad gefühlt. Und eine Schlag nach dem Anderen: Mein Vater verstarb, mein Haus wurde mit Riesenverlust verkauft, ich hatte eine Lungenentzündung und zwei Operationen im Krankenhaus, ich hatte ein superanstrengendes, superstressiges Projekt am Hals, eine Beziehung zerbrach, mein bester Freund verschwand aus meinem Leben, ich nahm zu und obwohl ich sehr viel  Geld verdiente, blieb nichts übrig. Da nach meinem Gefühl die Uhr unerbittlich mit ihrer Peitsche das Jahr beherrscht hatte, wollte ich für das neue Jahr ihre Macht brechen und mir ein harmonisches Leben mit genug Zeit für alles einrichten, was mir wichtig schien. Ich wollte genug Zeit für mich, Zeit für mein Kind, Zeit für meine Arbeit und Zeit für Freizeitaktivitäten und die Liebe.

 

So teilte ich es in meinem Irrsinn wunderbar in vier Viertel ein, und endete: FRUSTRIERT. Denn was passiert, wenn man die Liebe seines Lebens trifft und dann nur ein Teil eines Viertels Zeit mit ihr verbringen kann, weil man unbedingt ein Viertel seiner Zeit allein verbringen wollte. Das fühlt sich in einem solchen Moment nicht an wie die „gemütliche, entspannte Zeit für sich“, sondern Sehnsucht und Einsamkeit, ich erkrankte an einer Depression. Und es war bestimmt nicht leicht für Gott, eine Liebe in ein so vorgegebenes Zeitmanagement unterzubringen. Ich hatte nur im ersten Halbjahr Aufträge, und davon viel, und mein Kind bei mir, dann brach alles schlagartig weg, und im zweiten Halbjahr hatte ich Zeit mit mir allein und für die Freizeitaktivitäten inklusive der Liebe, aber keine Arbeit, kein Kind. Was für ein vollendeter Blödsinn!

„Denn die Wünsche verhüllen uns selbst das Gewünschte,

die Gaben kommen von oben herab in ihren eigenen Gestalten.“

Hermann und Dorothea, Wolfgang von Goethe

Solche Erfahrungen nenne ich den Wunschdoktor, der uns gesünder wünschen lehrt. Als ich mich einmal durch eine Glaubenssatzbehandlung[1] mich von den Ratschlägen anderer unabhängig machen wollte, wählte ich den zu Satz: „Ich weiß selbst nicht, was für mich am besten ist.“ Und dieser Satz änderte sich NICHT, das heißt: Ich weiß wirklich nicht, was für mich das Beste ist. Ich weiß wirklich nicht, was das Beste für mich ist, das weiß jemand anderes viel besser, nämlich der, von dem ich ein Teil bin. Wenn wir alle Teil von ihm sind, dann sollten wir es ihm überlassen, unsere Gemeinschaft zu organisieren. Und daher wende ich mich an ihn und bete,

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden.
Für mich wird eins immer deutlicher: Es geht auch ohne Nachdenken, die Aktivierung unserer Gedankenkraft. Ich bin fest davon überzeugt, dass unser Kopf primär für die Wahrnehmung da ist, nicht für das Nachdenken, nicht für das gedankliche Program­mie­ren von Zielen. Bleiben wir offen für die Wahrnehmung dessen, was er von uns will, den natürlichen Gang der Dinge. Was gerade anliegt und gebraucht wird. Lauschen wir Seiner Stimme, folgen wir Seinen Zeichen. Das Leben wird einfacher, wir haben den Kopf frei, weniger Sorge, weniger Stress, weniger Last, weniger Druck.

Wenn ich eine Frage habe, dann stelle ich sie im Stillen. Entweder höre ich die Antwort gleich in mir oder ich nehme mir Zeit für eine intensive Unterhaltung mit Jesus oder ich erfahre im Leben eine Parabel um die Frage und ihre Antwort. Manchmal dauert es natürlich seine Zeit, weil die Antwort komplex ist und dafür ist Aufmerksamkeit gut. Manchmal lässt er mich dann auch einfach die Erfahrung machen, er lässt mich die Folgen fühlen, so dass ich weiß. Und nicht nur, dass ich weiß, sondern dass ich das Tor sogar für andere „aufschließen“ kann. Oder er schickt mir Menschen, die mir die Antwort auf genau das erzählen, was ich gefragt habe, ohne dass ich sie gefragt habe.

Ich war über Ostern 2008 mit meinem Sohn in Barcelona. Er ist kein so ein Kirchenafficionado wie ich, doch ich wollte auch gern etwas von der spanischen Semana Santa, der spanischen Karwoche und ihren Riten miterleben.

 

 

Am Karfreitag starteten wir unsere Tagesetappe am unteren Ende der Ramblas, weil wir an den Strand wollten und am Tag vorher hatten wir unsere Tour ebendort dort am Columbus-Denkmal aufgehört. Da fiel mir ein, ihm die Kirche La Merced zu zeigen, in der es einen sehr schönen Erzengel Michael gibt, den mein Sohn toll findet, er wird nämlich oft mit einem Schwert gezeigt.

 

Die Kirche – sie war nur 2, 3 Ecken entfernt, war offen, wir gingen rein, in dem Moment betraten gerade die Padres den Altarraum und es folgte die Lectura der Via Crucis, des Kreuzweges, mit allem drum und dran, so ergreifend. Ich konnte dabei sein, mein Sohn ging foto­grafieren.

 

Alsdann spazierten wir beide über die Ramblas del Mar und das Mare Magnum an den Strand von Barceloneta bis zum Olympischen Hafen. Unterwegs gönnten uns ein Eis, sammelten Muscheln, setzten uns in die Sonne, lasen unseren Harry Potter 7 weiter, gingen mit den Füßen ins Wasser. Von Ciuta­della Vila Olimpica aus nahmen wir die gelbe Linie der Metro wieder zurück, als es kühler wurde. Die Station, die unserer Unterkunft am nächsten lag, war Fontanas. Doch dann: spontane Idee, wir steigen am Passeig de Grácia nicht um in die grüne Linie nach Fontanas, sondern bleiben in der gelben Linie bis Joanic in die Nähe unserer Unterkunft und schauen uns noch die Umgebung an und laufen etwas länger als sonst. So kamen wir also am anderen Ende der Straße an, in der wir wohnten. Dort sahen wir wieder eine sehr schöne Kirche, St. Joanic eben, wieder offen. Wir gingen hinein.

 

Auch hier kamen wieder gerade in dem Moment die Padres in die Kirche und der Gottesdienst mit dem Erleben des Todes Christi beginnt. Ich drücke meinem Sohn die Schlüssel für unsere Unterkunft in die Hand, er läuft die Straße runter nach Hause, weil er – so sind sie halt – keine Lust mehr auf Kirche und Gottesdienst hatte und dieser war auch noch in katalanischer Sprache.

 

Ich bin dabei, es ist atemberaubend, besonders der Moment, als in der Lectura der Satz „y expia….“ (er hauchte seinen Atem aus), gefolgt von dem schweigenden Gedenken kam.  Ich hatte keinen Plan, ich hatte keinen Stress, zu irgendeiner Zeit irgendwo sein zu wollen: Ich war einfach zur rechten Zeit am rechten Ort. Ich wurde geführt. Er wollte mich dabei haben…zweimal an einem Tag. Mein Wunsch war auf wunderbare Weise erfüllt worden. Wieder ein Moment der Gnade.

Sich Ziele setzen, Planen ist für mich oft eine Form der Angstvermeidung, von eben nicht Raum geben, eine Getriebenheit, ein sich nicht auf das Geführtwerden einlassen. „Ich muss doch was machen!!!“ Es verhindert und verzögert die Momente der Erfahrung von Gottes Gnade.

Als ich nach der Reise und der 1. Schreibphase offenbar wieder mehr praktizieren sollte und das Geschriebene auszuprobieren, rief mich eine Ärztin an und bot mir einen Raum in ihrer Praxis an, der gut zu mir passte.

Beim Salsa-Tanzen konnte ich Geführtwerden gut üben. Als Salsera bleibe man locker und aufmerksam und im

Rhythmus / in Verbindung mit der Musik und habe keinen eigenen Plan, sondern nehme die Führungszeichen des Salseros wahr und reagiere auf das, was man spürt, mache das, wozu man den Hinweis bekommst. Dann kann die Frau einfach nur die Musik genießen und muss sich keinen Kopf machen, was als nächstes dran ist, eben nicht denken, sondern fliegen mit den Füßen. Dann geht alles gut. Ansonsten bricht man sich den Arm, hat nur Stress mit dem Partner, es macht überhaupt keinen Spaß, es fließt nicht und es sieht natürlich überhaupt nicht gut aus.

Sehr schön auch als Beispiel ist der Film Kate & Leopold. Meg Ryan als Kate wollte unbedingt Vizepräsidentin in der New Yorker Werbe-Agentur werden, in der sie arbeitete, sie setzte alles daran, war dabei, sich selbst zu verkaufen. Doch in dem Moment, als sie es wurde, gab sie mit Leichtigkeit ihr bisheriges Ziel auf, weil das Leben ihr im gleichen Moment etwas viel, viel Schöneres geschenkt hatte, etwas, worauf sie auch bei allerschärfstem Nachdenken nicht hätte kommen können.

Und genau das ist es: Es gibt so viele Dinge in der Welt, so viele Wege, die beschreitbar sind, die aber keiner kennt, für die es keine Landkarte, keine Ausbildung, keine Prozess- und keine Stellenbeschreibung gibt. Dinge, die wir vorab nicht wissen können. Ich habe den Überblick nicht, kann ihn nicht haben. Unsere eigenen Ziele bringen uns vom Weg ab, denn: Ich habe keine Kontrolle über den Weg und mein Leben, wie auch? Wirklich: wir können das Leben nicht kontrollieren!

Wir sind nicht der Schöpfer sondern das Geschöpf.

Vielleicht können wir uns das so wie beim Billard vorstellen. Wir wissen ja als Kugel gar nicht, wie viele andere Kugeln in unserem Rücken über wie viele Banden gespielt werden, bis uns die eine trifft und in eine neue Richtung lenkt.

Ich habe in meinem Leben lange nicht gewusst, was ich werden will, was nicht heißt, dass ich „nichts geworden bin“. Im Gegenteil: Es gab bestimmte Anziehungen, wo ich sagte, „Na ja, das würde ich gerne machen!“ oder: „Na, DAS kann ich auch!“ Dann habe ich mich beworben, ja und schon hatte ich einen neuen Beruf, den ich vorher gar nicht kannte. Alle größeren Richtungswechsel geschahen durch einen Ruf, von außen angeregt. Ein Ruf führte mich sogar in den Deutschen Bundestag – damals noch in Bonn, wo ich zum Jahreswechsel 1986/1987 bei den allerersten Computer-Schulungen für die Abgeordneten-Büros mitwirkte und kurz darauf ein paar Monate im ersten Benutzer-Service des Bundestages arbeitete und dabei die Büros z.B. von Franz Müntefering, Rudolf Dressler und Ludwig Stiegler mitbetreute. Auch für meine Zeit bei HP erhielt ich einen Ruf, ebenso zum Beginn meiner Selbständigkeit als Unternehmensberaterin.

Mein Weg machte viele Wendungen, doch heute im Rückblick gesehen war jede dieser Stationen notwendig und sinnvoll. Es war ein ganz gerader Weg auf das zu, was ich heute bin. Gott macht einfach Sinn, auch wenn dieser sich uns nicht immer sofort erschließt. Häufig war es so, dass ich mir eine Fähigkeit erwerben, eine Erfahrung machen und dann die Situation wieder loslassen sollte, um zur nächsten „Lektion“ zu kommen, in die nächste Klasse zu gehen. Das war nicht immer einfach, oft denkt man ja, dass eine gewisse Routine, ein geregelter Alltag und vorhersehbare Einnahmen für ein sicheres, angenehmes Leben sorgen. Doch dafür war ich wohl nicht geschaffen. Ohne Widerstand loszulassen ist in solchen Fällen immer am einfachsten. Es kommt schon etwas Neues. Oft war es auch so, dass ich lernte, wie ich mir Wissensgebiete, Fähigkeiten und Kompe­tenzen selbst erschließe, ohne menschliche Lehrer, ohne strukturierten Lehrplan, ohne abgeschlossenes Studium und Diplom: Ungegangene Wege finden, gehen und sie dadurch begehbar machen.

Und – manchmal wollte ich sogar etwas lernen, wofür ich nur wenig natürliches Talent besaß, was ich aber schön oder spannend fand, eben z.B. Salsa tanzen. Diese Musik liebe ich! Doch: Ich bin motorisch einfach nicht sehr begabt. Während es manchen ganz leicht fällt, die Schultern zu schütteln und dabei gleichzeitig den Po still zu halten und die Füße in unterschiedlichen Schritten zu bewegen, brauchte ich ein halbes Jahr dafür. Weil ich nur langsam lernte, Schritt für Schritt, durch viel Übung und Praxis, durch Versuch, Irrtum und schließlich Erfolg, wurde mir jeder notwendige Lernschritt bewusst. Dadurch konnte ich diesen Weg dann wieder für andere aufschließen, meine Lehrfähigkeit ausbilden. Dasselbe erlebte ich mit dem tiefen Begehren, Gott wahrzunehmen, zu hören…anfangs hatte ich diese Fähigkeit Anderer zu außersinnlicher Wahrnehmung für „des Kaisers neue Kleider“ gehalten.

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[1] Therapeutische Übung, bei der beim Patient ein irriger Glaube identifiziert wird, z.B. „Keiner liebt mich“ „Ich bin und bleibe ein Versager“ und in einen realistischeren und gesünderen Glauben umgewandelt wird.

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